Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1907
- Issue
- Heft 34 (30.8.1907)
- Date
- 1907-08-30
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 8. Die Wahrheit Nr. 34. die letztere die allgemeine Pflege der hebräischen Kultur und Wissenschaft und die elftere die Einführung der hebräischen Sprache als Volkssprache erstrebt, von gutem Erfolge begleitet waren. Die beiden Organisationen haben ans ihren Konferenzen erwiesen, daß sie sehr wohl verstehen, ihre idealen Aufgaben in praktische Wirtlichkeit umzusetzen. Die Nachmittagssitzung war mit der Verhandlung über die etwas trockene Materie der Neufassung des Organisationsstatutes ausgefüllt. Von den gefaßten Beschlüssen ist besonders der hervorzuheben, der es Sondergruppen gestattet, sich über den Rahmen der Landsmannschaften hinaus zu Förderationen züfammenzufchließen, wenn sie mindestens 3000 Mitglieder stark sind. Damit ist einem lebhaft geäußerten Wunsche der Proletarischen zionistischen Richtung, der „Poale Zion" - Organisation Rechnung getragen. Stürmischen Beifall erweckte die Mitteilung des Präsidenten, daß von dem Mitglied des Aktionskomitees, Herrn Jakob Moser aus Bradford, die Summe von 80.000 Francs für das hebräische Gymnasium in Jasia und 10.000 Frcs. für die Kunstgewerbeschule „Bezalel" in Jerusalem gespendet worden sind. Damit ist die Zukunft des hebräischen Gymnasiums in Jaffa, das seit zirka einem Jahre besteht, und, wenn auch vorläufig in bescheidenen Verhältnissen, schon sehr Ersprießliches geleistet hat, gesichert. Mittwoch, den 21. A u g u st. Mittwoch vormittags fand die Generalversammlung der jüdischen Kolonialbank statt, in der beschlossen wurde, eine Dividende von 3V30/o zu erklären. Nachmittags wurde auf den Vorschlag des Präsidenten der wichtige Beschluß gefaßt, einen Parteifond §u schaffen, zu dem jeder Zionist verpflichtet ist, im laufenden Jahre mindestens 5 Frcs. beizusteuerm Hierauf ging man zu den Wahlen über. Die Stimmung des Kongresses war äußerst gespannt, da bis zur Stunde eine Einigung über die Wahlen -noch nicht erzielt worden war. Es standen sich zwei Richtungen gegenüber, eine, die die Wahl eines engeren Aktionskomitees von fünf Mitgliedern an Stelle des bisherigen von sieben, und zwar unter Ausschluß der beiden russischen Vertreter propagierte, und eine andere, die sich energisch für ein engeres Aktionskomitee aussprach, in dem auch die Russen, die bei weitem stärkste Landsmannschaft vertreten fein sollten. Nach lebhaften und teilweise überaus erregten Verhandlungen in den Kommissionen, gelangte schließlich der Permanenzausschuß, dem die Vorbereitung der Wahlen oblag, zu dem Entschlüsse, dem Kongreß die Wahl vorffünf Mitgliedern vorzuschlagen. Da aber der Präsident des engeren Aktionskomitees, Herr D. W o l f f s o h n, mit Nachdruck darauf bestand, daß im Interesse der gedeihlichen und leichten Arbeit die Mitglieder des engeren Aktionskomitees, dem die gesamte Leitung der Organisation obliegt, schnell und leicht zu vereinigen seien, verzichteten die beiden vorgeschlagenen russischen Herren, M. U s i s ch k i n und Dr. Tschlenow, auf ihre Wahl. Die russische Landsmannschaft war jedoch gegen eine solche Zusammensetzung des engeren Aktionskomitees und infolgedessen erfolgte die Wahl des Präsidiums nicht einmütig. In das engere Aktionskomitee wurden Herr David Wolffsohn, Köln, als Präsident, Herr Prof. Otto Marburg, Berlin, und Herr Jacobus H. Kann, Haag, gewählt. Das Ergebnis der Wahl, die unter lebhafter Spannung des Kongresses und der stark besuchten Galerie vor sich ging, wurde mit großem Entusiasmus ausgenommen. Sodann erfolgte die Wahl des großen Aktionskomitees, das aus 65 Mitgliedern, Vertretern der verschiedenen Landsmannschaften und der Kommissionen besteht. Gegen ‘/*8 Uhr abends schloß der Präsident, Herr David Wolffsohn, den Kongreß mit folgender, mit stürmischem Beifall aufgenommenen Rede: „Dieser Kongreß hat ein gutes Stück Arbeit geleistet. Der vorige Kongreß war ein Kongreß der Scheidung, dieser ein Kongreß der Einigung. Der Kongreß hat klargelegt, daß wir. alle von einem Gesühle beseelt sind und trotz verschiedener Meinung nur nach einem Ziele streben. Wir haben uns nicht gegenseitig mit Blumen überschüttet. Mit