Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1907
- Issue
- Heft 38 (4.10.1907)
- Date
- 1907-10-04
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 38. Die Wahrheit Leite ö. „Warum denn?" „Denken Sie sich nur, so eine Gans von einer Schneiderin, bringt mir das Seidenkleid ohne Spitzenkragen. Hätte ich s o gehen können? Da schauen Sie nur, wie das gemacht ist. Hätte ich wenigstens die Federnboa darüber, aber die ist — wirklich zu dumm — noch nicht gerichtet." „Die schöne Boa von vorigem Jahr?" „Ja die, ich lasse sie etwas kürzer machen. Sie hat mich 500 Kronen gekostet."- Wieviel arme Leute hätten sich mit diesem Gelde sattesten können! * Zwei Damen begegnen wir beim Ausgange. Sie sind von Kindern und Dienstmädchen umgeben. Die Kinder haben Hunger. „Sie fasten den ganzen Tag?" fragt die eine Dame die andere. „Ich habe es nicht aushalten können, zu Mittag habe ich etwas nehmen müssen." „Ich hake schon früh meine Schokolade trinken müssen, ich bin das schon so gewohnt." Die Kinder schreien durcheinander: „Mama, was sollen wir uns kaufen?" „Maina, der Rudi hat alles Obst aufgegessen." „Da haben Sie, Anna, kaufen Sie den Kindern Schinken." — Und mit einer süßen, melodischen Baritonstimme singt der Vprbeter: Hine jom hadin! 4- * * Ich suche wieder meinen Belsitz auf. Der Tag geht schon zur Neige, der Tempel ist wieder voll, jetzt heißt es noch zum letztenmal al cliet sagen und dann hinaus ins Getriebe der Welt — ein ganzes Jahr hat man wieder Zeit zum Sündigen. Da — was ist das? Der Vorbeter hält aus einen Wink plötzlich inne. Die Vorstände stehen da mir den Taschenuhren in Händen. Was gibt's? Es ist noch zu früh, man könnte früher fertig werden, man muß noch einige Minuten warten. Die Gebetordnung muß wie die Fahrordnnng pünklich eingehalten werden. Die Züge dürfen nicht zu rasch hintereinander abgehen, es könnte noch ein Zusammenstoß stattfinden. Jetzt gibt einer das Zeichen: In zehn Minuten ist es Nacht — also los! Und der Vorbeter rezitiert in weinerlichem Tone: Owino malkenn., cliotonn lefonecho! * Endlich ist es aus. Dieses Hasten, dieses Jagen! Dienstboten bringen Jacken, Mäntel, Krügen. Einige Wagen warten. Die schmale Gasse vor der Synagoge ist bald nicht mehr passierbar. Die Herren in Schwarz, die Damen in Weiß, manche dekolletiert. Heute muß man sich ja sehen lassen können. Ein Lachen, ein Schreien, man drückt sich die Hände. — Einige Passanten bleiben stehen. Einer wagt einen Bekannten zu fragen: „War hier eine Soiree, ein Konzert oder ein ,Intimes Theater'?" „Aber, aber, wir haben ja heute den heiligen Versöhnungsrag gehabt." „Ah so, Pardon!" A. H. Landau. Modernes Judentum im Morgennnd Abendland.*) Gerade zur rechten Zeit, da eben durch die rasche Aufeinanderfolge der Festtage das religiöse Leben auch im reformierten Judentum in greifbare Erscheinung tritt und überall erhöhte Pflege findet, ist uns das vorliegende, überaus anregende und interessante Buch zur Hand gekommen und wir können leicht *) O b e r m e y e r, Professor Jakob : Modernes Judentum im Morgen- und Abendland. Vergleichende kultur- und religionsgeschichtliche Studien X und 165 Seiten. Preis K. 3.