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Die Wahrheit · 1907-10-18 · Heft 40 (18.10.1907) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1907
Issue
Heft 40 (18.10.1907)
Date
1907-10-18
Page
– (sequence 3)
Language
German
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abrtzsit Redaktion it. Vlbiunufn nttou: Wien, 11/, Novaragasse 27. Irlepöust Nr. der Diuckerek § Anabhärrgige Heikfchrift für Mische Verngs-rnlei»: Ganzjährig . . . St. >4— Halbjährig . . Jt. 7 — 1531)2. i 1 3nfevate JßterejjfeiL! Für Cuttttsbeamte: Die viermal gespaltene i Nonpareille-Zeile 25 Heller. RvonnciueiilS- >,. Jnjei lioiis- Ganzjährig . . . Jt. >u - Erscheint jeden Kr ei tag. Für Ausland: betröge und in Wien zahlbar Ganzjährig ... 8 M»rk und klagbar. Motto : „Das Siegel Gottes ist Wahrheit!“ ü Nudel. oder rü Ar. 40. Wien, 18. Oktober 1007. Inhalt: Nus der Woche. — Aus der Wiener Kültusgemeiude. — Die Christlichkeit des Staates. — Modernes Judentum im Morgen- und Abendland. — Verschiedene Nachrichten. — Der Kantor einst und setzt. Ans der In einer Versammlung des Volksbildungsvereines, die die Gründung einer neuen Sektion im III. Bezirke beriet, hielt Prof. Dr. Friedrich I o d l eine Ansprache, in welcher er das System sozialpolitischer Einrichtungen schilderte, welches einer Weltstadt wie Wien nötig sei, wenn sie hinter anderen europäischen Zentren nicht Zurückbleiben wolle. Ein eminentes Moment der Wohlfahrtspflege sei selbstverständlich die Hebung der Volksbildung, und daher könne der Wert guter, aufklärender, versittlichender Lektüre nicht genug hoch angeschlagen werden. Die Annäherung verschiedener Volksschichten, die Ausmerzung konfessioneller Vorurteile, die vergiftend auf das Gemüt der Bevölkerung wirken, könne durch gute Lektüre gefördert, durch schlechte aber in ärgster Weise gehindert werden. In Wien, das haben auch viele Pädagogen wiederholt auf Grund ihrer Erfahrungen in der Schule erklärt, ist in den letzten Jahren ein beträchtlicher Teil der Heranwachsenden Jugend in bedauerlicher Weise verroht, und man wird nicht fehlgehen, wenn man als die Ursache hievon die Lektüre der gehässigen, aufreizenden antisemitischen Zeitungen bezeichnet. * Ueber die zunehmende Verwahrlosung und Verrohung der Jugend hat vor nicht langer Zeit erst der Fürsterzbischof von Wien sich in einem Hirtenbriefe schmerzlich beklagt. Unter den Gründen dieser tief betrübenden Erscheinung war aber, wie man sich erinnert, der Hinweis auf die wachsende antisemitische Strömung in Wien und auf den verderblichen Einfluß der antisemitischen Zeitungen nicht zu sinden. Und doch müßte es gerade mit Wundern zugehen, wenn in einer Stadt, in welcher die antisemitische Hetze, also die Verfolgung von Menschen wegen ihrer Religion, selbst von Priestern und Lehrern, angeblich im Namen der Religion der Liebe betrieben wird, die Jugend nicht Schaden in ihren sittlichen Grundsätzen nehmen sollte. Die Kinder sehen und hören, wie jene, die ihre Vorbilder und Muster sein sollen, häufig ihre höchste Freude, beinahe ihren innersten Lebensberuf darin finden, Andersgläubige zu beschimpfen, zu verhöhnen, ja sie als vogelfrei zu erklären. Wie sollen die eines eigenen Urteils noch unfähigen Kinder dann zur Erkenntnis jener hohen sittlichen Pflichten gelangen, die Güte, Gerechtigkeit, Humanität fordern? Die Kinder lesen in den Leibblättern ihrer Ellern Tag für Tag von „jüdischen" Gaunern, „jüdischen" Dieben, „jüdischen" Wüstlingen rc. Wie soll es da zu verhindern sein, daß in den Köpfen und Herzen dieser Kinder sich die ebenso unsinnige als gefährliche und aufreizende Ansicht festsetzt, daß zwischen der „jüdischen" Religion, oder sagen wir präziser, zwischen den Menschen, die mit dem Worte „jüdisch" in Verbindung gebrachi werden, und den schändlichsten Handlungen ein ganz besonderer inniger Kontakt besteht? Die Eltern dieser Kinder werden durch diese verpestende Lektüre auf Irrwege gebracht. Wie sollen die Kinder nicht dem entsittlichenden, verrohenden Einflüsse zur Beute werden? Wo ist der Schutz, die Prophylaxis gegen diese Seuche? Der Lehrer, der Katechet in der Schule könnte vieles tun — und es gibt wohl auch Lehrer und Katecheten, die dieser erhabenen Mission sich freudig und willig widmen — aber selbst wenn alle Lehrer und alle Katecheten in unseren Schulen in gleichem, edlen Sinne wirkten, wäre noch immer der Einfluß, das Beispiel, der durch die antisemitische Zeitungslektüre verrohten Väter eine große Gefahr für die sittliche Entwicklung der Kinder. Wer aber hat den Mut der Naivität, zu behaupten, daß die Kinder in der Schule immer der Führung und Leitung solch wahrer, pflichttreuer, vorurteilslos das Gute lehrender Lehrer sich erfreuen? Die Macht der Lektüre! 'Was erführt man in Wien, wenn man z. B. irgend einen Bericht über eine beliebige Sitzung des niederösterreichischen Landtages zu lesen bekommt. Es mag, weiß der Himmel, von welchem Gegenstände immer die Rede sein, ein antisemitischer Abgeordneter wird es doch natürlich und selbstverständlich finden, das Thema zu einer Judenhetze auszuschrotten. Und er wird, ohne daß ihm jemand die verdiente Züchtigung zuteil werden ließe, soviele Lügen und Verleumdungen gegen die Juden in ihrer Gesamtheit sich leisten dürfen, als ihm nur gefällt. Sehen wir nur die jüngste Sitzung des niederösterreichischen Landtages. Herr Schneider stellte den Antrag, der Landesausschuß sei zu beauftragen, in der nächsten Sitzung einen praktischeren und durchführbaren Vorschlag zur Besteuerung der Warenhäuser vorzulegen. Nun, jeder Mensch in Wien weiß, daß das erste Warenhaus in unserer Stadt von einer klerikalchristlichen Firma — Esders — errichtet wurde. Das hindert aber natürlich weder Herrn Schneider, noch einen anderen Antisemiten von Beruf und Neigung, die Warenhäuser als ein Thema zu behandeln, aus welchem die niederträchtigsten, verlogensten und infamsten Beschimpfungen gegen die Juden sich holen lassen. Herr Schneider begnügte sich bei diesem Anlasse aber nicht einmal damit, sämtliche europäische Juden zu besudeln, sein edler Eifer ergoß sich auch auf die jüdischen Kaufmänner — Amerikas. Aber niemand wies dieses Individuum, welches in der letzten Zeit selbst von antisemitischen Parteigenossen der Lüge überführt wurde, in die Schranken. Diesmal schimpfte

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