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Die Wahrheit · 1907-10-11 · Heft 39 (11.10.1907) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1907
Issue
Heft 39 (11.10.1907)
Date
1907-10-11
Page
– (sequence 3)
Language
German
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akrchsit Redaktion 11. Sldiiiiiiifuaiioii: Wien, II/, SiouofaflQfje 27. Telcvdvu Nr. der Druckerei 15302. ünrevate Die viermal gespaltene Nonvareille-Zeile 25 Heller. Abonnementsn. JuserliouSbelräge sind in Wien zahlbar und klagbar. Avakhängige Heitschrift für jüöische Interesten.. Erscheint jeden Kreitng. Uotio: „Das 8l6^vi ttotte« i»t. Wahrheit!“ Kerngspueis: | Äunzjährig . . . Jt. 14.— j Halbjährig . . «. 7.— Für Ciiltnsbrmiitc: jährig . . ir I».-!! Für '/lii^Iiiub:;j Ä„„z,ährig . . . s Marl i| 6 Rubel oder 16 ,;cr. i! i |tr. 39. Wien, 11. Oktober 1907 Inhalt: Aus der Woche. — Modernes Judentum im Morgen- und Abendland. — Amerikanischer Brief. — Die Industrien Palästinas. — Ans der territorialistischen Bewegung. — Verschiedene Nachrichten. — Feuilleton: Versöhnte Feinde. Die geehrten Kerren Abonnenten werden um! umgehende Erneuerung des Abonnements durch Ein-! sendung des Abonnementsöetrages für das am j 1. Mtover begonnene IV. Huartat ersucht, damit! die regelmäßige Expedition des Blattes keine! Unterbrechung erleide. Ans der Woche. Wem die Schule gehört, dem gehört die Zukunft. Das! lvissen die Christlichsozialen sehr gut, und so wenig sie Freunde! der Schule sind, so sehr sind sie bestrebt, sich zu Herren derselben zu machen. Die Lehrer sollen wie in den Zeiten, die man | die guten alten nennt, obwohl sie nur auf das Epitheton alt > Anspruch machen können, wieder die ergebenen, demütigen Diener; der geistlichen Herren sein, und der Geist, der in der Schule! lebt, soll der Geist der Herren sein, die in Licht, Fortschritt und 1 Bildung ihre gefährlichsten Todfeinde sehen. Und dies mit Recht, i Die neuen Schulgesetze, die unter dem schmeichelhaften Titel j „Schulreform" in Niederösterreich seit dem Jahre 1905 in j Geltung sind, atmen schon den echt christlichsozialen Geist, aber i die Schöpfer dieser „Reform" haben inzwischen erkannt, daß sie j jetzt von ihren Machtbefugnissen noch größeren Gebrauch zu l machen in der Lage sind, und Dr. G eßmann und seine Mit-! arbeiter sind wieder eifrig dabei, durch neue „Reformen" ihr j Werk anszugestalten. Ungenierter als Dr. Geßmann hat noch! niemand seinen Standpunkt in den Schulfragen als eine bloße > Machtfrage bezeichnet. „Wer zahlt, der schafft," so erklärte er schon im Jahre 1904. Der Zynismus, der in dieser Auffassung zum Ausdruck gelangt, ist geradezu empörend. Der Landesausschnß, der in seiner Mehrheit aus gefügigen Gesinnungsgenossen Geßmanns besteht, repräsentiert wohl den Geist der j christlichsozialen Partei, aber es ist eine Anmaßung sonder-! gleichen, zu erklären, daß die Christlichsozialen auch die Schuli erhalter sind. Die Schule wird von der Gesamtheit der Steuerzahler erhalten und d a ß d i e s e gottlob nicht ausschließlich Antisemiten sind, das braucht wohl nicht erst gesagt zu werden. * » j * Herr Dr. Geßmann möge sich nur an die letzten Reichsratswahlen erinnern, die nach dem von den Christlichsozialen aus momentanen Opportunitätsgründen so beliebten allgemeinen Wahlrechte hervorgegangen sind. Dank einer Wahlgeometrie, die den christlichsozialen Wünschen bis zur Unglaublichkeit entgegenkam, ist die Majorität der Abgeordneten-Mandate in Wien den Christlichsozialen in die Hände gefallen, aber die Anzahl der Stimmen hat gegen d i e Christlichsozialen entschieden. Davon wollen die Christlichsozialeu nichts hören, aber gegen die Macht der Tatsachen, die in dem Stimmenverhältnis zum Ausdruck gelangt, kann niemand mit Sophismen erfolgreich ankämpfen. „Die Schule gehört der Gesamtheit und darum sollen nur die leitenden Organe des Staates die Schulverwaltung ausüben." Diesen ebenso richtigen als selbstverständlichen Gedanken hat emst ein Mitglied der freisinnigen Partei ausgesprochen und dieser Gedanke hat nichts an Richtigkeit dadurch verloren, daß dieser freisinnige Politiker — es ist Dr. March et — inzwischen Unterrichtsminister geworden ist. In derselben Sitzung, in welcher Dr. March et diesen Ausspruch tat, hatte Dr. Geßmann das Schlagwort von der Autonomie dazu benützt, um die Erweiterung der Rechte des Landesausschusses als einer autonomen Behörde zu begründen. Dr. Marchet trat damals — es sind nur wenige Jahre seicher verflossen — diesen Forderungen u. a. mit den trefflichen Bemerkungen entgegen: „Die Autonomie ist gewiß eine schöne Sache; wir wissen aber auch, daß sie ihre schlechten Seiten hat. Es kann die Objektivität verloren gehen. Das wertvollste Kapital im Staate, der Mensch, darf nicht falsch geleitet werden, sondern in einer Richtung, welche der Allgemeinheit dient. Das kann nur ein Organ, in welchem der Staat das Uebergewicht hat, und nicht ein solches, in welchem parteipolitische Motive vorherrschen.... Was die Schule nicht sein darf, ist ein Politikum im parteipolitischen Sinne." Alle diese Momente sprechen in womöglich noch stärkerem Grade gegen die neuesten „Schulreformen." Aber sie werden erfolglos bleiben. Dr. Marchet ist zwar noch Unterrichtsminister, aber — in welchem Ministerium geschieht denn noch etwas, was den Christlichsozialen gegen den Strich ginge? Tie Schule wird ihnen ansgeliesert, sie wird ein Politikum — im parteipolitischen Sinne, ohne Rücksicht auf das Wohl der Gesamtheit, aus die wahren Bedürfnisse des Staates, der seine Macht und Größe nur aus den Fundamenten der Bildung, des Fortschrittes und der Gerechtigkeit erreichen kann. * * Welchen Geist die Christlichsozialen in der „modernen" Schule, die eigentlich zum Mittelalter zurücksühren soll, pflegen wollen, das zeigt klar und erschreckend eine Aeußerung, die Monsignore Scheicher kürzlich im niederösterreichischen Landtag lat.

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