— — Mk. 2.50. Wien und Leipzig 1907. Carl Fromme. die Beobachtungen des Autors, der das Judentum der Gegenwart nach der religiösen Seite zu schildern sucht, mit unseren eigenen, noch in frischer Erinnerung haftenden Erfahrungen vergleichen. Der Gottesdienst, die Seelsorger, die Vorbeler, die Lehrer werden mit plastischer Anschaulichkeit vorgeführt, Orthodoxie und Reform scharf gekennzeichnet, die Mißbräuche innerhalb der einzelnen Gruppen schonungslos bloßgestellt, bas Scheinwesen im Kulms und Leben gegeißelt, und man glaubt es dem Autor, wenn er versichert, daß das harte Urteil über das letztere nicht der Spottlust des Satirikers, sondern aus wärmster Teilnahme und liefen! Befserungseifer hervorgegangen ist. Obermeyer kennt aus eigener Erfahrung die Inden des Morgen- und Abendlandes und die Schilderungen, die sein junger Freund und Gast aus dem Morgenlande Ibrahim von den Sephardim und Aschkenasim beim Betreten des Gotteshauses gibt, sind genau nach der Natur gezeichnet. Die Sephardim (morgenländische Inden), so führt er aus, schauen mit einer gewissen Geringschätzung auf die Aschkenasim (deutsche Juden) herab, sowie diese wiederum auf die polnischen Juden. In Jerusalem z. B. verschwägern sich Sephardini mit Aschkenasim sehr ungern, trotzdem sie mir ihnen zusammenwohnen. Der Sephardi zeigt im gewöhnlichen Leben sowohl, als auch im religiösen, das heißt in der Befolgung der religionsgesetzlichen Pflichten und Gebräuche, mehr ruhigen Ernst. Anstand und Würde als der Aschkenasi. Er betritt das Gotteshaus, wie er etwa den Palast eines Fürsten beträte, und seine Haltung im Gebete vor seinem Gotte entspricht genau der Haltung eines bittenden Untertanen vor dem Throne seines Königs. Hunderte von Andächtigen versammeln sich in einem Bethause, und nicht das mindeste Geräusch verrät ihre Anwesenheit. Nur der Vorbeter, ein würdiger, gewöhnlich älterer Mann, läßt seine helle, klare Stimme hören, um den Takt zum gemeinschaftlichen Gebet anzngeben. Seine angenehme, fließende, aus dem Herzen quellende, dem Geiste der hebräischen Gebete entsprechende Vortragsweise fördert die Andacht der betenden Schar. Der Aschkenasi dagegen betritt das Gotteshaus, wie er etwa von seiner Arbeitsstätte weg in ein Kaffeehaus eintritt; er schaut nach rechts und links, um einen Bekannten zu erspähen und ihm grüßend zuzuwinken; er hält die Hände ans dem Rücken oder hakt die Daumen in die Armöffnung der Weste. Auf seinem Platz angelangt, setzt er sich mit übereinandergeschlagenen Beinen hin, und nachdem er genug hernmgeschant, stützt er den Kopf auf beide Arme und blickt in das vor ihm liegende Buch — — — — Der junge Ibrahim, der Sohn eines arabischen Chachams, macht eine Studienreise durch Europa, um zu lernen, wie sich seine Stammes- und Glaubensgenossen zum Judentum, zur jüdischen Lehre verhalten und drängt sein Urteil in folgenden Worten zusammen: Man unterscheidet, begann Ibrahim eines Tages seine Ausführungen, innerhalb des europäischen Judentums zweierlei Sorten oder vielmehr Parteien: die reformierten und die konservativen Juden. Die Reform der ersteren beschränkt sich eigentlich bloß auf die Synagoge, außerhalb derselben hört bei dieser Partei überhaupt das Judentum auf. Ich habe besonders in Süddeutschland einige Reformsynagogen besucht. Ueberall viel äußerer Glanz und Pomp, viel Gesang und Spiel, ein dreistes Abbild, eine Karikatur des einstigen Tempels in Jerusalem, des jüdischen Nationalheiligtums, der Wallfahrtsstätte Israels. Die Reformsynagoge ist kein „Bet-Hakeneset", kein Sammelhaus für die betenden und bittenden Juden, die ihren wahren Tempel, ihr nationales Heiligtum verloren haben und heute in aller Welt zerstreut leben, keine Starte des stillen Ernstes, der Andacht, der Sammlung. Die Reformsynagoge ist ein Scheintempel, ohne einigenden nationalen Charakter, darin ein Kultus ohne religiöse Würde und Herzensinnigkeit; ein falscher Tempel, in dem sich statt der Leviten Operettensängerinnen hören lassen, der statt von zartvibrierenden, die Gebete diskret begleitenden Harfen- und Lautenklängen von rauschender Orgelmusik erfüllt ist. welche die Gebete übertönt; eine Stätte der Unterhaltung, des „Kunstgenusses", ein Konzert, eine Komödie!