Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1907
- Issue
- Heft 38 (4.10.1907)
- Date
- 1907-10-04
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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div. 38. Die Wahrheit Seite 7. Tagen vor den Festen fragt alle Welt die mit dem jüdischen Kalender besser vertrauten Freunde und Bekannten: „Wann ist man Maskir?" das heißt wörtlich: „Wann bringt man in Erinnerung (die Toten vor Gott)?" Und an den Tagen und an den Stunden, wo man „Maskir" ist. ziehen die Scharen der jüdischen Bevölkerung Wiens, die sich sonst gar nicht um Religion, Kultus und Pietät kümmern, in die Synagogen, hier Tempel genannt, und eine Polizeiwache steht davor, um während der ein- oder zweistündigen Dauer der Totenfeier den Andrang abzuwehren und die Ordnung aufrecht zu erhalten. Ist die Totenfeier oder, wie das Maskir von den Modernsten genannt wird, „die jüdische Allerseelenfeier" vorüber, so hat man genug getan für Religion und Pietät, und lange vor der Beendigung des offiziellen Gottesdienstes leert sich das Gotteshaus. Adieu. Gotteshaus, adieu, Religion und Pietät, zum nächsten „Maskir" gedenken wir eurer wieder. Man bezeichnet diesen modernen synagogalen Kult gern mit dem schönen Namen „Pietät", doch der Name täuscht keineswegs über die Wirklichkeit hinweg. Die wahre Pietät, die das Judentum seit seinen Uranfängen kennt und übt, ist etwas ganz anderes als eine pomphafte Feierlichkeit, als hohles Zeremoniell und äußerlicher Totenkultus. — — — — Fürwahr, die Schilderungen Obermeyers von der Seelenfeier in den modernen Synagogen sind vollkommen naturgetreu, und wer z. B. dem Gottesdienste am letzten Schemini- Azereth-Feste im Wiener Stadttempel beiwohnte, wird, gleich anderen Beobachtern in den meisten übrigen Synagogen, bestätigen können, daß kaum noch das „Maskir" beendigt war, fast der halbe Tempel sich leerte und durch den geräuschvollen, vorzeitigen Abgang so vieler Synagogeubesncher die ganze Andacht des Gottesdienstes gestört wurde. Allerdings hat Herr Oberrabbiner Dr. G ü d e m a n n seinem Unmut hierüber offenbaren Ausdruck gegeben, aber mit dem flüchtigen Tadel, den er in die Einleitung zu seiner Predigt einflocht, wird für die Zukunft wenig geholfen sein, vielmehr müssen sich Rabbiner und Kultusvorstand vereinigen, um durch entsprechende Maßnahmen solchen Störungen des Gottesdienstes wirksam zu begegnen. Freilich wird dabei die Erkenntnis durchdringen müssen, daß das gegenwärtig übliche Zeremoniell der Maskirfeier und die ungewöhnlich lange Ausdehnung derselben durch interesseloses Namenverlesen mit Schuld trägt an den bedauerlichen Erscheinungen. _ Die Memoiren des Fürsten Urnstom. Der frühere Gouverneur von Kifchinew, Fürst Uru f f o w, der sich, wie erinnerlich, in der zweiten Duma nicht gescheut hat, die geheimen Verbiudungsfäden zwischen der schwarzen „Hundert" und den einflußreichen Regierungskreisen und die aktive Mitschuld der Regierung an den blutigen Pogrom von Kischinew schonungslos aufzndecken, hat jetzt Erinnerungen ans seiner Gouverneurzeit herausgegeben, die das Jntriguenspiel der leitenden Kreise grell beleuchten. Nach dem Pogrome von Kischinew, wo Amerika sich durch eine Deputation wegen der scheußlichen Verbrechen an einer unschuldigen Bevölkerung an den Zaren melden wollte, da erdachte Plehwe ein geschicktes Mittel, um sich vor Europa reinzuwaschen: Er ernannte den Fürsten Urussow, der von jeher als biederer und ehrlicher Charakter galt, zum Gouverneur von Kischinew. Plehwe hoffte, ans diesem wahrheitsliebenden Edelmann, der bei dem Antritt seiner Amtstätigkeit, wie Urussow selbst gesteht, über die Judenfrage wenig unterrichtet war, mit der Zeit einen russisch-tüchtigen Beamten im vollsten Sinne des Wortes zu machen. Die letzten Worte, welche Plehwe Urussow vor seiner Abfahrt nach Kischinew sagte, waren: „Handeln Sie, wie Sie es verstehen, die Hauptsache ist nur, daß Sie gute Resultate erzielen. Eins aber sage ich Ihnen beim Abschied, bitte weniger Reden und weniger sentimentale Judenfreundschaft." Plehwe dachte in Urussow, wie in dem damaligen Direktor des Polizeidepartements, Lopuchin, typisch-russische