Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1907
- Issue
- Heft 35 (6.9.1907)
- Date
- 1907-09-06
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 8. Die Wahrheit Nr. 35. einer finsteren Zeit der Bedrängnis ihre Wurzel haben, von Jahr zu Zahr adnehmen, daß also die Tendenz des sittlichen Fortschrittes sich deittlich zeigt. Es ist eine unerhörte Fälschung der Tatsachen, wenn der Verfasser eine große Anzahl von Verbrechen „spezifisch jüdische" nennt. Wenn ein Jude es wagen würde, Sittlichkeitsvergehen gegen Kinder als ein spezifisches Verbrechen des katholischen Klerus zu bezeichnen, weil durch einige Jahre katholische Geistliche wegen dieses Verbrechens verurteilt worden sind, so würde es jeder anständige Mensch mit Recht als frech und gemein verdammen. Wie sollen wir nun die Handlungsweise dieses fromm katholisch sein wollenden Mannes nennen? i Sophistisch ist auch der Schluß der kriminalistischen Betrachtung: „Der sittliche Gehalt des modernen Judentums zeigt dabei vom Standpunkte der christlichen Moral einen sehr beachtenswerten Tiefstand, wenn auch zugegeben werden muß, daß der Vergleich niit der M o r alkras t der ch r i st l i ch e u Wirtsvölker für die letztere gerade kein allzu rühmliches Zeugnis ergibt." Man könnte den Satz ebenso gut umkehren, ohne dabei weniger gerecht und weniger geistreich als unser Autor zu sein. Mit solchen Sätzen kann man alles behaupten, aber nichts wissenschaftlich beweisen. (Schluß folgt.) Verschiedene Unchrichle». Wien. Der Gottesdienst im Musikvereinssaale beginnt am Roschj Haschono und Jom-Kippur morgens um 8 Uhr, und abends wie in den i Gemeindetempeln. Wien. Um den religiösen Bedürfnissen der zahlreichen jüdischen Bevölkerung des XX. Wiener Bezirkes Rechnung zu tragen, hat der Vorstand des Brigittenauer Tempelvereines beschlosten, den großen Brigittasaal, XX., Wintergaste 27, für die hohen Festtage in ein provisorisches Bethaus umzugestalten. Die gottesdienstlichen Funktionen wird der bewährte Oberkantor Herr Juda Roman mit einem geschulten Chor in alttraditioneller Weise verrichten. Wien. Sonntag, den 1. d. M.. fand unter überaus zahlreicher Beteiligung das Leichenbegängnis des in allen Kreisen hochgeehrten und geachteten Herrn Samuel I. R u s s o statt. Der Verblichene, der ein Alter von 86 Jahren erreichte, war ein großer' Wohltäter und strenggläubiger Jehudi. Er besuchte früh uud abends, bei jeder Witterung, trotz seines j hohen Alters das Gotteshaus und beteilte nachher Tag für Tag alle umstehenden Armen. Die türkische Gemeinde sowohl, .als die Armen und > Bedrängten erlitten durch sein Hinscheiden einen fast unersetzlichen Verlust. In seiner gewohnten Bescheidenheit war auch sein letzter Wille, daß weder Chorgesang, noch eine Rede bei seinem Leichenbegängniffe gehalten werde. Selbstredend wurde seinem Wunsche Rechnung getragen, aber trotzdem hielt Rabbiner P a p o ein Dankgebet im Namen der Gemeinde und der Funktionäre. Die kantoralen Funktionen versah Oberkantor Bauer. Das Andenken Samuel R u s s o s sei gesegnet! ,T2'2'3Ti Baden. In der Nacht aus den 27. vergangenen Monats starb dahier Herr I. U. Dr. Eduard Bloch im höheren Alter, nach einem verdienstvollen, mit edlen Taten ausgestatteten Leben. Der Verblichene war der ältere Schwiegersohn des hier durch seinen Wohltätigkeitssinn rühmlichst bekannten Großweinhändlers, Herrn Moriz Schreiber, und war.ein mehrjähriges Mitglied der israel. Kultusgemeinde und Chewra-Kadischa Baden. An dem am 29. August vom Trauerhause aus, Brairnerstraße 36, am hierortigen israel. Friedhofe erfolgten Leichenbegängnisse beteiligten sich die hervorragendsten Vorstandsmitglieder der Kultusgemeinde und Chewra- Kadischa, wie in Berttetung der Stadtgemeinde Herr Vizebürgermeister Hotelier B r u s s a t i, nebst vielen anderen zahlreichen Leidttagenden und Trauergästen, die in einem langen Kondukt dem Leichenwagen folgten. Im Zeremoniensaale am Friedhofe hielt Se. Ehrwürden Herr Rabbiner W. Reich an der Bahre die Trauerrede, in welcher er die edlen Charaktereigenschaften des Hingeschiedenen in beredten und ergreifenden Worten schilderte. Herr Oberkantor M. Seifert exekutierte stimmungsvoll den gesanglichen Teil der Trauerzeremonie, worauf der Verblichene zur Ruhe bestattet wurde. Die mildherzigen Verwandten leisteten an Kranzablösungs- Spenden X 370.