Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1907
- Issue
- Heft 36 (13.9.1907)
- Date
- 1907-09-13
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6. Die Wahrheit Nr. 36. wählt, der ihre Schäfchen aufs beste warten soll. Der Lehrer muß vollkommen einwandfrei sein; er muß nicht nur feinen Gegenstand vollkommen beherrschen, sondern auch auf allgemeine Fragen, wie sie die Schüler gerne stellen, Auskunft wissen. Seine Worte muß er wägen, denn, der Lehrer bildet für jeden Schüler eine Autorität, auf die er sich gegebenenfalls auch beruft. Nicht selten-ist der Lehrer auch durch feine Handlungen für feine Schüler richtunggebend, auch fein Aeußeres wird einer strengen Musterung unterzogen. Mau sollte es gar nicht glauben, welche suggestive Gewalt ein Lehrer auszuüben vermag. Ich war bereits im Obergymnasinm, da kam ein tiener Professor, der eine Scheitelfrisur trug. Ich mag früher unzählige Personen mit dieser Frisur gesehen haben, ohne daß es auf mich einen besonderen Eindruck gemacht hätte; aber der Latein-Professor schien mir ein Vorbild, dem ich nachahmen müßte. Ich ruhte nicht eher, bis auch ich eine Scheitelsrisur hatte, die ich auch später beibebielt. Aber nicht allein ich. sondern fast alle Schüler erschienen nach und nach mir dieser Frisur geziert. Derselbe Professor pflegte auch hohe Umlegekragen mit kühn gewundener Kravane zu tragen, auch dies schien mir nachahmenswert. Ein alter Professor wieder, pflegte sein Sacktuch in der linken unteren Rocktasche zu verwahren, das gefiel mir so gut, daß ich auch mein Sackruch, das ich bis dahin in der Hosentasche trug, in die untere Rocktasche verlegte, eine Gewohnheit, die ich noch nicht ablegte. Diese scheinbaren Kleinigkeiten mögen den Beweis liefern, daß der Lehrer nicht allein den Lehrstoff übermittelt, sondern mehr noch: die Schüler sehen in ihm ein Muster, gewissermaßen eine Vorlage, nach der sie ihr Bild fürs Leben zeichnen. Es ist bekannt, daß die Beobachtungsgabe der Kinder eine ganz erstaunliche ist. ihnen fallen Dinge aus. die ein anderer gar nicht beachtet. So kann dem Kinde ein geflickter Schuh, eine schmierige Weste, ein unreiner Kragen die ganze Achtung vor dem Lehrer rauben. Gerade der jüdische Religionslehrer wird von den Schülern besonders streng gemustert, sei es. weil sie ihm nicht nur in der Schule, sondern auch im Gotteshause begegnen. So hat der Religionslehrer mehr als die anderen Lehrpersonen die Pflicht, den Schülern ein leuchtendes Vorbild zu sein. Er soll aber nicht immer wieder das Benehmen korrigieren, oder gar jemanden vor den anderen bloßstellen, denn das Hohugelüchter der Mitschüler ruft in dem Beschämten ein Gefühl der Erbitterung hervor; durch sein eigenes Tun soll er gute Sitte und taktvolles Benehmen lehren. Der jüdische Religionslehrer hat es mit Kindern aus den verschiedensten Häusern zu tun, wo die Religionsgebränche oft vernachlässigt werden, er muß also wohl achten, das Kind nicht in Gegensatz zu seinen Eltern zu bringen. Der Lehrer soll überhaupt alles vermeiden, was dem Schüler ein schlechtes Beispiel geben könnte. Wehe, wenn das Kind zu Hause etwas tut und auf die Zurechtweisung der Eltern erwidert: das macht der Lehrer auch. Aber es bedarf gar keiner Nachahmung. Die Kinderlieben es, alle Vorgänge in der Schule mit präziser Genauigkeit wiederzugeben. Wenn sich nun die Eltern eine abfällige Kritik über den Lehrer erlauben, so ist der Respekt vor dem Lehrer untergraben, damit läßt aber das Kind auch im Fleiße nach, denn dem Lehrer, dem es keine Achtung zollt, glaubt es auch keine besonders große Aufmerksamkeit schenken zu müssen. Die Folgen irgend einer Angewohnheit oder auch nur eines Versehens sind also unberechenbar. So ist die Mühe, die der jüdische Religionslehrer seinem Gegenstände zu widmen hat, wahrlich keine geringe. Aber jeher Erfolg, jede Tüchtigkeit muß im Schweiße des Angesichtes errungen werden. Derjenige Lehrer, der seine Aufgabe wie ein liebevoller Vater auffaßt, wird den Unterricht so interessant zu machen wissen, daß die Schüler es schmerzlich empfinden werden, wenn die Stunde schon zu Ende geht. Solch ein Lehrer wird auch ein sicherer Schild sein, an dem die Pfeile der Feinde unseres Religionsunterrichtes wirksam abprallen werden. Wohl denen, die in der Wahl ihrer