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Die Wahrheit · 1907-10-04 · Heft 38 (4.10.1907) · page 10

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1907
Issue
Heft 38 (4.10.1907)
Date
1907-10-04
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite 10. Die Wahrheit Nr. 38. ringer Tempelvereines mit Herrn Kammerrat Leopold Weiß, Max N e m s ch i tz, Jakob Grün, Moriz S ch w a r z und Dr. Jakob O r n st e i n. Der Konfirmand trug nach althergebrachter Sitte den betreffenden Thoraabschnitt in höchst korrekter Weise selbst vor, worauf Herr Rabbiner Dr. Templer in einer wohldurchdachten Ansprache den Barmizwahjüngling aufforderte, der im väterlichen Hause erhaltenen Lehren stets eingedenk zu sein. Die kantoralen Funktionen versah Herr Kantor Sim. Deutsch, der bereits seit längerer Zeit dortselbst amtierend, sich allgemeinen Beifalles erfreut. Wien. Vorigen Donnerstag wurde Frau Chaje Weißma n n, die würdige Gattin des bekannten hebräischen Literaten Markus Weißmann, im Alter von 78 Jahren, unter zahlreicher Teilnahme der Verwandten und Freunde des Hauses zu Grabe getragen. Der greise Gelehrte widmete seiner frommen Frau einen ehrenden Nachruf, namentlich ihre Anteilnahme an seinem geistigen Streben während der 58jährigen ehelichen Gemeinschaft hervorhebend und ermahnte seine Familienangehörigen. > von denen eine Lieblingstochter zufällig kurz vor dem Tode der alten Mutier zum Kurgebrauche hier eintraf, in ihrem Sinne und Geiste weiterzulebeu und zu wirken und io ihr Andenken am besten zu ehren. >T- 2£'3Tl Wie«. Am Erew Sukkoth begrub man hier einen hochbetagten Mann ans einer altehrwürdigen Gemeinde (Ung.-Brod). Es ist Herr Juda B r ö s l e r, der im Alter von 90 Jahren in Ehren verschied und das Glück hatte, an sämtlichen Kindern Freude zu erleben. Bemerkenswert ist, daß deffen Vater, R. Gawriel, der ebenfalls hochbetagt in seiner Heimat starb, der erste Lehrer des sel. Dr. I e l l i n e k war, bevor derselbe die Proßnitzer Jeschiba besuchte. Herr Rabbincr Dr. S ch m i e d l richtete Worte des Trostes an die von Nah und Fern erschienenen Familien- Ulitglieder. Wie«. Die Beerdigung des im 66. Lebensjahre verblichenen Tempelvorstehers David Spitz fand Montag, den 23. September, bei überaus zahlreicher Beteiligung der Mitglieder und des Gesamtvorstandes des Brigittenauer Tempelvereines statt. In Vertretung des Kultnsvorstandes erschien Kultusvorsteher S. Steiner, ebenso Deputationen der verschiedenen humanitären Vereine. Nachdem Oberkantor B a s s e r das Hazur tomim vorgetragen hatte, widmete Rabbiner Dr. A b e l e s dem allzufrüh Heimgegangenen einen seine Verdienste und Vorzüge würdigenden Nachruf. Am Grabe rezitierte Oberkantor W i t t m a n n von der Schiffschule einen .El mole rachamim. Der Obmann des Tempelvorstandes, Herr Hermann E l t b o g e n, entbot vor Senkung des Sarges in die kühle Erde erhebende Dankesworte dem dahingeschiedenen Kollegen, der durch länger als 20 Jahre opferwillig seines Amtes gewaltet hat und in ehrendem Andenken fortleben wird. Er ruhe sanft! Saaz. Der Kultusgemeindevorstand hat in seiner Sitzung vom 15. September beschlossen, unserem Oberkantor Herrn Joses Reiner in Würdigung seiner ausgezeichneten kantoralen Leistungen an den letzten Neujahrsfeiertagen einerseits und der Sachkenntnis und des Eifers anderseits, womit derselbe die Einstudierung des Chores geleitet hat. eine außerordentliche Remuneration von 200 K zuzuerkennen. Von diesem Beschlüsse wurde Oberkantor Reiner in einen! schmeichelhaften Schreiben des Kultusvorstandes in Kenntnis gesetzt. DersöHnte Keinde. Bon Babette Fried. Erstes Kapitel. Heißer Sonnenschein brütete auf dem pstasterlosen, holprigen Marktplatze eines im südlichen Teile Böhmens gelegenen kleinen Landstädtchens. Die kleinen mit alten Holzschindeln bedeckten, meist nur einen Stock hohen Häuser, welche den großen Platz umgaben, warfen kaum einen Schatten. Kein Lüftchen wehte erfrischende Kühlung zu, bewegte nicht einmal die Staubmassen, welche da aufgehäuft waren, und die solange gewöhnlich liegen bleiben mußten, bis sie von einem Windstoße emporgewirbelt, oder von einem wohltätigen Regen in eine Kotmasse verwandelt wurden. Das Institut des Gassenreinigens war in dem vom großen Weltverkehr entlegenen Städtchen noch nicht eingesührt worden. Es war recht unbehaglich und schwül um diese Mittagsstunde. Unbehaglich und schwül war es auch denjenigen zu Mute, welche um diese Zeit den sonst so öden Marktplatz belebten. So viele ihrer auch da waren, Männer, Frauen und Kinder, man hörte kein lautes Wort sprechen, am wenigsten aber hätte man ein