Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1907
- Issue
- Heft 39 (11.10.1907)
- Date
- 1907-10-11
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Die Wahrheil Seite 5. Nr. 39. wackere Prediger seine Schuldigkeit getan, er verläßt die Kanzel.. Und nun beginnt — es ist ja das Schlußfest — die Totenfeier oder wie man in Berlin euphemistisch sagen würde, die Seelenffeier, die Sühnefeier für die Toten. Der Kantor unter Assistenz des gesamten Chors beginnt mit der Rezitation oder dem Absingen einer Reihe von ansgewühlten, ansonsten im Sterbehause oder auf dem Friedhofe vorgetragenen, auf den Tod Bezug habenden Stellen aus dem Buch Jjob, den Psalmen und anderen Bibelschriften, teils im hebräischen Urtexte, teils in freier deutscher Uebertragung. Hierauf werden einige eigens für diese Maskirtage verfaßte Trauergesänge vorgetragen. Der Kulminationspunkt der Trauerfeier wird erreicht, wenn der Rabbiner sich zur Heiligen Lade begibt und mit der Namenverlesung derjenigen beginnt, die sich bei Lebzeiten in die Synagoge eingekauft haben... Sind endlich die Namen samt den Titulaturen all der „Eingekauften" verlesen und sind die Extra-Maskir, die Sühngebete erledigt, dann kommt die Reihe an die Plebs, an die Scharert der Anwesenden, die, jeder für sich, das kurze Maskirgebet für Eltern und Verwandte, teils im hebräischen Urtext, teils in einer nach modernem Geschmack zugestutzten Uebertragung lesen. Die Rezitation des „Kaddifch" bildet den Schluß der Trauerandacht, die fast zwei Stunden gedauert hat. Jetzt leert sich das Haus wieder, das Maskir und mit ihm der wichtigste Gottesdienst dieses Tages ist vorüber — den Rest der üblichen feiertäglichen Gebetordnung mag die zurückbleibende Plebs, die sich wieder auf die inzwischen leer gewordenen Sitze der Reichen begibt, absolvieren. „Das Schlußfest galt den Toten." feit der Zeit der Abfassung des Talmud die menschliche Natur iit diesem Punkte wesentlich geändert hat. Die eingezahlte Summe bei dem Maskirgeschäft heißt zwar offiziell Stiftung, Spende, Geschenk; doch der Name täuscht nicht über den wahren Charakter hinweg. Es ist ein Kaufschilling, eine Leistung für eine Gegenleistung. Herr N. N. bezahlt so und so viel, damit nach seinem Tode in saecula saeculorum, jedes Jahr viermal, sein Name in der Synagoge öffentlich verlesen und für sein „Seelenheil" das Sühngebet verrichtet werde. Er, der Reiche, bezahlt gleichsam eine Asseknranzprämie gegen dir Folgen der Entgleisung auf dieser sündhaften Welt! Er darf der Sünde fröhnen, darf sein Haus anzünden — ist er dock des Paradieses versichert! Und die Armen, die vielen, vielen Armen? Sie können die hohe Affekuranzprümie nicht bezahlen, sie können also der Wohltat der modernen Maskir-Unternehmung nicht teilhaftig werden, ihr Name wird öffentlich nicht ausgerufeu, der Vergessenheit nicht entzogen, für ihr Seelenheil wird nicht „in aller Ewigkeit" gebetet. Und der Himmel? Wird er diese Assekuranz gelten lassen? Werden die Nichtassekurierten zu Schaden kommen? Und steigen die Seelen der Assekurierten von einem Maskir zum andern immer höher? — Jjob und Jeiajah sind freilich entgegengesetzter Meinung. Ersterer sagt: ..Klein und Groß sind dort gleich (Jjab 3, 9), und letzterer ruft aus: „Deine Frömmigkeit soll dir vorausgehen" (Jes. 58, 8). Auch Rabbi Jakob in den Sprüchen der Väter (4, 21) ist entgegengesetzter Meinung gewesen. „Betrachte die Welt," sagte er, „als einen Vorhof, bereite dich im Borhofe vor, damit du in den Palast eintreten kannst." „Sich in die Synagoge einkaufen", ist der technische Ausdruck für ein Gefchäft, das darin besteht, daß Herr A. oder Frau B. eine gewisse, von der Gemeindeverwaltung bestimmte Summe in den Synagogenfonds einzahlt, unter der Bedingung, daß die Gemeinde sich „für ewige Zeiten" verpflichte, an jedem der vier Maskirtage den Namen des oder der „Eingekauften" in der Synagoge vor der versammelten Gemeinde verlesen und für sein oder ihr Seelenheil das Sühngebet beten zu lassen. Je nach der Bedeutung der Synagoge und des Einkaufenden variiert die Einkaufssumme zwischen eintausend und mehreren tausend Kronen, so daß nur die Reichen sich einen solchen