Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1907
- Issue
- Heft 40 (18.10.1907)
- Date
- 1907-10-18
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Deite 4. Die Wahrheii Nr. 40 Schneider ja nur über die Juden und log nur über Juden. Da ist er immun. * Gegen die Inden darf sich ein gewählter Antisemit, also auch ein Schneider, eben alles erlauben. In der vorangegangenen Sitzung des Landtages leistete er sich den Zwischenruf: „98 Prozent der Aerzte sind keine Menschen, sondern Juden und diese 96 Prozent sind Betrüger." Niemand rief Schneider jenes Wort zu, das ein solcher bestialischer Zwischenruf verdient hätte. Auch der Statthalter schwieg. Die jüdischen Aerzte können allerdings durch ein Individuum wie Schneider sich nicht beleidigt fühlen, aber deshalb sollte ihm eine derartige Infamie im Landtag nicht nachgesehen werden. Schließlich soll auch nicht geleugnet werden, daß auch Schneider ein Mensch ist, wenn auch 98 Prozent — Bestialität in ihm stecken. * # # Eine Reminiszenz an die vergangenen Zeiten, in welcher der Judenhaß in Oesterreich in — zahmeren Formen sich äußerte, weckt die Nachricht von dem Tode Maurice Loevys. Aus Paris kommt die Nachricht, daß dort vor einigen Tagen Maurice Loevy, der Direktor des Pariser Observatoriums, gestorben ist. Mit Loevy ist ein Gelehrter von Weltruf, ein hervorragender Mathematiker-und Astronom dahiugegangen, dessen Tod in der wissenschaftlichen Welt lebhaft empfunden werden wird. Loevy war ein gebürtiger Ungar. Er wurde am 15. April 1833 in Preßburg geboren und absolvierte seine Studien in Wien, wo er auch seine wissenschaftliche Tätigkeit begann. Littrow zählte ihn zu seinen besten Schülern und die Arbeiten, die Loevy noch als ganz junger Student über die Bahnen mehrerer Kometen veröffentlichte, erregten in den weitesten astronomischen Kreisen berechtigtes Aufsehen. Auf Empfehlung Littrows erhielt er zu Beginn der Sechzigerjahre vom Direktor Leverrier der Pariser Sternwarte eine Berufung an das Pariser Observatorium, der er Folge leistetete. Bei der Reorganisation des Instituts erwarb sich Loevy besondere Verdienste und nach dem Tode Leverriers wurde er dessen Nachfolger. Loevy folgte dem Rufe nach Paris schweren Herzens, aber er konnte sich keinem Zweifel darüber hingeben, daß auch in dem Oesterreich seiner Zeit, der Platz, auf den er Anspruch erheben durfte, für ihn niemals zu erreichen sein werde. Für die Wissenschaft konnte er das Größte und Beste schaffen, daran hinderte ihn Religion und Abstammung nicht. Aber die Karriere war für ihn in Oesterreich abgeschnitten. Er war einer von den Vielen, die im Auslande suchen mußten, was die Heimat, deren Stolz er hätte sein sollen, ihm versagte. Aus der Wiener Knltnsgemeinde. (Plenarsitzung des Kultusvorstandes vom 13. Oktober 1907, unter dem Vorsitze des Herrn Präsidenten Dr. Alfred Stern. Beginn 10 Uhr vormittag.) Das uns übermittelte offizielle Kommunique über die letzte vertrauliche Plenarsitzung des Kultnsvorstandes berichtet zum Schluffe über eine nach der Darstellung scheinbar nur rein formelle Frage, die jedoch von großer prinzipieller Bedeutung ist und, wie der Bericht selbst zugesteht, zu einer sehr ausführlichen, nach unseren Informationen mitunter sogar leidenschaftlichen Debatte geführt hat. Die Details der letzteren würden die Oeffentlichkeit gewiß mehr interessieren, als das wohllöbliche Präsidium der Kultusgemeinde annimmt, und vor allem ist es zu bedauern, daß in dem Communique nur die für die Beschlußfassung maßgebenden Momente angesührt, nicht aber auch die gegen dieselbe geltend gemachten schweren Bedenken wenigstens angedeutet werden. Es handelte sich um die in Wiener jüdischen Kreisen fast schon zum Tagesgespräch gewordene, vor einiger Zeit durch Herrn Rabbiner Dr. Bach vollzogene Schließung einer Ehe, die infolge eines Ehehinderniffes nach III. B. M. 18, das nach Angabe des amtierenden Rabbiners bei Vollzug des Trauungsaktes demselben nicht bekannt war, vom religionsgesetzlichen Standpunkte aus ungiltig ist. Durch einen Erlaß der n.