Beamte mit einer liberalen Färbung zu finden. Plehwe hat sich getäuscht. Fürst Urussow ist durch seine kurze Anwesenheit in Kischinew und durch seinen Verkehr mit den Juden ein ..Judophil" geworden. Der Fürst erklärt: „Für mich selbst nahm die Judeufrage eine klare Gestalt an, seit der Zeit, als ich diese Frage vom Standpunkte der moralischen Forderungen und Interessen des russischen Volkes betrachtete. Ich will versuchen, in kurzen Zügen meine Gedanken zu erläutern. Einer meiner nächsten Mitarbeiter in Bessarabien, der älteste Rat der Gonvernementsverwaltung v. P., ein Mann von gutmütigem Charakter, liebte immer zu erzählen von seiner Gewandtheit, die er im polizeilichen Dienste bekundete. Vor 20 Jahren war ich genötigt, der Hinrichtung eines Juden beizuwohnen. Der Verurteilte hing die nötige Minutenzahl am Galgen und wurde dann heruntergenommen, als der Arzt den Tod feststellte. Es erwies sich, daß man vergessen hatte, den langen, dichten Bart des Juden abzurasieren. Infolgedessen halte die Schlinge nur eine Ohnmacht, nicht aber den Tod verursacht. „Stellen Sie sich meine Lage vor," erzählte mir P., „als der Arzt mir sagte, daß der Jude (Shid*) nach fünf Minuten erwachte. Wie verfahren? Ein zweites Mal ihn aufhängen, hielt ich für unbequem, andererseits mußte die Todesstrafe vollstreckt werden." „Was taten Sie?" fragte ich, und erhielt die mir denkwürdige Antwort: „Ich befahl, ihn schnell zu begraben, ehe er erwachte." P. gestand, daß er einen Christen nicht lebendig begraben hätte, während ein ähnlicher Fall mit einem Juden ihn nicht in Verlegenheit setzte. Er war davon überzeugt, daß er gescheit und geschickt gehandelt habe. Ein anderer charakteristischer Fall ereignete sich in Moskau. Eine junge Jüdin wollte Kurse besuchen, aber sie mußte die Stadt verlassen, weil sie kein Wohnrecht hatte. In ihrer Verzweiflung griff das junge Mädchen zu einer List und nahm den Schein für das Treiben desjenigen Gewerbes, durch welches junge Jüdinnen das Wohnrecht überall erlangen. Aber das Auge der Polizei wachte: man unterwarf sie einer medizinischen Begutachtung, welche erwies, daß sie ihr Gewerbe nicht betrieb, und schickte sie dann endgiltig nach ihrer Heimat zurück. Bei diesen beiden Geschehnissen erschütterte mich weniger das Schicksal der Opfer, als jener geistige Prozeß, durch welchen unsere mittleren Beamten sich die Gewohnheit aneignen, für den rechtlosen Juden besondere moralische Normen zu gebrauchen. Meiner Ansicht nach ist es nicht sowohl für die Juden, wie für Rußland selbst die Abstumpfung des moralischen Gefühls von Schaden, welche sich bei dem Vollstrecken der Judengesetze ausgebildet hat und welche unbedingt als Merkmal eines zuverlässigen und treuen Untertanen dient. Fürst Urussow fragt dann zuletzt: „ob die Haltung der russischen Offiziere und Soldaten während der jüdischen Pogrome der Würde der russischen Armee entspreche? Ist es nicht eine Entartung christlichen Geistes, wenn die kirchliche Obrigkeit jene barbarische Predigt des Hasses gegen die Juden nur deswegen auf der Kanzel gestattet, weil die Zivilgewalt die Juden außerhalb des Gesetzes gestellt hat? Deshalb schrecke ich nicht im mindesten vor der Anerkennung der Gleichberechtigung der Inden zurück. Ich sehe darin nur ein Mittel, uns von den demoralisierenden Kampfesmitteln gegen die Juden zu befreien. Wenn es auch nötig ist, dem jüdischen Einflüsse Widerstand zu leisten, so möge doch dieser Kampf bei einer friedlichen Entwicklung der Kräfte stattfinden. Ich bin überzeugt, daß das russische Volk dabei weder seiner materiellen Güter, noch seines geistigen Reichtums verlustig gehen wird." Die Indnstrien Palästinas. Von Davis Trietsch, Jaffa. (Fortsetzung.) In der Mühlenindustrie sind die Inden ziemlich gut vertreten. Man findet jüdische Mühlen in Jaffa und in Jerusalem und an vielen anderen Orten des Landes. Eine der Jerusalemer jüdischen Mühlen ist sogar die größte im Lande. Es ist ein noch neues Unternehmen, das bereits mir einer Sauggasanlage (über 70 Pferdestärken) arbeitet. Durch die Sauggasmotoren *) Shid (Jude) ist ein Schimpfname, während die richtige Bezeichnung für Jude in russisch „Jewrei" ist.