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Die Wahrheit · 1907-09-20 · Heft 37 (20.9.1907) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1907
Issue
Heft 37 (20.9.1907)
Date
1907-09-20
Page
– (sequence 4)
Language
German
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itiit 4. Die Wahl-Yen -.'ü. 37. daß er sich mit mehr Vertrauen an ein altes Weib im Kraükheitsfalle als an einen Jünger der Wissenschaft wendehat in den Kreisen seiner Anhänger begeisterte Zustimmung gefunden. D i e Immunität gegen die Blattern ist dadurch aber leider in Wien nicht gesteigert worden. * £ * Es' ist überaus kennzeichnend, daß selbst jetzt, wo m Wien die Angst vor der Verbreitung dieser tückischen Krankheit die Bevölkerung zur Anerkennung der Wissenschaft zurücksühne, von den Jmpsgegnern unter den Augen der Behörde in zahllosen Exemplaren eine Broschüre verbreitet werden darf, in welcher gegen das Impfen gezettert und gewettert wird. Allerdings wird in dieser volksgesährlichen Schrift auf den Antrag hingewiesen, den Gemeiuderat Professor Sturm vor einiger Zeit im niederösterreichischen Landtag gestellt hat, der Landtag möge für die Durchführung der Impfung ferner keinerlei Mittel mehr bewilligen, sondern das Geld vernünftigeren und nützlicheren Zwecken zuführen. So wie Herr Prof. Sturm sehen noch viele christlichsoziale Parteiführer ails! Herr GR. Professor Sturm ist derselbe Wahrheitsfrennd, der von dem ihm emgeimpsteu Judenhaß beseelt, im Parlamente jene Interpellation in der Hilsner- Affaire einbrachte, die eine Monstrosität an Lügen und Entstellungen bildete. In dieser Interpellation wurde u. A. das unerhörte Schandstnck geleistet, eine Beschuldigung, die Mechaniker Schneider gegen den ehemaligen Justizminister Ruber erhoben hatte, den — Juden in die Schuhe zu schieben! Dem Prof. Sturm wurde diese und andere Verletzungen der Wahrheit nachgewiesen. Kein Mann von Ehre und Selbstachtung hätte es unterlassen dürfen, im Parlamente diese — Jrrtnmer zu rektifizieren. Prof. Sturm ist aber ein Antisemit. Für Antisemiten gilt in der Judenfrage ein anderer Ehrenkodex. * * Ueberaus kennzeichnend für die Verhältnisse in Wien ist auch der Umstand, daß selbst in diesem Momente der Vizebürgermeister Dr. Neumayer den Mut finden konnte, u. A. folgendes | auszuführen: „Ich lasse es dahingestellt, ob die in Wien aufj getretenen Blatternerkranknngen überhaupt und der derzeitige I Stand der Krankheitsfälle im besonderen eine in die Gewohnheiten der Bevölkerung so tief einschneidende, das Familienleben so sehr berührende Maßregel, wie es die Verschiebung des S ch u l ü e g i n n e s i st, gerechtfertigt erscheinen 1 a s s e n. Wenn man aber bedenkt, daß andere kontagiöse Krankheiten, deren manche sogar ein weit größeres Sterblichkeitsprozent aufweisen und daher gefährlicher erscheinen, weit mehr Personen befallen, als die Ziffer der bisher gemeldeten Blatternfälle anfweist, so erscheint die Maßregel der Venchiebnug des Schnlbeginnes, die in anderen Fällen nicht für nötig erachtet wurde, umso härter, als mit dei-felben durchaus keine Gewähr geboten ist, daß das Zusammenkommen der Kinder auf der Gasse, in den Gartenanlagen re. gänzlich verhindert wird. Durch die Ausdehnung dieser Maßregel auf die Privatschulen und Privatlehranstalten aller Kategorien wird jener Teil der Bevölkerung, welcher sich mit dem Privatunterrichte befaßt, also die Inhaber und Leiter der zirka 600 in Wien bestehenden Privatschulen finanziell schwerbetroffen, da ihnen durch die verspätet einlangenden Verfügungen der Schulbehörden die Gelegenheit benommen ist, sich für den im Monat September ausfallenden Verdienst vorzusehen." Die hingebendsten Freunde der Schule, die begeistertesten Förderer der Bildung und der Wissenschaft haben sich mit aller Entschiedenheit für die Verschiebung des Schulbeginnes ausgesprochen, da sie in derselben eine neue, höchst wertvolle Gewähr für die Unterdrückung der Epidemie erblicken. Nur der Wortführer der Christlichsozialen hat plötzlich seine Liebe für den unverminderten Schulunterricht entdeckt, dem gegenüber alle Bedenken zum Schweigen gebracht werden müssen. Und gar die Rücksicht auf das Interesse der Inhaber oder Leiter der Privatschulen! Herr Dr. Neumayer hat mit dem ihn besonders auszeichnenden Scharfsinn es deutlich verraten, wie