Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1907
- Issue
- Heft 38 (4.10.1907)
- Date
- 1907-10-04
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6. Die Wahrheit Nr. 38. Und wollen Sie noch mehr des Absonderlichen, sprach Ibrahim weiter, über diese Art von „Tempeln" hören? Und das Auge des ernsten, jungen Arabers flammte auf. In München, sagte er, besuchte ich kürzlich an einem Samstag die Reformsynagoge. Zu meinem Erstaunen hörte ich Frauenstimmen bei den Chorgesängen. Gut, dachte ich, die europäische Zivilisation ist so sehr in der Weiblichkeit aufgegangen, die Zivilisierten haben sich -so sehr darin eingelebt und abgelebt, daß die verlockendste Sirenenstimme nicht im Stande ist, die Andacht dieser sonderbar gearteten Beter abzulenken. Wie sehr erstaunte ich aber erst, als mir beim Verlassen der Synagoge ein Bekannter mitteilte, daß beim Chorgesang mehrere Christinnen Mitwirken, daß also Christinnen die Benediktion mitsingen „Gelobt sei Gott, der sein Volk Israel in Liebe auserkoren hat"; daß Christinnen die Schlußhymne mit anstimmen „Uns liegt es ob, den Herrn des Alls zu preisen darob, daß er uns nicht gemacht hat wie die übrigen Völker der Erde" usw.; daß Christinnen — und dies ist der springende Punkt — Bekennerinnen der Dreifaltigkeitslehre und Anbeterinnen des Kreuzes, ihren Glauben vor dem jüdischen Bethanse ablegen und drinnen den einig-einzigen Gott preisen, der auf Sinai sprach: „Du sollst dir keinerlei Bild machen . . . Du sollst dich nicht vor ihm beugen und es anbeten . . ."*). Ich weiß nicht, sagte Ibrahim ibn Abdallah, wen ich bei diesem frivolen Spiele im ..Hause der frommen Andacht" mehr anklagen soll: die Juden, welche Christinnen zum Chorgesang in ihren Synagogen heranziehen, oder die christlichen Sängerinnen, die sich für einige Silberlinge zu diesem Spiele, diesem Rollenwechsel in einem ernster Andacht geweihten Hause hergeben. Wahrlich, diese eine Tatsache kennzeichnet das Wesen des deutschen Reformjudentums zur Genüge. — — — — Die orthodoxen Inden — nein, diese Bezeichnung ist heute schon unbeliebt, die Herren nennen sich mit Vorliebe „die konservativen. die gesetzestreueu, die traditionellen Juden, die Bekenner der von den Vätern ererbten Religion" — sind in den deutschen Städten den Reformjuden gegenüber in der Minorität. Sie bilden hier eine von den Reformjuden abgesonderte kleinere Gemeinde; dagegen sind sie auf dem Lande, besonders in einem großem Teile Süddeutschlands, in der Majorität. Das konservative Judentum ist, soweit es in Bescheidenheit und Duldsamkeit seinen Standpankt vertritt, ohne sich in nebensächlichen religiösen Gebräuchen allzu schroff den freier Denkenden gegeuüberzustellen, in den Augen aller vornehm denkenden und religiös fühlenden Menschen sicherlich geachteter als das Reformjudentum. Allein der deutsche konservative Jude, besonders der reiche, prahlt gern mit seinem Konservativismus, den er als eine Art Sport betreibt und zur Schau trägt. Er hängt an dem Nebensächlichen, Auffälligen, an dem erst in späterer Zeit hinzugekommenen, dem Mystizismus oder auch dem Aberglauben entlehnten Beiwerk mehr als an dem Wesentlichen, ja, er vernachlässigt oft dieses zugunsten des Unwesentlichen oder läßt es ganz außer acht. Das zeigt zunächst den Mangel an wirklichem Ernst, gar oft die Folge der geringen religiösen Bildung. In dieser Erkenntnis hat der Weise in den „Sprüchen der Väter", II 6, gesagt: „Ein Unwissender kann nicht religiös sein", und aus diesem Grunde ist das Studium.der „Lehre" einem jeden Juden zur allerersten Pflicht gemacht.- Obermeyer stellt in religiöser Hinsicht den Osten viel höher als den Westen. Das religiöse Leben der Inden im Morgenlande, so führt er aus, der Gottesdienst in ihren Synagogen, ist in seiner äußeren Einfachheit und Ruhe poesiereicher, würdevoller und erhebender als der Kult in den abendländischen Synagogen, insbesondere in denen des modernen reformierten Judentums. In den Synagogen dieser Neujuden — denn das Reformjudentum ist eine Neubildung — tritt das pomphafte Aeußere, der pathosreiche Vortrag, das übertriebene neuartige Zeremoniell hervor, was das Auge zwar blendet, das Ohr fasziniert, aber das Herz, das Hauptorgan der Gottesverehrung, kalt läßt. Ueberall Feier, nichts als Feier mit rauschender Musik und künstlerischem, fast nur für den Kunstkenner berechnetem *) II. B. M. 20, 4-5. Gesang. Im Morgenlaude dagegen, selbst dort, wo die Kabbalah zuweilen mit hinein spielt, ruhiger Ernst, Sammlung des Gemüth, Herzensandacht, Herzensmusik — „warme Menschenbrust und nicht kalte Orgelpfeifen"- Im Abendlande prunkvolle Synagogen, mit Schmuck und allerlei Zierat überladen, der Betraum in mystisches Halbdunkel gehüllt — im Morgenlande einfache und doch imposante Bethallen mit weißgetünchten Wänden, hell und freundlich, von der lieben Sonne durchleuchtet. Im Abendlande zieht das Auge und das Ohr in das Gotteshaus — im Morgenlande das Herz.