Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1907
- Issue
- Heft 34 (30.8.1907)
- Date
- 1907-08-30
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 33. Die Wahrheit Seite 9. und daß Wucher, und Betrug die Hauptmerkmale der jüdischen Rasse sind. Natürlich war dann die Verfolgung der Inden zwar nicht schön, aber eine begreifliche Abwehr, und so waren in der Geschichte im Grunde die Juden immer die Teufel und die Christen die Engel. Man glaubt gar nicht, wie einfach es ist, aus der Geschichte alles heraus zu lesen, wenn man nur die nötige antisemitische Brille hat. Und das nennt man dann „wissenschaftliche Ergebnisse"! Um „Tatsachen und Wahrheiten" zur Judenfrage zu gewinnen, bietet der Verfasser einen gewaltigen statistischen Apparat auf. Es wird die Zahl der Juden nnd ihre Wohnsitze untersucht und ihr Prozentsatz innerhalb der Gesamtdevölkerung in Stadt und Land ausgerechnet. Wozu das alles? Um zu beweisen, daß die Juden ihrer inneren Natur nach Städter sind, weil es in der Stadt leichter ist, Geld zu verdienen, Millionäre nnd Kommerzienräte zu werden. Die Bernfsstatistik wird herangezogen, um nachzuweisen, daß die Juden reicher sind als die Angehörigen anderer Konfessionen, daß eigentlich jeder Jude ein angehender Millionär ist. Es gibt Leute, denen man durch Zahlen sehr imponieren kann, nnd mancher wird ganz wirr, wenn er die Tabellen vor sich sieht. Ein wenig gesunder Menschenverstand ernüchtert uns aber leicht und wir sehen ein, daß mit dieser Durchschnittsausrechnung im Grunde gar nichts bewiesen ist. Es mag sein, daß in Deutschland die Totalsumme des Vermögens von 10.000 Juden höder ist als die von 10.000 Christen, aber was will das beweisen? Drei Millionäre geben! hier oft die Grundlage für das ganze Bild, abstrahiert man! sie, dann ändert sich das Bild im Nu und es bleibt für die jüdischen Einwohner ein ganz mäßiger Durchschnitt. Denken wir uns eine jüdische Gemeinde von 200 Familien mit einem Gesamteinkommen von 400.000 Mark jährlich, so macht das für jede Familie 2000 Mark jährlich. Zieht nun plötzlich ein jüdischer hundertfacher Millionär mit einem Einkommen von fünf Millionen jährlich in diese Stadt, so wird gleich der Durchschnitt für jede jüdische Familie um 28.000 Mark jährlich höher. Ist nun wirklich jede jüdische Familie durch diesen Umstand reicher geworden? Man kann daraus sehen, wie verfehlt es ist, aus einer solchen Statistik Schlüsse zu ziehen. Es ist übrigens mit der Totalsumme jüdischer Vermögen auch uicht gar so schlimm. Nur in wenigen reichen Städten, wie Berlin, Frankfurt und Hamburg, findet man sehr reiche Juden, und auch da marschieren sie meistens erst in dritter oder vierter Reihe. Unter den Großindustriellen in Rheinland uitb Westfalen findet man fast gar keine Juden, und auch im Handel sind es nur einige Zweige, in denen sie eine große Rolle spielen. Was soll überhaupt die sinnlose Phrase vom jüdischen Kapital? Logisch nnd nationalökonomisch, theoretisch und praktisch muß diesem Worte jede Existenzberechtigung abgesprochen werden. Das Kapital ist so interkonfessionell wie die Natur. Es ist wohl eine Macht und kann zu einer gefährlichen Macht werden, ob es aber in jüdischen oder christlichen Händen ruht, das macht wahrlich keinen Unterschied. Den Kapitalismus zu verteidigen und müden jüdischen Kapitalismus zu bekämpfen, das ist die Sozialpolitik der Torheit und der Feigheit. Der Verfasser gibt zu, daß die Juden große Verdi e n st e um den wirtschaftlichen Ä uffch w u n g D e u t s ch l a n d s haben. Er schreibt: „Es ist außer Zweifel, daß der Aufschwung der deutschen Volkswirtschaft, insbesoudere der Aus- und Einfuhrhandel, der jüdischen Tatkraft und Geschicklichkeit viel zu danken hat. Auch die Belebung und Durchdringung zahlreicher Handelszweige durch die Juden zeigt neben den Kehrseiten erfreuliche, der Allgemeinheit nützliche Lichtseiten. Aber als ein großes Unglück für die ganze Nation muß es bezeichnet werden, daß die großen Vermögen und Reichtümer sich so intensiv in den Händen der Inden konzentrieren. Die Zuspitzung der Gegensätze von Arm und Reich m unserer kapitalistischen Wirtschaftsordnung muß ohnedies als ein Nationalschaden betrachtet werden." Betrachtet man die Aufhäufung großer Kapitalien in den Händen weniger und die Verschärfung der Gegensätze zwischen Arm und Reich für einen ungesunden Zustand, so mag das richtig sein, aber — was hat das mit der Judenheit zu schaffen? Wäre die Sache ohne die Juden auch nur um ein Haar anders? Geht denn dieser Prozeß der Konzentration in Amerika, wo die jüdischen Kapitalien gar nicht in Betracht kommen, nicht