Luxus bis über den Tod hinaus gestalten können. In der Provinz ist allerdings der „Einkauf" billiger. . Im Laufe der wenigen Jahrzehnte, seitdem diese Totenfeier eingesührt wurde, hat sich die Zahl der verstorbenen „Eingekauften" in manchen Synagogen schon so stark vermehrt, daß die Verlesung der vielen hundert Namen oft über eine Stunde in Anspruch nimmt, was natürlich bei solchen Bethausbesuchern, die gar kein Interesse an der Verlesung völlig fremder oder gleichgiltiger Namen haben, die größte Langweile, viel Aergernis oder Ablenkung der Aufmerksamkeit auf andere Gebiete verursacht — zumeist auf die in den modernen Synagogen knapp über dem Parterre amphitheatralisch aufsteigenden, das ganze Synagogenschiff wie ein Kranz umsäumenden und dadurch interessanten Frauengalerien. „Un veritable etalage de belles femmes,“ sagte uns jüngst lächelnd ein französischer Jude, dem wir an einem Maskirtage die Synagoge in der Müllnergasse im IX. Bezirke Wiens gezeigthatten, wo sich die Frauengalerie gar nur zwei Stufen über dem Parterre amphitheatralisch erhebt. In den alten Synagogen waren die Frauengalerien — dem Gebote entsprechend, das die Trennung der Geschlechter an den heiligen Stätten der Andacht verfügt — im rückwärtigen Teil der Synagoge angebracht, also dem Rücken der im Schiffe befindlichen Männer zugekehrt. Außerdem war das Geländer der Galerie noch von einem Holzgitter überragt. In den modernen Reformsynagogen ist das Prinzip der Trennung der Geschlechter um so illusorischer, als hier, auf dem knapp über dem Parterre amphitheatralisch aufsteigenden, von niedrigen Balustraden umsäumten Galerien ein förmlicher Kranz von Frauen sich den Blicken der Männer quasi aufdrängt. ..Auge und Herz," sagt der Talmud, -.sind, zwei Makler im Dienste der Sünde; das Äuge sieht, das: Herz gelüstet." Wir glauben nicht, daß sich An den vier Maskirtagen des Jahres, den Tagen der Sühngebete für die Toten, ist die Synagoge gänzlich ausverkaufl. Alle verfügbaren Sitze sind zu den höchsten Preisen an die seltensten Gäste, die Reichen, 'vermietet worden. Sie vernehmen ja heute die Verkündigung der Namen ihrer „Ahnen", für deren Seelenheil mit Ausschluß der Proletarierseelen vorain publico gebetet wird. Die Allerreichsten haben an diesen Tagen noch die Ehre, zur Thora „aufgerufen" zu werden, wo ihnen vom Kantor unter schmeichelhaften Titulaturen der Extra-Segen gespendet wird. Dafür revanchieren sie sich sofort durch reiche Geldspenden für die Synagoge und deren Funktionäre, Geldspenden, deren Summen mit der lautesten Stimme, über die der Kantor verfügt, der aufborchenden Gemeinde verkündet werden, während der Spender, sich in die Brust werfend, von der Höhe der Vorbeter-Estrade seine Blicke durch den Synagogenraum schweifen läßt. Während an den Maskirtagen die Synagoge ihr glänzendstes Publikum zeigt — Männer in Frack, weißem Gilet und ditto Kravatte, Frauen mit ihrem kostbarsten Geschmeide behängen — bleibt für die Minderbemittelten und besonders für die Armen, die eigentlichen Stammgäste des Bethauses, heute kein Sitzplatz in der Synagoge verfügbar. Sie müssen auf den Gängen stehen oder gar auf der Straße vor den Eingängen, unter den Augen der Polizei, die zur Aufrechthaltung der Ordnung heute hierher kommandiert wurde. Die modernen Reformrabbiner sehen in der Zugkraft, welche die von ihnen erfundene und in Szene gesetzte Totenfeier auf die Massen ausübt, ein Mittel, um in der Gemeinde wenigstens einen Rest von Gefühl für Judentum und Religion zu erhalten und dadurch mittelbar auch ihr eigenes Ansehen zu heben, ihre Stellung als Seelsorger — hier ist der Ausdruck am Platze — als Sorger für die Seelen der Toten zu befestigen und zu verbessern. Ernste, unparteiische, weil unabhängige- Männer glauben hingegen, daß in diesem modernen Totenkult nur das letzte Aufflackern eines absterbenden Kultus zu erblicken sei. Die modernen Rabbiner meinen, sie müßten, dieweil das Neujudentum dem mosaischen Gesetze, welches für die auf Erden Lebenden Geltung hat und „unser Leben und die Verlängerung unserer Tage" bedeutet, den Rücken zugekehrt hat, den Versuch machen, ihre Wirksamkeit nach dem Himmel zu verlegen, für