Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1907
- Issue
- Heft 36 (13.9.1907)
- Date
- 1907-09-13
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Die Wahrheit Leite b. l)ü. 36. London, 11. September. Aus Odessa meldet „Evening > Standard" : General N v w i z k i übernahm heute die Präsektur über ' unsere unglückliche Stadt. Er erließ'sofort einen langen energischen Befehl, welcher, wenn er ausgeführt wird, uns von den Schandtaten der „Gelbhemden", wie die „Schwarzen Hundert" jetzt genannt werden, und von den Greueltateil der Anarchisten befreien dürfte. Die Herrschaft des Generals Kaulbars ist allem Anscheine nach zu Ende, da General Nowizkis Ernennung zum Präfekten direkt vom Zaren herrühren soll. Berlin. 11. September. Aus Odessa wird dem deutschen Bureau der „Alliance israelite universelle“ berichtet, daß dort am 10. September abends alles ruhig war. - Unser Religionsunterricht. Von Adolf Heinrich Landau, Wiener-Neustadt. Alljährlich wird von Vätern, Muttern und Leuten, die es gar nichts angeht, ein erbitterter Kampf gegen den vielgeschmähten jüdischen Religionsunterricht unternommen. Immer wieder werden neue Argumente ersonnen, neue Feldzugspläne entworfen. Dem einen scheint er eine ungeheure Belastung, dem andern unzeitgemäß, wieder anderen ganz überflüssig. Hat man jemals gehört, daß man gegen den Unterricht im Lesen, Schreiben oder Rechnen etwas einznwenden hätte? Ja, Bauer, das ist etwas anderes. Diese Gegenstände braucht man fürs Leben, Religion aber nicht. Wer dies behauptet, kennt nicht die Seele des Kindes. Denn ebensowenig kann ein Kind ohne Religionsunterricht sein, wie etwa ein Hans ohne Grundbau. Der erwachsene, gebildete Mensch mag sich für den Darwinismus, den Monismus erwärmen, er kann den Grundsätzen Descartes', Spinozas oder eines Francis Bacon huldigen, Pantheist oder Atheist sein; das Kind aber versteht — gottlob — von all dem nichts. Das Kind muß einen festen Halt haben, der ihm über alle Zweifel hinweghelfen soll. Grundsätze wie: Gott hat die Welt, die Menschen, die Tiere erschaffen, Gott ist überall und sieht auch dich, wenn du sündigst, sind ihm eine moralische Stütze. Wie ein Staat nur durch seine Normen lind Gesetze bestehen kann, so kann ein Mensch nicht ohne Religion — sei sie welcher Art immer — leben. Denn der Mensch ist ein Staat im kleinen und sein Gesetz die Religion. Man möge also nicht für die „freie Schule" eintreten und die Abschaffung des Religionsunterrichtes fordern. Dieser wichtige Gegenstand kann aus den Schulen nie verschwinden, nur muß er in geeignete Hände gelegt werden. Tatsache ist es, daß gerade dem jüdischen Religionsunterricht nicht immer jene Beachtung geschenkt wird, die er als wichtige Stütze des Judentums verdient. Wenn daher Klagen auftauchen, so haben sie sich nicht so sehr gegen den Unterricht selbst zu richten, als vielmehr gegen jene Faktoren, die dem Gegenstände nicht die nötige Sorgfalt angedeihen lassen. Bei den Katholiken, Protestanten, und Griechen liegt der Religionsunterricht in den Händen der Pfarrer, die nebst der theologischen auch allgemeine Bildung genossen haben. Ihre Inspektoren sind Pröbste und Bischöfe, wieder Leute von eminenter Bildung, die den Gegenstand vollkommen beherrschen. Bei uns Juden unterrichten die Rabbiner fast nur an Mittelschulen. Leider ist aber mit dem Begriff „Rabbiner" nicht immer die Befähigung zur Erteilung des Religionsunterrichtes verbunden. Gibt es doch Gemeinden, die aus Ersparungsrücksichten einen Schächter oder Kantor, ohne die nötige Vorbildung, zum Rabbiner ernennen. Als ob das höchste kirchliche Amt von einem Gemeindevorsteher „verliehen" werden könnte. Wäre es denn möglich, daß selbst der Papst einen Laienbruder plötzlich zum Pfarrer erhöbe; ohne daß dieser die entsprechenden Studien auszuweisen hätte? Und bei uns Juden darf ein Rabbiner „gemacht" werden, dem man die Bildung nachsieht. Die Regierung sieht ihn freilich nur als Verweser oder Stellvertreter an, er aber nennt sich stolz „Rabbiner". Einem Supplenten oder Dozenten fällt es nie ein, sich „Professor" zu nennen, nur mit dem Rabbinertitel, der doch dem theologischen Doktorgrad gleichkommt, wird Unfug getrieben. Und wie eine Gemeinde einen Rabbiner machen kann, so läßt es die Regierung auch zn, daß sie Religionslehrer ernennt. Alle Achtung vor