Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1907
- Issue
- Heft 38 (4.10.1907)
- Date
- 1907-10-04
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Oesterr -ungar. Kantoren-Zeitung. Nach den Tagen schwerer und verantwortungsvoller Arbeit in den eben abgelaufenen Festtagen ist es nun eine im Interesse der Gesamtheit gelegene Pflicht eines jeden Berufsgenoffen, an die Kräftigung der kantoralen Organisation zu schreiten. Eine notwendige Voraussetzung für dieselbe ist die Erhaltung und Verbreitung des Fachblattes und darum richten wir an alle Kantoren die Bitte, den Abonnementsbetrag für das am 1. Oktober begonnene Quartal und auch die eventuellen Rückstände umgehend einzusenden. Die Redaktion. Kerledikt Singer, Oberkautor der israelitischen Kultusgemeiude iu Jungbuiizlau. Z u seinem 25jährigen Kantor-Jubiläum. Von Oberkantor Josef Singer, Wien. Unseres Erachtens sollte eine Jubiläumsfeier intim befianbdt nnd, wenn auch von der zunächst beteiligten Wirkungssphäre vollauf gewürdigt, nicht auch der Oesfentlichkeit anheimgestellt werden; denn in unserer an echt künstlerisch wirkenden Kantoren leider gar so armen Periode kommen wir ja des öfteren in die Notlage, lediglich die Wirkungsdauer nicht aber auch den Wirkungs i n h a l t feiern und begeben zu müssen. Bei dem Jubiläum, das nun der verehrte Kollege iu Jungbunzlau am Schmini-Azerethseste beging, sind wir jedoch nach jeder Richtung dieser Gefahr entrückt und ergreifen sehr gerne die Gelegenheit, einmal eine Ausnahme ein treten zu lassen. - Kollege Benedikt Singer ist eine Kantor-Individualität, deren Ursprungskeime im Vaterhaufe wurzeln. Dort, als siebenjähriger Knabe an der Seite feines Vaters, der selbst ein tüchtiger Chase» in Böhm.-Leipa war, wirkend, empfing er die allererste sympathische Anregung für unseren heiligen Beruf, so daß er selbst zu Zeiten, wo er als Jüngling durch Gymnasialstudien und kaufmännische Betätigung von der Bahn abgelenkt werden konnte, immer wieder zu Gesang und Musik neigte. So finden mir ihn als Schüler Viktor v. Rokitanskys am Wiener Konservatorium, gleichzeitig aber auch im Chore des Stadttheaters wirkend, um später am Prager Konservatorium unter Leitung des berühmten Professor Vogel tüchtige Fortbildung im Opern- und Oratoriengesange zu erfahren. Nach Beendigung all dieser nötigen Vorstudien kehrte Kollege Benedikt Singer wieder zur heimatlichen Stätte zurück, um bei seinem Vater in Böhm.-Leipa in sämtlichen Disziplinen des jüdischen Kantorates herangebildet zu werden. Ausgestattet mit umfassenden musikalischett und fachmännischen Kenntnissen, wurde Singer als blutjunger Kantor nach Friede! in Schlesien berufen und verstand es, durch überaus tüchtige Leistungen und streng moralische Lebensweise, die Aufmerksamkeit der großen Gemeinde Jungbunzlau ans sich zu lenken, die ihn nach kaum zweijähriger kantoraler Wirksamkeit im Jahre 1882 als Oberkantor berief. Für uns Fachgenossen genügt wohl die Tatsache, daß Kollege Benedikt Singer diese selten lange Zeitperiode hindurch in einer Gemeinde wirkte, trotzdem die Versuchung zu wiederholten Malen an ihn herantrat, einen äußerlich vielleicht verlockenderen Posten einnehmen zu können. Kollege Benedikt Singer ist einer jener seltenen Kantor-Individualitäten, die bei der größtmöglichen fachmännischen Leistungsfähigkeit immer noch kein Genügen findet, sondern auch in pädagogischer, musikalischer und literarischer Beziehung sich geradezu rühmlich betätigte, wie wir ja das letztere auch im Rahmen unseres Blattes zu wiederholten Malen anzuerkennen Gelegenheit fanden. Deshalb neigen sich auch unsere herzlichen Gefühle diesem braven Kollegen an seinem Jubeltage voll und ganz zu, mit dem Festeswunsche, daß es ihm von der Vorsehung gegönnt sein möge, noch viele Jahre in seinem Wirkungskreise segensreich zu schaffen, zu seiner eigenen Befriedigung, zum Heile seiner ansehnlichen Gemeinde, znm Glücke seiner