Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1907
- Issue
- Heft 37 (20.9.1907)
- Date
- 1907-09-20
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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€eite 8. Die Wahrheil Nr. 37. dampfer: President Grant 14./9., Kaiserin Auguste Victoria 19./9., Pretoria 21./9., Blücher 26./9., Patricia 28 /9., Amerika 3./10. Nach B o sto n: Die Postdampfer: Badenia 13./9., Bosnia 21./9. Nach Baltimore: Die Postdampfer: Badenia 13./9., Bosnia 21./9. Nach Philadelphia: Die Postdampfer: Barcelona 17./9., Pisa 27./9. Nach Neworleans: Postdampfer Rapallo 12./9. Nach W e st i n d i e n: Die Postdampfer: Hungaria 16./9., Mecklenburg 24./9., Niederwald 25-/9. Nach Mexiko: Die Postdampser: Kronprinzessin Cecilie 14.(9., Dania 20./9., Albingia 28.(9. Nach Ostasien: Die Postdampfer : Silesia 20./9., Christiania 30./9. Arabisch-Persischer Dienst: Postdampser Savoia 2l./9. . Keimweh. (Schluß.) Als er sich beim Wirte um den Weg nach Hamburg erkundigte, fragte ihn dieser, ob er etwa nach Amerika wolle, und auf die bejahende Antwort Lebels sagte er dann weiter zu ihm: „Heute ist Dienstag, wenn du dich beeilst, bist du Donnerstag in Hamburg, von wo Freitag das Schiff abgeht; vor allem aber geh' in die Neumannstraße zu Blumenkranz." Donnerstag langte Lebel in Hamburg an. erfrug die Blumenkranz'sche Herberge der Auswanderer, vei lauschte dann auf dem Trödlermarkt seine Rastelbinderkleidung und ließ sich mit dem Lokalschiff der Elbe nach Cuxhaven übersetzen, wo das abgehende Schiff vor Anker lag. Hier meldete er sich beim Kapilän, der ihm gegen Arbeit freie Ueberfahrt zusicherte, wenn er zeitlich morgens beim Verladen anwesend sein würde. Zur festgesetzten Zeit war Lebel am Platze, wurde zunächst beim Verladen am Krahne beschäftigt und später, als das Schiff die Segel strich, in eine Theerjacke gesteckt und als Segelzieher auf seinen Posten gestellt. Sechs Wochen dauerte die Ueberfahrt bei sehr günstigem Wetter, und während dieser Zeit lebte er, gleich den andern auf dem Schiffe befindlichen Juden, nur von Milch, Tee, Brot und Heringen. Unter den Arbeitern war ein Russe namens Karasciilsky, Kürschner von Profession, der auch desertiert war und nach New-Iork zu seinem Onkel reiste, welcher dort eine Mützen- und Mnffabrik hatte. Als Schicksalsgenossen schlossen sie sich enger aneinander an, und Karascinsky versprach Lebel, ihn seinem Onkel zu empfehlen, damit sich dieser für ihn verwende. Im Castle Garden wurde Karascinsky von seinem Onkel erwartet, der mit seinen beiden Schützlingen in sein in der Houston-Street gelegenes Heim fuhr. Lebel erzählte seine Leidensgeschichte und Mr. Stoonfeld, Karascynskys Onkel, versprach dem Bedauernswerten, sich seiner anznnehmen. Er führte ihn am nächsten Tage in die Bowery, wo die Mrs. Black eine Einkaufsquelle für Hausierer hatten. Nachdem Mr. Stoonfeld mit einem der Chefs einige englische Worte gesprochen hatte, frug er Lebel, ob er sich, da er kein Handwerk erlernt habe, zum Hausieren entschließen möchte, was Lebel bejahte. Ein Clark stattete letzteren mit einem Sortiment von Leibchen, Hosenträgern, Taschentüchern, Geldbörsen, Messern rc. aus und instruierte ihn über Ein- und Verkaufspreis sowie über die englische Benennung der Waren: Hier wurde er von der Familie Stoonfeld aufs freundlichste ausgenommen, die über sein Vorwärtskommen sehr erfreut war. Außerordentlich rasch hatte Lebel sich in die amerikanischen Verhältnisse hineingefunden, er sprach schon ziemlich gut englisch, nannte sich Louis Livingstone, und wer mit ihm verkehrte, konnte kaum glauben, daß er noch vor wenigen Monaten. in einem ungarischen Dorfe Himer dem Schanktische gestanden war. Durch seine geschäftlichen Erfolge unternehmend geworden, entschloß sich Lebel zu einer größeren Tour nach der eben im Aufstieg begriffenen Stadt Chicago und gedachte erst zu den hohen Feiertagen nach New-Iork zurückzukommen. Er machte sehr gute Geschäfte und da er sehr sparsam war, konnte er bald ein hübsches Sümmchen als Ersparnis zurücklegen. So oft er von seinen Geschäftsreisen nach New-Iork zurückkehrte, verbrachte er seine freie Zeit bei der Familie Stoonfeld. Nicht nur Dankbarkeit zog ihn dorthin, sondern auch