Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1907
- Issue
- Heft 35 (6.9.1907)
- Date
- 1907-09-06
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4. Die Wahrheit Nr. 35. sie war die Kraft, die ihn dorthin trieb, wo seine Bestimmung auf ihn wartete. Aber oben angelangt, hatte er eine andere, eine freiere Aussicht. Denn anders sieht sich die Welt vom Wege, anders vom Ziele an. Wie er vorsichtig von der Umklammerung seiner Partei sich l ö st e, zum B ürg e rmeiste r für alle w urd e, wir sahen es. Wo die Partei um ihn oder in ihm mächtiger wurde, da lagen die schlimmen Stellen, die Fäulniskeime, die das Fieber der Leidenschaften entzündeten. Wo er ganz der Wiener, der tatkräftige, lebfrische, rastlose Mann sein konnte, der unermüdliche Arbeiter mit der goldenen Kette, da gab er sein Bestes. Und immer mehr stellte es sich heraus, daß es kein liberales Versorgungshaus, keine sozialistische Wasserleitung und keine klerikalen Gärten gibt, daß die Politik hier nichts zu suchen hat, und daß an ihre Stelle die Arbeit und das Talent gehört. Vor allem aber die Liebe." * Das ist ja alles nicht wahr. Lueger ist allmählig ein anderer geworden, aber erst als — Kranker. So lange er als gesunder Mann mit starker Hand die Geschäfte führte, betonte er immer mit Stolz, daß er sich als Parteimann fühle. Den Bürgermeister, der nach Objektivität, nach Gerechtigkeit für alle strebte, entdeckte Dr. Lueger in sich erst dann, als er ein siecher, kranker Mann war. .. Darum muß es gesagt werden: Nicht nur der Jude, auch jeder freisinnige Mann wird ernsthaft dagegen protestieren müssen, daß man plötzlich anfängt, Lueger mit einer Gloriole zu umgeben, ihn als. edlen, erhabenen Charakter zu feiern, der nur Recht und Gerechtigkeit wollte. Man wird dem kranken Menschen Mitgefühl zollen, man wird seine guten Eigenschaften würdigen, aber mau darf darum sein Charakterbild nicht umfälschen. Die Christlichsozialen zählen mit wenig Berechtigirng alles was in Wien geschaffen wird, zu ihren Erfolgen. Zur Abwechslung aber werden sie leugnen, daß die Blättern-Epidemie — die dank der energischen, zielbewußten Tätigkeit aller mit den Hilfsmitteln der Wissenschaft ausgerüsteten Faktoren rasch eingedämmt wurde — wohl nicht zuletzt auf ihr Konto kommt. Die von den christlichfozialen Parteihäuptlingen systematisch betriebene Hetze gegen die wissenschaftliche Medizin und deren Vertreter hat gewiß dazu beigetragen, daß der Jmpfstand in l Wien ein nicht entsprechender war und den Ausbruch einer Epidemie beförderte. Das hat Wiens Bevölkerung — ohne Unterschied der Konfession — der Lneger-Aera zu danken. * * * In Rußland sind die „Schwarzen Hundert" wieder an der Arbeit und wer das Zeichen der „Vereinigung russischer! Leute" trägt, kann unter den Augen der Polizei wehrlose und. friedliche jüdische Bürger mit Mord und Todschlag verfolgen. Wie aus Odessa gemeldet wird, wurden in den letzten Tagen schreckliche Gewaltakte verübt und als eine Abordnung des Börsenkomitees beim Generalgouverneur G l a g o l e w über die Ausschreitungen der schwarzen Bande Klage führte, antwortete dieser, daß die Polizei machtlos und die Juden an allen Ausschreitungen schuld seien, weil sie an allen revolutionären Organisationen teilnehmen. Wann wird endlich die vielgerühmte „europäische Zivilisation" diesen blutigen Greueln und den lügenhaften Verdrehungen der russischen Bluthunde Halt gebieten? Das Gebet eines vorurteilsfreien christlichen Seelsorgers. Vor ungefähr hundert Jahren ist in Heilbronn am Unkar (1804) die siebente Auflage des von Dr. Philipp Josef Brunner, Reichsstift Odenheimischen Schulen-Visitator und Pfarrer zu Tiefenbach und Eichelberg herausgegebenen Gebetbuches für aufgeklärte katholische Christen erschienen. In diesem mit Genehmigung des hochwnrdigen Vikariats zu Bruchsal erschienenen Gebetbuche findet sich Seite 326 folgendes „Gebet für die Juden." Allmächtig einiger Gott! Ich flehe zu Dir für das Wohl