Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1907
- Issue
- Heft 33 (23.8.1907)
- Date
- 1907-08-23
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Wahrheit Seite 7. Nr. 33. kein Volk bleiben, dann gehen wir so rasch, wie es die demographischen Verhältnisse irgend gestatten, in unserer Bolksumgebnng ans. Wollen wir aber ein Volk bleiben, wie unsere beharrlich gewahrte Sonderstellung beweist, dann müssen wir auch die nötige Anstrengung zur Ermöglichung eines Volksdaseins machen. (Stürmischer Beifall.) Auf die Dauer aber ist es unmöglich, sich als abgesondertes, stammreines Volk zu behaupten, wenn man als scheel angesehene Minderheit inmitten einer mindestens unsympathischen, kalten, wenn nicht agressiv feindseligen Mehrheit lebt. Wofür erhalten wir ims aber als besonderes Volk in der Zerstreuung? Für welche Zukunft? Für welche Geschicke? Was, ist der Endzweck, zu dem wir unsere Eigenart pflegen, die von der unserer Umgebung absticht? Was hoffen, was erwarten wir, daß wir alle Widerwärtigkeiten, alle Nachteile einer schmerzlichen Ausnahmestellung geduldig ertragen? Ist es für die nationale Wiedergeburt, dann rüsten wir uns zu ihr auf die einzigmögliche Weise, durch den Zionismus. (Lebhafte Znstimmung.) Erwarten und hoffen wir aber keine nationale Wiedergeburt, dann ist es lediglich stumpfe Gedankenlosigkeit, dann ist es reine Unfähigkeit, den eigenen Standpunkt zu begreifen, wenir man unter den größten Opfern und den schwersten Leiden ziel- und zwecklos in einer Sonderexistenz verharrt, die keinen Sinn mehr hat. Also: Zionismus oder nationale Liquidation. (Beifall.) Alles andere ist Halbheit und beunruhigt die Logik. Vergebens reden Tiftler Haarspaltereien und Spitzfindigkeiten um diese unerschütterliche Schlußfolgerung herum. Sie drängt sich dem schlichten Menschenverstände der selbstdenkenden Inden aus und bestimmt häufig ihr Handeln. Wer an die Daseinsberechtigung des jüdischen Volkes glaubt, wer ihm eine Zukunft wünscht, der wird Zionist. Wer diesen Wunsch, wer diesen Glauben nicht hat, der fällt ab. Und das würde noch viel häufiger geschehen, wenn der Abfall vom Judentum, um vollgültig zu sein, nicht vom formellen Uebertritt zu einem andern Glauben begleitet sein müßte, zu dem anständige Inden sich denn doch nicht leichten Herzens entschließen. Seit zehn Jahren rufen wir diese Wahrheiten in alle Winde. In großen Seelen haben sie mächtigen Widerhall geweckt; die Menge aber hat sie noch nicht hören oder noch nicht verstehen wollen. Denn wir wollen uns und andern nichts vormachen. Wir organisierte Zionisten sind, leider immer noch eine betrübend kleine Minderheit im jüdischen Volke. Wir lassen uns das jedoch nicht anfechten. Es ist kein Grund zur Entmutigung für uns. Eine Wahrheit hat ihre eigene Tugend und Würde, die ganz unabhängig davon ist, ob sie von andern begriffen wird oder nicht (Beifall) und sie muß sich schließlich durchsetzen, denn sie ist unverwüstlich, und die Zeit kann ihr nichts anhaben. Die Geschichte ist überdies da, um uns vor Kleinmütigkeit zu behüten. Sechzig Jahre lang sangen Deutsche: „Was ist des Deutschen Vaterland?" und ließen sich nicht irre machen, obschon die bedeutendsten maßgebendsten Männer, Minister, Würdenträger, einflußreiche Praktiker aller Art die Forderung der deutschen Einheit als eine Schwärmerei für Schützenfeste und Gesangvereine verspotteten. Ebensolange erklärten bedächtige, nüchterne Diplomaten Italien für einen geographischen Begriff, .und au eine italienische Nation glaubten nur einige romantische Verschwörer, die in Italien selbst sieben organisierte, zum Teile mächtige Staaten und außerhalb Italiens ungefähr alle Negierungen gegensich hatten. Camille Desmoulins sagte nach Verkündigung der französischen Republik: „Im Jahre 1789 hat es in Frankreich keine zehn Republikaner gegeben." Thomas Payne, der treffliche Verfasser von „Common sense" tat die Aeußernng: „Im Jahre 1778 gab es in ganz Nordamerika nicht einen Republikaner." Michelet schrieb im Jahre 1859: „Im Jahre 1854 habe ich in ganz Italien nicht einen Italiener angetroffen." Diese Beispiele sind geeignet, uns über die Zukunft des Zionismus zu beruhigen, obschon die Zahl der Zionisten heute noch nicht entfernt so groß ist, wie sie sein sollte. Wir sind gewiß die letzten, uns selbstgefällig die Hände zu reiben und uns zu beglückwünschen, daß wir es so herrlich weit gebracht haben. Gewiß: was wir erreicht haben ist noch