Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1907-08-23 · Heft 33 (23.8.1907) · page 10

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1907
Issue
Heft 33 (23.8.1907)
Date
1907-08-23
Page
– (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3062972-3063367-3063400--05010-3071898
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Seite ID. Die Wahrheit Nr. 33. als die jüdischen waren und daß die Städte oft um Wiederzulassung der Juden petitionierten, weil die christlichen Wucherer gar zu teuer waren. _ (Fortsetzung folgt.) Die Köstrug der Iudensrage.*) Von Dr. Paul Nathan. Die Lösung der Judenfrage ist außerordentlich einfach — in der Theorie. Da Rassenunlerschiede. wie sie umer Juden und abendländischen Kulturnationen in Betracht kommen, obgleich vorhanden, jeder sicheren Bestimmtheit entbehren, so ist nichts notwendig, als jenes Merkmal, das den Juden untrüglich zum Juden macht, zu beseitigen, und die Judenfrage verschwindet. Dies Merkmal aber ist die jüdische Religion. Und so geht denn tatsächlich ein Vorschlag, der von weitblickenden und wohlmeinenden Männern gemacht wird, dahin, daß die Juden ihre Sonderstellung als Religionsgemeinschaft verlassen sollten; eme Sonderstellung, die für viele des wertvollen religiösen Inhaltes überdies entbehre. Sie sollen sich assimilieren; sie sollen untertanchen in der Majorität, und die Judensrage sei gelöst.. Ist dieser Weg gangbar? Er ist ganz gewiß nicht gangbar für jene, denen die jüdische Religion tiefste Seelenbefriedigung gewährt. Er ist gangbar für jene anderen, die aus tiefstem Seelenbedürfnis heraus zu der Ueberzeugung gelangt sind, daß ihre Empfindungen nur außerhalb des jüdischen Tempels Befriedigung finden können. Ich stelle die Möglichkeiten fest. Ich nehme nicht kritisch zu ihnen Stellung. Ich suche auch nicht die eine und die andere Gruppe zahlenmäßig abzuschätzen. Ich will nur betonen, daß man weder mit diesen, noch mit jenen rechten kann. Beide folgen inneren Notwendigkeiten, denen sie folgen müssen. Dieses Müssen entstammt dunklen Tiefen des Gemütslebens, zu denen keine verstandesmäßige Argumentation hinabdringt. Das wird allseitig zugegeben. Allein der Vorschlag wendet sich vor allem an jene, die offenkundig als religiös-indifferent bezeichnet werden können, und deren Zahl ist nicht gering. Man sagt ihnen: Ihr könnt denselben Jndifferentismus auch gegenüber dem Christentum üben, den Ihr gegenüber Euerem Judentum geübt habt.. An Euerem inneren Leben ändert sich also nichts. Nur Eines ändert sich außerordentlich: die Aussichten für Euer Fortkommen in der Welt, für die Möglichkeiten, die sich Euch bieten, zu wirken und Euch zu betätigen und zu entwickeln. An der Pforte, durch die der Indifferente passieren muß, um zur Majorität zu gelangen, ist er gezwungen, einen Akt der Heuchelei zu begehen. Aus oberflächlicher Gedankenlosigkeit oder mit Bewußtsein, also unter mildernden oderunter erschwerenden Umständen bekennt er sich mit der Zunge zu einem neuen Glauben, zu dem er sich innerlich nicht bekennt, wie er sich auch zur alten, durch die Geburt überkommenen Religion nicht bekannt hat. Daß vor allem das vulgäre Strebertum in allen seinen Schattierungen diesen Pfad ziehen wird, ist unzweifelhaft; jene, die die minderwertigen Elemente jeder Gemeinschaft sind, und deren bewußte, oder instinktive Ueberzeugung darin besteht, daß es eine Dummheit fei, nicht zur Majorität zu gehören, die die Macht präsentiert. Eine zweite. Gruppe bilden jene Indifferenten, die in Mischehen übertreten, um die Einheitlichkeit der Familie aufrecht zu erhalten. Das Mittel bleibt gewiß anfechtbar. Das Ziel, das sie verfolgen, erhebt sie freilich über das gemeine Strebertum, und ebenso gehören zu den gemeinen Strebern jene nicht, die glauben, als Juden eine große und ernste Lebensaufgabe nicht erfüllen zu können, und die übertreten, nicht um mit der Majorität bequemer zu leben, sondern um unter der Majorität wirkungsvoller ihre Ideen verwirklichen und ihre Tatkraft entfalten zu können. Es ist — nicht vor dem Richterstuhl absoluter Moral, aber für die Bewertung im Weltgetriebe — ein *) Im Modernen Berlagsbureau Carl Wigand, Berlin-Wilmersdorf (Kaiserplatz 15) erscheint in den nächsten Tagen ein hochinteressantes Sammelwerk: „Die Lösung der Judenfrage. Eine Rundfrage, veranstaltet von Dr. Julius Mose s." Durch die Liebenswürdigkeit