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Die Wahrheit · 1907-09-06 · Heft 35 (6.9.1907) · page 9

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1907
Issue
Heft 35 (6.9.1907)
Date
1907-09-06
Page
– (sequence 9)
Language
German
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OkKerr.-migar. Kantoren -Zeitung. Weder das Modnlatorische beim Kantoralen Uortrag. Von B. Singer, Jungbunzlau. Die Uebergünge von einer Tonart in die andere gehören wohl in das Reich der Harmonielehre; aber die näheren Beziehungen zwischen Tonica, Dominante und Subdominante muß der ausübende Sänger im freien Vortrag anzuwenden wissen. Dabei soll er, um nicht zu verflachen, es verstehen, den rezitatorischen Gesang mannigfaltig wiederzugeben. Hier gibt es nun zweierlei Wege, die zu einem Erfolge führen. Fürs erste muß man das rein Musikalische' ins Auge fassen, fürs zweite das rein Geistige. Unsere einstmaligen bedeutenden Synagogensänger haben im ersteren Falle im sogenannten Stehgreifsingen quasi mit ihrer Kehle gespielt und tändelnd mit zerlegten Moll- und Dnr-Akkorden, verminderten und übermäßigen Intervallen nur so herumhantiert, ohne aber auf den Smn des vorzntragenden Stückes besonderen Wert zu legen. Freilich sind auch hier Ausnahmen von der Regel anzulreffen gewesen, die den Koloratur- und Ziergesang nicht immer als Mittel zum Zweck angesehen haben. Der in deutschen und österreichischen Schulen erzogene Chasan findet seine Genugtuung im Gebetstück selbst. Er wird gern bei einzelnen Sätzen, ja bei einem einzigen Worte eine modulatorische Wendung anbringen, um das charakteristisch Erscheinende hervorznheben, und da gibt es ja gewissermaßen genug Gebetstücke, die ihm als Probiersteine seines Könnens und seiner Intelligenz gelten. Ich habe unlängst einer Trauung in einem hauptstädtischen Tempel beigewohnt und dort, wohl auch nicht das erstemal, gehört, daß der Vortragende Kantor die schewa brocbos nicht so ordnungsgemäß rezitierte, daß er die breite Plattform der Quarte, z. B. d—g, gewählt Hütte, sondern die Quintensorm, und zwar kontinuierlich bis zum Schluß. Das verflacht! Hätte er bei den ersten drei brocbos die reine Quarte gewählt, bei den anderen den Qninteuakkord d—fis—a und bei der letzten großen brocbob die Quarte einer andern verwandten Tonart, dann wäre es wohl für den Zuhörer nicht so monoton gewesen und für ihn selbst vielleicht auch nicht. Oder sollte vielleicht in der Wahl dieser Form Absicht liegen oder Schule, um im Minchaton zu verharren? Ich muß auch bemerken, daß der Chor selbe Rezitationen in der Quinte beantwortet bat. Zu guten Modulationen gibt uns anch der Kiddusch am Freitag-Abend Gelegenheit. Bei dem Worte „Li b\i jom“ geht Sulzer in die Dominante über und fixiert den Minjone- Standpnnkt, während Deutsch in freier Auffassung recht glücklich die Subdominante anschlagen läßt, die hier von großer Wirkung ist und geradezu überrascht. Es wären noch manche Beispiele aus wohlgesetzten Rezitativen anzuführen; es hieße aber der Phantasie des Vortragenden Fesseln anlegen; obwohl es recht oft nötig wäre, dem ungezügelten Gedankenfluge eines sich in weltverlorene Gebiete Verirrenden Fesseln anzulegen. Unsere Devise beim Vortrag sei immer: Einfachheit und Wahrheit. Feuilleton. AeillllVth. ^Fortsetzung.) Reb Mordche sah ihn erschrocken an und srug: „Lebel, von wo kommst Du?" „Das werde ich Euch schon sagen, wo ist die Muhme?" „Sie ist in der Stube; aber wart' ich geh' Dir voraus, damit sie nicht erschrickt." Sie gingen durch die Küche ins Zimmer und Reb Mordche sagte zu seiner Frau: „Fradel, seh' her, was für einen Gast wir haben, Lebel