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Die Wahrheit · 1907-10-04 · Heft 38 (4.10.1907) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1907
Issue
Heft 38 (4.10.1907)
Date
1907-10-04
Page
– (sequence 3)
Language
German
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akrchsit Redaktion lt. Slbmimftraiiou: Lien, 11/,!)lvvarngclsse 27. Xrlrvbuu Nr. der Drnckrr-i I53VL. Inleratr Die viermal gespaltene Stonvareille-Zeile 25 Heller. RbonncinenlSu. Insel tionsbeträge ü»d in Wie» zahlbar und klagbar. Unabhängige Heitschrift für jnöische JltrferefetL Erscheint jeden Areitag. ßtotio: „Das Siegel Gottes ist Wahrheit!“ j Berngspr;ei»: jj Ganzjährig ... ff. >4- |j Halbjährig ... ff. 7.—! j Kür (inltiiebeumte: jj Ganzjährig ... ff. 10.- J| Für Attsimid:!l Ganzjährig ... 2 Marr!! 6 Rubel aber «6 HcS. Ar. 38. Mir», 4. Oktober 1907. Inhalt: Aus der Woche. — Momentbilder. — Modernes Judentum im Morgen- und Abendland. — Die Memoiren des Fürsten llssurow. — Die Industrien Palästinas. — Ans einer niederösterreichischen Gemeinde. — Aus der territorialistischen Bewegung. — Berjchiedene Nachrichten. — Feuilleton: Versöhnte Feinde. Die geehrten Kerren Abonnenten werden um umgehende Erneuerung des Abonnements durch Einsendung des Aöonnementsöetrages für das am 1. Kktover begonnene IV. Huartat' ersucht, damit die regelmäßige Expedition des Mattes keine Unterbrechung erleide. Ans der Woche. Zwischen Dr. Lueger, dem „Herrn von Wien", und dem „Feldmarschall" Dr. Geßmann ist ein heftiger, aber im Stillen geführter Kampf ausgebrochen. Der Bürgermeister von Wien war, als ihn die tückische Krankheit, die ihn niederzwingt, zum ersten Male auf das Krankenbett warf, voreilig — von christlichfozialen Organen — schon zu den Toten geworfen worden. Dr. Lueger konnte damals als Rekonvaleszent lesen, daß Dr. Geßmann sich als feinen Erben feierlich erklärt habe und in einer Versammlung an das Beispiel erinnerte, wie in Deutschland nach dem Tode Windthorsts die klerikale Partei nur noch an Macht und Ansehen gewonnen. Diese Reminiszenz an Windthorst wäre am Platze gewesen, wenn Lueger schon den Platz geräumt hätte, aber so mußte die allzu rasche und allzu voreilige Erbserklärung dem kranken Chef der christlichsozialen Partei in nur zu drastischer Weise zeigen, wie der Ehrgeiz des Nachfolgers alle menschlichen Empfindungen zum Schweigen bringt. Zu früh hatte Dr. Geßmann verraten, daß er sich zum Führer der Partei nach Lueger berufen fühle und daß er hoffe, diese werde unter seiner Leitung — wie der Hinweis auf des großen Windthorsts Tod — noch zu größeren Erfolgen als unter Lueger schreiten. Das hat Lueger dem Hofrat Geßmann nicht verziehen und mehr als einmal hat man seither aus des Bürgermeisters Munde die Worte gehört, daß dies oder jenes nicht geschehen werde, so lange er die Führung habe. Das war immer ein Avis für Dr. Geßmann, daß noch immer Dr. Lueger und nicht der „Feldmarschall" der Chef der Partei sei. Vielleicht hängt es auch damit zusammen, daß die christlichsoziale Partei, die nach nichts sehnlicher als nach Ministerportefeuilles strebte, jetzt immer wieder erklärt, die Zeit sei hiezu noch nicht gekommen. Dr. Lueger kann nicht die Bürde eines Ministerportefeuilles schleppen und so hat er die politische Ueberzeugung, daß seine Partei noch — warten müsse. In Wirklichkeit regieren in Oesterreich ja | s ch o n d ie C h rist li ch s o zi a le n; n u r trage n nominell > die Ministerverantw ortlichkeit andere. I * * i *! Dr. Lueger kann aber nicht hindern, daß G e ß m a n n, j als der Mann der Zukunft, inzwischen seine eigenen Pläne und j Absichten nicht mir vorbereitet, sondern auch verwirklicht.! Die neue niederösterreichische Landtagswahlreform trägt schon! den Stempel des Geßmann'schen Geistes. Lueger hat seine i Kraft in dem Boden Wiens; Geßmann wollte sich in den! bäuerlichen Bezirken den Schutzdamm für die Zeit schaffen, wo! Wiens Bevölkerung, dank der Bildung und Intelligenz, welche! eher in den großen Städten den Umschwung ermöglichen, vom Antisemitismus ab fallen. Durch die neue Landtagswahiresorm ist! Wien, welches durch Lueger zum Antisemitismus bekehrt / worden war, der Provinz ausgeliesert, preisgegeben und verraten i worden. Ueber die Schicksale Wiens, der Zweimillionenstadt, welche! durch ihre ungeheuere Steuerleistung fast einen Staat allein i bildet, werden die niederösterreichischen Agrarier entscheiden, j Dr. Geßmann hat die Beruhigung, daß diese Majorität seine Kreise sobald nicht stören wird. j *! Selten noch hat eine von Parteigeist inspirierte „Wahl-; reform" so ungeniert wie die Geßmannffche die brutale Willkür j verraten. Ihr Bild wird aber nicht anmuteuder durch den Zug? von häßlicher Tartüfferie, der ihr ausgeprägt wird. Für die! Wiedener antisemitische Wählerschaft wurden zwei Mandate gefordert, und zwar mit dem Hinweis aus die große Steuerleistung in diesem Bezirke. Die christlichsozialen Rechenkünstler hatten! also den Umstand, daß Baron Rothschild, der in diesem Bezirke als Steuerträger verzeichnet ist, ausgenützt, um die Geschäfte des Antisemitismus zu fördern. Ob hiezu mehr > Cynismus oder Tartüfferie nötig war, ist freilich nicht so leicht! zu unterscheiden. Die Antisemiten sind imstande, beides in gleichem Maße zu vereinen.! Und die Regierung tut alles, was Geßmann und Konj sorten von ihr verlangen. Den Kabinetsches Freiherrn v. Beck > haben sie allerdings stets mit so viel Wohlwollen und Artigkeit! behandelt, daß er persönlich keinen Grund hat, ihnen schroff j entgegenzutreten. Politische Gründe? In Oesterreich gilt es jetzt als die höchste politische Weisheit, den Klerikalismus er- > starken zu lassen. Das besorgen aber die Christlichsozialen mit ebensoviel Eifer als Geschick. Auffallend ist schon die Bereilwilligkeit, um nicht zu sagen die Demut, mit welcher der Statt-

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