einer zerstreuten Nation, die so manchen Druck, so manche Verachtung in der Vorzeit diilden mußte. Ach. das Elend dieser Unglücklichen schien Vielen ein Triumph der Lehre Jesu zu sein, und um diesen Triumph desto glänzender zu machen, vergrößerte man ihr Elend und zerstörte in diesem geschäftigen Volke jeden Keim des b ü r g e r l i ch e n und häuslichen Glückes. Die Religion Jesu wurde ihnen verhaßt, weil so manche Bekenner derselben ihre ewigen und gleichsam geschworenen Feinde waren. Nie soll ein so unwürdiger und feindseliger Glaubensstolz mein Herz verblenden und verderben. Da ich, o mein Gott, von Jesu gelernt habe, daß alle Menschen Brüder sind, so will ich an ihnen die Menschennatur und die Menschenrechte verehren, die sie mit mir gemein haben; ihr Elend selbst, und ihre bürgerliche Erniedrigung soll mir allezeit die tätigste Begierde eiuflößeu, sie zu trösten, ihre Leiden zu mildern und sie durch den Anteil, den ich an ihrem Schicksal nehme, von dem betäubenden Schlage ihrer ehemaligen Zerstörung wieder aufznrichten. Amen." (Brülls Monatsblätter 1882, Seite 93.) Wenn in unserer aufgeklärten, kulturfreundlichen Zeit ein katholischer Priester ein solches Gebet veröffentlichen möchte, wie würde da die ganze antisemitische Preßmente über ihn herfallen, ihn als Judenknecht, als Judenstämmling brandmarken, ohne zu bedenken, daß gerade die Judenstämmlinge zu allen Zeiten die gefährlichsten Feinde ihrer früheren Stammesgenossen waren. Lau sesaef Edom, verurteile nicht Edom, ki schicliu liu, denn er ist es nicht immer, der dir so weh tut, sondern dein eigener Bruder ist es, der dich, sobald er Um eines materiellen Vorteils willen seinen Glauben wie die Wäsche wechselt, grimmig haßt und dich iu den Augen seiner neuen Glaubensgenossen herabzuwnrdigen sucht, weil er dadurch seine sogenannte „Streuggläubigkeit" dokumentieren zu können glaubt. „Deine Zerstörer und Zertrümmerer, Israel, sind aus deiner Mitte hervorgegangen." Dr. Er. Marokko. In Marokko sind wie gegen Franzosen so auch gegen Juden von den Eingeborenen Greuel verübt worden. Folglich haben die Juden schuld. Wenn Inden irgendwo beraubt oder gar ermordet worden, dann haben immer die Juden die Schuld. Der Jude wird eben immer verbrannt. Ob die Mörder Kabylen oder Russen sind, die Gemordeten sind die Schuldigen, nie die Mörder. Das ist einmal antisemitische Logik, antisemitische Gerechtigkeit. Nach der „Staatsbürgerztg." sollen die Juden wie in Rußland so auch in Marokko Sturm gesäet und den Orkan darum geerntet haben. Es fällt dem Stöckerschen Organ nicht ein zu fragen, warum die- Juden in Rußland, Rumänien. Marokko — wenigstens nach der Behauptung der „Staatsbürgerzeitung" — Sturm säen, wo sie doch mit Sicherheit auf einen ganz barbarischen Orkan rechnen können, nicht aber in Amerika, England, Frankreich, Italien, Dänemark, Schweden, Holland re. Denn die Frage stellen, hieße schon sie beantwortet haben. Diese Antwort müßte nämlich lauten, wo die Juden menschenwürdig, ja nur halbwegs menschenwürdig behandelt werden, da fällt es ihnen gar nicht ein, das undankbare Geschäft des Sturmsäens zu besorgen. Nur wo ihnen infolge des rückständigen Standes der Gesetzgebung die natürlichsten Menschenrechte vorenthalten, wo ihnen die Wege, sich schlecht und recht zu ernähren, nach Möglichkeit eingeschränkt werden, da säen sie, wenn ihre Geduld erschöpft, und sie gar nicht mehr weiter können, aus purer Not und Verzweiflung auch Wind und Sturm. ..Die wirtschaftliche Tätigkeit des Judentums" — schreibt die „Staatsbürgerztg." — besteht auch in Marokko in der Hauptsache darin, durch Wucher und Schnapsverkauf die braunen Söhne des Landes um ihr Hab und Gut und ihr Wertvollstes, ihre Viehherden, zu bringen." Uebergehen wir das ebenso ganz ungerechtfertigte wie überaus nichtswürdige ..auch." Wenn ein Funke von Ehrlichkeit bei der jetzt zur Abwechslung in christlicher Frömmigkeit machenden „Staatsbürgerztg." vorhanden wäre.