wenig er und seine Parteigenossen den Zusammenhang zwischen der Blattem-Epidemie und dem PärtdiregiMe leugnen können. Darum muß die Bedeutung und die Gefahr der Epidemie 'geleugnet werden .... Zar Gründung der Zentralstelle für dNN jüdische Armrnwesrn in Wien. Eine Verbesserung des Zustandes der jüdisch-konfessionellen Armenpflege in Wien herbeizuführen, ist seit Jahren das angelegentlichste Bemühen aller, die sich mit Armensachen in unserer Gemeinde befassen. In den Zentren der Kultur, in den Städten und Großkommunen, wo Tausende und Abertausende Unbekannt und nngenannt aneinander vorübergehen, haben sich die individuellen persönlichen Bande zwischen Hilfsbedürftigen und Hilfsbereiten längst als unzureichend erwiesen; es sind unpersönliche Bindeglieder zwischen beide getreten, ständige Einrichtungen der Fürsorge für die verschiedensten Notfälle des Lebens. Aber das Nebeneinander der vielen Hilfsstellen, die keine Verbindung und keinen Zusammenhang haben, bildet für Unwürdige sehr häufig geradezu den Anreiz, aus der Wohltätigkeit eine Erwerbsquelle sich zu schaffen, vom gewerbsmäßigen Bettel zu leben und durch diesen Mißbrauch die Institute und die wirklich Dürftigen gleichermaßen zu schädigen. Andererseits ist es in jenen Fällen, in welchen für wahrhaft Dürftige ausgiebige Hilfe nvttut, dem einzelnen Institute nicht möglich, solche Hilfe zu leisten, weil das Ausmaß des Erforderlichen seine Kräfte übersteigt, oder die gebotene Hilfe überhaupt nicht in seiner Wirkungssphäre gelegen ist. Nach diesen beiden Richtungen hin Wandel zum Besseren zu schaffen, soll die Z e n 1 ralisation den Weg weisen. Darunter verstehen wir bei voller Wahrung der A u t ön v m i e der teilnehmende n I n st i t u t i o n e n das planmäßig geregelte Zusammenwirken der Institute inbezug auf die Erhebungen und inbezug ans die Unterstützungen. Die Identität der durch das Moment der konfessionellen Zugehörigkeit bezeichneten Armenklientel, die Fluktuation der bald in diesem, bald in jenem Stadtbezirke wohnhaften armen Bevölkerung, die räumliche, quantitative und qualitative Größe der Aufgaben führen zur Erkenntnis, daß die in gleicher Richtung wirkenden Kräfte die angestrebten Ziele leichter und wirkungsvoller erreichen, wenn diese Kräfte aus dem Verhältnisse des Nebeneinander in das Verhältnis des Miteinander treten. Hiebei ist noch zu erwägen, daß, wenn wir als jüdische Gemeinschaft Wohltätigkeit für die Glaubensgenossen üben, wir doch als Staatsbürger und Mitglieder der Gesellschaft wie an den Pflichten auch an den Rechten der öffentlichen und gesellschaftlichen Einrichtungen teilhaben. Sollen nun die Fäden, die von den jüdisch-konfessionellen zu den öffentlichen und gesellschaftlichen Wohlfahrtseinrichtungen reichen, fester geknüpft werden, soll die jüdisch-konfessionelle mit der öffentlichen und der freiwilligen interkonfessionellen Armenpstege in stärkerem Maße als bisher in Kontakt treten, dieselbe zur Mithilfe heranziehen und ergänzend auf sie einwirken, so ist es vorerst notwendig, das eigene Haus in Ordnung zu bestellen, die jüdisch-konfessionelle Armenpflege in sich zu konsolidieren und auszugestalten, die Vielheit zur Einheit zusammenzufassen. Föderation und Zentralisation, diese in dem vielfach verschlungenen Jneinandergreifen der EZcheimmgen, Beziehungen und Bedürfnisse des modernen Lebens begründete Form der Erfüllung sozialer Funktionen, muß auch in der jüdisch-konfessionellen Armenpflege Einzug halten. Von diesen Gesichtspunkten ausgehende Reformbestrebungen sind seit geraumer Zeit zum Gegenstände eingehender Erörterungen und Beratungen gemacht worden, welche mehrere zahlreich besuchte Versammlungen der Wiener israelitischen Wohltätigkeits¬ und Humanitätsinstitutionen beschäftigt haben. In der Versammlung vom 27. Mai 1907 wurde das Regulativ einer -die Schaffung eines Z e ntr a l-Armenka tafter s und einer Ze"ntra! -- Ansku n s t s st e l I e bezweckenden Zent r a lste lle für das jüdische Armen westen prinzipiell beschlossen. Der Knl-tnsvorstand hat seine werktätige Förderung dieses gemeinnützigen Unternehmens bereits bekundet, indem -er der Zentralstelle nebst der Beistellung der Bureaulokalitäten iim Amts geb and e der Kultnsgememde eine Subvention von K 2000 jährlich votierte.

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