Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1907
- Issue
- Heft 35 (6.9.1907)
- Date
- 1907-09-06
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6. Die Wahrheit Nr. 35. arbeitete Jndustrieprojekte zu bieten, die dem Laien oder auch nur dem Fachmann ermöglichen sollen, sie ins Werk zu setzen. Hier kann vielmehr nur ein informatives Grnndmaterial geboten werden, das jüdische Fachleute und Laien, die sich für diese Fragen interessieren, anregen soll, an geeigneten Stellen Näheres zu erfahren. U e b e r s i ch t. Wir teilen für die Zwecke dieser Darlegung das Material ein wie folgt: 1. Industrielle Möglichkeiten in Palästina: a) aus Grund von Produkten und Rohstoffen des Landes, b) „ „ des Imports von Industrie-Artikeln, c) „ .. importierter Rolnnatertalien, d) „ „ von Exportmöglichkeiten. 2. Die bestehenden Industrien im Lande. (Speziell jüdische Unternehmungen.) I nd u str ie l! e Möglichkeiten in Pa l ästin a. Die Produktion des Landes an eigenen Rohstoffen wäre naturgemäß die erste Grundlage für Industrien. Was im Lande wächst oder gesunden wird und anderwärts Industrien ermöglicht, könnte auch hier zur Entwicklung von Industrien führen, wobei wir zunächst den eigenen Bedarf des Landes im Auge haben. Aber auch der entwickelte Import bestimmter Industrieartikel des Auslandes könnte dadurch verdrängt werden, daß im Lande selbst Ersatzmaterialien gefunden, oder vom Ausland statt des fertigen Artikels nur die Rohmaterialien bezogen werden. Und schließlich kommt für die Industrie Palästinas die Möglichkeit in Betracht. — und zwar sowohl aus Grund eigener Rohmaterialien, wie etwa auch aus Grund der in manchen Industrien billigeren Arbeitslöbne — für ausländische Märkte zu fabrizieren. In gewissem Sinne gehören hierher auch die Industrien, denen der Affektionstvert Palästinas einen speziellen Markt verschafft. (Fortsetzung folgt.) Die Lösung der Judeusrage. Bon Dr. Paul Nathan. (Schluß.) Der Fremde des Altertums, der zu anderen Göttern betete, war der Feind, war der Barbar, und wenn er der schwächere war, wurde er sozial der Sklave. Es gibt in der zivilisierten Welt keine Sklaverei mehr; es gibt keine unehrlicheit und minderwertigen Berufe mehr im gesunden Wirtschaftsleben, trotz des sozialen Hochmutes einzelner sozialer Schichten; und es gibt auf weiten Gebieten der Erde keine Religionsprivilegien mehr und keinen Rassenhochmut in altem Sinne, trotz aller Versuche, jene und diesen neu zu beleben. Das Wort „Ketzer" hat seine alte drohende Bedeutung verloren, und wer ganze Natiotien und Religionsgemeinschaften durch ein einzelnes Schlagwort charakterisiert, die Franzosen als Windhunde, die Engländer als perfide Egoisten, die Amerikaner als Dollarjäger, die Deutschen als sauerkohlessende Querköpfe, die Katholiken als falsch, der ist ein Banause in den Augen jedes Gebildeten. Auch inbezug aus die Juden und das Judentum ist eine Entwicklung in dieser Richtung vorhanden. Sie hat sich nicht überall mit gleichem Erfolge durchgesetzt, aber sie hat der alten Anschüttung weile Gebiete der Erde doch bereits abgenommen; ihre Wirkung ist bereits überall zu spüren, linb nichts spricht dafür, daß diese starke Strömung — unbeschadet einer vorübergehenden Rückstanung hier und dort — vollständig znm Stillstand kommen und in Versumpfung enden könnte. Die Sonderstellitng der Inden in sozialer, in religiöser Beziehung und in Beziehung aus die Rasse findet ihre Analogien. wie in der Vergangenheit, so in der Gegenwart. Um tiur ein paar Beispiele zu nennen, die wir unmittelbar überblicken können, so befiitdeu sich auch die Armenier sozial, religiös und der Abstammung nach den Türken und den Russen gegenüber in völliger Gegensätzlichkeit und die Verfolgungen, denen die Armenier ausgesetzt sind von den Türken und von den Russen, sind ebenso entsetzliche, wie jene, die die russischen Juden zu erleiden haben. Die Judeu--Pogrome finden ihr Seiteni stück in den Armenier-Metzeleien auf tm-kischem wie auf russischem Boden. Ein Unterschied liegt darin, daß es den Armeniern schwer wird, die zivilisierte Erde über ihre Leiden aufzuklären, während