Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1907
- Issue
- Heft 35 (6.9.1907)
- Date
- 1907-09-06
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 85. Die Wahrhen Ss-eite o. müßte sie zngeben, daß in ganz Europa mit Ausnahme der halbasiatischeu Länder und auch in Amerika die Haupttätigkeit der Juden nicht in Wucher und Schnapsverkauf besteht, das „auch" daher eine ganz niederträchtige Verleumdung von Hunderttausenden ist. Aber bleiben wir bei den Inden in Marokko. Gewiß, sie stehen nicht auf der Höhe, sind auch sittlich vielfach die besten Brüder nicht. Aber ist das nicht zum großen, zum größten Teil Schuld der marokkanischen Gesetzgebung und der marokkanischen Zustände? Weiß die „Staatsbürgerztg." nicht, daß in Marokko sogar aus Ermordung eines Juden nur eine Geldstrafe steht? Daß die Juden in Marokko in ausgedehntem Maße Wucher treiben, hat ebenso seinen ganz natürlichen Grund, wie es seinen Grund hatte, daß im Mittelalter die Juden auch bei uns Wucher getrieben haben. Noch viel strenger als je den Christen ist es den Mohammedanern verboten, Zinsen zu nehmen. Es ist geradezu ein Glück für das Land, daß Inden da sind, denen das odiose Privilegium, Geld gegen Zinsen zu verleihen, erteilt werden kann, da sonst das Geschäftsleben noch mehr darniederläge als jetzt. Weil aber das Zinsnehmen Privilegium und Monopol der Inden ist, kann es mißbraucht werden und wird auch nicht nur wie jedes Monopol in Privathänden mißbraucht, sondern es wird auch ganz besonders gehaßt, weil einmal das Zinsengeben überall unangenehm ist, zumal bei einem in wirtschaftlicher Erkenntnis so weit rückständigen Volke, wie das marokkanische es ist, und weil es zudem als ein nach göttlichem und menschlichem Gesetz verpönter bei den Marokkanern, die die strengstglänbigen Mohammedaner sind, im höchsten Grade verachteter Erwerb ist. Wären Koran und Landesgesetz vernünftiger, dann hätten Juden in Marokko ebenso wenig die Vorteile und Nachteile des Zinsnehmens, wie sie es seit längerer, aber nicht gar zu langer Zeit bei uns haben. Alsdann haben die Inden den Haß der Marokkaner aus sich geladen, weil sie Träger des den Mohammedanern im allgemeinen und den Marokkanern im besonderen verhaßten kulturellen Fortschritts sind. Aber nicht nur als solche, sondern auch als durch Landesgesetz Gedrückte sympathisieren sie mit den Franzosen. Fürst Bismarck sagte, als man Heine in seinen Augen durch den Hinweis erniedrigen wollte, daß er für den ersten. Napoleon sich begeistert habe, er wisse nicht, ob er selbst nicht unter den damaligen Verhältnissen ebenso wie Heine gedacht hätte Die Verhältnisse, unter denen die Juden in Deutschland zu Heines und Napoleons Zeiten zu leiden hatten, waren aber im Vergleich zu den Verhältnissen, unter welchen sie in Marokko zu leiden haben, geradezu ideale. Ein erleuchteter Mann, wie Fürst Bismarck hätte also erst recht begriffen, daß die Inden in Marokko für die französische ..Penetration" sind, da ein französisches Protektorat sie aus Sklaven zu Freien, ans rechtlosen Menschen zu vollberechtigten Bürgern machen würde. Daß die Franzosen durch ihre Art, richtiger durch ihre Unarten, sich bei den Marokkanern verhaßt machen, das ist nicht Schuld der Juden. Sie sind für die französische Kultur und Gesetzlichkeit, nicht für die französische Unkultur. Die Juden sind genau so wenig schuld daran, ja ihnen ist das französische Vorgehen ebenso unangenehm, wie den Mächten, die Frankreich mit der Herstellung der Ordnung betraut haben, welches Mandat zum Bombardement Casablancas und zur Plünderung und Ermordung von Marokkanern und Juden von der Soldateska mißbraucht worden ist. Aber den Antisemiten genügt, daß etliche Juden ermordet worden sind, um alle Inden schuldig zu sprechen. Die Industrie» Palästinas.