heiteres oder gar ein Scherzwort vernommen. Leise stüsternd unterhielten sich die Nebenstehenden mit einander, und, man konnte es an ihren Mienen erkennen, über ein ernstes, trauriges Thema. Was mochte es wohl sein, daß fast sämtliche Bewohner dieses stillen Städtchens heute ihre kühlen Wohnungen verlassen hatten, um sich da auf offenem Markte den sengenden Sonnenstrahlen auszusetzen? Was war es, daß diese so fleißigen Bürger, welche sich sonst kaum des Abends ein Stündchen Zeit gönnten, um von der harten Tagesarbeit auszuruhen, oder im Wirtshause bei einem Glase Bier mit anderen Freunden die großen Zeitereignisse durchzusprechen, daß diese Leute alle heutemüßig gaffend umherstanden? O, das hatte einen gar triftigen Grund! Es war dev Sommer von 1866 gewesen, das für Oesterreich so unglückliche Kriegsjahr. Eine flüchtende Familie, welche aus Angst vor dem nahenden Feinde Haus und Hof verlassen und hier durchgezogen war, hatte den erschreckten Bewohnern des Städtchens eine gav traurige Geschichte gemeldet. Es war wieder eine Schlacht geschlagen, welche, wie so manche frühere, verloren war, und ein Truppenteil sollte auf seiner Flucht vor dem verfolgenden Feinde durch das Städtchen ziehen, um womöglich von da aus das feste Tabor zu erreichen, wo er mit den anderen Truppenteilen Zusammenstößen und hinab nach Niederösterreich zum Schutze der gefährdeten Haupt- und Residenzstadt Wien ziehen sollte. Diese flüchtenden Soldaten zu erwarten, war Alles hierher geeilt, und es war nicht allein müßige Neugierde, welche die Stadtbewohner hierher getrieben, sondern in den meisten Fällen das Verlangen, den unglücklichen Vaterlandsverteidigern eine Erquickung zu gewähren. In größeren oder kleineren Gruppen stürmten die fliehenden Soldaten dem Platze zu, schweißtriefend, mit Staub und Schmutz bedeckt, gar viele todesmatt und krank. Den sie Umdrängenden Rede und Antwort zu geben, war keine Zeit übrig; der Feind war ja auf den Fersen, und wenn man nicht in den Gassen der Stadt das furchtbare Schauspiel eines Gemetzels erleben wollte, mußte man die unglücklichen Krieger weiterziehen lassen, von tausend Segenswünschen begleitet. Kaum, daß soviel Zeit blieb, um den Eilenden einen Labetrnnk, eine Stärkung und kleine Wegzehrung zu verabfolgen. Eurer der Eifrigsten im Verteilen der Liebesgaben wav der Vorsteher der jüdischen Kultusgemeinde Ignatz Herrmann. Im dichtesten Gedränge übersah er kaum Einen, dem er nicht ein Glas Bier anbot, und sein ihm zur Seite stehendes Töchterchen Rosa langte ununterbrochen Brod und Wurst aus dem danebenstehenden Rückenkorbe, der immer wieder von der geschäftig ab- und zulaufenden Magd gefüllt wurde. Der Truppenteil, der hier führerlos in ungeordneter, kopfloser Hast durchstürmte, gehörte ja dem Regimente an, welchem Karl, der einzige Sohn des Vorstehers, zugeteilt war. Es war die diesem wohlbekannte Uniform, wenn auch vielfach zerrissen und beschmutzt, welche diese Soldaten trugen. Wiederholt wollte er nach seinem Sohne fragen, aber niemand nahm sich Zeit, ihm Antwort zu geben. Fort! Weiter t Gegen Tabor zu, das war die Losung! Ein Soldat, dem er eben mit einigen herzlichen Worten die so ersehnte Labung gereicht hatte, sah ihn forschend an und sagte, das geleerte Glas zurückgebend: „Sie scheinen ein Jsraelite zu sein, mein Herr! Kennen Sie den jüdischen Vorsteher in dieser Gemeinde, Herrn Ignatz Herrmann?" „Der bin ich selber," antwortete hastig der Gefragte. „Dies sendet Ihnen ein gefallener Kamerad!" Bei diesen Worten zog er aus der Tasche ein in schmutziges Papier gehülltes Päckchen, und fort war er, den Anderen nach. Hundert Andere kamen wieder an, noch eilender, in noch schrecklicherem Zustande. „Um Gotteswillen einen Trunk. Bier, einen Bissen Brod," flehten sie, „aber nur rasch, rasch, sonst sind wir verloren." ^Fortsetzung folgt.) Krngesendet. Sehr geehrter Herr Redakteur! Sie würden mich zu großem Danke verpflichten, wenn Sie die Güte hätten, zü konstatieren, daß ich in meinem Artikel in Nr. 36 der „Wahrheit", betitelt „Unser Religionsunterricht", auch nicht im entferntesten die Absicht hatte, eine Spitze gegen Kantoren oder sonst jemand zu richten, der sich den Rabbinertitel arrogiert. Die Mangel des Religionsunterrichtes liegen auch nicht darin, daß sich jemand einen Titel anmaßt, der ihm nicht zukommt — was übrigens kein intelligenter Mensch tut — sondern vielmehr' darin, daß die Gemeinden ungeeignete Lehrkräfte anstellen, die ihrer Aufgabe nicht gewachsen sind. Nur das wollte ich feststellen. Mit vorzüglicher Hochachtung Adolf Heinrich Landau.

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