Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1907
- Issue
- Heft 36 (13.9.1907)
- Date
- 1907-09-13
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Leite 4. Die Wahrheit Nr. 36. üchen Bunde wider jenen barbarischen Brauch. Getrieben von dem Wunsche, auch dem Heiligen Vater den Trost zu verschaffen, den mir diese Nachrichten gewähren, habe ich ihm sogleich mitgeteilt, welchen Eifer Sie in dem edlen Werke entfalten, und ich freue mich, nun Ihnen mitzuteilen, daß ich mich nicht getäuscht habe in der Voraussicht, Seine Heiligkeit werde Ihr hochherziges Vorgehen, Verehrtester Herr, auf das nachdrücklichste anerkennen. Es scheint dem Heiligen Vater, daß jener beschämende Ueberrest der unglücklichen Zeit, wo das stärkste Recht jenes der Gewalt war, allzusehr in Widerspruch stehe mit der vielgerühmteu Zivilisation unserer Zeit. Will die Gesellschast wirklich und nicht nur scheinbar beweisen, daß sie den gesunden Fortschritt, das heißt das Fortschreiten auf dem Pfade der Tugend und Gerechtigkeit liebt, so darf sie nicht mehr erlauben, daß es als Ehre gelte, so viele Jahrhunderte zurückzuschreiten und die unvernünftige Einrichtung des Zweikampfes hochzuhalten. Seine Heiligkeit spendet Ihnen reiches Lob für den hohen Mut, den Sie bei Ihrem edlen Werke beweisen, und wünscht Ihnen aufs wärmste glücklichen Erfolg. Diesen Wünschen schließe auch ich mich von ganzem Herzen an, indem ich mich in aufrichtigster Achtung zeichne Euer Hochwolqeboren dienstwillig ergebenster Kardinal M e r r y d e l V a l. Jedermann ersieht aus diesem Schreiben, daß der Papst im Namen der Humanität, der Vernunft, der Zivilisation das Duell verdammt und daß er absolut vermeidet, den Zweikamps kurz und trocken im Namen der katholischen Religion als ein Kapitalverbrechen, als eine Todsünde zn erklären. Das Räthsel dieser Haltung ist aber leicht zu lösen: In den Armeen der katholischen Staaten wird das Duell nicht nur geduldet, sondern als Pflicht betrachtet. Der Papst schont also nur aus politischen Gründen gewisse religiöse Gefühle, wenn er dem Duell gegenüber nicht den religiösen Standpunkt eiunimmt. * Neue, furchtbare Greueltareu, verübt an armen, unglücklichen Juden, an Greisen, Frauen und Kindern werden aus Odessa, Kischeuew, Lodz und noch anderen russischen Orten, die auf der Landkarte des Zarenreiches blutig rot angestricheu werden müssen, gemeldet. Selbst die toten Juden in Rußland sind vor den Bestien, die im Namen des Zaren zum Schutze des Throues und der Religion morden, nicht sicher; die Friedhöfe der Juden werden auch nicht geschont. So tief das Mitleid mit den Opfern, so groß das Entsetzen und die Empörung über die vertierten Exzedenten ist, so unsäglich herzbeklemmend und aufreizend zugleich ist der Gedanke, daß alle diese menschheitschändenden S ch ä n d l i ch k e i t e n nur durch die aktive und passive Resistenz der Behörden und des Militärs möglich, also jenen Faktoren allein auf das Konto zu setzen sind, die berufen wären, die Ordnung aufrechtzuerhalten, das Leben und das Gut der Bewohner zu schützen. Die in kaiserlichen Diensten stehenden Mörder und Henkersknechte halten es auch nur in Ausuahmsfällen für nötig, statt des rohen Zynismus die Maske der schuftigen Tartufferie vorzunehmeu. Der Gouverneur erklärte einer verzweifelten Judendeputation, die Juden allein seien an den Bestialitäten des plündernder: und mordenden Pöbels schuld, denn die Juden seien revolutionär gesinnt. Der Chef der Polizei in Odessa erkundigt sich beim Rabbiner über die Vorfälle, verlangt von ihm einen Bericht über die Toten und Verwundeten, als ob er von all dem nichts wüßte. -i- Der „Verband der russischen Leute", der jetzt nebenbei auch die russischen Judenhetzen in eigener Regie betreibt, erfreut sich, darüber kann es keinen Zweifel geben, der besonderen Sympathien des Zaren. Das haben seine Dankschreiben an die Häupter dieses Verbandes und auch die großen Subventionen, die er ihnen aus Staatsmitteln zuweisen ließ, bewiesen. Sogar Stolypin fängt an, den Einfluß dieser immer mächtiger werdenden „Regierungspartei" zu fürchten, und darauf ist es wohl zurückzufnhren, daß jetzt ein Memorandum an den Zaren überreicht werden konnte, in welchem die Tätigkeit dieses Verbandes im Lichte der Wahrheit dargestellt und besonders betont wird, daß ungemein viele Mitglieder des Vereines bereits eine gerichtlich anerkannte verbrecherische Vergangenheit Hinter sich haben. . . . Diebe, Stäuber und Mörder, die waren naturgemäß prädestiniert, die Scharen zu vermehren, die Kruschewan und andere ihm ebenbürtige Fanatiker zur Bekämpfung des „jüdischen" Geistes organisierten. Urne Pogrome in Rußland. Berlin, 8. September. Der Hilfsverein der deutschen Juden erhielt über die letzten Greueltaten in Odeffa einen Bericht, in dem es heißt: Jede Möglichkeit, auf telegraphischem Wege irgend welche Berichte über die Vorgänge der letzten Tage in Odessa zu übermitteln, war