—. Eiwanowitz. Für die hiesige Gemeinde würde Herr Leo Wolfensohn als Kantor akzeptiert. Derselbe verfügt über tüchtiges fachmännisches Wissen uud schöne Stimmittel. Brünn. Sehr geehrter Herr Redakteur! Mit Bezug auf den Artikel in der vorletzten Nummer Ihres gesch. Blattes: „Der Nekrolog Max Kalbecks über Josef Joachim", gestatte ich mir, Ihnen folgende Notiz zuzusenden, die ich im I a h r g a n g 1865 der „Brunner Zeitung", Nr. 31 vom 8. Februar, fand. Sie lautet: „Der Violinvirtuose Joachim hat seine Stelle als k. Konzertmeister in Hannover gekündigt. Die Ursache dieses Schrittes ist folgende: Joachim hatte vor zwei Jahren den Violinisten Grün (früher in Weimar) mit Ermächtigung der Intendanz für die erledigte Stelle eines Kammermusikers engagiert und ihm die Zusage einer definitiven Anstellung gemacht. Als er nun in jüngster Zeit das Verlangen stellte, daß endlich seine Zusage erfüllt werden und die definitive Anstellung Grüns erfolgen möge, wurde dieses Verlangen mit dem Bedeuten abgeschlagen, daß man höchsten Orts keinen Juden in der k. Musikkapelle haben wolle, Joachim, der selbst noch vor wenigen: Jahren der jüdi sch e u K o ns e s s i o n angehörte, sah sich hierdurch veranlaßt, seine Entlassung zu nehmen." Es.scheint doch, daß Joachim mehr Charakter besaß, als manche, die jetzt seine Nekrologe schreiben. Hochachtend Dr. Max Grünseld, Brünn. Znaim. Bei der voriger Woche stättgefundenen Wahl in den Vorstand unserer Kultnsgemeinde wurden folgende Herren gewählt: In den engeren Ausschuß: Rudolf Wo tzilka, Vorsteher; Johann Much, erster und Leo K o h n, zweiter Beirat; ferner Max Barth, Adolf Fränkfurther, Hermann Steinet, Heinrich Lauser, Adolf Minkus, David Schlesinger und Ignaz W a l l i s ch, letzterer, nachdem Herr Dr. Siegmund Rosenfeld die aus ihn gefallene Wahl ablehnte. — In den verstärkten Ausschuß: Veit P i s k e r, Rudolf L ö w y, Dr. S. G r o ßman n, Oberbezirksarzt Dr. N. Wolfen st e i n, Josef S i n g e r, H. F r e i l e r, Adolf R i e s e n f e l d, Aron Scheuer, Josef Rose ufeld, Arthur Brüll. — Der frühere Vorsteher, Herr Hermann Steiner, der 23 Jahre an der Spitze unserer Gemeinde stand und sich um dieselbe unsterbliche Verdienste erworben har, wollte aus Gesundheitsrücksichten durchaus nicht wieder zum Vorsteher gewählt werden, sondern nur als einfaches Ausschußmitglied zum Wohle unserer Gemeinde weiter wirken. Es wird allgemein erwartet, daß in dem neugewäylten Vorsteher, Herrn Rud. Wo tzilka, ein würdiger Ersatz gefunden wurde. Budapest. Am 30. August d.. I., nachmittags 5 Uhr. fand die weltliche Installation des neuen Rabbiners der Pester isr, Religionsgemeinde, Dr. Elias Adler, statt. Dieselbe wurde in würdevoller Weise vollzogen. Nachdem sich der Gemeindevorstand, die Tempel- und Synagogenvorsteher, die Ausschußmitglieder, die Gemeinderepräsentanz, Rabbiner Dr. Simon Hevefi, Gemeindesekretär Dr. G ü b o r und die dienstfreien Beamten der Gemeinde im großen Saale des Gemeindehauses — welcher, trotzdem es noch heller Tag gewesen, festlich beleuchtet war — eingefunden Hutten, erhob sich der Vorsitzende, Kultusvorsteher Ludwig Adler, welcher erklärte, daß er den Beschluß der Generalversammlung, die Installation des neuen Rabbiners möge noch