Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1907
- Issue
- Heft 33 (23.8.1907)
- Date
- 1907-08-23
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Wahrheit Seite 9. Nr. 33. interessantes, gediegenes Büch würde eine sehr angenehme Abwechslung bilden. Aber — jedesmal legen wir wieder bitter enttäuscht das Buch ans der Hand. Es war wieder nichts, höchstens neue Morte für alte,.-tausendmal widerlegte ..antisemitische Wahrheiten". Selbst wirkliche Gelehrte und Denker, wie Viktor Hehn, Dühring, Lagarde werden, sobald sie ihre antisemitischen Weisheiten verkünden,, nicht nur einseitig, sondern direkt langweilig. Das ist kein Zufall, das liegt in der Natur der Sache. Der Antisemitismus ist ein Gefühl, ein Instinkt, er entspringt der Abneigung, dem Hasse gegen eine Gemeinschaft. Das Gefühl ist hier primär, die Erkenntnis sekundär. Wenn man mit diesem atavistischen Haß an das Problem berangeht, dann kan-n, selbst wenn man . das Rüstzeug der Wissenschaft besitzt, nichts' Gescheites herauskommen, weil das.Gefühl hier die Führung hat und die Wissenschaft sich als Magd nnterordnen muß. Wenn man mit dem Axiom „die Juden sind unser Unglück" ans Studium tritt und eigentlich nur Belege für diese These sucht, dann kann von einer Vornrteilsfreiheit nicht mehr die Rede sein. Denn jede wissenschaftliche Erkenntnis kann nur ans deduktivem Wege erlangt werden. Man kann aber bei diesem Verfahren auch nicht einmal interessant sein, wenigstens nicht lange. Denn man wird ja bald entweder zu trivial oder zu sehr paradox, entweder die Suppe ist dann zn fad oder zu sehr versalzen. Vor uns liegt ein Buch von Dr. 3t o st unter dem Titel: . G e d a n k e n u n d Wahrheiten znr Iudenf r a g e". Der Untertitel lautet: „Eine soziale und politische Studie'" und der Verfasser ist Doktor oeo. publ.*) Ja, da muß etwas Vernünftiges dabei heranskommen. Dei: Verfasser versichert in der Vorrede, er sei fern von jedem Judenhaß, er habe ..Mitleid mit dem schicksalschweren Sein der jüdischen Rasse", er wolle nur Wahrheit und wissenschaftliche Erkenntnis suchen mit) er operiere nur mit feststehenden Tatsachen. Was kann man von einem Schriftsteller noch mehr verlangen? Aber, o weh, schon nach zehn Zeilen wird man gewahr, daß man es mit einem eingefleischten Judenhasser zu tun hat, und daß die ganze Wissenschaftlichkeit nur äußerer Aufputz ist. Es sind alte Behauptungen und alte Beweise.in der alten, üblichen Schablone. Das einzige, was den Verfasser von den Männern der „Staatsbürgerzeltung" unterscheidet, ist der etwas anständigere Ton und die etwas vornehmere Schreibweise. Schon in der Einleitung finden wir die alten antisemitischen Ladenhüter. Es wird behauptet, daß ..der Kampf gegen den kapitalistischen Moloch, der Kampf für die Erhaltung des Christentums unzertrennlich mit der Bekämpfung des Judentums" sei, daß „das Uebergewicht und der Einfluß der Juden lawinenartig angewachsen" sei. Wenn man a priori solche Ansichten hat, dann kann man sich zu einer Objektivität des Urteils aus wissenschaftlicher Grundlage nicht mehr Hinaufschwingen. Es ist in der Wissenschaft wie in der Natur: man muß ein klares Auge und ein freies Herz mitbringen, wenn sich einem die Geheimnisse offenbaren sollen. Der Verfasser legitimiert sich in der Einleitung als Antialkoholiker, Bodenreformer nnd — Judengegner. Ein seltenes Gemisch, ans dem sich ein modern wissenschaftlicher Extrakt kaum destillieren läßt. Er sieht drei Grundübel in der Welt: den Alkohol, die B o d e n v e r t e u e r u n g und das Judentum. Das letzte ist natürlich das schlimmste. Er schreibt: „Seit Jahrtausenden sitzt dieser Völkeriplitter den Nationen im Nacken, wie ein unabwendbares Verhängnis. Das Judentum von heute gleicht einer einzigen Riesenkreuzspinne, die ihr schlau gewebtes Netz über alle Volksschichten ausgebreitet hat. Ihr Sinnen ist auf Umgarnung und Ausbeutung gerichtet. Schon ein flüchtiger Blick in die Wirklichkeit zeigt uns das von großem Erfolge gekrönte Bemühen des Judentums. Unser Volk steht in einer ungeahnten Abhängigkeit von der Judenschaft der Gegenwart." Wer kennt nicht diese Töne? Sie gehören zum alten Inventar der „antisemitischen Wahrheiten". Sollen wir sie widerlegen? Wozu? Man wird dabei nur trivial. Kein vernünftiger Mensch kann eine solche Kapuziuerrede ernst nehmen. *) Dr. R o st, Gedanken und Wahrheiten zur Judenfrage. Trier 1907. Verlag der Paulinus-Druckerei. Es heißt weiter: .