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Die Wahrheit · 1907-08-23 · Heft 33 (23.8.1907) · page 8

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1907
Issue
Heft 33 (23.8.1907)
Date
1907-08-23
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Deite 8. Die Wahrheit Nr. 33. Irrtum war. Das ist jedoch ein Fehlschluß. Regierungen sind heutzutage gewiß keine Verächter der Imponderabilien, und sie würden niemals zugeben, haß große Geschichtsgedanken, daß Forderungen der Sittlichkeit und Gerechtigkeit für sie inhaltslose Begriffe sind. Aber Regierungen haben sich vor allem mit konkreten, materiellen Interessen zu beschäftigen, und sie sind gewohnt, amtlich nur von solchen Angelegenheiten Kenntnis zu nehmen, für die ein Machtelement irgendwelcher Art ihre Aufmerksamkeit fordert. Solange die Regierungen im Zionismus nur die verschwommene Sehnsucht eines kleinen Häufleins weltfremder Träumer und Schwärmer vermuten, so lange ihnen unsere Kongresse. unsere Organisation, unsere Propaganda, unsere Pläne, ■ untere Beschlüsse rein theoretische Geistesspiele zu sein scheinen, haben sie von ihrem Standpunkte ans wirklich keine Veranlassung. sich mir uns einzulafsen. Das würde mit dem Augenblicke anders werden, wo der Zionismus Millionen oder doch Hunderttausender gegliederter, zielbewußter, einiger Anhänger, festgegründete, wirksame Einrichtungen, Geld, Einfluß, zahlreiche geistige Potenzen hinter sich hätte. Die Regierungen als Abwäger von Wirklichkeiten verlangen mit Recht von uns den Beweis, daß wir etwas sind, etwas haben, etwas können. (Richng!) So lange wir ihnen diesen Beweis schuldig bleiben, dürfen wir uns nicht beklagen, wenn sie uns vernachlässigen. Es liegt in unserer Hand, die Regierungen zu einer Aendernng dieser Haltung zu bestimmen. Wir brauchen nur Machtfaktoren zu werden. Damit müssen wir anfangen, dazu durch unablässiges Predigen, Lehren, Werben zu gelangen suchen. Ein jüdisches Volk mit einheitlichem Willen, dem Entschlüsse und den Mitteln, ihn zu verwirklichen, würde nicht vergeblich bitten, daß die Regierungen amtlich seinen Plänen nähertreten. (Beifall.) Noch sind wir nicht entfernt so gerüstet, wie wir sein sollten, wie wir sein müssen, wenn der Zionismus ans dem akademischen ins weltpolitische Stadium treten soll. Eines aber haben wir schon jetzt erreicht: Wir haben die Judenfrage, die von den einen überhaupt geleugnet, von den andern als unerheblich angesehen wird, mit Nachdruck gestellt. Wir werden dafür sorgen, daß sie nicht wieder aus dem Gesichtskreise der Regierungen und Völker verschwindet, und wir werden nicht ruhen, bis sie in zionistischem Sinne gelöst ist: durch Wiederherstellung des Judenvolkes, das als gleichberechtigtes Mitglied in die Völkerfamilie eiutritt. (Anhaltender Beifall.) Die Lösung der Judenfrage ist eine Probe auf die ganze menschliche Gesittung. (Sehr richtig!) Die Zivilisation baur sich auf einer Anzahl letzter Grundsätze auf, die nicht erschüttert, nicht umgestürzt werden können, ohne daß der ganze Bau zusammenbrjcht. Diese ursprünglichsten Grundsätze sind Achtung des Menschenlebens, Ahndung der Verbrechen gegen Person und Eigentum, Gleichheit aller unbescholtenen Bürger vor dem Gesetz, noch kürzer ausgedrückl: Justitia regnorum fund amen tum! Die Juden aber werden in dem einem Lande gemordet und beraubt, in dem andern Lande.beschimpft und zurückgesetzt, überall behandelt man sie, als stünden sie außerhalb des Völkerrechts, des Gesellschaftsvertrags, der Verfassung, des geschriebenen und ungeschriebenen Gesetzes. Den Juden gegenüber verleugnet man die einfachsten Grundsätze der Zivilisation und damit die Zivilisation selbst. (Tosende Zustimmung.) Dagegen erheben wir einen Einspruch, den man am allerwenigsten im Haag als einen platonischen ansehen darf. (Lebhafter, stürmischer Beifall.) Im freien Holland tagt gerade jetzt zum zweitenmal die Friedenskonferenz, die alle gesitteten Staaten beider Welten beschickt haben, um das Bestehen einer die ganze Menschheit umspanuenden und bindenden Sittlichkeit festzustellen und ihre Regeln in ein Weltgesetzbuch zu fassen. Diese noch nicht kodifizierte, aber von allen Regiernngen, den christlichen, mohammedanischen. buddhistischen, fohistischen, freidenkerischen gleichmäßig anerkannte Sittlichkeit rufen wir an. In ihrem Namen fordern wir für unser Volk von 12 M i l l i o n e n Gerechtigkeit. (Andauernder, stürmischer Beifall. Die Versammlung erhebt sich.) Man