Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1907
- Issue
- Heft 36 (13.9.1907)
- Date
- 1907-09-13
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 36. Die Wahrheit Leite 7. habt wenigstens so viel Respekt vor der Wissenschaft, um nicht in ihrem Namen zu sprechen! Ihr wollt und könnt eure barbarische Natnr nicht verleugnen, so redet wenigstens nicht vom Christentum und von Menschenliebe! Nach allen diesen tiefen Erkenntnissen waren wir ordentlich gespannt aus die ..Maßnahmen in der Judenfrage", die dieser vielseitige Herr vorznschlagen hat. Aber auch hier findet man schließlich nichts Ganzes und man vermißt auf Schritt und Tritt die Konsequenz. Der Verfasser konstatiert, daß in vielen Kreisen tatsächlich eine Abneigung gegen die Juden herrscht. Natürlich ist sie für ihn berechtigt, denn das Judentum bildet ja die größte Gefahr der Gegenwart. Und doch ist er gegen alle staatlichen Ausnahmegesetze, weil sie im Widerspruche zu dem Zeitgeist stehen. Ja, glaubt er denn, daß die Abneigung gegen eine Bevölkerungsklasse, mit der man zusammen lebt, mit dem modernen Geiste in Einklang zu bringen ist? Von der Art der Bekämpfung schreibt er: „Die erfolgreichste Bekämpfuilg des Judentums und die Ausmerzung seiner Schädlichkeiten wird dann erreicht, wenn die Gesellschaft wieder zu der Einfachheit, Erhabenheit, zum Idealismus des Christentums zurückiehrt und durch diese Wiedererneuerung des gesamten Lebens in Kultur. Politik, Wissenschaft, Erwerb das Judentum zwingt, sich der hohen sittlichen Kraft des Christentums zu beugen." Eine solche Bekämpfung würden wir uns und wohl auch alle Israeliten der Welt gefallen lassen. Nur muß dieser Kampf ehrlich geführt werden undvor allem muß dieLiebe und nicht der Haß dabei dieTriebfeder sein. Daß es aber dem Verfasser damit ehrlich gemeint ist, möchten wir bezweifeln, denn was er gleich darauf vorschlägt, läuft auf eine wirtschaftliche Ruinierung und gesellschaftliche Isolierung der Juden hinaus. Er warnt nämlich davor, bei Juden zu kaufen, möchte den jüdischen Zwischenhandel überall ausgeschaltet haben, mit anderen Worten, die wirtschaftliche Existenz der Juden unmöglich machen. Soll das die sittliche Kraft des Christentums sein, vor der sich das Judentum beugen müßte? Ist das der Idealismus des Christentums? Aber der gute Herr glaubt selbst nicht daran, daß diese „Ideen" realisiert werden können. Er schreibt: „Eine bange Furcht möchte uns beinahe beschleichen in dem Gedanken, ob es gelingen . wird, den Einfluß des Judentums zu brechen, das Volk aus den drückenden Fesseln des Judentums zu befreien?" Also, wozu das ganze Buch? Um unter dem Deckmantel der Wissenschaft und des Christentums zu hetzen und die Köpfe zu verwirren? Tatsächlich wird kein vernünftiger Politiker irgend welchen Nutzen oder irgend welche Anregung von dieser „sozialen und politischen Studie" mit heimnehmen. Nur das eine betrübende Gefühl bleibt nach der Lektüre dieses Buches, daß man im XX. Jahrhundert über die einfachsten Probleme des Lebens noch so viel verworrenes Zeug schreiben kann. Wollt Ihr die Lösung dieses Judenproblems? Wohlan, ich will es Euch verraten: Sehet in dem Juden, wie in jedem anderen, den M e n s ch e n, n i ch t mehr u n d nicht weniger, den Menschen mit Tugenden und Schwächen, und reichet ihm die Bruderhand, u m gemeinsam a l les G n te zu fördern u n d al les B ö s e zu bekämpfen! F. S. Die Industrien Palästinas. Bon Davis Trietsch, Jaffa. (Fortsetzung.) Die hauptsächlichsten landwirtschaftlichen Produkte Palästinas, soweit sie für Industrien in Betracht kommen, sind: Weizen, Gerste, Durra, Oliven und Sesam, Orangen und Weintrauben, Wolle, Häute und Felle. Die Getreideproduktion, die recht beträchtlich ist und auch inbezug auf Qualitäten sich anszeichnet, würde die Mühlenindustrien, die Makkaronifabrikation und die Spiritusgewinnung begünstigen. In allen drei genannten Industrien wäre* auch ein Export wohl möglich. Zurzeit aber wird Spiritus aus Getreide noch gar nicht gewonnen. Die Makkaronifabrikation befindet sich im allerersten Stadium, und die Mühlenindustrie deckt noch nicht einmal den