„In der breiten Oeffentlichkeit, in der Tagespreffe wird die Judenfrage allerdings nur ganz stiefmütterlich behandelt, wenn man von den ausgesvrochen antisemitischen Blättern absieht. Das rührt zum größten Teil daher, daß die von der Prepe vertretene össentliche Meiuuiig von jüdischen Machthabern und jüdischen Journalisten und Redakteuren geleitet wird." Das schreibt ein Bayer, in einem Lande, wo nicht eine einzige nennenswerte Zeinmg einen jüdischen Verleger hat und wo es kaum ein halbes Dutzend jüdischer Redakteure gibt! Soll man da noch an den guten Willen des Verfassers glauben? Es ist eine echte Pückleriade, nur etwas feiner in der Form gestaltet. Auch die alte Klage über die ungeheure Macht der Juden fehlt nicht: „Uebcrall. wo sich die Möglichkeit bietet, materielle, ideelle Vorteile zu erringen, da drängt sich das Judentum vor und arbeitet mir rastloser Zähigkeit an seinen Zielen. Die hauptsächlichsten Geldadcru sind im Besitze der Juden. Dem jüdischen Kapitale sind große Unternehmungen untertan. Weite Volksschichten sind in schmerzliche Abhängigkeit vom Judentum geraten." Bleiben wir wieder in Bayern, in einem Lande, das dem Verfasser doch vertrant sein muß. Wie liegen hier die Verhältnisse? Die paar jüdischen Millionäre sind bald gezählt, dagegen besteht schon in der Stadt der weitaus größte Teil der jüdischen Einwohner aus solchen Elementen, die schwer um die Existenz kämpfen müssen, und zum Teil sogar aus direkten Proletariern. Auf dem Lande haben es die Inden in Bayern noch weniger leicht nnd Wohlstand zählt hier zu den größten Seltenheiten. Ein Nationalökonom sollte doch etwas von diesen Dingen verstehen. Und unser Verfasser wird ja nicht müde, zn behaupten, daß er sine ira et studio bei seinen Untersuchungen vorgeht! Selbstredend wird in diesem Buche nach bekannten Mastern mit vielen Zitaten gearbeitet. Das nimmt sich gelehrt ans und verleiht den Glorienschein strengster Objektivität. In Wahrheit aber kann man nirgend so leicht eine verderbliche Tendenz bekunden wie bei den Zitaten. Wir verpflichten uns, ans einem jeden größeren Buche 20 Zitate pro und 20 Zitate kontra irgend einer Anschauung §u entnehmen. Man braucht nur die Zitate aus dem Zusammenhänge zu reißen und sie richtig zn gruppieren. Aus Herder z. B.. dem begeistertsten Verehrer der jüdischen Poesie, weiß der Verfasser nur ein Zitat zu bringen, das scheinbar gegen die Inden spricht. Wir könnten mit Leichtigkeit aus Herders Werken hundert Sätze zitieren, in denen er sich mit höchster Anerkennung über Juden und Judentum äußert. In der Wirtschaftsgeschichte sieht der Verfasser die Inden nur als Händler und Geldverleiher und er stellt die Sache so dar, als wenn der.Wucher > eine spezifisch jüdische Erfindung wäre. Wir könnten ihm Nachweisen, daß die Juden nicht nur vom Hause aus Ackerbauer waren, sondern auch, daß im Mittelalter jede Art von Handwerk unter ihnen verbreitet war. Daß die Fürsten und Völker die Juden zum Wucher gedrängt haben, daß sie ihnen oft gar keine andere Existenzmöglichkeit gelassen haben, das weiß jeder, der sich mit historischen Dingen ernstlich besaßt hat. Der Wucher war ursprünglich nicht nur religionsgesetzlich verboten, sondern auch der jüdischen Natur zuwider. Was andere an der Iud en h eit g esündigt h a b en, d as s oll man b i l lig erweis e d e m I u d e n t u m nicht a l s s p e g i r i? cf) e » SS er* brechen anrechuen. Der Verfasser macht sich die Sache zu bequem. Er negiert einfach die Ansicht Stobbes, daß den Inden Ackerbau nnd Handwerk im Mittelaller häufig verboten waren. Er kann aber diese Dokumente in den Regestensammlungen Nachlesen. Selbst für ihre eigenen Zwecke wurden der jüdischen Gemeinde oft die Handwerker verweigert, oder es wurde ein jüdischer Bäcker oder Schuhmacher gestattet, mit dem strengen Verbote, für Christen zu arbeiten. Unser Gelehrter scheint auch nicht zu wissen, daß die Juden häufig aus ganzen Länderstrichen vertrieben wurden, daß ihre Ausstände oft durch einen Federstrich annulliert wurden und daß sie fast immer eine erdrückende, sinnlose Steuerlast ertragen mußten. Natürlich, wenn man diese Tatsachen zugibt, dann erscheint der Wucher der Inden in einem ganz anderen Lichte. Uebrigens kann der Verfasser bei Stobbe I Nachlesen, daß die christlichen Wucherer häufig viel schlimmer