lieben Angehörigen und zur Hebung unseres Standes, als dessen ausgezeichneter Vertreter er allgemeine Wertschätzung genießt. Schlitz gegen nngerechte Kündigungen Wir werden um Ausnahme folgender Zuschrift ersucht: „Ich hatte die Absicht, mich schriftlich um den Oberkantorposten in Lundenburg zu bewerben, als ich jedoch hörte, daß dem dortigen Kollegen von Seiten der Gemeinde gekündigt worden sei, faßte ich den Entschluß, vorerst nach Lundenburg zu fahren, um mich persönlich über die dortigen Verhältnisse zil informieren. Ich kam also hin mib besuchte den Herrn Rabbiner, der mir entschieden abriet, einen sicheren, soliden Posten auszugeben und hieher zu gehen. Dem gegenwärtigen Oberkantor ° Perlmann sei nicht das Geringste nachzuweisen, was eine Kündigung rechtfertigen, würde und seiner Meinung nach sei dieselbe nur aus persönlichen Gründen erfolgt. Im Weiteren erfuhr ich, daß die Lundenburger Gemeinde überhaupt den Kantoren nicht wohl gesinnt sei nnd auch in Zukunft keinem Kantor das Definitivnm geben werde. Mein Besuch bei dem Rösch Hakohol bestätigte nur die Eindrücke, die ich von meinen bisherigen Informationen empfangen hatte. Als ich seine Frage, ob ich ein Bewerbungsgesuch bereits eingereicht habe, mit dem Hinweise verneinte, daß ich mich vorerst über die Verhältnisse hier erkundigen wollte, sagte er mir selbst folgendes: „Wenn Sie einen guten Posten haben, so geben Sie ihn wegen Lundenburg nicht auf, das kann ich Ihnen raten." Dann teilte er mir die gegen Herrn Perlmann vorgebrachten Beschwerden mit. Er sei nicht musikalisch (ein Fachmann, der den Kollegen Perlmann sehr gut kennt, behauptet das Gegenteil), er gebe sich keine Mühe mit dem Chor, die jungen Leute wollen unter ihm nicht Mitwirken, er sei ihnen nicht sympathisch, ferner schlachte er nicht gerne das Geflügel, mozit er verpflichtet sei. Jetzt sei er wohl schon pünktlich in seinen Funktionen, kvmme zeitlich früh in den Tempel und bete auch Samstag früh Schachrith, was er früher nicht gerne getan habe, l All dies bestärkte mich jedoch in meiner Ansicht, daß dem Kollegen Perlmaun großes Unrecht seitens der Gemeinde angetan werde. Hub wenn vielleicht früher irgend eine Pflicht- , Versäumnis vor lag. was jetzt nach den eigenen Worten des Vorstehers nicht der Fall ist, so war dies noch immer kein triftiger Grund für die Kündigung, und die Gemeinde Lundenburg durste! Herrn Perlmann umsoweniger ums Brot bringen, als er vorher : einen definitiven Posten innehatte und man ihn in Lundenburg mit alle» möglichen Versprechungen zum Verlassen desselben bewogen hatte. Aus dem mir vorgelegten Protokollbuche ersah ich auch,! daß der im Konkurse ausgeschriebene Gehalt nicht der reine > Gehalt sei, sondern sich ans dem Schechita-Einkommen. dem! Religionsunterrichte, dem Kantorale und den Stiftungen zu-; sammensetze. Bei der Ausschreibung wurden alle diese Einkünfte! zusammengezogen, um den fixen Gehalt scheinbar zu vergrößern! imb bessere Kräfte anzulocken.! Der Herr Vorsteher zeigte mir einen ganzen Stoß von > Offerten, — auch ein Wiener Kantor habe sich für seinen Schwieger-! sohn verwendet — und versprach mir, mich zu berufen, wenn ich bis 1. Oktober meine Bewerbung einreiche. Im Ganzen wolle er nur vier Bewerber berufen. Nach all dem Gehörten entschloß ich mich jedoch, kein Offert eiuzureichen und hoffe auch, daß alle übrigen Kollegen von ihren Bewerbungen zurücktreten. Nur dann, wenn sämtliche Kollegen sich von solchen Gemeinden, wo einem Kollegen offenes Unrecht angetan wird, solidarisch fernhalten, wird jeder sich selbst und seine Kollegen gegen Unrecht und Willkür seitens der Gemeinden wirksam schützen können. Um aber diese Solidarität zn pflegen und zu fördern, gibt es nur ein Mittel, und das ist der enge Zusammenschluß aller Kantoren in unserem österr.- ungar. Kantoren-Berein, der dann als Repräsentation des gesamten Kantorenstandes erhöhte Geltung finden wird." R.