Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1907
- Issue
- Heft 39 (11.10.1907)
- Date
- 1907-10-11
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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ra\ 39. Die Wahrheit Leite 7. sechzehn Christen, die im besten Einvernehmen mit der jüdischen Majorität leben. Die Stadt ist erst sechzehn Jahre alt, und seit vier Jahren hat sie ihre eigene Verwaltung, und somit seit der Zerstörung Jerusalems die erste jüdische Stadt, die sich selbst vermaltet. Was aber das Merkwürdigste ist, das ist, daß die jüdischen Bewohner durchwegs Ackerbauer sind, also arbeiten und produzieren. Nicht minder bemerkenswert ist, daß die Einwohner Woodbines dttrchwegs russische, und zu einem geringen Teile rumänische und galizische Juden sind. Sie waren, wie man sich denken kann, ursprünglich nicht Bauern, aber sie waren entschlossen, dem Stadtleben Valet zu sagen und sich dem Landleben zu widmen. Der Boden, den sie erst urbar zu machen hatten, war nicht sonderlich fruchtbar, namentlich eignete er sich nicht für den Weinbau, dem sie sich zunächst zugewandt hatten. Sie sahen das bald ein, gaben den Weinbau auf und begnügten sich mit dem Anbau von Kartoffeln. Der Melioration des Bodens wurde die größte Aufmerksamkeit geschenkt und mit geübtem Geschäftsblick suchten und fanden sie Absatz für ihre landwirtschaftlichen Produkte an der Küste Der Ertrag des Bodens reichte trotzdem nicht aus, die Bewohner zu ernähren, und so wurde auch eine Industrie geschaffen. Es entstanden durchaus modern angelegte Fabriken, wie eine Trikotage, eine Korsettfabrik; Konfektion kam hinzu, eine große Schlächterei u. s. w. Die Einnahmen sind zwar etwas geringer als in den Städten, aber da jeder ansässige Arbeiter sein Haus mit Garten besitzt und dank dem Anbau von Gemüse und Obst so manche Ausgabe erspart, haben die Bewohner ihr gutes Auskommen. Woodbine ist elektrisch beleuchtet, hat landwirtschaftliche und andere Schulen, eine stattliche Bibliothek und ist auch in sanitärer Beziehung gut versorgt. Besonders viel wird für den Unterricht getan. Die landwirtschaftliche Schule ist eine der besten im Lande und die ans ihr hervorgegangenen Schüler finden, soweit sie sich nicht am Ort selbst ansässig machen, leicht Beschäftigung auf andern Farmen. Charakteristisch ist, daß für Schulzwecke in den letzten drei Jahren mehr als die Hälfte aller Einnahmen'verausgabt worden ist. Nicht minder charakteristisch, daß in dem Orte nur ein Betrunkener festgenommen wurde, und dieser war ein Christ aus der Nachbarschaft. Bemerkt sei noch, daß es eine ganze Anzahl jüdischer Bauernstädte in den Staaten Massachusetts, Connecticut, Dakota, Michigan, Illinois u. s. w. gibt. Die jüdische Banernkolonie Woodbine ist eine praktische Widerlegung des oberflächlichen Beobachtern und Beurteiler» am unwiderleglichsten scheinenden Vorwurfes, der den Juden gemacht wird, daß sie nämlich nicht schwere Arbeiten verrichten können bezw. wollen, nicht produktiv sich betätigen. Hier tun sie es sowohl landwirtschaftlich als auch industriell. Dabei unterscheidet sich Woodbine in nichts von anderen amerikanischen Städtchen gleicher Größe. Noch ein anderes Vorurteil über die Inden wird in Woodbine widerlegt. Es ist eine ständige Behauptung in der antisemitischen Presse, daß, wo die Juden in der Majorität seien, sie sich intolerant gebärden, zu tyrannisieren lieben. Nun hier, wo die Juden nicht nur in der Majorität sind, sondern die ganze in Amerika den sich selbst regierenden Kommunen eingeräumte Macht in Händen haben, herrscht das vollständigste Einvernehmen zwischen Christen und Juden. Dabei darf nicht vergessen werden, daß man in Woodbine fast durchwegs mit streng orthodoxen, weniger gebildeten Juden zu tun hat, daß modernere Juden als es russische, rumänische und galizische Inden gewöhnlich sind, sich weit eher assimilieren wollen und können, und naturgemäß viel toleranter sind. In Woodbine wird man beispielsweise den religiösen Eifer und die Rücksichtslosigkeit gegen Andersgläubige niemals so weit treiben, wie in' etlichen amerikanischen Städten und Staaten, die durch besondere kommunale und staatliche Bestimmungen Konfessionen und Sekten, die den Sabbath feiern, zwingen, auch den Sonntag streng zu halten, d. h. einen Arbeitstag mehr als die christlichen Konkurrenten zu verlieren. Alle Bemühungen, durchzusetzen, daß, wer einen Tag