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Die Wahrheit · 1907-10-11 · Heft 39 (11.10.1907) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1907
Issue
Heft 39 (11.10.1907)
Date
1907-10-11
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. Die Wahrheit lUr. 39 Scheicher polemisierte mit dem Abg. Seitz, der den Einfluß des Klerus in der Schule beschränkt sehen möchte und da rief der Vertreter der Religion der Nächstenliebe u. A. aus: Der „Geistliche ist das rote Tuch für die Sozialdemokraten. Es wird ihnen aber einmal gerade so gehen, wie ihren sozialdemokratischen Freunden in Rußland: zuerst haben sie immer gehetzt . . . jetzt haben sie die Pogroms . . . Wenn das Volk einmal recht in Wut gebracht ist, werden sie gerade so niedergeschlagen werden." Monsignore Scheicher ist einer der gefährlichsten und tückischesten Verkünder des Judenhasses und er nimmt so wenig Rücksicht bei dieser Hetze ans sein Priesterkleid, daß er mit kaum verhüllten Worten die Bevölkerung zur Befolgung des russischen Beispieles aufreizt. Scheicher weiß ganz gut, daß der Abg. Seitz kein Jude ist und daß die Pogroms in Rußland in erster Reihe gegen die Juden und nicht gegen die Sozialdemokraten inszeniert wurden. Er stellt sich aber so, als ob er Seitz für einen Juden hielte, um für seine Sünden die Juden büßen zu lassen. Scheicher spricht zwar diplomatisch schlau davon, daß die Wut des Volkes sich gegen — ..Sozialdemokraten" entfesseln werde, aber niemand, der die Wühlarbeit der Scheicher und Konsorten kennt, kann daran zweifeln. u?ev eigentlich unter diesen „Sozialdemokraten" gemeint ist. Die Opfer der Pogroms, darüber ist Scheicher gewiß im klaren, sind in Rußland die Juden gewesen, und wenn er angeblich die Sozialdemokraten vor dem Kampfe mit dem Klerus warnt, so verstehen seine gläubigen Anhänger zwischen den Zellen zu lesen, gegen wen sie gehetzt werden ... Anläßlich der Abschaffung der Todesstrafe in Frankreich konnte man die Namen einiger „moderner" Staaten in Europa verzeichnet sehen, die mit diesem Beispiele vorangegangen sind. In der Liste steht auch — Rumänien. Ein groteskerer Witz der Weltgeschichte ist kaum zu ersinnen. Rumänien, welches ganz nach dem Beispiel Rußlands die barbarische Grausamkeit als Regierungsmaxime praktiziert, Rumänien, welches Pogroms gegen unschuldige Menschen zum politischen Programm erhoben, hat als „moderner Kulturstaat" die Todesstrafe ans seinem Strafgesetzbuche gestrichen? Die unzähligen Verbrechen, die in Rumänien jahraus jahrein, zur Schmach der Menschheit an den Juden verübt werden, sind also mit dem Begriffe eitles „Kulturstaates" wohl vereinbar. ... Modernes Indentnm im Morgennnd Abendland.*) II. Ein überaus interessantes und lehrreiches Kapitel widmet Obermeyer dem geschichtlichen Ursprung der jüdischen Seelenfeier, die erst um die Mitte des vorigen Jahrhunderts von modernen deutschen Rabbinen als allgemeine Synagogenfeier eingeführt wurde, aber im alten Schrifttum ebensowenig wie im heutigen Orient zu finden ist. Schon um dieses Kapitels willen verdient das Buch Obermeyers die weiteste Verbreitung, um die großen jüdischen Laienkreise, die zumeist die Seelenfeier als alte jüdische Satzung betrachten, über das Wesen und die Bedeutuitg derselben richtig zu informieren. An die im 11. Jahrhundert entstandene Gepflogenheit, die Namen der zur Zeit der Kreuzzüge dahingeschlachteten frommen und gelehrten Märtyrer alljährlich am Versöhnungstage und an den Samstagen zwischen dem Peßach- und Wochenfeste, während welcher Zeit im ersten Kreuzzuge 1096 die meisten Judenmetzeleien stattgefunden haben, vorznlefen, kitüpfte sich später in einzelnen deutschen Gemeinden der Brauch, daß am Versöhnungstage und an einigen anderen Feiertagen in der Synagoge nach Verlesung der Thoraabschnitte Jeder im Stillen feiner toten Eltern uud Familienangehörigen gedachte und in seinem und der Verstorbenen Namen Almosen spendete, damit ihren Seelen Sühne werde. Hiebei wurde das bekannte kurze Gebet (diokor) verrichtet. Aber schon *) Obermeyer, Professor Jakob: Modernes Judentum im Morgen- und Abendland. Vergleichende kultur- und religionsgeschichtliche Studien X und 165 Seiten. Preis K. 3.