Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1907-10-11 · Heft 39 (11.10.1907) · page 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1907
Issue
Heft 39 (11.10.1907)
Date
1907-10-11
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3062972-3063367-3063406--05078-3071972
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 6. Die Wahrheit Nr. 39. die Seelen im Jenseits zu „sorgen" und für den der mosaischen Lehre vollständig sremden Totenkuli Propaganda zu machen. Wenn die heutige, für alles Religiöse abgestumpfte Indenheil noch teilweise an der Maskirfeier festhält, so geschieht dies deshalb, weil sie sich der Eltern erinnert, die der jüdischen Religion und ihrem Kult noch treu geblieben waren; sie sagen, sie tuen es „den Eltern zuliebe". Und aus diesem Grunde beteiligen sich auch sehr viele Apostaten an der Maskirfeier. Das kommende Geschlecht aber wird die Erinnerung an Eltern mit sich herumtragen, die dem Judentum schon ganz sremd gegenüberstanden; die Kinder werden diesbezüglich „den Eitern zuliebe" nichts mehr zu tun haben — und nicht mehr zur Maskirfeier gehen. Dasjenige Judentum — so meinen ernste, weiter blickende Männer — das auf feine Erhaltung bedacht ist, bedarf der ernsten Rabbiner, der Seelsorger, die sich um die Seelen der Lebend e n sorgen, der Lehrer — und das sind ja eigentlich die Rabbiner — (Rabbi Meister, Lehrer), die das Volk, wie einst, in der „Lehre' unterrichten, nach der es leben soll, der uneigennützigen, einflußreichen Führer, die imstande sind, das religiöse Leben und Fühlen zu wecken, zu fördern, die Moral und die guten Sitten zu heben. Das Judentum, als Rasse wie als Religion, kann einzig und allein nur durch F e st h a l t e n a m ü b e r l i e f e r t e n Ritus der Väter vor dem Untergänge bewahrt werden. Totenfeier, Mädchenchor und moderne herausfordernde Frauengalerien — diese und ähnliche Requisite der heutigen sogenannten fortschrittlichen Judenheit können wohl momentan gewissen Kreisen gefallen, aber sicherlich keine nachhaltige Anhänglichkeit und Liebe zum Judentum bewirken; sie werden früher oder später zum gänzlichen Abfalle führen. Die Vorstände und Kultnsbeamteu der reformierten jüdischen Gemeinden haben jedoch in der modernen Totenfeier eine reiche Einuahmsqnelle entdeckt und beuten sie, die ersteren für den Gemeindesäckel, die letzteren für den eigenen, ganz gehörig aus. Dies geschieht aber nicht zur Ehre der Religion und der von ihr diktierten allgemeinen, menschlichen Moral. Es ist betrübend, gerade an den Tagen der Maskierfeier zu beobachten, wie die Synagoge zur Pflanzstätte der Ueberhebung, des Großtuns und Protzentums geworden ist. Wir wollen nicht von den Synagogen- und Gemeindevorständen sprechen; diese sind ja fast alle von Hausaus Geschäftsleute und betrachten daher die Synagoge, den Kultus, das Maskir unter dem Gesichtswinkel des „Geschäftes". Zudem gilt ja das Geschäft nicht dem eigenen, sondern dem Gemeindesäckel, und dieser braucht Geld, das man eben da nimmt, wo es zu finden ist. Wenn aber Rabbiner und Kantoren, die gutbesoldeten Geistlichen der Gemeinde, zu deren fixem Gehalt der Steuerheller der Armen so gut wie die Steuerkrone der Reichen beiträgt, wenn diese Geistlichen, welche als Hüter der alles ausgleichenden Religion bestellt wurden und welche von ihrem Amte eine würdigere Vorstellung haben sollten, die Reichen um eines schnöden Geschenkes willen umschmeicheln, bevorzugen und damit das Protzentum an heiliger Stätte nähren, so ist dies ein Vorgehen, welches, mag es sich noch so sehr eingebürgert haben, vom Standpunkte der Religion und der guten Sitte nicht genug getadelt werden kann. Amerikanischer Krief. Unsere Einwanderungsgegner hatten es, wie Sie drüben ja wissen, durchgesetzt, daß eine Kommission Europa durchzog, um zu sehen, welche Einwanderungsbeschränkungen sich etwa noch empfehlen ließen. Die guten vorsorglichen Leute fürchten, daß die Vereinigten Staaten nicht Raum genug für die Amerikaner- Haben möchten, wenn der Einwanderungsstrom ungehindert zugelassen würde. Dabei könnten die Vereinigten Staaten noch weit über zehnmal so dicht bevölkert sein, als sie sind, d. h. noch gut achthundert Millionen Menschen aufnehmen, ehe sie die Bevölkerungsdichtigkeit von Deutschland erreichten, das doch nicht das dichtest bevölkerte Land in Europa ist. Dabei ist das Gebiet der nordamerikanischen Union in mehr als einer Beziehung viel reicher als Deutschland und hat diese viel größere und zukunftsreichere