eine tiefe und aufrichtige Neigung zu Miß Rosa, der Tochter Mr. Stoonfelds, die den strebsamen jungen Mann gleichfalls liebgewonnen hatte. Nach einiger Zeit,. als Lebel seine geschäftliche Existenz vollkommen gesichert sah, hielt er bei den Eltern Rosa's um ihre Hand an und seine Werbung wurde freudig aufgenommen. Im engsten Familienkreise wurde die Verlobung gefeiert und die Hochzeit für die nächste Osterzeit, bestimmt. Der glückliche Bräutigam richtete auch au seine Eltern ein ausführliches Schreiben, von welchen nach einigen Wochen aufrichtige Segenswünsche und Geschenke für die Braut einlangten. Nach der Hochzeit übersiedelte das junge Paar nach Chicago, wo Lebel seiner Frau einen Laden einrichtete, während er selbst weiter auf Reisen ging. Das Glück war ihnen hold und nach einer Reihe von Jahren war die Firma Louis Livingston & Son eine der angesehensten und reichsten in Chicago, und mit freudigem Stolze konnte Lebel nicht nur auf seine geachtete soziale Stellung innerhalb der Geschäftswelt und der jüdischen Gemeinde in Chicago blicken, sondern auch auf das^ hohe Familienglück, das ihm beschieden war. Von seinen Söhnen war der älteste Mitchef, der zweite ein hoher Bankbeamter, der dritte Professor an der Universität, seine zwei Töchter waren an reiche Kauslente und Fabrikanten verheiratet, Enkel und Urenkel, Neffen, Söhne seiner Schwester Rachel, welche nach des Vaters Tod ihren Cousin Schlome geheiratet hatte, um* gaben ihn, und er konnte sich sagen,. daß er alles auf Erden erreicht hatte, was sich ein Mensch nur verlangen kann. Als aber seine so heißgeliebte Rosa starb, zog er sich vom Geschäfte zurück, übergab dieses seinem Sohne und fing am melancholisch zu werden. Die Aerzte verordneten ihm Domizilwechsel, was er entschieden refusierte, um endlich seinen Kindern zu erklären, daß er dem Heimweh nicht länger widerstehen könne und wieder in seine Heimat zurückkehren wolle. Seine Kinder mußten seinem Drängen nachgeben, und nachdem er seine Angelegenheiten in Amerika geordnet hatte, trat er in Begleitung seines Sohnes, des Professors, und eines seiner Neffen die Ueberfahrt und die Reise nach Marmaros- Sziget an. Hier traf er von seinen Verwandten nur die jetzt verwitwete Muhme Fradel an, dann einige seiner Bekannten, und unter letzteren auch Pista, der Stadtherold war. ' Eine andere Generation, andere soziale und wirtschaftliche Verhältnisse, ein moderner Umbau der Stadt erregten sein Staunen. Er kaufte sich in Sziget an, machte große Spenden und Legate, unterhielt mit seinen Kindern in Amerika eine rege Korrespondenz, erhielt mitunter auch Besuche von ihnen und genoß die höchste Achtung. Als er sich schwach und sein Lebensende herannahen fühlte, ging er mit gekrümmtem Rücken, auf einen Stock gestützt, ans den Gottesacker und besuchte das Grab seiner Eltern, Verwandten, und endlich auch das seines Deden. Inbrünstig verrichtete er hier sein Gebet; seine Augen gegen Himmel erhoben, umfing er den Grabstein seines Deden, vor sich hinmurmelnd: ..Gott Abrahams, Isaak und Jakobs, du hast den mir von meinem Deden gegebenen Segen in allen Punkten iw Erfüllung gehen lassen, es erübrigt mir nur noch abzuwarten, bis ■ du deinen Todesengel sendest, um mein Erdendasein abzuschließen, hier an dieser Stätte neben meinem Vater in die Erde gesenkt zu werden. Höre Israel, Gott ist einzig und sein Name einzig!" Seinen Händen entfiel der Stock, fein Kopf senkte sich auf die Brust nieder, seine Lippen murmelten das Sündenbekenntnis, kalter Schweiß perlte von seiner Stirne und er brach mit dem morsch gewordenen Steine über dem Grabeshügel zusammen. Ein Herzschlag hatte seinen Tod herbeigeführt. Ein großer Marmorstein mit goldenen Lettern spricht von dem Philantrophen, der so viele wohltätige Institutionen geschaffen und einen gott- und menschengefälligen Lebenswandel geführt hat. Aber auch über dem Grabe seines Deden, den die Volksmhthe mit dem Nimbus und Glorienschein eines Propheten umgebem hat, erhebt sich ein Mausoleum. Dahin wandert jeder, dessen Herz freudig erregt .oder bekümmert ist, um sein Gebet zu verrichten und Fürsprache beim Allmächtigen zu erflehen. Samuel Weiß. . Die nächste Nummer erscheint des Snkkothfestes halber am 4. Oktober.