— — Mk. 2.50. Wien und Leipzig 1907. Carl Fromme. damals sprachen sich hervorragende rabbiuische Autoritäten gegen die Ausgestaltung und Verallgemeinerung des Brauches aus, und wie recht die alten. Koryphäen des jüdischeil Volkes hatten, als sie die haggadische Lehre von der Rehabilitierung der Toten durch ein Sühnewerk der Lebenden einschränkten und vor trügerischen Wahnvorstellungen warnten, zeigt die moderne Totenfeier, das Maskir in seinem Reformkleide, das Obermeyer in den nachfolgenden Bildern mit feiner Beobachtungsgabe naturgetreu zeichnet. Das Maskir, so wird hier ganz richtig deduziert, das Sühnegebet für die Toten, wird heute in den besitzenden Kreisen bei Lebzeiten für den Fall des Todes bestellt. ..gekauft". Es hat aufgehört, ein Gemütsbedürfnis braver Kinder, frommer Angehöriger und Freunde zu sein, es wird von besoldeten Kultusbeamten gelesen, die weiter kein Interesse an dem Verstorbenen Huben, als daß sie selbst oder die Synagogenverwaltung die Früchte seines Legates einheimsen. Jetzt, da das Maskir ein Handelsobjekt geworden, mußte es auch frischer aufgeputzt und reicher ansgestattet werden, damit es die ..Käufer" mehr anlocke. Dank den Bestrebungen der Rabbiner Mayer. H o l d h e i m, Philipp so n und anderer, wurde aus dem schlichten, kurzen, ursprünglich nur für die verwaisten Kinder bestimmten vierzeiligen Gebete eine stundenlang dauernde allgemeine „Totenfeier", — eine Rettungsaktion im großen für die der Höllenpein überantworteten Seelen. „Der Versöhnnngstag — ein Maskirtag — gilt den Toten," wird die Berliner „Allgemeine Zeitung des Judentums" ausrnfen, sowie sie es am 20. September 1905 vom Schlnßfeste, dem anderen Maskirtag, bereits verkündet hat. Die Lebenden bedürfen am Versöhnungstage keiner Sühne, keiner Versöhnung — am folgenden Tag wird ja wieder flott weiter gesündigt — nur die Toten bedürfen der Sühne. Die drei Festtage, die Maskirtage, sind keine Freudentage für die Lebenden — worüber sollte man sich denn freuen? — „sie gelten den Toten". Der sündhafte Mammon hat sich, als er noch in den Taschen klimperte, für die Maskirtage ein Extraseelengebet bestellt, gekauft. Ein Totenamt wird abgehalten, doch nicht wie der Tod selbst, demokratisch und ausgleichend, sondern hauptsächlich für die Reichen, die sich für ihre Silberlinge auch über das Grab hinaus ein Privilegium eingehandelt haben. Versuchen wir jetzt, so fährt Obermeyer fort, in ruhiger Weife den Hergang einer Maskirzeremonie in einem Wiener „Tempel" mit tunlichster Anschaulichkeit und Ausführlichkeit, zu schildern und deren Wesen zu erklären. Es ist ein schöner Spälsommertag, der 22. des Monats Tischri, das Schluß fest (Schemini Azereth). Wir befinden uns am Vormittag in einem Wiener „Tempel". Der Frühgottesdienst ist zum großen Teile beendet; das Haus nur spärlich besucht. Aber allmählich wird es lebhafter, Equipagen kommen angefahren und bringen die Herrschaften in das Gotteshaus. Immer mehr Leute strömen zu den Eingängen herein. Die Tempeldiener sind heute viel beschäftigt, sie halten die Gänge und die zur Aufnahme der seltenen Gäste reservierten Sitze frei. An den Bücklingen der Diener erkennt man den hohen Rang, den Reichtum der Tempelbesucher. Bis jetzt hatte nur der Unterkantor amtiert, nun aber tritt der Oberkantor zum Betpult, und hinter ihm stellt sich der vollzählige Chor mit dem Chordirigenten im Halbkreise auf. Der Prediger besteigt die Kanzel tind bereitet die Anwesenden auf den wichtigen Trauerakt vor. Heute ist das im Pentateuch eingesetzte Schlußfest, und — horribile dictu — „dieser Tag gilt den Toten". Das memento mori zieht sich wie ein düsterer Faden durch die von der Predigt angeregte Trauerstimmung. Die vornehmen Damen auf der ersten Reihe der Galerie ziehen wie auf Kommando fast gleichzeitig ihre Spitzentaschentücher hervor. Ach, sie gedenken der Toten — und auch des Todes. Die Männer ahmen ihnen nach, ein allgemeines Weinen beginnt. Reichtum, Wohlleben und dann der Tod! Ach, das ist schrecklich! Man weint und schluchzt. Wäre ein Muslim zufällig anwesend, er würde sich unwillkürlich an die Worte des Korans, erinnern: „Ein jeder von ihnen (den Juden) wünschte, er möchte tausend Jahre alt werden können." Indes hat der

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