gerade die Verstreutheit der Juden über die ganze gesittete Welt es möglich macht, leichter überall ein Echo des Mitgefühls zu wecken und in gewissem Umfange Hilfe zu schaffen. Die Tragödie ist dieselbe; die Voraussetzungen der Tragödie sind die nämlichen; aber das Schicksal der Armenier spielt sich unbeachteter ab, weil es in entlegenem Gebiete lokalisiert ist, während das verwandte Schicksal der östlichen Juden stärker durch die gesamte zivilisirte Welt nachzittert. Und was Armenier und Juden leiden, leiden mit Modifikationen bei verwandten Voraussetzungen im Osten: Finnen, Letten, Esthen, Deutsche, Polen. Wenn man seinen Blick von der Unkultur des Ostens weglenkt und auf Irland sieht, so hat man auch dort genau dasselbe Problem. Ein Volk, das den Angelsachsen fremd als Rasse gegenübersteht; von den Protestanten in England und Schottland religiös lange verfolgt und mißachtet, weil Jrlaitd zum Katholizismus stand; mit entsetzlicher, blutiger Strenge niedergehalteu wie nur je die Jilden und Armenier; herabgedrückt zum elenden Landproletoriat, wie der Jude vielfach zu elendem Händlertum. Als Zeichen des angelsächsijchen Triumphes wurde der Ire sogar seiner Sprache beraubt. Und dieses Irland erlebt jetzt seine langsame Wiedergeburt. England sucht gerade iu diesem Augenblick das Problem einer vollständigen Autonomie für Irland und die Iren zit lösen, und wenn die Lösung jetzt nicht gelingt, so wird sie demnächst gelingen. Wer möchte annehmen, daß die Methode Englands die zum Untergange verdammte ist. imb daß die Methode des offiziellen Rußland dazu bestimmt ist. sich die Welt erneut zu erobern? Sollte nicht alles dafür sprechen, daß die Entwicklung gerade die entgegengesetzte Richtung verfolgen wird, wie denn tatsächlich ein ganz"r Weltteil, Nordamerika, dieser gewaltige Schmelztiegel für die europäischen Rassen, die europäischen Religionen und das europäische soziale Kastenwesen, zwar nicht bei der Gleichartigkeit des Urbreis angelangt ist — zum Glücke nicht — wohl aber zu einer vollen Gegensätzlichkeit gegenüber der Entwicklung in Rußland. Ich übersehe nicht, daß das Negerproblem und das Chinesen- und Japanerproblem drüben ungelöst sind; ich habe über diese Gegensätze hier nicht zu sprechen; aber auf russische Art werden auch sie ihre definitive Lösung ganz gewiß nicht finden. Und zwischen England. den Vereinigten Staaten und dem Zarenreich steht die ganze Reihe der Kulturländer, die auf diesem Gebiete samt und sonders entweder die englisch-amerikanische Methode auch bei sich entwickelt haben, oder die doch mehr und mehr in verschiedenen Abstufungen sich ihr annähern. Wenn man sagt, solche Entwicklung bedeute einen Zielpunkt der Kultur, so sagt man sehr wenig; denn die Zielpunkte der Kultur wähnen die verschiedenen Menschen bekanntlich, ist sehr verschiedener Richtung zu erblickeu. Was dem Einen Ideal, ist dem Anderen Tenfelsfratze. Auf die Durchsetzung dieses humaiieit Kulturideals könnte man darum noch nicfjt vertrauen, weil es viele Menschen für schön und edel erachten; es setzt sich aber durch, weil jene Staaten, die sich von ihm abwenden, dem Untergang geweiht sind. Das humane Kulturideal erobert sich die Welt, weil es in unseren Tagen zugleich die realistische Nützlichkeit und die realistische Staatsnotwendigkeit darstellt. Wer die Rassen-, die Religions-, die sozialen Fragen nach zarischer Methode lösen will, der bedarf dazu roher, brutaler, halbvertierter Volksmassen und einer rohen, brutalen, vielfach vertierten Bureaukratie und Soldateska. Und wer solchen Elementen entscheidenden Einfluß in der staatlichen Entwicklung zuschiebt, der führt sein Volk zur japanischen Katastrophe und zum inneren Znsammenbrnch. Rohe Vertiertheit aus diesem Gebiet heißt ans dem wirtschaftlichen Gebiet leistungsnnsähige Rückständigkeit, Armut, Hungersnot, Hungerrevolte und die Unmöglichkeit, bleibend die materiellen Mittel zur Ausrechterhaltung eines kostspieligen modernen Staates zu beschaffen. Und dieselbe! Linie ins militärische Gebiet verfolgt, führt wiederum zur solda-! tischen Minderwertigkeit von Truppe und Führer und somit