-ö. Statthalterei wurde nun die Ausstellung eines Trauungsscheines gefordert, und der Kultusvorstand hatte zu beschließen, ob dieser Forderung Folge geleistet werden soll, oder nicht. Nach Anhörung des Herrn Oberrabbiners entschied sich der Kultusvorstand leider für die Ausstellung eines Trauungsscheines, aber wie sehr die Anschauungen hierüber geteilt waren, geht aus der Tatsache hervor, daß von 25 in der Sitzung anwesenden Vorstandsmitgliedern nur 13 dafür und 12 dagegen stimmten. Wir teilen die Ansicht der letzteren und meinen, daß der Kultusvorstand, wenn er auch ausdrücklich die Ungiltigkeit dieser Ehe vom rituellen Standpunkte ans anerkennt und einen diesbezüglichen Vermerk in der Ehematrikel hinzufügen ließ, mit diesem Beschlüsse ein gefährliches Präjudiz geschaffen und dem jüdischen Religionsgesetz wenig Respekt bezeugt hat. Das Richtigere wäre wohl gewesen, die Ausstellung des Trauscheines zu verweigern und sich erst durch eine Entscheidung der letzten behördlichen Instanz hiezu zwingen zu lassen. Auch das eine darf nicht verschwiegen werden, daß der Herr Oberrabbiner sich mit seinem maßgebenden Einflüße viel zu wenig gegen diesen bedauerlichen Beschluß gesträubt hat. Wie wird wohl die Welt über den vielgertthmten Konservativismus der Wiener Kultusgemeinde urteilen, die wohl in Kaschruth-Fragen dem Scliulclian- Arucli gegenüber jüdischen Geschäftsleuten Geltung verschafft, aber die ethisch viel höher stehenden ehegesetzlichen Bestimmungen der heiligen Schrift den staatlichen Behörden gegenüber nicht mit dem nötigen Nachdruck vertritt. Das Wort von der Küchenreligion wäre da fast am Platze. Im Nachstehenden der Bericht: Im Einlaufe' befinden sich nebst Spendenausweis die Zuschrift eines ungenannt sein wollenden Ehepaares mit der Mitteilung über eine Spende von K 10.000.— zum Zwecke der Errichtung eines jüdischen Kiuderspitales (den Spendern wird der Dank votiert); Zuschrift des Vorstandes des Brigittenauer Tempelvereines, in welcher dem Kultusvorstande der Dank für die Erledigung der Brigittenauer Rabbinerfrage ausgesprochen wird; Dankschreiben des Herrn Moritz und der Frau Rosa P o p pe r für die Gratulation des Vorstandes anläßlich ihrer goldenen Hochzeit; Zuschrift des Herrn Rudolf K ohn, betreffend die Annahme der Bethaus-Vorsteher-Stelle; Dankschreiben der Kultusgemeinde Triest für die Teilnahme des Kultusvorstandes anläßlich des Ablebens des Herrn Oberrabbiuers S. R. Mel li; Dankschreiben des Herrn kais. Rates Dir. Dr. Moriz Brunner für die Gratulation des Vorstandes anläßlich der ihm zuteil gewordenen Allerhöchsten Auszeichnung; Zuschrift des k. k. Konsuls Ludwig Ritter von Zepharovich in Jerusalem anläßlich der dem Direktor der Edlen von Lännnel-Schnle in Jerusalem, Herrn Ephraim Kohn, verliehenen Allerhöchsten Altszeichnung; Dankdepesche des Präsidenten der Kultusgemeinde Moskau für die Glückwünsche des Kultusvorstandes anläßlich der dortigen Tempeleinweihnng; Dankschreiben des Herrn Leopold K o ch für die Gratulation des Vorstandes anläßlich seiner goldenen Hochzeit; Dankschreiben der .Frau Ignaz Brüll für die Teilnahme des Kultnsvorstandes anläßlich des Ablebens ihres Gatten; Dankschreiben des Herrn Leo H e r z b e r g - F r ä n k e l für die Gratulation des Kultusvorstandes anläßlich seines achtzigsten Geburtstages; Mitteilung der Frau Nahida Lazarus über das Erscheinen ihres Buches: „Moritz Lazarus: Lebeuserinnerungen"; Note des Magistrates, betreffend die Religionsbestimmung eines Kindes, dessen Vater mosaisch, dessen Mutter konfessionslos ist. Vor Uebergang zur Tagesordnung hält der Präsident dem verewigten Toukünftler Ignaz B r ü l l einen tief empfundenen Nachruf. Was die Kunst an dem Verewigten verloren hat, das zu schildern sei nicht Aufgabe des Redners; für die künstlerische Betätigung des Verstorbenen sei ihm ein Rithmesblatt.in der Geschichte der Musik gewiß. Daß er aber seine hervorragenden künstlerischen Eigenschaften, verbunden mit den schönsten menschlichen Tugenden stets in uneigennütziger Bereitwilligkeit auch speziell jüdischen Zwecken zur Verfügung stellte, dafür möge ihm hier an dieser Stelle nochmals inniger, herzlicher Dank gesagt werden. Aus jedem Worte seiner Referate als Juror verschiedener Küustlerstiftungen, die sich in Verwaltung der Kultusgemeinde befinden, leuchtete neben hohem Kunstverständnisse eine unerschütterliche, durch nichts zu beeinflußende Gerechtigkeit, der Wunsch, immer nur zu helfen, niemals zu schaden. Selbst von einer seltenen, nngeheuchelten Bescheidenheit, war er voll Güte und Anerkennung für die Leistungen anderer — ein wahrhaft edler Mensch.