Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1907
- Issue
- Heft 37 (20.9.1907)
- Date
- 1907-09-20
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Beite 6. Die Wahrheit Nr. 37. ',.3 I >3 '-L > ’ v % hebräischen Sprache und Literatur organisiert werden. Nach den ersten vorbereitenden Arbeiten zur zweckmäßigen Einrichtung dieser Organisation gedenkt die Leitung der Gesellschaft mit Hilfe der hervorragenden geistig Schassenden des jüdischen Volkes ein umfassendes Programm zü entwerfen: Es wird beabsichtigt, das bereits Vorhandene, was in der hebräischen Literatur von bleibendem Werte ist, volkstümlich zu machen, und dasjenige, was nicht mehr mir dem Bewußtsein unserer Zeit zu vereinbaren ist, dadurch vom Untergang zu retten, daß sein sprachlicher und kultureller Jnhglt in einer geeigneten Form aufbewahrt werde. Außerdem füllen gediegene Schriften zeitgenössischer Gelehrter und Forscher auf dem Gebiete der Bibelforschung, der Religionsgeschichte, der Religionsphilosophie, der jüdischen Geschichte, des geijtigeii Lebens des jüdischen Volkes überhaupt, mit Hilfe der Gesellschaft publiziert werden. Die Leitung geht von dem Standpunkt aus, daß die Lage unseres Volkes, seine weitgehende Zerstreuung in allen Weltteilen, wohl die Schaffung einer jüdischen Literatur in verschiedenen Sprachen zur Notwendigkeit macht. Diese Literatur bringt gewiß großen Nutzen und wirkt ersprießlich. Aber andererseits liegt die Gefahr vor, daß die Judenheit dadurch kulturell immer mehr zersplittert nnrd. Ehedem pflegten jüdische Gelehrte und Schriftsteller hebräisch zu schreiben, wodurch die Juden in allen Ländern eine gemeinsame Volksiribüne und eine, wenigstens der Behandlung des Judentums, einheitliche Bildungsstätte hatten. Im 19. Jahrhundert kam für die Wissenschaft des Judentums und für die jüdische Literatur neben der hebräischen auch die deutsche Sprache auf, welche letztere damals fast von allen Juden des Abendlandes verstanden wurde. Seitdem haben sich die Verhältnisse stark geändert. Die deutsche Sprache wird nur noch von einem kleinen Bruchteil der Judenheit verstanden. Wir haben nunmehr eine jüdische Literatur auch in englischer, ftanzösischer, italienischer, holländischer, ungarischer und russischer Sprache. Es ist dahin gekommen, daß wir einander nicht mehr verstehen, und was noch schlimmer ist, daß wir Juden unsere Gedankenarbeit zehnmal verrichten und uns darin bis zur Ermüdung wiederholen. Wir müssen zur hebräischen Sprache zurückkehren, sie zum Organ unserer geistigen Einheit, zur Form unseres gemeinsamen Kulturlebens machen. Die hebräische Sprache hat sich im ganzen Verlauf unserer Geschichte als Sprache unseres geistigen Schaffens bewährt. Alle Versuchedas Judentum in einem fremden Gewände zn stabilisieren, haben nur den Charakter des Provisoriums; die fremden jüdischen Literaturen haben nur eine zeitliche und örtliche Wirkung aufzuweisen. Was ist im Laufe der Jahrhunderte aus der inhaltvollen jüdisch-griechischen und jüdisch-arabischen Literatur geworden? Was nicht rechtzeitig ins Hebräische übertragen wurde, ging entweder ganz verloren oder fristet nur ein ephemeres Dasein. Die Gesellschaft „Sinai" gedenkt schon in der nächsten Zeit ihr Programm zu veröffentlichen und hofft auf die tätige Mitwirkung aller Freunde der hebräischen Sprache und aller, die an die Zukunft des Judentums glauben. Sie gehört keiner Partei an, sondern will dem ganzen jüdischen Volk angehören, allen Inden des Morgen- und. des Abendlandes. Sie steht allen religiösen und politischen Kämpfen fern und will nicht trennen, sondern vereinigen. Um jedem Juden die Möglichkeit zur Anteilnahme an der Gesellschaft zu geben, wurde ein Jahresbeitrag von 10 Mark festgesetzt, wofür sämtliche Publikationen der Gesellschaft mit einer Ermäßigung von 25% geliefert werden. Beitrittserklärungen, Geldzuwendungen und Anfragen sind zu richten an das Zentralkomitee des „Sinai": Herrn S. Hurw itz, Berlin, "W., Kurfürstendamm 51. Das nationale Indent»»«.*) Bon Dr. M. H. Friedländer. (Schluß.) Vor einigen Jahren hatte der sel. Dr. Jellinek, derwie männiglich bekannt, für Israels Lehre und Ehre stets in Wort und Schrift eingestanden und in feinen meisterhaften Reden die Schäden und Fehler schonungslos gegeißelt, sich in einem Artikel über das sogenannte „Makkabäerfest", wie es in moderner Zeit von den nationalen Juden gefeiert wird, in folgender Weise geäußert: „Seit einigen Jahren hat man in den Kreisen der sogenannten jüdischen Nationalpartei den Jahrtausende alten Namen „Weihfest" oder „Chanüka" abgeschafft und an dessen Stelle den Namen „Makkabäerfest" gesetzt. Man macht nicht mehr die Reinigung des Tempels von heidnischen Götzen, die Wiederherstellung des jüdischen monotheistischen Kultus, die Weihe des Tempels zur Verehrung des einzigen Gottes zum Mittelpunkte des historischen.Festes, sondern die kriegerischen Heldenlateu der Makkabäer, das Heldeugenie