Religionslehrer glücklich waren, sie haben nicht nur ihren Kindern, nicht nur ihrer Gemeinde, sie haben dem gesamten Judentum einen unschätzbaren Dienst geleistet. DerwiffenfchaftUcheAntisemitismns. (Schluß.) Der Verfasser widmet dem „Wesen des Judentums" ein besonderes Kapitel, aber das Bild, das er vom Judentum entwirft. ist ein gänzlich entstelltes, eine Karrikatur. Wenn man als Quellen Treitschke, Fromer und sogar das verworrenste Buch ..Rembrandt als Erzieher" sich wählt, dann kann ein gesundes Produkt nicht herauskommen. Die Möglichkeit der j ü d ischen Assimilation wird aus inneren Gegensätzen zwischen Juden und Deutschen kategorisch verneint. Ja, wenn Stahl (Schlesinger) die Idee des christlichen Staates begründen, Mendelssohn - B a r t h o l d y Kirchenmusik komponieren, K o h n Erzbischof werden und Harden antisemiteln kann, dann scheint doch die Assimilation nicht gar so unmöglich zu sein. Doch bleiben wir ernst. Assimilation heißt gleich sein, anpassen, aber nicht verschmelzen. Dieses Ziel ist von 99°/0 aller deutschen Juden längst erreicht worden. Die Juden bilden einen homogenen Teil des deutschen Volkes und sind aus der deutschen Kulturgar nicht mehr auszumerzen, sie sind also assimiliert. Ein Verschmelzen, ein „Anfgehen ohne Rest" ist unmöglich, ist aber auch absolut unnötig und kann vernünftiger Weise gar nicht verlangt werden. Unser Verfasser ist sehr streng, ihm genügt auch die christliche Taufe eines Juden nicht. Wenn aber die christliche Bekehrung eines Juden ganz unmöglich ist, warum in aller Welt stehlen die katholischen Klöster in Galizien jüdische Kinder, um sie mit Gewalt zu taufen? Originell ist auch die Definition, die unser Autor vom Christentum gibt: „Das Christentum ist die vollkommenste Negation des Judentums. Ans dieser Tatsache heraus ergibt sich ein Hauptgrund sär die Antipathie der Christen gegen die Juden." Das ist nicht nur paradox, sondern direkt falsch. Wer so urteilt, der kennt das neue Testament ebenso wenig wie das alte. Nein, das Christentum ist nicht die Verneinung, sondern die Ergänzung, die Fortsetzung des Judentums. Es ist aus dem Judentum hervorgegangen und hat seine wesentlichsten Merkmale behalten, wenn es sich auch nach einer anderen Seite entwickelt hat. Es ist also barer Schwindel, wenn man die Abneigung oder gar den Haß gegen das Judentum mit dem Gebote der christlichen Nächstenliebe in Einklang zu bringen sucht. Wenn die ch r i st l i ch e N ä ch st e n l i e b e nicht für alles bestimmt wäre, was M e n s ch e n a n t l i tz trägt, dann hätte sie keine ethische Bedeutung. Daß man aber alle Menschen der Erde lieben und nur das Judentum hassen soll, weil es die Mutter des Christentums ist. das ist logisch absurd und ethisch unannehmbar. Es ist eigentümlich! Die Leute zerbrechen sich die Köpfe, um das Wesen des Judentums festzustellen, und sie ziehen alle möglichen und unmöglichen Bücher herbei, nur das eine naheliegende Buch, die Bibel, vergessen sie dabei. Und doch gibt es gar keine bessere Quelle als die Bibel, denn jte bildet das Lebensbuch der jüdischen Gemeinschaft aller Zeiten. Darin muß sich doch das Wesen des Judentums zeigen. Und auch dem Wesen der Judenheit muß dieses Buch wohl entsprechen, sonst könnte es nicht Jahrtausende hindurch die Grundlage des jüdischen Glaubens bilden. So nehmet dieses Buch zur Hand und leset es ohne künstliche und gekünstelte Interpretation, und ihr findet darin den Juden, wie er von der Natur ist, schlicht und treu gezeichnet. Aber die Wahrheit wird gemieden, auch da, wo sie am bequemsten ist. Und mit der Bibel kann man ja auch nicht so umspringen, wie mit den anderen „Beweisen". Es ist fast unglaublich, wie frivol man bei diesen Argumentationen zu Werke geht. Unser Verfasser betrachtet die Skrupellosigkeit als jüdisches Spezifikum und schreibt: .Leute mit weitem Gewissen gibt es überall, beim Juden ist dieses die Regel." Und das nennt sich wissenschaftlicher Beweis! Im Grunde genommen läuft diese ganze Betrachtung des jüdischen Wesens nur darauf hinaus, alles Schlechte und Gemeine als spezifisch jüdisch darzustelleu. Das ist und bleibt eine traurige Erscheinung, Laß man die Wissenschaft für solche Zwecke mißbraucht. Ihr seid von einem atavistischen Haß beseelt, dagegen ist nicht viel zu machen, aber