tiefem sittlichem Ernst vertrat jeder von uns seine Ansicht über das richtige Maß der Dinge. Aber alle Diskussionen waren von einer flammenden Begeisterung durchglüht und die Resultate dieser Diskussionen liegen jetzt vor uns. Der Kongreß hat wiederum klargelegt, daß wir alle auf dem Boden des politischen Zionismus stehen und als Mittel praktische Arbeit fördern wollen. Wir haben zu diesem Zwecke eine Reihe wichtiger Beschlüsse bezüglich der Palästina-Arbeit gesaßt. Wir haben die Fragen der innerpolitischen Tätigkeit aus der Diskussion ausgeschlossen, weil wir der Ansicht sind, daß dies nicht Sache der Kongresse und der von ihm eingesetzten Leitung ist. Doch freuten wir uns, in unserer Mitte die Abgeordneten des österreichischen Parlamentes und Mitglieder der ersten russischen Duma zu sehen. Es ist ein Beweis, daß unsere Gesinnungsgenossen neben der Liebe zu Zion sich auch staatsbürgerlich zur Ehre ihres Stammes und zum Wohle unseres Volkes betätigen. Dieses Bewußtsein wird sich auch in diesem Lande Bahn brechen. Manche, die noch nicht zu uns gehörten, hatten eine gewisse Scheu, in einer neuen Umgebung mit unseren Gedanken, Empfindungen, Stärken und Schwächen aufzutreten. Diese Scheu hat sich als unbegründet erwiesen. Die Regierungsbehörden, die Stadt, die Presse, die die öffentliche Meinung wiederspiegelt, und unsere Volksgenossen, repräsentiert durch Würdenträger unseres Stammes, wie es selten in einem anderen Lande möglich ist, haben uns das wärmste Interesse entgegengebracht, und wir hoffen, daß dieses Wohlwollen mit der Zeit zu einer wirksamen Kraft heranreifen wird. Wir werden weiter kämpfen, ringen und streben, bis wir für unser unglückliches Volk die alte Heimat wieder erlangen werden. Unser armes Volk hat nichts zu verlieren als seine Ketten und eine Welt hat es zu gewinnen, eine Welt des Friedens, der Ruhe und der Arbeit. Unermüdlich wollen wir arbeiten, bis die Zeit kommt, in der es wieder heißen wird: „Und Israel wohnte in Sicherheit, die Quelle Jakobs in sich geschlossen." Unter dem Singen nationaler Lieder und' lebhaften Zurufen der Delegierten und Gäste schloß der VIII. Kongreß. DermigenschaftlicheAutisemitisttms. (Fortsetzung.) Unser Autor hat ein besonderes Talent, bald zu schwarz und bald zu rosig zu malen, je nachdem es sich um Juden oder Christen handelt. Ueber die grausame Inquisition und die unmenschliche Jndenvertreibung aus Spanien geht der Verfasser mit ein paar oberflächlichen Bemerkungen hinweg. Die Juden in Spanien waren wohl Aerzte, Beamte, Gelehrte, angesehene Kaüsleute und keine Wucherer, aber — sie bedrohten die spanische Nationalität und den christlichen Glauben, daher mußten sie verjagt werden. Wie diese Leute aber, die die spanische Kultur mit ganzer Seele liebten, der Nationalität gefährlich werden konnten, ist uns nicht klar. Wir wissen auch nicht, wie die paar Marannen durch ihren geheimen Gottesdienst der gewaltigen christlichen Kirche hätten schädlich werden können. Daß diese ganze Politik neben dem Fanatismus ein gemeiner Raub und eine Spekulation auf das Vermögen der Juden war, will er nicht einsehen. Wenn man aber eine ganze Bevölkerungsklasse vertreibt und ihr verbietet, Gold und Silber mitzunehmen und es ihr unmöglich macht, die Immobilien zu veräußern, so kann das nicht anders als himmelschreiender Raub genannt werden. Wie großartig die Beweisführung unseres Autors ist, dafür nur ein Beispiel. Die Juden sind Kirchenfeinde, argumentiert er, weil — sie bei Auflösung von Klöstern die Wertgegenstände aufgekauft haben. Ist das nicht logisch? Doch, es kommt noch schlimmer: Im Jahre 1901 vermachte Rothschild in Paris dem Louvre seine reiche Sammlung kirchlicher Kunstwerke aus dem XII. und XVI. Jahrhundert. Also haben die Juden doch eine teuflische Freude an kirchlichen Gegenständen. So werden die edelsten Absichten in den Schmutz gezogen, wenn es sich um einen Juden handelt. Einem christlichen Mäcen würde man es wohl als großes Verdienst anrechnen, so viele christliche Kunstschätze der Welt erhalten zu haben. Wenn man die Geschichte und die Wirtschaftsgeschichte in dieser Art mißbraucht, dann muß man natürlich zu dem Resultat des Verfassers gelangen, daß die Juden überall ein Fluch waren