Judas,, die Tapferkeit seines kleinen Heeres. Die Hallellieder während - der Festtage, die Verlesung der Weihe des Stiftzeltes aus der Thora, das Änzünden von Lichtern, der besondere Propheteu-Abschnitt am Sabbath-Chanuka; dies alles soll nicht zur Verherrlichung Gottes und als Ausdruck des Dankes für die göttliche Vorsehung dienen, sondern züm Preise der „Makkabäer", der *) In der vorwöchentlichen Fortsetzung des Artikels „Das nationale Judentum", Nr. 36, Seite 8, neunte Zeile von unten, soll es statt. „Auch die Glut", richtiger „Ja", die Glut, die einmal erloschen rc. heißen. Schlachten, die sie geschlagen, und des militärischen Ruhmes, den sie erworben haben. Also kein Altarkeine Opfer, keine Weihe des göttlichen Heiligtums, sondern die außerordentlichen, kriegerischen Erfolge der Makkabäer. Das ist durch und durch unjüdischein Attentat auf den strengen monotheistischen Geist unserer Religion. Das Judentum feiert keine Menschen, mögen sie Moses, Aron, David, Salomo, Jesaiä; Jeremia, Juda der Makkabäer oder R. Akiba heißenfeine Feste werden nicht Nach einem sterblichen Menschen genannt, sondern beziehen sich auf die Daten der göttlichen Vorsehung, auf die Erlösung, die Erwähltheit und die Obhut des israelitischen Volkes, sollen an Gott erinnern und nicht ein sterbliches Wesest verherrlichen. Unser Gott ist Einer, dem niemand zur Seite gegeben werden kann; Sein ist die Größe, die Machtder Sieg und die Hoheit und es heißt die jüdische Gotlesidee trüben und sie ihrer Strenge berauben, wenn ein irdisches Wesen zum Schwerpunkt eines welthistorischen Ereignisses gemacht wird. Das Purimfest führt nicht den Namen Esthers oder Mordechais, welche doch gewiß sehr viel zür Rettung der Juden beigetragen haben. Es findet sich auch nicht in der ganzen jüdischen Literatur der Name „Makkabäerfest", weil er im reinen Geiste des Judentums absolut unstatthaft ist. Erst einem kleineren Kreise junger Männer unserer Zeit blieb es Vorbehalten, ein heidnisches Element/ in das Judentum einzuführen und ein Fest zu feiern, das den Namen von Menschen trägt. Einige hebräische Zeitungen haben sich auch beeilt, bon einem „Chag hamaccabijim“ zu reden. Das ist so wenig hebräisch als jüdisch. Wie aber entstand diese Verirrung? Durch eine andere, welche die Fahne eines nationalen Judentums in unserer Zeit aufgepflanzt. Nationale Juden? Wo sind denn die Bedingungen zu einer Nationalität? Die Juden sind ein eigener Stamm und bilden eine besondere Religionsgenossenschaft. Sie sollen die alte hebräische Sprache, die Sprache der Literatur seit Jahrtausenden pflegen, ihr reiches Schriftum studieren, ihre Geschichte genau kennen lernen, ihr Glaubensbekenntnis Hochhalten und demselben die größten Opfer bringen, auf die Weisheit der göttlichen Vorsehung, die Verheißung ihrer Propheten und den Entwicklungsgang der Menschheit vertrauen und hoffen, daß die erhabenen Ideen und Wahrheiten des Judentums den Sieg davontragen werden, im übrigen aber sich den Nationen anschließen, deren Mitbürger sie sind, deren Schlachten mitschlagen und deren Institutionen zum Wohle der Gesamtheit mitfördern. Was die Erfüllung der höchsten jüdischen Ideale, die Zukunft des jüdischen Stammes, die Ehrenrettung Zions, das Eintreffen der messianischen Zeit betrifft, so können eine Million Makkabäer nicht dazu beitragendaß sie lebendig in die Erscheinung treten und sichtbar werden. Wenn die Propheten von dem AnbrecheN der messianischen Zeit reden, so gebrauchen sie den Ausdruck „beacharis hajomim“, d. h. wenn die Zeit der historischen Entwicklung vollendet und eine neue Epoche beginnen wird. Dann spricht unser prophetisches Ideal nicht vott großen Feldherren, zahlreichen Kriegerscharen, Siegen und Triumphen, sondern von einer Friedensepoche, in welcher die Waffen ruhen werden, kein Volk wider das andere das Schwert erheben und nicht die Kriegskunst mehr die Nationen beschäftigen wird. Die Makkabäer konnten wohl gegen den Syrerkönig kämpfen und siegen Und die Freiheit ihres kleinen Vaterlandes retten; niemand aber vermag das Gottesreich durch Heldenmut und Waffentaten zu begründen und vereinigte er in sich das militärische Genie von Alexander dem Großen, Juda Makkabi, Julius Cäsar, Napoleon I. Und Moltke. Zion wird siegen und zur Herrschaft gelangen durch ein Meer von Licht, das es ausstrahlen und wodurch in den Völkern die Sehnsucht entstehen wird, die Wege, die zu dieser Lichtquelle führenzu betreten. Die Anhänger des Makkabäerfestes sind Schwärmerohne jedes polnische Verständnis. Nehmen wir an, daß alle europäischen Staaten den Beschluß fassest würden, den Inden in Unserer Zeit Palästina zü überlassen, um einen eigenen Staat zu bilden und zu regieren. Was würde, fragen wir, in Jerusalem und in , anderen Teilen des heiligen Landes mit deti christlichen mib mohammedanischen Denkmälern, Altertümern üüd Heiligtümern geschehen? Würden sie die Juden entfernen, oder würden sie es