ausgeschlossen. Soweit sich die traurigen Vorgänge übersehen lassen, seien sie im nachfolgenden geschildert. Die Beerdigung eines, Polizeisekretärs, die am Sonntag stattfinden sollte, hätte eine Panik in der jüdischen Bevölkerung hervorgerufen, da man wußte, daß derartige Beerdigungen immer als Provokation zu Pogromen dienen. Die Befürchtung war leider nicht unbegründet. Als der Leichenzug sich zum christlichen Friedhof bewegte, hörte in den entlegenen Stadtteilen jedes Leben ans. Juden, die sich zu einer Trauerfeier ans den jüdischen Friedhof begaben, waren die ersten, die den Gewalttaten der Hooligans zum Opfer fielen. Die Hooligans versuchten die Tore des jüdischen Friedhofes zu sprengen und begannen bald auf die Juden l o s z u schießen, wobei einer, Israel S a b s a i, auf der Stelle getötet und eine ganze Anzahl anderer verwundet rvurden. Der Getötete sowie die Verwundeten wurden in das jüdische Krankenhaus gebracht. Auch dorthin schickten die Hooligans ihnen Schüsse nach. Die Kugeln flogen durch die Fenster des Krankenhauses. Zu gleicher Zeit begannen auf dem Tolkutzymarkt Ausschreitungen der schwersten Art; dort wurde kein Mensch verschont. Ein alter, 66jähriger Jude, Hirsch S i g e l m a n n, wurde mit Kautschukknütteln grausam geschlagen, und als er niederste!, trat man mit Füßen auf ihm herum. Dortselbst wurden die Juden L e w i t i n, Jsak Cohn, Abraham L o y e >v, sowie viele andere durch Messerstiche verwundet. Die Polizei blieb völlig untätig. Das Schießen aus den Straßen dauerte noch bis 11 Uhr nachts an. Montag setzten die Hooligans ihre Greueltaten fort. Schon am frühen Morgen sprangen Hooligans in einen Straßenbahnwagen und fielen über die dort befindlichen Juden her. Später verteilten sich die Hooligans in kleine Gruppen und zogen in alle Teile der Stadt. Auf der Prochorowskastraße hörte man Schüsse fallen, bald wurden vier Juden mit Schußwunden ins jüdische Krankenhaus gebracht. Die Hooligans gelangten ungestört in die Hauptstraßen Odessas, überall auf ihrem Wege mißhandelten und verwundeten sie die Juden, die ihnen in den Weg kamen. Auch verschiedene Läden und Wohnungen blieben nicht verschont, sie zerschlugen Fensterscheiben, ruinierten Ladeneinrichtungen und schossen auf diejenigen, die sich in den Läden zu verbergen suchten. Ein Obsthändler, Josef B a r b a d a t, wurde dabei schwer verwundet, ebenso ein christlicher Buchhalter, Dobrowolski, den man irrtümlich für einen Juden hielt. Jus jüdische Krankenhaus wurden ferner eine Anzahl Juden gebracht, die Brandwunden aufwiesen, so Wolf Polakyw, Perzachis, Samuel Jachiz und andere. Einen bejammernswerten Eindruck machte im Krankenhause die Einlieferung der verwundeten Kinder, vier Knaben und Mädchen von vier bis acht Jahren. Das Verhalten der Polizei während des Pogroms war empörend. Sie ließ die Hooligans ruhig ihre ruchlose Arbeit verrichten. An einigen Orten gab sie sich den Anschein, als suchte sie die Hooligans zu zerstreuen, sie ließ aber sofort wieder zu, daß sie sich an derselben Stelle wieder versammelten. Der stellvertretende Stadthauptmann Nabokow hat den Rabbiner Dr. A w i n o w i tz k i, der bei ihm über die Greueltaten Klage führte, beauftragt, die jüdische Bevölkerung zu beruhigen und ihr zu erklären, er habe die energischesten Maßnahmen getroffen, um die „einzeln e n" B o r f ä l l e in Zukunft zu verhindern. Es ist charakteristisch, daß dieser Chef der Polizei den Rabbiner darum bat, ihm einen ausführlichen Bericht über das Vorgefallene sowie über die Verwundeten und Getöteten zu erstatten, als wüßte er selber nichts von dem Furchtbaren, das geschehen war. Berlin, 10. September. Aus Warschau wird gemeldet: Nach einer telegraphischen Meldung aus Lodz hat dort heute nachts infolge der entsetzlichen Mordtaten der letzten Tage ein Pogrom begonnen. Elf Personen, darunter vier Frauen, wurden erschösse n. vier Personen, darunter zwei Frauen, verletzt. In der Baluthhvorstadt dauerte die Schießerei noch am frühen Morgen fort. Petersburg, 10. September. Aus Odessa wird dem „Ruß" telegraphiert: Elf bewaffnete Mitglieder des „Verbandes echt russischer Leute" drangen nachts im Stadtteil Moldawanka in die Wohnung der Christin B r o s k o ein. Sie hatten deren Söhne aufgefordert, in den Volksverband einzutreten; da diese sich weigerten, wurden sie in barbarischer Weise mißhandelt. Die alte M u t t e r' der Broskos wurde mit dem Kops an die Wand geschleudert und hiedurch g etötet. Auch zwei Leute, die bei der Brosko wohnen, wurden mißhandelt. B u k a r e st. 10. September. Am jüdischen Neujahrstage sollen in Kischeuew große Ausschreitungen gegen die Juden begangen worden sein. In der Harlamskaja Ulitza wurden viele j ü d i s ch e L ä d e n geplündert und devastiert. Die Zahl der verwundeten und mißhandelten Juden soll sehr groß sein. j In den an den rumänischen Grenzen liegenden Dörfern treffen > zahlreiche flüchtige Familien aus Kischeuew ein.