Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1907
- Issue
- Heft 38 (4.10.1907)
- Date
- 1907-10-04
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 Die Wahrheit Nr. 38 Halter Graf Kielmannsegg sich den Plänen der Christlichsozialen fügt, und die verehrungsvolle Haltung, die er den Wortführern der Partei gegenüber einninunt. Man mag hundertmal das Wort zitieren, Graf Kielmannsegg habe als Statthalter nur ein Amt aber keine Meinung, so wird man doch darüber staunen dürfen, daß ein Manu in solch hoher Stellung all die Beleidigungen, Beschimpfungen und Auflegelungen, deren Zielscheibe er für die Christlichsozialen war, als sie noch eine oppositionelle Minorität bildeten, in dem Momente vergessen und vergeben konnte, da sie zur Majorität emporstiegen. Selbst die Gattin des Grafen Kielmannsegg blieb von den vergifteten Angriffen der Christlichsozialen nicht verschont; Angriffe auf eine Frau, was keine Partei, die auf Selbstachtung etwas hält, tun würde, das leisteten sich die Christlichsozialen mit Begeisterung. Graf Kielmannsegg hat das alles vergessen und verziehen, als wäre es nie gewesen, oder wenigstens als märe es vor vielen, vielen Jahrzehnten geschehen. Selten im Leben hat noch ein hoher öffentlicher Beamter ein solch erhabenes Beispiel idealer Selbstverleugnung gegeben, wie dieser Statthalter, der dazu berufen ist, Wiens Interessen zu vertreten. Die schier übermenschliche Lehre d^s Evangeliums: Schlägt dich Einer auf die rechte Wange, so reiche ihm auch die linke dar — in der politischen Wirksamkeit des Grafen Kielmannsegg sieht man sie erfüllt. So viele Beschimpfungen, und es waren deren viele — hatte er nicht von Lueger und Konsorten zu hören, als er ihnen jetzt Komplimente sagt, so viele Hiebe hatte er nicht von ihnen zu ertragen, als er jetzt Verbeugungen macht. . . Wenn man dereinst den Einfluß und die Wirkung des antisemitischen Geistes auf den Charakter der österreichischen Politiker wird kennzeichnen wollen, wird das Kapitel Kielmannsegg - L neger einen besonderen Platz in Anspruch nehmen. * * Dr. Lueger will nicht so ohneweiters die Zügel aus den matten Händen fallen lassen, die Hofrat G e ß m a n u aufzufangen bereit steht. Der Bürgermeister schminkt sich sozusagen gesund, legt die Farbe der Kraft und Energie auf sein bleiches Antlitz, um den Eindruck zu erregen, daß er noch der Alte ist, der Starke, der er einst war. So ist nur der Ausfall zu begreifen, den der Bürgermeister gegen die Maßregeln der Behörden zur Bekämpfung der Blattern-Gefahr sich erlaubte. Die Gefahr ist Gottseidank, dank diesen Maßregeln, so ziemlich vorbei, und da fand Dr. Lueger den Muth, im Sinne der eingeimpften Gegner des Jmpfens eine kleine Philippika gegen die medizinische Wiffenschast und ihre größten Leuchten losznlaffen. Etwas kläglicheres, lendenlahmeres, als die Lueger'sche Expektoration, die sich hauptsächlich darauf stützte, daß ein — Arzt, und noch dazu ein geimpfter, von den Blattern befallen wurde, hat man wohl noch nie von einem Manne gehört, der die Ehre hat, Bürgermeister einer Weltstadt zu sein. Alles, was die Wissenschaft und die untrüglichen und nnwiderlegteu Daten der Statistik für den Wert des Jmpfens Vorbringen, existiert für Dr. Lueger nicht, kennt er wohl auch nicht. Nur das alberne, vom Haffe gegen Aufilärung, Wissenschaft und Fortschritt triefende Geschwätz der Jmpfgegner ist ihm im Gedächtnisse geblieben. Der Herr Bürgermeister weiß nichts davon, daß in den Ländern, in denen der Impfzwang herrscht, die Blattern beinahe eine unbekannte Erscheinung bilden. Der eine Arzt, der nicht i m m u n gegen die Krankheit war, ersetzt ihm alle Argumente! Als ob jemals die Wissenschaft behauptet hätte, das Impfen sei ein unter allen Umständen Immunität bietendes