Hinterländer als Deutschland. Aber hat es ja doch bereits vor einem halben Jahrhundert, als die Vereinigten -Staaten, kaum etwa die Hälfte ihrer jetzigen Einwohnerzahl hatten, ängstliche, oder richtiger, mißgünstige und kurzsichtige Leute hier gegeben, die dieselbe Furcht hatten und dieselben Wünsche äußerten. Die jetzigen Beklemmungen sind verursacht worden ganz besonders durch die in der Tat große Zahl jüdischer Einwanderer, wie man zugeben muß, wenig voreinnehmender Qualität. Aber selbst diese akklimatisieren und assimilieren sich überraschend schnell, und es wird von jüdischer Seite außerordentlich viel getan, um die Assimilation zu beschleunigen. Die Einwanderer werden in der Sprache, der Geschichte, den amerikanischen Anschauungen unterrichtet, mit den politischen Einrichtungen, mit den Rechten und Pflichten amerikanischer Bürger bekannt gemacht und das wirtschaftliche Fußfasseu und Fortkommen wird ihnen möglichst erleichtert. Um die Ueberfüllung der großen Städte zu verhindern, bemüht man sich, die jüdischen Einwanderer möglichst zu verteilen. Am meisten Erfolg verspricht die Einrichtung besonderer Dampferlinien nach südamerikanischen Häfen, von wo aus die Einwanderer nach den zahlreichen süd- und westamerikanischen Städten und Dörfern gehen, wo große Nachfrage nach Arbeitern herrscht. In Galveston und New-Orleans werden die im Osten scheel angesehenen jüdischen Einwanderer mit Jubel ausgenommen und mit offiziellen Ansprachen und Erfrischungen empfangen. Es war geradezu rührend zu sehen, welchen Eindruck es auf die der grausamsten Verfolgung eben entflohenen Einwanderer machte, als sie in Galveston vom Bürgermeister der Stadt, mit einer Ansprache und mit Händeschütteln empfangen wurden, und noch rührender, wie die Unglücklichen dem Erstaunen Ausdruck gaben. Der Hauptgrund der Furcht vor den jüdischen Einwanderern, mehr noch wie vor den chinesischen, japanische,i und indischen Einwanderern, ist nicht Rassen- und Religionshaß, nicht eigentlicher Antisemitismus, sondern er ist wirtschaftlicher Natur. Das ginge schon aus obigem hervor, wenn es nicht die Arbeiterführer auch ausdrücklich eingeständen. Um eben nur notdürftig das Dasein zu fristen, übernehmen die jüdischen Einwanderer Arbeit für jeden Preis. Wenn das ein unerträgliches Uebel ist, dann wäre die Festsetzung eines Minimalarbeitslohnes jedenfalls ein richtigeres und würdigeres Auskunftsmittel, als die Verfolgung der Einwanderer oder ihre Ausschließung, durch die sich so fortgeschrittene Länder wie die Vereinigten Staaten nicht beflecken sollten; beflecken und politisch möglicherweise Komplikationen allerernstester Natur heraufbeschwören. Seltsam! In Europa macht mau den Juden zum Vorwurf, daß sie nicht arbeiten — ein unbegründeter, aber doch ein allgemeiner Vorwurf —, in Amerika wird ihnen ein Strick aus ihrer Arbeitssreudigkeit auf den verschiedensten Gebieten gewerblichen Lebens gedreht. Sie kommen zu Zehntausenden als gelernte und auch geschickte und brauchbare Arbeiter ins Land, und die kein Handwerk gelernt haben, werden hier durch jüdische Vereine in technischen Schulen als Elektriker, Zeichner, Maschinenarbeiter, Metallarbeiter, Schmiede u. s. w. ausgebildet und in diesen Gewerben und Handwerken verdienen sie dann ihr Brot. Ebenso werden die eingewanderten Mädchen, die nicht ein Handwerk bereits ausüben, als Schneiderinnen, Putzmacherinnen, Maschinschreiberinnen ausgebildet oder zur Uebernahme von Hausarbeiten angehalten. Besondere Anstrengungen werden gemacht, jungen Juden > in landwirtschaftlichen Schulen praktischen und theoretischen Unterricht in der Landwirtschaft zu erteilen und ihnen als Farmer fortzuhelsen,. was zum Teil von unerwartetem Erfolge begleitet ist. Selbstverständlich werden für landwirtschaftliche Tätigkeit hauptsächlich solche ausgesucht, die sich für sie besonders eignen oder die besonderen Drang zu ihr verspüren. Man wird das begreifen, wenn man bedenkt, daß in den Ländern, von welchen ^die Einwanderer meist stammen, ihnen landwirtschaftliche Tätigkeit nicht gestattet, oder doch infolge der historischen Entwicklung gänzlich unbekannt war. Mit welchem Erfolge man da gearbeitet hat, das lehrt am besten die jüdische Kolonie Woodbine, die aber nicht die einzige jüdische Bauernkolonie ist. Eine Judenstadt mit jüdischer Selbstverwaltung ist Woodbine, in dem nordamerikanischen Staate New-Iersey. Es ist dies eine Stadt von 2500 Einwohnern, darunter nur

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.