noch schneller und rücksichtsloser vor sich? Mit lächerlichen Phrasen und mit christlich-patriotischen Tönen kommt man über diese nüchternen Tatsachen nicht hinweg. (Fortsetzung folgt.) Ans der terrttorialistifche» Bewegung. London. Mr. Clement I. S a t a m a n. Ehren-Sekretär der „T. T. O." ist nach Bremen gereist» um persönlich die Lage der Emigranten, welche diesen Hafen benützen, zu studieren nnd zu verbessern. Gleichzeitig wird Mr. Salaman den f ü n f t e n E m l g r a n t e u -T r a n sport der „Jüdischen Territorialistischen Organisation (T. T.'O.)" nach G a l v e st o n überwachen. K r i v o y R o g. (Rußland). Dreitausend Stadtbewohner übersandten Mr. Z a n g w i l l ein Bertrauens-Botum und gaben der Hoffnung Ausdruck, daß die Wahl des Landes baldigst getroffen sein wird. London. Anläßlich der Erstattung des Berichtes des Jto-Rates an die „Geographische Kommiffion" betreffend die verschiedenen Land- Angebote liefen außer den bereits aufgezählten Telegrammen noch weitere ein aus: Wien. Krakau, Stryj, Kischinew, Kibarty, Poland und Tiflis. Archangelsk. Mr. G o z h a n s k i ans Grodno begründete hier eine „I. T. O."-Ortsgruppe, deren Präsident Herr Dentist S o l tz ist. Bukarest. Die Tätigkeit des „Jto"-Emigrations-Departement entfaltet sich zusehends und erstreckt sich auf einen immer größer werdenden Rayon. Der bekannte Territorialist Dr. Oskar Nacht leitet das rumänische Departement aufs umsichtigste. Am 17. d. M. wurde bereits die zweite Auswanderer-Gruppe nach Bremen befördert, woselbst sie am 22. zirka mit der fünften russischen Gruppe zusammentraf und nach G o l v e st o n eingeschifft wurde. Verein der Kingesendet. ,Wiener Indischen Toynbee-Halle " Geehrte Redaktion! In der „Oesterreichischen Wochenschrift" vom 23. August d. I. erschien unter dem Titel „Einweihung des Vereinshauses B'nei Brith" ein Bericht, in welchem mitgeteilt wurde, daß am 4. d. M. die feierliche Einweihung der ehemaligen, zu einem Betsaale adaptierten Toynbee-Halle stattfand. Diese Darstellung ist geeignet, irrige Auffassnngen zu erregen, so daß sich der Unterzeichnete Vorstand bemüßigt findet, nachstehende Aufklärung zu veröffentlichen: Der Verein der Wiener „Jüdischen Toynbee-Halle", dessen Sitz sich nach wie vor IX. Universitarsstraße 4 befindet, hat unverändert für den XX. Bezirk sein Bortragslokale in der Othmargaffe 46 beibehalten und es wird der Beginn der Bortrags-Saison 1907/8 in diesem Lokale, als auch im XIV. Bezirke, Herklotzgasse 27 rechtzeitig publiziert werden. Hingegen hat ein Bethausverein >m XX. Bezirke, der sich „Benei Berith" nennt, ohne jedoch mit dem hier bestehenden Israel. Humanitütsverein „B'n a i Brith" identisch oder in irgend welchen B e.z i e h u n g e n zu sein, in einem Lokale, das vor fünf Jahren als Vortragsraum der Toynbee-Halle in Verwendung stand, ein Betlokale eingerichtet, auf dessen Einweihung sich der eingangs erwähnte Bericht bezieht. Indem wir bitten, dieser Aufklärung in Ihrem geschätzten Blatte Raum zu geben, zeichnen wir Hochachtungsvoll Der Vorstand der „Jüdischen Toynbee-Halle in Wien" Dr. I. S a m u e l y, Obmann. verschiedene Nachrichten. Wien. (D e r G o t t e s d i e n st i m g r o ß e n M u s i k v e r e i n sf a a l e.) Wie alljährlich seit einer langen Reihe von Jahren veranstaltet auch diesmal wieder der Vorstand der isr. Kulrusgemeinde in Wien anlüßlick der hohen Festtage einen Gottesdienst im großen Musikvereinssaale. Es dürfte vielleicht viele der zahlreichen Besucher dieses Gottesdienstes interessieren, daß Herr Oberkantor Alois Knlka, der verantwortliche Redakreur unseres Blattes auch heuer wieder — und zwar zum 25. Male — vom Vorstände der isr. Kulrusgemeinde mit den ersten Funktionen betraut wurde und dieselben, wie bisher, mit einem gutgeschulten fünffachen Männerquartett versehen wird. Bei dieser Gelegenheit sei noch erwähnt, daß es nun auch genau 35 Jahre find, seitdem Herr Knlka, der zu jener Zeit (1872) bei der Wiener isr. Kultusgemeinde im Range eines I. Kantors angestellt war, die gleichen Funktionen (die damals nocki im kleinen Musikvereinssaale staltfanden) versah. Wien. «Notlage der Juden in Rumäni en.) Der Sekretär der „Israelitischen Allianz zu Wien", Herr Dr. Armand Kami n k o, ist soeben von einer Reise durch Rumänien zurückgekehrt, wo er namens der europäischen Hilfsorganisationen im Einvernehmen mit dem Zentral-Komitee in Jassy und den Lokal-Komitees die Aktion für die Opfer der Exzesse zum Abschlüsse zu bringen hatte. Nach der Schilderung des Herrn Dr. Kaminka ist die Situation eine für die rumänischen Juden trostlose und von Tag zu Tag sich