in der Woche nachweislich ruht, nicht noch einen zweiten solle ebenso streng innezuhalten brauchen, scheitern an dem religiösen Uebereifer, zu dem sich allerdings ein gut Stück Konknrrenteneifer gesellt. Aber solche Rücksichtslosigkeiten gegen Andersgläubige, wie sie sich vielfach gegen Juden in der Erzwingung einer absoluten zweiten Sabbachruhe, in der Antischächtbewegung, zeigen, rächen sich manchmal auf gar seltsame Weise. Im Staate Georgia haben die Temperenzler das Heft in Händen. Sie haben das benutzt, um eine Bestimmung zu erlassen, die am 1. Jänner 1908 in Kraft treten soll, nach der es verboten ist, beim Abendmahl Wein zu verabreichen. Der Geistliche, der es dennoch tut, wird so oft bestraft, als er Mitgliedern seiner Gemeinde den Weinpokal - gegeben. Natürlich ist das den Christen, die in hergebrachter Weise das Abendmahl nehmen wollen, nicht recht und sie petitionieren, daß jedem gestattet sein solle, nach seiner Fasson das Abendmahl zu erhalten. Auch in religiösen Dingen gilt die Maxime: Was du nicht willst, das man dir tu', das füg' auch keinem Andern zu. Im großen und ganzen muß mau es den Amerikanern lassen, daß sie trotz religiösen Eifers, der den europäischen weit übertrifft, immer in religiöser Hinsicht tolerant gewesen sind. Während man in Deutschland noch immer Bedenken hat gegen jüdische Schöffen, Reserveletltnants, hat der berühmte amerikanische Geistliche Henry Ward Bescher schon vor 20 Jahren den damaligen Präsidenten der Vereinigten Staaten, Cleveland, gebeten, den jetzigen amerikanischen Handelsminister Oskar Straus zum Botschafter zu ernennen, weil er Jude sei. „Weil er Jude ist," schrieb er, „möchte ich seine Ernennung dringend befürworten, um so in schicklicher Weise diesem merkwürdigen Volke Anerkennung zu zollen, das in bedeutendem Maße zu dem amerikanischen Wohlstand beiträgt, und dessen Intelligenz, Moralität und weitgehende Liberalität bei allen Maßnahmen für die Wohlfahrt der Gesellschaft von der Regierung solche Anerkennung verdient und erhalten sollte." Die Industrie« Palästinas. (Schluß.) Wir kommen nunmehr zu einer besonderen Form industrieller Betätigung, und zwar den auf Förderung der Gewerbetätigkeit hinzielenden s ch u l m ä ß i g e n I n st i t u t i o n e n. Die erste jüdische Anstalt dieser Art war die Gewerbeschule der Alliance Israelite in Jerusalem. Hier wurde Holzschnitzerei und Möbeltischlerei, Schmiede- und Klempnerarbeiten, sowie Weberei gelehrt. Das Ziel der Schule war aber weniger darauf gerichtet, die Industrie in P a l ä st i n a zu entwickeln als vielmehr darauf, ihren Zöglingen das Fortkommen irgendw o zu erleichtern. Diese Tendenz der Schule hat denn auch — zusammen mit dem dort gebotenen französischen Unterricht — in der Hauptsache den Erfolg gehabt, daß zahlreichen jungen Leuten die Auswanderung nach Egypten, Frankreich, Algier rc. erleichtert wurde. Einen ausgesprochen palästinensischen Charakter hat dagegen die im Anfang des Jahres 1906 in Jerusalem gegründete Kunstgewerbefchule „Bezalel" des Professor Schatz. Die hier zunächst hauptsächlich in Angriff genommene Industrie ist die Teppichweberei, mittelst deren man hofft, einem wesentlichen Teil der bisher unproduktiven jüdischen Elemente zu lohnendem Erwerb zu verhelfen. Speziell meint man auch durch Einführung dieser Industrie den jüdischen Kolonisten (auch deren Frauen und Kindern) einen geeigneten Nebenerwerb zu schaffen und damit auch die jüdische Ackerbaukolonisation im Lande auf eine gesündere Basis zu stellen. Wir haben oben bei Erwähnung der Steinhauerei schon gezeigt, daß „Bezalel" auch anderen Industrien sein Interesse zuwendet und es steht zu hoffen, daß die wirtschaftlichen Wirkungen dieses Instituts sich bald fühlbar machen werden. Ein interessanter Beitrag zu der Frage, wie das Chalukahelement Palästinas in ein wirtschaftlich produktives verwandelt werden kann, wird von der Jaffaer Handwerkerschule „Beth- Melachah" geboten. Diese im Sommer 1906 aus den Kreisen der Jaffaer Orthodoxie (Schomre Thora) hervorgegangene Gründung bezweckt, denjenigen Kindern, von denen eine übermäßige talmudische Gelehrsamkeit nicht zu erwarten steht, eine handwerksmäßige Ausbildung zu geben, die ihnen zu wirtschaftlicher Selbständigkeit verhelfen soll. Vorerst wurde Eisenarbeit in Angriff genommen. Bisher sind einfache Schlösser, Riegel und ähnliche Arbeiten aus dem Institut hervorgegangen.