- Treffend wird in dem Buche die Physiognomie eines modernen Tempels an einem Wochentage gezeichnet. Unser Gast Ibrahim ibn Chakham Abdallah, so heißt es, besuchte, eingedenk des talinudischen Ausspruches: ..Wer ein öffentliches Bethans in seiner Stadt hat und es nicht aufsucht, wird ein böser Nachbar genannt," fast täglich das seinem Wohnhaus zunächst gelegene Bethans, eine moderne Reformsynagoge. Alltäglich derselbe Anblick: das Haus war nur spärlich besucht, und selbst diese wenigen Besucher sind nicht erschienen, um die üblichen Gebete zu verrichten — legten sie ja nicht einmal Gebetmantel und Riemen an. Ihre Anwesenheit galt einem ganz besonderen Zweck. Als nämlich zum Schluffe des Gottesdienstes der Vorbeter sich anschickte, das letzte „Kaddisch", einen in der nachtalmudischen Zeit verfaßten und der Liturgie eingefügten Hymnus zu rezitieren, da traten alle Anwesenden zum Vorbeterpult, stellten sich hinter dem Vorbeter auf und sagten mit ihm das Kaddisch. Diese Leute waren zum Teil im Trauerjahr oder hatten „Jahrzeit" um Vater oder Mutter, bei welcher Gelegenheit die Söhne, einem mittelalterlichen, am Rhein entstandenen Brauche folgend, das Kaddisch zu sagen pflegen, zum Teil waren es bezahlte Leute, die für fremde Verstorbene Kaddisch zu sagen hatten. Während des Kaddischsagens waren die Synagogenbänke leer; sämtliche Synagogenbesncher waren eben bloß des Kaddischsagens wegen gekommeil und zum Vorbeterpult hingetreten. Wenn Ibrahim mich nach dem Synagogenbesuche traf, pflegte er zu sagen: „Euer modernes Judentum scheint mir nur im Kaddischsagen zu bestehen, und eure Synagogen scheinen bloß für die Kaddischsager da zu sein." Ibrahim hat recht. Das Kaddisch bildet heutzutage neben dem „Maskir" d.as Um und Auf des modernen praktischen Reformjudentums. Würdigende Beachtung seitens der kompetenten Kreise sollten die Bemerkungen finden, die Obermeyer über die Mißbräuche bei der Seelengedächtnisfeier macht, denn kein Vorurteilsloser kann sich verhehlen, daß mit der Zeit über den Schein und das Aeußerliche das Wesen und die Bedeutung dieser Feier verloren gegangen ist. Das moderne Reformjudentum, heißt es, hat seit einigen Jahrzehnten aüch die Toten- und Seelenfeier in den Kreis des öffentlichen offiziellen Religionskultus gezogen und zu einer allgemeinen pompösen Synagogalfeier ausgeftaltet. Die paar Jahrzehnte seit ihrer Einführung haben genügt, sie bei dem weitaus größten Teile dieser Juden derart einzubürgern, daß sie heute als das Alpha und Omega ihrer rituellen Handlungen angesehen wird; in der Tat gilt der seltene Synagogenbesuch heute ausschließlich dieser Feier. Man sehe sich gewisse Berliner Tageszeitungen unmittelbar vor dem jüdischen Versöhnungsfeste an und mün wird sich leicht davon überzeugen. Etwa zwanzig Synagogen und Bethallen Berlins kündigen da im Annonzenteile den Festgottesdienst an, und überall wird mit Ausschluß jeder andern gottesdienstlichen Handlung einzig und allein der Beginn der Seelenfeier und der sie einleitenden Predigt angekündigt. Also die Seelenfeier der wichtigste gottesdienstliche Akt an diesem im religiösen Leben des Juden wichtigsten Tage des Jahres, die größte Attraktion für die Besucher des Gotteshauses! Aber nicht nur am Versöhnungstage, auch an den drei jüdischen Hauptfesten wird in den meisten Gegenden die Totenfeier veranstaltet, und wie am Versöhnungstage ist auch an den drei Hbuptfesten, „den Tagen unserer Freude", die Totenfeier der einzige, der ausschließliche Zweck des Synagogenbesuches. In Wie n und ganz Oesterreich ist die Totenfeier am Versöhnungstage und an den drei Hauptfesten gleichfalls seit einigen Jahrzehnten eingeführt. Die allgemein in Oesterreich übliche Bezeichnung für diese Feier ist „Maskir", und an den