des Herausgebers war die Berliner „Jüd. Presse" in die Lage versetzt, noch vor dem Erscheinen des Werkes diesen Aufsatz zu veröffentlichen, den wir des aktuellen Jntereffes halber wiedergeben. Die Red. Unterschied, ob ein Jude Übertritt, um auf seine Visitenkarte „Offizier der. Reserve" fetzen zu können, oder ob Heinrich IV. sagte: „Paris ist eine Messe wert." Daß alle diese Kategorien, durch feine Uebergänge mit einander verbunden sind, ist klar, und ebenso zweifellos ist es, daß jeder Uebertritt, der nicht auf tiefem religiösem Drange beruht, sich nicht vollziehen läßt ohne i n n e r e E i n b u ß e. Die Zahl jener, die sich ans religiöser Ueberzeugung assimilieren, ist aber gering. Die Einen verdammen diese Erscheinung als jüdische Hartnäckigkeit; die Anderen sind stolz auf sie als jüdische Ueberzeugungstreue und Charakterfestigkeit. Ich konstatiere hier nur das historische Faktum, und so bedeutet die Empfehlung des Assimilierens denn tatsächlich'— ganz gewiß nicht absichtlich — eine Förderung des Strebertums oder doch der leichtherzigen Auffassung eines Problems, das den Millionen das ernste Problem des Lebens geblieben ist. Für die Nichtjuden wird solche „Lösung" mit ihren Konsequenzen für den Volkscharakter und die moralische Volksgesundheit keine erwünschte und keine empfehlenswerte sein, und für die denkenden Juden ganz gewiß nicht. So lange die Menschheit den religiösen Fragen so gegenübersteht, wie heute, bringt das Assimilieren die Lösung nicht, und so lange die internationalen politischen Verhältnisse den Charakter tragen, den wir kennen, so lange kann eine Lösung durch die Schaffung eines besonderen Jndenstaates ebensowenig erwartet werden.' 'Auch in diesem Falle stelle ich nur das fest, was ist. Es sind die Kräfte nicht da, die sich als stark genug erweisen könnten, um die bestehenden Widerstände gegen die Errichtung eines jüdischen Staates zu überwinden. Dabei lasse ich hier außer Berücksichtiguitg. in welchem Grade ein Umschwung wünschenswert wäre. Also kein Ausweg? Es gibt nur eine Möglichkeit, Schlüsse für eine kommende Entwicklung zu ziehen. Man muß die Vergangenheit um ihren Rat fragen. Die heutige Judenfrage ist keineswegs eine völlig einzigartige Erscheinung. Sie ist eine Rassenfrage. Sie ist eine Frage der sozialen Schichtung; durch den Zwang von Jahrtausenden ist aus den ackerbautreibenden Semiten Palästinas zum erheblichen Teile ein Handelsvolk gemacht worden; und die Judenfrage ist eine Religionsfrage. Alle diese Motive zur Gegensätzlichkeit gegen andere Völker spielen durcheinander; aber ihren akuten Charakter erhält unsere Frage doch durch die besondere Stellung der Juden als Religionsgemeinschaft, da erst die Religion das zuverlässig unterscheidende Merkmal liefert. Es ist ganz gewiß an dieser Stelle nicht möglich, auch nur in flüchtigem Ueberblick zu verfolgen, welche Wandlungen die Jahrtausende in Bezug auf die Methoden gebracht haben, in denen Klassen-, in denen Raffen- und in denen Religionsgegensätze ihre Erledigung fanden. Aber feststeht, daß das, was wir Kulturentwicklung nennen, wesentlich seinen Inhalt erhält durch das Zurückdrängeu der brutalen Methoden beim Austragen jener Gegensätze und durch das Bestreben und die Fähigkeit. den Menschen als Individuum zu betrachten und einzuschätzen, statt ihn zu beurteilen und zu verurteilen als Angehörigen einer bestimmten sozialen Schicht, einer bestimmten Religions-, einer bestimmten Rassengemeinschaft. Es ist das Urteil in Bausch und Bogen, nach Kategorien, ein Zeichen der Unkultur; und die Fähigkeit, sein Urteil zu individualisieren, ist ein Zeichen der Kultur. So ist der bornierte Rasfenhochmut innerhalb der Kulturwelt, so ist der bornierte Religionshochmut, so ist der bornierte soziale Hochmut nicht überall, aber doch vielfach verschwunden, und er schwindet mehr und mehr. (Schluß folgt.) Ans der territoriatistischen Kemegnng. London. Der Präsident der „Jüdischen Territorialist i s ch e n Organisation" (Jto) erhielt mehrere Telegramme aus Wien, Krakau, Stryi, Wirrballen, Mohilew (Pod.), Kischinew, Odessa, Bendery (Beffarabien), Elisabethgrad, Kowno, Bialostok, Jeletz, Uman, Cherson, Ekaterinoslaw, Bukarest rc., in welchen der Londoner „Jto"--Rat zur Erstattung seines Berichtes an die „Geographische Kommission" beglückwünscht wird.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.