ist da!" „Lcbolsna alsobsna Lebel, aber wie kommst Du her? Jetzt, wo Ihr in Sziget Markt habt, und doch so viel zu tun ist? Aber vor allem setz' Dich!" Lebel ließ sich auf einen Stuhl nieder, Oukel und Tante setzten sich neben ihm und er erzählte, was vorgefallen. Frau Fradel brach in Helle Tränen aus, Reb Mordche schüttelte bedächtig sein Haupt, strich seinen Bart und sagte: „Das ist ein großes Verhängnis, aber auch eine große Sünde, daß Du einen Schwur brichst; wenn sie Dich erwischen, denn die Husaren suchen Dich, wirst Du erschossen, wir aber, als Deine Helfer, werden eingesperrt. Du bringst uns alle ins Unglück." Lebel erwiderte: „Vetter, der Ded, sein Andenken sei gesegnet, ist mir im Traume erschienen und hat mir den Schwur matir gewesen. Ich will Euch aber nicht ins Unglück bringen. Gott, gelobt sei sein Name, wird mir auch ohne Euch Helsen." Mit diesen Worten wollte sich Lebel erheben, aber Reb Mordche drückte ihn auf den Stuhl zurück und sagte: Wär erst recht das Malheur fertig; vor allem heißt es sich verstecken; steige durchs Fenster und folge mir auf den Boden! Dort öffnete Reb Mordche die Kornkammer, machte Lebel einen Sitz zurecht und sagte: „Bleib hier, bis ich wieder komme, ich bin bald zurück." Hierauf versperrte er den Boden, ging zu seiner Frau und flüsterte ihr zu: „Fradel, gib um Gottes Willen acht, daß niemand aus den Boden kommt, ich bin bald wieder da." Nach einer Stunde kehrte er mit einem Bündel unter dem Arme zurück, ging ans den Boden und sagte zu Lebel: „Hier hast du eine Maskerade, verkleide dich als Dratar, komme dann ins Wirtshaus, verlange dort Kornbranutwein und das Uebrige werde ich dir schon sagen." Als Lebel sich in einer Ecke der Schankstube niedergelassen hatte, setzte sich Reb Mordche neben ihm und sagte flüsternd: „Es bleibt nichts anderes übrig, dn mußt nach Amerika flüchten. Trachte daher so schnell als möglich über die preußische Grenze zu kommen und dann nach Hamburg, wo dn mit einem Segelschiffe gegen Arbeit freie Uebersahrt findest. Jetzt gesegne dich von der Muhme und geh durch den Garten hinter den Häusern ans die Heerstraße bis zur Kreuzung, wo wir uns treffen." Tiesbeivegt verabschiedete sich Lebel von der Muhme, der Reb Mordche vorher seinen Plan mitgeteilt hatte. „Bleib gesund. Muhme, ich geh' zwar sehr weit fort, aber wenn Gott will, können mir uns noch im Leben Wiedersehen." „Geh' in Frieden, mein Kind, und Gott beschütze dich, damit du glücklich übers Meer kommst." Mit schwerem Herzen blickte sie ihm, so lange sie ihn nur sehen konnte, nach, zahlreiche Tränen rannen über ihr Gesicht uyd als er ihren klugen entschwunden war, wischte sie sich mit der Schürze die Augen ab und kehrte ins Wirtshaus zurück. An der bezeichnten Stelle trafen sich Onkel und Neffe. Auch ihr Abschied war ein inniger; sie küßten und umarmten sich, Reb Mordche segnete den jungen Mann und gab ihm noch einige Lehren für den Weg mit. Lebel ging rasch vorwärts und als er zur Grenze gekommen war, wartete er das Hereinbrechen der Nacht ab, erspähte eine günstige, weniger bewachte Stelle, sprang in den Grenzgraben, erkletterte dann die andere Seite und lies im raschen Tempo dem ersten preußischen Dorfe zu. Hier trat er in ein Wirtshaus, kaufte sich Brod und Wein und verlangte ein Nachtlager. Nachdem er den Groschen Schlafgeld bezahlt und sein Abendgebet verrichtet hatte, legte er sich aufs Stroh, entschlief sanft und erwachte erst beim Morgengrauen. (Schluß folgt.) Allen werten Kollegen, Schülern und Freunden wünscht znrn Jahreswechsel rtttP Oberkantor I. Bauer.

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