Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1907
- Issue
- Heft 38 (4.10.1907)
- Date
- 1907-10-04
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3062972-3063367-3063405--05067-3071960- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Leite 8. Die Wahrheil Nr. 38. — für Palästina noch eine Neuheit — haben neu anzulegende Mühlen einen wesentlichen Vorteil über die bestehenden, von denen die meisten nur durch Petroleummotore getrieben werden, deren Materialverbrauch etwa dreimal so teuer ist. Verschiedene Mühlenbesitzer lassen zurzeit ihre Maschinen aus das neue System abändern. In Bezug aus die Wein- und Kognaksabrikation ist schon häufig der Produktion durch die jüdischen Kolonien Erwähnung getan worden. Einige nähere Angaben über diese größte aller jüdischen Industrien im Lande dürsten hier willkommen sein. Die von Baron Rothschild angelegten Kellereien von Rischon le Zion, die mit den modernsten Maschinerien — in manchen Beziehungen sogar überreich — ansgestattet sind, bieten 100.000 Hektolitern Platz. Die Kellereien stehen jetzt unter der Kontrolle der Kolonisten selbst. Tie verschiedenen weinbauenden Kolonien Judäas haben ein Arrangement getroffen, wonach nur folgende Quantitäten Trauben von jeder . Kolonie in den Kellern von Rischon und Sichron-Jakob zur Verarbeitung kommen dürfen: Von Rischon. 9000 Kantar .. Rechowoth. 5500 Sichron. 5000 „ Katra.1750 Peiach-Tikwah . . . 1600 „ Wad el Chanin . . 500 Hierzu ist zu bemerken, daß der Kantar Traubeit (288 kg) etwa 2 Hektolitern llgrädigen Weins gleichgerechnet wird. Die Kolonie Katra liefert auch ihr Quantum nicht in Trauben (wobei wegen des weiten Transportes viel verloren gehen würde), sondern in Alkohol (21 Liter lOOgrädigen ans 1 Kantar Trauben). Das Fassungsvermögen des Rischoner 'Kellers beträgt an 100.000 Hektoliter. Der mangelnde Absatz des Produktes hat aber eine wesentliche Einschränkung der Produktion notwendig gemacht. Trotzdem repräsentieren die oben genannten Ziffern nicht die ganze jüdische Weinproduktion, da in verschiedenen Kolonien im Lause der letzten Jahre mehrere kleinere Kellereien errichtet worden sind. Die Q e l e x t r a k t i o n und die Herstellung von Q l i v e n ö l s e i s e. Diesem bisher nur von Arabern im Kleinbetrieb ansgeübten Fabrikationszweige haben sich neuerdings jüdische Kapitalisten zugewendet, und es bestehen zurzeit schon drei größere Fabriken t bei Lydda, bei Haifa und bei Jerusalem), die im wesentlichen nicht Oliven, sondern die Preßrückstände der arabischen Betriebe aus Oel verarbeiten. Dieselben Fabriken haben auch die Pflanzung von Rhicinus in verschiedenen jüdischen Kolonien angeregt und dürsten sich künftig auch mit weiteren einschlägigen Fabrikaten befassen. Jit geringem Umsange werden auch an mehreren Stellen im Lande ätherische Oele gewonnen; so in Jaffa und in der jüdischen Kolonie Artus. Von den verschiedenen T e x t i l Projekten ist bis zurzeit von jüdischer Seite noch nichts durchgesührt worden, jedoch wird bereits an der Installation einer Wollwäscherei in Rischon gearbeitet. Ganz möglich, daß die Gründung auch das Zustandekommen der längst geplanten Spinnerei und Weberei beschleunigen wird.*) Die m e ch a n i s ch e W e r k st ä t t e u n d E i s e n g i e ß e r e i von Stein in Jaffa ist das älteste und zurzeit wohl noch das größte jüdisch-industrielle Unternehmen im Lande. Diese Fabrik beschäftigt etwa 70 Arbeiter und hat einen wesentlichen Teil aller maschinellen Einrichtungen Süd-Palästinas hergestellt, resp. vom Ausland bezogen. Die Fabrik gehört einer Aktiengesellschaft, die beträchtliche Dividenden zahlt. Neben der Steinschen sind noch einige kleinere mechanische Werkstätten in jüdischen Händen. *) Im Anschluß qu die Entwicklung solcher Industrien wird künftig vielleicht auch an die Einführung gewisier Spezialitäten der Konfektionsvranche gedacht werden können. Zurzeit verhindern die Schleuderpreise, zu denen hauptsächlich österreichisches, vorjähriges Fabrikat im Orient verkauft wird, das Aufkommen derartiger Industrien. Der Arbeitslohn spielt auch in der europäischen Fabrikation gegenüber dem Material eine zu geringe Rolle, als daß ausländisches Material mit Vorteil in Palästina verarbeitet werden könnte. Von kleineren jüdischen Industrie-Unternehmungen, die teils dem Umsang nach nicht eigentlich Industrien genannt werden können, teils sich erst im Anfangsstadium befinden, sind zu nennen: eine Korkpsropsensabrik in Jaffa, „ kürzlich begründete Schuhwarenfabrik, Fabrik für Dachpappe und Dachleinen, „ „ „ Eisenbettstellen und Eisenmöbel, .. Eisfabrik (Roheis). Außerdem werden in ganz kleinen Betrieben hergestellt: Konfitüren, Geldschränke und Makkaroni. Die Makkaronisabrikatiou scheint besonders ansdehnnngssähig und aussichtsreich. Der von Palästina exportierte Weizen eignet sich zum Teil vorzüglich für diese Fabrikation, die'schon im Lande einen stetig steigenden Markt findet. Die Billigkeit von Eiern in manchen Teilen des Landes und die Vorzüglichkeit mancher Gemüsearten, eröffnet gute Aussichten für Eiermakkaroni und Gemüsepasten. (Schluß folgt.) Ans einer niederösterr. Gemeinde. W i e n, 28. September. Am 16. d. M. beehrte mich der Vorsteher der israel. Kultusgemeinde Wiener-Neustadt mit seinem Besuche und stellte mir, da icb ihm von einer hochachtbaren und einstußreichen Persönlichkeit des Wiener Knltusvorstandes empfohlen wurde, den Antrag, den m seiner Gemeinde vakant gewordenen Prediger- und Religionslehrer-Posten anzunehmen und schon am 18. September, am Jom Kippur, im dortigen Tempel als Prediger zu fungieren. Zu meinem tiefsten Bedauern sah ich mich veranlaßt, diesen mich ehrenden Antrag dankend abzulehnen, weil ich, der ich durch vieruudvierzig Jahre laug als Rabbiner, Prediger und Religionslehrer gewirkt, das Bedürfnis fühle, bei meinen in Wien domizilierenden Kindern zu verweilen, und so jange der Himmel mir beisteht, meine Kraft nach wie vor der Wissenschaft des Judentums zu widmen. Seinem Verlangen jedoch, am Jom Kippur im Wiener Neustädter Tempel zu predigen, versprach ich nachzukommen. Am anderen Tag, nämlich Erew Jom Kippur, fuhr ich nach Wiener Neustadt, und ich muß offen gestehen, daß das überaus freundliche Entgegenkommen der sehr achtbaren Gemeindevertretung, der neuerbaute prachtvolle Tempel, wie der in demselben abgehaltene feierliche und erhebende Gottesdienst auf mich einen äußerst günstigen Eindruck gemacht haben. Die Wiener Neustädter Gemeinde hat eine große Vergangenheit. Schon im Mittelalter prosperierten hier eine sehr berühmte talmudische Hochschule, die von hervorragenden Gelehrten geleitet wurde. Wir erinnern nur an R. Israel Jsserlein b. Petachja, der von seinen Kollegen, wie überhaupt von den deutschen Juden, seiner großen talmudischen Gelehrsamkeit wie seines edlen Charakters wegen als erste rabbinische Autorität anerkannt und gefeiert wurde. Seine Responsen Terumot hadesclien zeugen von seltener Gelehrsamkeit und ungewöhnlichem Scharfsinn. Auch die gegenwärtige Kultusgemeinde in Wiener Neustadt, die erst nach dem Freiheitsjahre 1848 gegründet wurde, erfreut sich der schönsten Prosperität. Sie zählt nach Angabe des Union-Kalender 220 steuerzahlende Mitglieder und bringt für die Erhaltung ihrer religiösen Anstalten und Humanitären Institutionen bereitwilligst die größten Opfer. Besonders hervorgehoben zu werden verdient, daß die ehrenwerten intelligenten Mitglieder dieser Gemeinde die Wissenschaft und die Träger derselben zu würdigen verstehen. Dies beweist eine Zuschrift, die Schreiber dieser Zeilen vor einigen Tagen vom dortigen Gemeindevorstande erhalten hat,'in welcher mit dem Ausdrucke des Bedauerns über die motivierte Ablehnung der angebotenen Seelsorgerstelle demselben unter Beilage eines Ehrengeschenkes -für die erhebende Funktion am Jom Kippur aufrichtiger Dank ausgesprochen wird. Wahrlich, diese Zuschrift gereicht nicht nur mir, sondern auch der Gemeinde zur Ehre. Das Judentum hat nur dem „Kowaud Hatauro“ der Verehrung und Schätzung der Thora und deren Träger seine vieltausendjährige Existenz zu verdanken. Dr. 21. 2. Fr. Aus der trrritorialistilchen Kemeguug. W a r s ch a u. Hier fand durch drei Tage eine Konferenz r u s s i s ch e r T e r r i t o r i a l i st e n statt, die zu Schluß an Mr. Zangw i l l ein Telegramm sandte, welches vom Präsidium der Konferenz, M a n d e l st a m m, Paper i n und F i n k e l st e i n. gezeichnet war und folgenden Wortlaut hatte: „Eine in dieser Stadt tagende Territorialistenkonferenz übermittelt Ihnen nach dreitägiger eingehender Beratung aller reifen Probleme der Bewegung ihre Grüße und den Dank für Ihre unermüdliche erfolgreiche Tätigkeit im Interesse des Wohles unseres Volkes." Die Konferenz gab auch ihrer Befriedigung über die Tätigkeit Dr. Jochelm a n n s im Emigrationsdepartement der „I t o" Ausdruck. Es wurde der Beschluß gefaßt, den Sitz des Aktionskomitees der russischen rerritoriaii st i scheu Organisation von Warschau nach Kiew zu verlegen (nicht umgekehrt, wie ein hiesiges Blatt berichtet hat. Anm. d. Red.), wo Dr. M a n d e l st a m m als