blutwenig. Gleichwohl haben wir keinen Grund, den Kopf hängen zu lassen, wenn wir auf das Jahrzehnt seit dem ersten Zionistenkongresse zurückblicken Selbst nnsere materiellen Erfolge, so bescheiden sie scheinen, sind nicht allzu gering einzuschätzen, kurz sind sie schon von Herrn Wolffsohn zusammengefaßt worden: Unsere Kolonialbank, von uns mit bitterer Mühe und schweren Opfern ausgerichtet, hat mit ihrem kleinen Grundstock die Anglo- Palestine Company geschaffen, die in Palästina gnte Arbeit verrichtet, im dortigen Wirtschaftsleben als ein kräftiger Gärungserreger wirkt und dem jüdischen Namen das Ansehen erwirbt, das in zurückgebliebenen Ländern schöpferische Finanzinitialive begleitet. Dank dieser Anstalt sind die Juden in den Angen der palästinensischen Eingebornen nicht mehr wie früher verachtete Bettler, sondern Wohltäter, die das Land befruchten und Wohlstand um sich verbreiten. Unser Ngtionalsond ist wurzelständig geworden und verspricht, in langsamem Wachstum sich zu einem kräftigen Organismus zu entwickeln. Ansehnlicher, wirklich ansehnlich sind unsere moralischen Erfolge. Daß der Zionismus seinen Bekenuern Selbstachtung und Würde gegeben hat, ist eine zum Gemeinplatz gewordene Feststellung. Wir Zionisten tragen unser Judentum wie eine Kokarde (Beifall und Händeklatschen), und das ist uns so selbstverständlich geworden, daß es bereits unser heiteres Staunen erregt, wenn wir sehen, daß andere es wie eine Brandmarke scheu verheimlichen. (Beifall.) In den Ländern mit verschiedenen Nationalitäten haben unsere Gesinnungsgenossen die jüdische Nationalität mit der Forderung gleicher Rücksicht aus ihre Volksbedürsnisse und gleicher Achtung ihrer ethischen Individualität angemeldet. (Beifall.) Unserer Jugend gibt der Zionismus Stolz auf ihre Geschichte. Glauben an sich selbst und den sittlichen Halt eines Ideals. (Lebhafter Beifall.) Unsere Gegner hofften, der Zionismus werde seinem Begründer ins Grab folgen. Er hat die schwere Erschütterung des Verschwindens seines ersten Führers ohne Schaden ertragen und damit den Beweis erbracht, daß er, von Personen unabhängig, aus eigener Kraft besteht. (Zustimmung.) Schwere Gefahr drohte dem Zionismus von den zahlreichen mörderischen Uebersallen, die die Juden in den Ländern des Antisemitismus der Tat zu erleiden hatten. Nicht nur, weil unsere unglücklicheit Brüder durch Mord, Brand, Schändung, Raub vollständig zugrunde gerichtet wurden, nicht nur, weil ihre Verzweiflung über das grausame Ende teuerster Angehöriger jeden andern Gedanken ans ihrem Bewußtsein verdrängte, sondern auch wegen treuloser Hetzreden, durch die bedenkensreie Gegner die armen, verängstigten Opfer am Zionismus irre zu machen suchten. „Wo war der Zionismus", hörte man spöttische Stimmen rufen, „als entmenschte Horden im Osten die Juden niedermetzelten? Was hat er für die Verfolgten getan? Wie hat er ihnen geholfen? Welchen Schutz hat er ihnen gewährt?" Zur Ehre unserer schwer heimgesnchteu Brüder sei es gesagt: Auch in ihrer tiefen Verzweiflung bewahrten sie genug gesunden Menschenverstand, um die Torheit dieser Spottfragen zu erkennen. Unsere Massen sehen sehr wohl ein, daß sie selbst in ruhigen Tagen für den Zionismus nicht gentlg getan haben, um von ihm erwarten und verlangen zu dürfen, daß er mm in den Tagen der Not für sie Entscheidendes tun werde. (Beifall.) Der Zionismus besitzt gerade nur, was das jüdische Volk ihm gibt. Das jüdische Volk aber hat ihm bisher nicht die Mittel geliefert, für die Volksglieder in Gefahr wirksam eintreten zu können. Seine Würde verbot ihm eitle Kundgebungen und wichtigtuerische Geschäftigkeit. Die Zionisten verschlossen ihre Trauer in ihr Herz und arbeiteten mit zusammengebissenen Zähnen an ihrer großen Ausgabe weiter, deren künftige Verwirklichung die Gegenwart nach Maßgabe ihrer Kräfte vorbereiten muß. Inzwischen haben unsere Masseu besser als bisher begreifen gelernt, daß der Zionismus, wenn er sie heute nicht retten und schützen kann, morgen das Heil ihrer Kinder sein wird. (Beifall.) Die Regierungen, um deren Wohlwollen zu werben ein wichtiger Punkt unseres Programms ist, haben uns keine nennenswerte Förderung angedeihen lassen. Um die ganze Wahrheit zu sagen: sie haben sich bisher überhaupt kaum um uns gekümmert. Das scheint manchen ein Beweis, daß wir von allem Anfang einen falschen Weg eingeschlagen haben, und daß unsere Politik, die ihre Hoffnungen teilweise auf die Regierungen setzte, ein