ehrsamen.Handelsleuten und kleinen Beamten, aber'Prüfungskommissäre und Inspektoren können sie ja beim besten Willen nicht sein. Wieder ist es die Sucht zu sparen, um ganz überflüssige Dinge des Pompes halber anzuschaffen. Da werden in manchen Gemeinden einem armen Menschen fünf und s e ch s Fn nkti o n en a nfg e b ü r d e t unb baffir wird einGehalt gezahlt, der den Lohn eines besseren T a g a r b e i t e r s nicht übersteigt. Es mag noch hingehen, daß man jemand zumutet, Vorbeter, Schächter. Koreh, Schofarblüser und Sekretär fein zn können, aber wie kann man den Beruf eines Lehrers von Haus aus milbringen? Sei es, daß einer Autodidakt ist, Grätz auswendig kennt, und weiß Gott, was noch, ist dies schon hinreichend, oder ist es nicht vielmehr nötig, daß er studiert und eine Lehrbefähigungsprüfung abgelegt habe? Es gibt beispielsweise vortreffliche Turnkünstler, die sich auf dem Trapez so wohl fühlen wie auf ebener Erde, die Auszeichnungen aller Art besitzen, aber welche Schule würde einen solchen Akrobaten für fähig erachten, ein Turnlehrer zu sein? Ich weiß, daß Rabbiner und Knltusgemeinden einem jungen Menschen ein Befähignngszeugnis geben, wodurch der Betreffende zum Lehrer wird. Aber das Lehramt ist ja nicht zu vergleichen mit dem Verschleiß von Koscherfleisch, der jemand zugesprochen werden kann, das Lehramt ist ein höherer Beruf, der — sit venia verbo — nicht gekauft werden kann. Der Mangel an geeigneten Lehrern liegt im Mangel au geeigneten Lehranstalten; erst nach langem Kampfe entstanden in Wien und Lemberg Schulen zur Heranbildung jüdischer Religionslehrer. Aber d e r M a n g e l a n L e h r e r n i ft n o ch kein Grund, die jüdische I u g e n d verwahrlosen zn lassen. Glücklicherweise sind die Fülle nicht allzuhäusig, aber immerhin sehr bedauerlich. Es könnten sich ja mehrere Gemeinden vereinigen, um einen geeigneten Lehrer anstellen zu können. Da nur zweimal wöchentlich Religion unterrichtet wird, so könnte der Religionslehrer seiner Aufgabe vollkommen gerecht werden. Man denke sich nur einen Menschen, der matt und erschöpft von der Schlachtbrücke kommt. Wie soll er lehren, vortragen, erklären können? Die vielen anderen Berufe, die so ein Lehrer har, verwehren es ihm in der Regel, sich gehörig vorzubereiten, er weiß oft gar nicht, was er durchgenommen, was er eigentlich aufgegeben. Wenn er noch dazu die Unterrichtssprache nicht völlig beherrscht — und das kommt ja vor — dann haben es die Schüler gleich weg, daß sie einem solchen Lehrer leicht ein Schnippchen schlagen können, und aus dem erhabenen Religionsunterricht wird eine Farce, eine „Hetz*". Man darf sich daher gar nicht wundern, wenn es auch in den Mittelschulen vorkommt, daß während des Religionsunterrichtes Zeitung gelesen, Karten gespielt, Korrespondenz erledigt wird. Die Gemeinden, die ihre Ersparungsrücksichten so weit auf die Spitze treiben, machen die jüdische Religion nicht nur bei der Jugend verhaßt, sondern sie fordern auch den beißendsten Spott der Andersgläubigen heraus. D i e s e s ch e i n b a r k l e i n e n Fehler schlagen dem Judentum herbe Wunden und haben einen bedeutenden Anteil an der leider so erschreckend überhandnehmenden Abfall s b e w e g u n g. Ein tüchtiger Lehrer mit modernem Geiste wird sich die Herzen der Schüler im Fluge erobern, er wird ihnen die Religion lieb und wert machen, er wird zum Segen für die Schuljugend und bewirkt eine Renaissance der ganzen Gemeinde. Er wird es auch verstehen, den Gegenstand so zn lehren, daß er dem Kinde nicht als eine Last erscheint. Die jüdische Geschichte — und auf diese soll ja beim Unterricht das Hauptgewicht gelegt werden — muß entsprechend vorgetragen, im empfänglichen kindlichen Gemüt geradezu Begeisternng Hervorrufen. Der jüdische Religionslehrer muß das Kind gleichsam wie eine plastische Masse zu formen wissen, er muß ihm die Liebe zum Judentum mit Flammenschrift ins Herz schreiben, damit es bis ins späteste Alter diese Worte des Lehrers bewahrt. Mit welcher Verehrung, mit welcher Begeisterung spricht mein lieber Bater noch jetzt nach Jahren von seinem großen Lehrer Löwen stein. Wohl denen, die so von ihren Lehrern sprechen können. Bei der Auswahl eines Religionslehrers müßte daher jede Gemeinde mit der peinlichsten Genauigkeit Vorgehen, denn sie muß sich vor Augen halten, daß sie einen Hirten