konnte sie uns verweigern, solange Barbarei auf Erden herrschte; man darf sie uns aber nicht länger vorenthalten, nun, da alle organisierten Völker sich wenigstens theoretisch zur Zivilisation bekennen. (Heiterkeit.) Solange es eine Judenfrage gibt, erweist sich die Zivilisation als eine Lüge, und jede diplomatische.Konferenz zur Kodifizierung der Nächstenliebe und Menschlichkeit als eine Komödie. (Langanhaltender Beifall und Bravorufe.) In die Iudenfrage spielen neben den ursprünglichsten Grundsätzen der Zivilisation auch sekundäre Tendenzen hinein, die augenblicklich die Weltpolitik bestimmen. Jedes Volk fordert heutzutage für seinen Handel die offene Tür; jedes nimmt es als ein natürliches Recht für sich in Anspruch, zurückgebliebene Länder in die Weltwirtschaft einzubeziehen, wüste Gebiete zu besiedeln und unter den Pflug zu nehmen, allzugroße Verschiedenheiten der Bevölkerungsdichte durch zweckmäßige Wanderung! auszugleichen. Genau dieselben Forderungen erhebt auch der Zionismus. Wir wollen dem dünn bevölkerten Palästina Millionen arbeitsfrendiger Siedler zuführen, die nur dort und sonst nirgendwo gedeihen können. (Lebhafte Bravorufe.) Wir wollen das brach liegende Land, das einst jüdisch war, unter den Pflug nehmen, ihm Wert geben, es zu einer Ställe lebhaften Güteraustausches, blühender Kultur, musterhafter Ordnnlig machen, dem türkischen Reiche, dem jüdischen Volke, der ganzen Mens t heit zum Gewinn (Lebhafter Beifall.) Und solche Bestrebungen sollten nicht den Beifall und die Unterstützung aller Regierungen finden? Das glaube ich nicht im Haag der Friedenskonferenz. Ich zweifle nicht daran, daß wir die ottomanische Regierung von der Größe und Fruchtbarkeit unseres Vorsatzes überzengen werden; ja noch mehr: daß wir die Einberufung einer diplomatischen Konferenz nach dem Muster der Haager Zusammenkünfte von 1899 und 1907 zur internationalen Regelung der Iudenfrage erleben werden. Voraussetzung so großer Entwicklungen ist allerdings, daß wir zunächst das jüdische Volk selbst zur klaren Erkenntnis seiner Lage wecken, und jedem Juden, der nicht das Verschwinden des jüdischen Volkes will, die Ueberzengnng beibringen, sein Fortbestand sei nur durch eine Methode zu sichern: die zionistische (Bravorufe). Möge der achte Zivttistenkongreß uns diesem großem Ziele näher bringen! (Minutenlang andauernder, stürmischer Beifall; Tücherschwenken im Saale und auf den Gallerten.) Nach Verlesung eines hebräischen Begrüßungsschreibens der Gemeinde Haag an den Kongreß wurden die Wahlen für die Kongreßleitnng vorgenommen. Zu Präsidenten werden gewühlt David Wo lffs o hn (Köln) und Dr. Max Nord an (Paris), ferner 3 Vizepräsidenten und 7 Beisitzer. * * * Der Wichtigkeit halber möge noch kurz über eine Episode aus der Kongreßberatung vom 18. August berichtet werden. Nachdem die zionistische Arbeiterpartei wegen der Streiks in Palästina die Parteileitung schon in der letzten Sitzung angegriffen hatte, kam es heute neuerlich zu stürmischen Debatten. Es sollte über die Resolution betreffs Gründung praktischer Unternehmungen in Palästina abgestimmt werden. Die unter Führung des Ingenieurs Ussichkin stehende Gruppe fordert die momentan zu betreibende Besiedlung Palästinas, während die Wortführer der anderen Richtung, namentlich Max Nord au und Alexander Marmorek, an dem von Theodor H e r z l festgelegten Prinzip der Erreichung eines Charters für Palästina festhalten und gegen die verlangte Heranziehung der zionistischen Fonds Verwahrung einlegten. Nach erregter Debatte wurden die „politischen Zionisten" niedergestimmt und die fortzusetzende Kleinkolonisation in Palästina von der Majorität genehmigt. (Fortsetzung in nächsten Nummer.) DerwissenfchaftUcheAntisenntismns. Ein altes Motiv, zu dem man sehr schwer neue Variationen finden kann, ist der sogenannte wissenschaftliche Antisemitismus. Alle paar Monate erscheint so ein neuer Pfadfinder auf der Oberfläche mit der Ambition eines Propheten, und jedesmal wird mit stolzen Worten verkündet, nun sei mit strenger Wissenschaftlichkeit das spröde Problem der Judenfrage gelöst. Jedesmal greifen wir gierig nach solchen Büchern mit so' vielversprechenden Titeln, hoffend, daß wir es endlich mit einem Männe zu tun haben, der ernst genommen zu werden verdient. Denn es ist wahrlich kein Vergnügen, immer von neuem gegen Lüge, Schmutz und Niedrigkeit kämpfen zu müssen, und ein wirklich

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