Bedarf des Landes, so daß neben einem sehr beträchtlichen Getreideexport immer noch ein ziemlicher Import von feinerem Mehl 511 verzeichnen ist. Die Oelfrüchte Palästinas, also vor der Hand Oliven und Sesam, werden schon jetzt industriell verarbeitet. Das Olivenöl Palästinas und die daraus fabrizierte Seife sind — zusammengerechnet — der bedeutendste Exportartikel des Landes, während das Sesam ö l wohl ausschließlich im Lande verbraucht, wird und der Export nur das ungepreßte Produkt umfaßt. Die industrielle Verwertung der Orangenkultur steckt noch in den ersten Anfängen. Die Wein- und Kognakbereitung aus Orangensaft, die von einem Rischoner Kolonisten mit gutem Erfolg versucht wurde, hat sich trotz der Vorzüglichkeit des Produktes noch keinen Markt schaffen können, und von einer Konservenfabrikation, wie auch von Verarbeitung der Blüten zu Parfümzwecken ist überhaupt noch keine Rede. Auch die ätherischen Oele der Schalen werden noch nicht verwertet. Die Wein- und Kognakfabrikalion aus Trauben ist dagegen — besonders durch die jüdische Kolonisation — ziemlich hoch entwickelt. Die im besten europäischen Stil angelegten Kellereien in Rischon le Zion und in Sichron-Jakob und außer ihnen die kürzlich erbauten kleineren Keller der anderen jüdischen, wie auch der deutschen Kolonien weisen einen ziemlich beträchtlichen Export auf. Auch Weinspiritus, Essig und Weinsteinsäure werden bereits erzeugt. Die Wolle wird bis zur Zeit in Palästina nur für den Inlandsbedarf verarbeitet, der Ueberschuß geht als Rohmaterial nach dem Auslande. Der diesem Export gegenüberstehende j beträchtliche Import von Woll- und Baumwollwaren zeigt, daß > für eine größere moderne Wollindustrie genügend Absatz vorj Händen wäre. | Die Gerberei befindet sich ebenfalls noch im allerersten j Stadium, obwohl auch in diesem Fall eine erhebliche Einfuhr j von Leder, der Export von Häuten und Fellen, und! sogar das Vorkommen guter Gerbstoffe im Lande*) für die Auf-- - nähme der Gerbereiindnstrie in größerem Maße sprechen.! Von sonstigen Industrien auf Grund landwirtschaftlicher! Produkte sind noch zu erwähnen: die Seidenmanusaktur, die Konservenindustrie und die Saftpresserei. Die S e i d e n k n l t u r Palästinas ist noch großer Ans- ' dehnnng fähig. Gegenwärtig wird sie hauptsächlich im Libanon-! gebiet und dem daranschließenden nördlichen Teil Palästinas! (Saida rc.) in größerem Umfange getrieben.! Von einer Konservenfabrikation im europäischen Sinne! ist noch keine Rede, trotzdem für diese recht gute Aussichten; bestehen. Es gibt eine Menge von Früchten und Gemüsen, die! bei der billigen Produktion sich mit gutem Erfolg zu Konserven j verarbeiten ließen. Der eingedickte Traubensaft oder Traubenj Honig, der unter dem Namen Dibs im Lande selbst einen Markt! sinder, wäre wahrscheinlich mit geringer Mühe in einen export- > fähigen Zustand zn bringen. Aber auch Weingelbes nach englischer Art, sowie Marmeladen aus Orangen und Zitronen sind erfolgversprechende Fabrikate. Für die Fruchtkonservenfabrikation spricht auch der billige Zuckerpreis (von 30 Mark per 100 kg an) und in noch höherem Grade die Möglichkeit einer eigenen Zuckerindnstrie im Lande, die sogar den seltenen Vorteil hätte, mit Rohr- und Rübenzucker rechnen zu können, da beide Kulturen im Lande gut gedeihen. Eine großer Ausdehnung fähige Industrie ist auch die Zilronensaftpresserei und die Herstellung von Zitronensäure. Bon Gemüsen findet ein primitiv hergestelltes Tomatenpuree guten Absatz im Lande, doch würden die billigen Tomatenpreise einen bedeutenden Export ermögj lichen, vorausgesetzt, daß europäische, resp. amerikanische Fabrikations-Methoden eingeführt werden. Auch sonst gibt es eine Reihe von Gemüsen, die in konserviertem oder präserviertem Zustand nur auf den europäischen Markt gebracht zu werden brauchten, um sofort Absatz zn finden. Zum Schluß ist auch noch der Parfümindustrie Erwähnung zu tun. von der trotz guter Chancen erst die allerersten Anfänge zu bemerken sind, und der Papierindustrie, für die verschiedene. Rohstoffe im Lande zu finden sind. Papiere von *) Sumach, Shinia und Balonea.