vor den hohen Festen erfolgen, jetzt zum Vollzüge bringen werde. Unter Führung des Gemeindevorstehers Dr. Wilhelm Grauer wurde eine größere Deputation znr Einholung Dr. Adlers entsendet. Mittlerweile kam die große, aus 50 Personen bestehende Deputation der Altofner Jsraelitengemeinde unter Führung ihres greisen Präsidenten Samuel Ehrlich, sowie Dr. Mandel, Rabbiner in Eresin, der Schwager Dr. Adlers, in den Saal und nahmen die ihnen reservierten Ehrenplätze ein. Bald daraus verkündeten begeisterte Eljenrufe das Kommen des neuen Rabbiners, welcher im Ornat erschien und auf der Estrade neben dem Kultuschef Platz, genommen hatte. Die Anwesenden erhoben sich von ihren Sitzen und bereiteten Dr. Adler den denkbar herzlichsten Empfang. Vorsteher Ludwig Adler nahm in Vertretung des abwesenden Präsidenten Hofrat Dr. Philipp W e i u m a n n die Installierung des neuen Rabbiners vor, wobei er eine beifällig aufgenommene Ansprache an denselben richtete, auf welche Dr. Adler tief bewegt erwiderte. Nicht schwindlich machen soll ihn die Höhe, auf die ihn sein Gott und das Vertrauen der hochangesehenen Gemeinde gehoben, nicht blenden soll ihn der Glanz seiner neuen, ihn hochehrenden und hochbeglückenden Stellung, sondern anspornen soll sie ihn, noch mehr zu leisten, noch mehr zu vollbringen als bisher und er gelobe, stets dahin zu streben, sich das Vertrauen seiner Gemeinde zu erhalten. In der Rombachsynagoge, gelegentlich des Freitagabend-Gottesdienstes vollzog sich hierauf die synagogale Feier der Amtseinsetzung. Als Dr. Adler gefolgt vom Kultusvorsteher und den Vorstehern der Synagoge Direktor Arnold K o h n und Abraham N a g l e r das in allen seinen Teilen festlich .beleuchtete und dichtgefüllte Gotteshaus betrat, intonierte Oberkantor Israel TkLts mit seinem Chorpersonale den Festspalm: „Gesegnet sei, der da kommt im Namen des Herrn". Rabbiner Dr. Elias Adler wurde zu seinem Sitze geführt, woselbst ihn Rabbiner Moses F e l d m a n n begrüßte. F e l d m a n n sprach zuerst ungarisch, dann hieß er seinen neuen Amtskollegen im klastischen Hebräisch willkommen. Nun absolvierte Kantor Koller und Oberkantor Tküts den ersten Teil des Gottesdienstes, worauf Dr. Adler die Antrittsrede hielt. Er gedachte seiner leuchtenden Vorgänger Samuel Löw Brill und Eleazar Pollak und erbat sich die Unterstützung seiner hochgeehrten Rabbinerkollegen, besonders aber des silberhaarigen Oberhauptes derselben. Seine formvollendete Kanzelrede, die fast dreiviertel Stunden dauerte, hat überaus gut gefallen. Er behandelte das aktuelle und dankbare Thema vom jüdischen Hause, vom jüdischen Herzen, von der jüdischen Kindererziehung und besonders eingehend die jüdischen Frauen. Nach der Predigt ward der Gottesdienst fortgesetzt und als derselbe zu Ende war, beglückwünschten Hunderte von Baalebatim den neuen Rabbiner. Möge derselbe recht lange seines heiligen Berufes walten! .D. H. S. London In Ostend der englischen Hauptstadt ist am vorigen Donnerstag ein neues Theaterunternehmen eröffnet worden: das erste „jüdische" Theater in England. In New-Aork bestehen bekanntlich seit Jahren nicht weniger als sechs Bühnen, die ausschließlich in diesem Jargon spielen, und wenn auch die jüdische Bevölkerung Londons nicht an die der amerikanischen Metropole heranreicht, so repräsentieren die in Whitechapel und Stepney angesiedelten Inden doch eine so stattliche Schaar, daß ein ständiges Theater Aussicht auf Erfolg hat. Nicht weniger als 180 Stücke sind zur Ausführung ausersehen. Die meisten dieser Werke sind von jüdischen Dichtern geschrieben worden, aber auch die allgemein bekannten Meisterwerke der Weltliteratur sollen im Pavillontheater ein Heim finden und werden zu diesem Zweck ins Jüdische übersetzt. Im Lause dieser Woche wird „Hamlet" in Szene gehen.