*) Von Davis Trietsch, Jaffa. Landwirtschaft. Die Freunde zielbewußler Kolonisation verbanden mit ihrem Palästina-Ideal den Wunsch nach Rückkehr zur Urproduktion. Sie wollten die jüdische Frage lösen, indem sie den Inden gleichzeitig ihr Land und die beste aller volkswirtschastlichen Grundlagen, den Ackerbau, wiedergeben wollten. Leider liefen bei diesem an und für sich richtigen Gedanken zwei schwerwiegende Fehler mit unter. Einmal hieße die Ueberführung eitles ackerbau-enllvöhnten Volkes zum Ackerbau das Vertauschen eines Extrems mit dem anderen, da zu einer gesunden Volkswirtschaft die Ausfüllung aller Berufe gehört, und zweitens läßt sich der Uebergang von ganz anderen Beschäftigungen zum Ackerbati nicht so leicht vollziehen, wie die kurze Seereise von Osteuropa nach Palästina. Es soll hier keineswegs gegen die jüdische landwirtschaftliche Kolonisation argumentiert werden. S i e fehlt uns am meisten und ist daher auch am meisten anzustreben. Aber wir wollen durch die Uebertreibnng des Landwirtschaftsprinzips in der Kolonisation uns nicht in eine neue Einseitigkeit treiben lassen, die am letzten Ende gerade die landwirtschaftlichen Bestreb n n g e n selb )t n m in e i st e n schädig t. Alle Begeisterung, die sich vortänscht, der osteuropäische Auswanderer könne und müsse während der Schiffsreiie nach Palästina sich znm Landmann wandeln, muß dahin führen, daß den Inden die Lust genommen wird, in den gewohnten Berufen im neuen Lande sein Fortkommen zu suchen, solange ihm in der gänzlich ungewohnten Landwirtschaft ein Erfolg unmöglich ist. Von wenigen Ausnahmen abgesehen, kann die jüdische Einwanderung im Osten n u r a 11 f dem U m w e g e ü b e r Handel und I u d u st r i e (und vielleicht auch über eine Chalnkkah-Existenz) sich 31t dem gesunden Volkstum entwickelt!, innerhalb dessen auch die Landwirtschaft die ihr zukommende Rolle spielen wird. In mindestens 99 von 100 Fällen ist der jüdische Schneider aus Rußland, der in Palästina von seinem Handwerk lebt, „bodenständiger" als sein „kolonisierter" Berufskollege, der in seiner neuen Rolle nicht reüssieren kann. Wer tatsächlich wünscht, daß die Inden im Orient zu einem vernünftigen Prozentsatz wieder L a n d l e u t e werden sollen, der muß trachten, auf w e l ch e W e i s e d i e g r ö ß t e Zahl in kürzester Zeit und mit den geringsten Mitteln im Orient zu irgend einer Existenz gelangen kann. Nur auf dem Wege über eine möglichst große städtische Kolonisation läßt sich bei planmäßiger Arbeit in absehbarer Zeit respektables jüdisches Bauernelement im Orient erziehen. Als industriell veranlagtes Volk würden die Juden kaum jemals wieder in irgend einem Lande der Mehrzahl nach Landwirte sein. Die Entwicklung der Weltwirschaft weist mehr auf Industrie als auf Bodenwirtschaft. Wir dürfen auch nicht übersehen, daß die Produktion der nicht jüdischen Bevölkerung Palästinas eine fast ausschließlich landwirtschaftliche ist. und das; der Orient, der landwirtschaftliche Produkte exportiert und Jndnstrieprodukte ein führt, von seinen Einwanderern mehr industrielle als landwirtschaftliche Betätigung fordert. Und schließlich ist kein Zweifel, daß die bisher meist mit unverhältnismäßigen Opfern begründeten Kolonien ganz andere Erfolge haben würden, wenn sie ihre Produkte an eine zahlreiche industrielle jüdische Bevölkerung un Lande abgeben könnten. Ebenso wie auch die landwirtschaftliche Arbeiterschaft sich in einer bisher ungeahnten Weise wird entwickeln können, wenn ihr in der arbeitslosen Zeit industrielle Beschäftigung, (sei es in den nahen Städten oder als Heimarbeit in den Kolonien selbst) offen stehen wird. Die Bedeutung von Handel und Industrie für die K0l0nisati0 n s b estrebun gen im Orient. Die bisherige jüdische Kolonisation im Orient und speziell in Palästina stand fast ausschließlich unter dem Zeichen der *) Bei dem hervorragenden Interesse, das besonders nach den Beschlüssen des letzten Kongresses allen palästinensischen Fragen entgegengebracht wird, halten wir es für angemessen, zur Verbreitung der Kenntnisse über die kulturelle Entwicklung des heiligen Landes die nachstehende Wenn wir nach diesen einleitenden Bemerkungen nunmehr zur Schilderung des Status und der Möglichkeiten der Industrie in Palästina übergehen, so sei noch erwähnt, daß es nicht Zweck dieser verhältnismäßig kurzen Darlegungen sein kann, ausgeim letzten Hefte der Monatsschrift „Palästina" (Organ für die wirtschaftliche und kulturelle Erschließung des Landes, herausgegeben von der Kommission zur Erforschung Palästinas) veröffentlichte Abhandlung wiederzugeben. (Die Red.)