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Die Wahrheit · 1907-08-23 · Heft 33 (23.8.1907) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1907
Issue
Heft 33 (23.8.1907)
Date
1907-08-23
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6. Die Wahrheit Nr. 33. wordener Kultur aufzugeben" . . . Ein Volk kann nur selbst sich helfen; kann es das nicht, dann ist ihm eben nicht zu helfen." ... — „Von einem vollständigen Auszuge der Juden kann wohl nirgends die Rede fein; die sich assimilieren wollen und können, bleiben zurück und werden resorbiert." DieS sind einige der Kernsätze, die Herzl damals verkündete, und die an Klarheit, sollte man meinen, nicht zu übertreffen sind. Gleichwohl verhinderten sie weder Mißverständnisse noch Verständnislosigkeiten. Verdrehungen und Entstellungen. Ein Mißverständnis war es. daß man im Zionismus eine große Bewegung der Barmherzigkeit sehen wollte (Bravo-Rufe). Es gab viele gute, gebildete Juden, besonders in den freien Ländern des Westens, die anfangs sich zum Zionismus bekannten oder ihm doch Wohlwollen entgegenbrachten, weil sie glaubten, er bedeute eine Anstrengung der Juden, die sich des Glückes eines Vaterlandes, der Rechtssicherheit, des Wohlstandes erfreuen, um die Leiden ihrer Glaubensgenossen in den Ländern der Bedrückung und Verfolgung zu lindern, um ihnen eine Heimstätte und vollständige Arbeitssreiheit zu verschaffen, um ihnen Leben, Menschenwürde und Eigentum zu gewährleisten. So war es jedoch nicht gemeint. Der Zionismus ist eine Wohltat, er ist keine Wohltätigkeit. (Bravorufe und lebhafter Beifall.) Einem Volke reicht man keine milde Gabe. (Erneuter Beifall.) Ein Land ist kein Almosen. Der Zionismus kann dem jüdischen Volke und will dem einzelnen Inden nichts schenken. Er bemüht sich, die Kraft zu wecken, zu entwickeln, zu schulen, zu sammeln, mit der das jüdische Volk sich aus zweitausendjähriger dumpfer Ergebung ausraffen soll, um sich natürliche Daseinsbedingungen auf eigenem Boden und selbstgeschmiedetes Glück zu schaffen. (Beifall.) Die Zionisten aus Mitleid, die den geringen jährlichen Beitrag zur Bewegung, den Schekel darboten, wie man eine kleine Münze in eine flehend ausgestreckte Bettlerhand gleiten läßt, sind denn auch großenteils abgefallen, als sie ihren Irrtum erkannten, und treu blieben nur die, die sich bewußt waren, daß im Zionismus ein zerrissenes Volk um die Wiedervereinigung feiner umhergestreuten Gliedmaßen und um die Wiedergeburt ringt. Verständnislosigkeit war es, daß man den Zionismus als einen Rückfall in religiösen Fanatismus, als eine Absage an den Fortschritt, an die Gesittung und Wissenschaft der Neuzeit, an Europa, als Sehnsucht nach Äsiatentnm und Ghettoabsperrung verklatschte. Von religiösem Fanatismus weiß der Zionismus sich vollkommen frei; zu frei, sagen gewisse jüdische Kritiker und Gegner. Er vereinigt Vertreter der Konservatisten und der Freisinnigsten des Judentums in sich. (Bravorufe.) Das Wort Asiatentum macht uns keine Angst, denn das Beispiel des japanischen Volkes lehrt (Lebhafter Beifall), daß man sehr wohl Asiate und gleichzeitig höchst fortschrittlich sein kann. (Erneuerter andauernder Beifall.) Tatsächlich aber sind wir unseres 2000 jährigen Europäertums so sicher, daß wir über die Neckerei, wir würden in Palästina Asiaten werden, lächeln dürfen. (Sehr richtig!) Wir würden dort so wenig Asiaten im Sinne anthropologischer und kultureller Minderwertigkeit werden, wie die Angelsachsen in Nordamerika Rothäute (Heiterkeit), in Südafrika Hottentotten und in Australien Papuas geworden sind. Wir würden uns bemühen, in Vorderasien zu tun, was die Engländer in Indien getan haben, — ich meine die Kulturarbeit, nicht die Herrschaft; — wir gedenken, nach Palästina als Bringer von Gesittung zu kommen und die moralischen Grenzen Europas bis an den Euphrat hinauszurücken. (Andauernder lebhafter Beifall.) Ghettoabsperrung? Man verzeihe uns, daß wir über diese kindische Formel die Achsel zucken. Freie Seelen würdigen das Gefühl, aus dem heraus der Brite sein stolzes Wort spricht: „My house is my castle“. Wer Lächerlichkeit nicht fürchtet, der nenne immerhin nnser Verlangen nach einem eigenen selbstgebauten Heim Ghettosehnsucht. Wir wissen, daß die allermodernste völkerpsychologische und ethnologische Erkenntnis zur Forderung führt, ein jedes Volk solle wie jedes Individuum sich nach seiner organisch begründeten oder geschichtlich gewordenen Eigenart ausleben und es ablehnen, sich durch