Mittel! Dieses ist leider noch so wenig gefunden, wie das Heilmittel, welches gegen eine nicht minder tückische, nicht minder verheerend wirkende Krankheit schützt: gegen die Krankheit — des Antisemitismus. Das ist eine Art Verfolgungswahn, von dem die Einen ergriffen werden und durch den — Andere leiden. * * * Immunität gegen den Antisemitismus? Wer kennt das Mittel? Wir wissen von einem Manne, der einst sagte: „Nur ein Schuft oder ein Dummkopf kann ein Antisemit werden." Und der wurde später der Führer der — Antisemiten und er hieß:! Dr. Lueger. Momentbilder. Jomkippur! Ich sitze da und betrachte das schöne Gotteshaus, das in hellem Licht erstrahlt. Alle Decken sind weiß, die Vorbeter weiß gekleidet — wirklich, äußerlich ist alles recht feierlich. Einige alte Leute sind in weiße Kittel gehüllt und als Kopfbedeckung tragen sie weiße Käppchen. Sie halten noch die Tradition in Ehren. Sie sehen auch unverwandt ins Machsor, daß ihnen ja kein Wort entgehe. Die meisten anderen aber stehen draußen in Gruppen, oder sitzen da und erzählen sich die neuesten Witze. Der Vorbeter rezitiert einen lauten Mischeberach. „Wer ist der Herr dort?" so fragt einer neben mir seinen Nachbar. „Der jetzt ,aufgerufeill ist? Der ist ein Fabriksdirektor." „Ah — aber ich habe ihn Rosch haschono nicht hier gesehen." „Da war er in der Fabrik; er muß auch heute dort sein, nur wegen des Maskir kommt er für ein paar Minuten." „Aha. Ist er auch verheiratet?" „Ja, er lebt mit einer Christin." „So? Hat auch Kinder? ' „Natürlich, die sind alle katholisch." „Aber warum wird er eigentlich zur Thora gerufen? Es sind doch so viele, würdige Leute da, die werden gar nicht beachtet." „Aber diese Leute sind ja arm und können nichts spenden und dieser Direktor gibt gleich vierzig, fünfzig Kronen. Bei unseren Vorstehern scheint überhaupt nur der ein Mensch zu sein, der etwas hergeben kann. Verstehen Sie denn das nicht?" „Ich muß gestehen, das verstehe ich wirklich nicht." * * * Wieder werden ein paar junge Leute zur Thora gerufen, während die Vorbeter und alte, ehrwürdige Leute übergangen werden. Dieses ewige Ausposannen einiger Kronen, die verschiedenen Zwecken gewidmet werden, wirkt auf die Dauer ermüdend, um nicht zu sagen empörend. Ich gehe ein wenig hinaus. Da steht ein ekelhaft grinsendes Mädel von ein Paar- Lackeln umgeben. Jomkippur ist ja zur Unterhaltung da. Diese Nischen im Foyer des Tempels sind wirklich zu einladend für Rendezvousplätze. Und die Eltern sind ja auch nicht weit entfernt. Alles ganz harmlos. — Wahrscheinlich die Gespräche auch. Also gehen wir weiter. * Ich will nun eine bekannte Dame auf der Galerie aufsuchen, da muß ich Zeuge einer unerquicklichen Szene sein. — Was ist denn da? Junge Mädchen werden vom Diener aus dem Tempel gewiesen, weil sie keinen Sitz gemietet haben. Was wollen sie denn? Sie wollen nur das Maskir gebet verrichten; aber das sollen sie draußen tun, hinein dürfen sie nicht, sie werden sicherlich nur kokettieren. So meint einer der Vorstände. „Merkwürdig, vielleicht wollen sie wirklich beten? Andere sitzen drin und schauen den ganzen Tag von der Galerie hinunter." „Ja, die haben aber für ihren Sitz gezahlt." Ja so! Auf der Frauengalerie sieht man nur hie und da ein paar betende Damen. Alle übrigen sitzen gemütlich da und führen eine ungezwungene Konversation. Alles ist in elegantester Toilette. Die Hüte bald nach links, bald nach rechts gerichtet. Das ist sehr wichtig. Zwei apart gekleidete Damen unterhalten sich besonders laut. Man soll sie hören. „Sie sehen wirklich blühend aus." „Wirklich? Das mag der herrliche Sommeraufenthalt verschuldet haben. Ich sage Ihnen, diese Eleganz, da müssen wir! uns alle verstecken." „Ich hätte heute wirklich bald nicht in den Tempel gehen können."