Druck, Geringschätzung und Feindseligkeit verkümmern zu lassen. (Händeklatschen und Beifall.) Wir sind niemals fortschrittlicher, niemals moderner, als'wenn wir lieber echt, als noch so vollkommene Nachahmung, lieber harmonisches Original als eine Karrikatur anderer sein wollen. (Bravorufe, lebhafter Beifall und Händeklatschen.) Verdrehungen und Entstellungen haben jede Tat des Zionismus, jede Aeußernng und Bewegung seiner 'Führer verzerrt, verdächtigt und verleumdet. Man hat den leitenden Persönlichkeiten der Bewegung uneingestehbare Beweggründe, Ehrgeiz oder gar nur Eitelkeit, Eigennutz, demagogisches Buhlen um Volksgunst nachgesagt. Der Begründer und bedeutendste Mann der Bewegung, Theodor Herzl, antwortete darauf mit dem Opfer seines Vermögens und seines Lebens, und'-andere tun es ihm nach, wenn nötig bis zum äußersten. (Beifall.) Man hat das Schlagmort ausgegeben, der Zionismus sei mit der Vaterlandsliebe unvereinbar. Ruhig im Bewußtsein treuer Anhänglichkeit an unser Geburtsland und gewissenhaftester Erfüllung aller unserer Staatsbürgerpflichten dürfen wir diese Beschuldigung verachten. .(Sehr richtig!) Den Deutschen in den Vereinigten Staaten hat bisher noch niemand Mangel an amerikanischem Patriotismus nachgesagt, weil sie ihre Sprache, ihre Gesittung, ihre Stammeserinnerungen pflegen und auch drüben fortfahren, am Wohl und Wehe ihrer Volksgenossen in der' alten Heimat regsten Anteil zu nehmen. Gewiß, ergebe sich ein Gegensatz zwischen den Interessen des jüdischen Volkes und denen unserer Landsleute, dann müßten wir in schmerzlicher Wahl uns für die eine oder die andere Seite entscheiden. Glücklicherweise besteht ein solcher Gegensatz nicht und wird nach menschlichem Ermessen in absehbarer Zeit auch nicht bestehen. Wir dürfen uns also getrost zugleich als gute Zionisten und als gesinnnngsstarke Staatsbürger bekennen. Außer jüdischen Denunzianten und bedenkenfreien Judenhassern, deüen jede Gelegenheit zur Feindseligkeit gegen uns willkommen ist, hat denn auch bisher niemand an diesem Doppelbekenntnis Anstoß genommen. Weit verbreitet ist die Meinung, der Zionismus sei eine Antwort auf den Antisemitismus, die Antwort des jüdischen Trotzes nach den einen, der jüdischen Verzweiflung nach den anderen. Diese Auffassung gab manchen unserer Gegner Gelegenheit, sich in Heldenposen zu werfen und Bramarbasreden zu führen. ..Ihr Zionisten", prahlten sie, „seid feige Ausreißer, wir dagegen sind tapfere Streiter; ihr ergreifet vor dem Feinde die Flucht, wir nehmen den Kampf an, wollen ihn in unserem Geburtslande bestehen und die Rüstung nicht ablegen, ehe wir gesiegt haben." Diese Neigung, den Zionismus mit dem Antisemitismus in Zusammenhang zu bringen, den einen als Gegenwirkung des anderen zu begreifen, ist überraschend oberflächlich. Der Antisemitismus war höchstens ein Anlaß, er war sicher nicht der Grund des Zionismus. Der Judenhaß hat nur in vielen Juden das eingeschlummerte Stammesbewnßtsein geweckt und sie ermahnt, sich auf ihre geschichtliche Individualität zu besinnen. Er hat sie genötigt, über ihre Stellung in der Welt, über ihr Verhältnis zu den anderen Völkern, über ihre Aussichten als Einzelmenschen und als Gesamtheit nachzndenken, und dieses Nachdenken, nicht die Ungerechtigkeit der Judenfeinde, hat sie zu überzeugten, ruhig entschlossenen Zionisten gemacht. Der Zionismus ist wie jede geschichtliche Bewegung aus einem stark empfundenen und klar erkannten Bedürfnis hervorgegangen, aus dem Bedürfnis nach einem normalen Dasein unter natürlichen Bedingungen. Er ist die eiserne Schlußfolgerung der jüdischen Logik, dieses Grundvermögens der jüdischen Psyche. Denkende Juden lassen'sich nicht darauf ein, sich selbst zu täuschen; sie sind gegen sich von der unerbittlichsten Aufrichtigkeit. Wir sind empfindlich, wenn Inan uns in unserem Geburtslande Fremde schilt. Es ist ja in der Tat eine Bosheit, uns als fremd auf der Scholle anzusehen, auf der unsere Wiege stand und unter der die Gebeine unserer Väter ruhen. . Aber;wenn man mit Unrecht unsere Zugehörigkeit zum Boden, zum Lande, zum Staate leugnen will, müssen wir es doch anderseits verstehen, daß die Menschen, unsere Landsleute, uns als Fremde empfinden, da wir es beharrlich ablehnen, uns in ihnen aufzulösen. Da richtet sich ein Entweder-oder vor uns auf, vor dem es kein entrinnen gibt. Entweder, wir wollen ein Volk bleiben oder wir wollen kein Volk bleiben. Wollen wir - •am

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