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Die Wahrheit · 1907-08-23 · Heft 33 (23.8.1907) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1907
Issue
Heft 33 (23.8.1907)
Date
1907-08-23
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 33. Die Wahrheit Seite I». - Daß sich die Juden als altes Kulturvolk, dessen Wanderung in der arabischen Wüste lange zurückliegt, mit ihrer Musik an die deutsche und nordische anlehnten, ist natürlich. So erklärt sich der Werdegang eines Mendelssohn-Bartholdy, eines Giacomo Meyerbeer, eines Rubinstein. Wie die Melodien der Psalmen zu Davids Zeiten, wie des königlichen Dichters Harfe geklungen, das ist ebensowenig bekannt wie die Töne, welche Sappho ihrer Lyra entlockte. Aber die göttliche Dichtung läßt die herrliche Mnsik dazu ahnen. Die Klagelieder des Jeremia, die schluchzenden Lieder eines Jehnda den Halewy, die von jahrtausend altem Weh eines unglücklichen Volkes und dessen Sehnsucht nach der verlorenen Heimat erfüllt sind, tragen ihre Melodien in sich, wie die Blumen ihren Duft. Doch nun zum letzten Absatz der Kalbeckffchen Tirade. Der Deutsche hätte ein wohlbegründetes Recht, stolz zu sein ans den tiefen, sittlichen Ernst seiner Kunst, die die Person hinter der Sache verschwinden läßt? Wie, nur der Deutsche? Der .Jude etwa nicht? Moses ließ seine Person so weit hinter seinem gewaltigen Kunstwerk verschwinden, daß man nie wußte, wo sich sein Grab befinde. Und sein Ausbau des jüdischen Staates, seine Fundamentlegung der Gesetze stellten doch wohl den Pyramidenbau der Egypter in den Schatten. Spinoza wollte seine „Ethik", diese stolze Gedankenpyramide, zu der Deutsche, wie Schleiermacher, Goethe und andere bewundernd anfschanten, durchaus anonym erscheinen lassen. Sein Verleger beging gegen Spinozas Wissen die Indiskretion, ihn zu nennen. Der große Denker wollte der Welt ein königliches Geschenk verleihen und ihr zugleich keine Last der Dankbarkeit gegen den Geber ansbürden. Diese „grenzenlose Uneigeunützigkeit" ist es, sagt Goethe, die ihn zu Spinoza ziehe. „Göttlicher, ja heiliger Benedikt" ruft Schleiermacher aus. Doch Moses und Spinoza fxub im Sinne Kalbecks wahrscheinlich keine Juden. Wir kehren den Stiel um. Sie selbst Herr Kalbeck vom „Neuen Wiener Tagblatt" sind kein Jude. Das Judentum stellt noch immer einen urkrästig grünenden Wald dar, was tnts, wenn hie und da ein Zweig abstirbt, ein welkes Blatt raschelnd zur Erde flattert. Warum machen Sie dem Deutschtum gar so aufdringlich den Hos? Wahrlich, hier oder nirgend gilt das Wort: „Weniger wäre mehr." Wie lange waren die Deutschen das bestverachtete Volk Europas! Von seinen Despoten ließ es sich jämmerlich behandeln, heerdenweise nach Amerika, gleich Lämmern, verkaufen und muckte nicht. Während des dreißigjährigen Krieges, und ebenso später im siebenjährigen, wurde Deutschland zum Schauplatz der Katzbalgereien zwischen Franzosen, Schweden und Engländern. Um ein Kleines, und Deutschland, verheert, geplündert, seine Bevölkerung dezimiert, wäre von der Landkarte verschwunden. Auch heute erfreut sich Deutschland nicht der Sympathie der Welt. Man frage nur bei den Negern, und vornehmlich den Negerweibern Afrikas nach. Matt braucht aber nicht so weit zu gehen, dem Ungarn war und ist der Deutsche noch immer ein „hunzutt“, d. i. ein Hundssott. Die gegenwärtigen sreundschastlichen Gesinnungen Frankreichs und Englands gegen Deutschland sind allbekannt. Doch halt! Wir sind auf dem besten Wege in den Fehler Kalbecks zu verfallen, zu generalisieren und ein Millionenvolk herabzusetzen. Derart verdirbt ein böses Beispiel gute Sitten. Doch so korrumpierend zu wirken,- darf einem Kalbeck für die Dauer nicht verstattet werden. Ich schlage meinen Herder auf. Auch ein Deutscher, doch einer von den edelsten. Welch eine Fundgrube seltenster, erhabenster Gedanken! Seine „Ideen zur Geschichte der Philosophie der Menschheit", welch großartiges Buch! Als Goethe in Italien das ihm vom Autor gesandte Werk las, bekundete er, daß ein Dichter nicht nur ein „rückwärts gewendeter Prophet", sondern ein echter und rechter Seher sei. Goeche schrieb Herder, daß das Buch erst einer späteren Zeit zur Würdigung Vorbehalten bleibe. Und tatsächlich, wer liest heute Herder? Wer hat Ohren für seine sanften Ermahnungen zum wechselseitigen Sicherträgen, zur Schonung, zur Wahrung menschlicher Würde! Herder modert in den Bibliotheken und der Allerwelts-Reklam ediert alle möglichen und unmöglichen Schriftsteller, der Geistesriese Herder ragt aber so hoch in die Wolken, daß er ihn übersieht. Was soll dem Pygmäenvolk ein solcher Necke zum Gefährten? Vor mir liegen seine „Briefe zur Beförderung der Humanität". Welch anachronistischer Titel! Ja, wenn es Briefe zur Beförderung der Flegelei, des Antisemitismus wären, da könnte man sie schon gellen lassen, oder Vorschläge zur Gründung einer hohen Schule der Rassenverfolgung, zur Billigung und moralischen Unterstützung von Progroms u. s. w. Doch ich bin nial schon ein so rückständiger Geselle, vertiefe mich in Herder und besitze die unglaubliche Kurage, dies urbi efc orbi einzugesteheu. Was sagen Sie zu folgender Stelle, Kahlhieb, pardon Kahlschädel, um Vergebung Kalbeck?! „Was ist Nation? Eilt großer ungejüteter Garten voll Kraul und Unkraut. Wer wollte sich dieses Sammelplatzes von Thorheiten und Fehlerit so wie von Vortrefflichkeiten und Tugenden ohne Unterscheidung annehmen, und wenn es eine bloße Meinung von Seelenkrästen oder Verdiensten gilt, für diese Dulzinea gegen andere Nationen den Speer brechen? Lasset nns, so viel wir können zur Ehre der Nation beitragen, auch verteidigen sollen wir sie, wo man ihr Unrecht tut, sie aber ex professo preisen, das halte ich für einen Selbstrnhm ohne Wirkung". Kalbeckchen, sind Sie noch im Stande zn erröten? So tun Sie dies schleunigst. Sie hören, wir haben nns unser Amt, das Judentum zn verteidigen, ansdringen lassen müssen, was reitet aber Sie der Teufel, Sie Exjude, uns Jilden anzurempeln und die Deutschen aus unsere Kosten ex professo zn rühmen? Maßen Sie sich doch keinen solchen Beruf an, bleiben Sie in Ihrer kühlen Villegiatur und lesen Sie die — Bibel, oder Herder. S. Vineta. Der VN!. Zioniste«Kongreß im Haag. Die Eröffnung des Kongresses fand Mittwoch, den 14. August, präzise V^ll Uhr vormittags, statt. Wenige Minuten nach der Oeffnung der Saaltüren um 9^ Uhr war alles überfüllt. Der gewaltige Saal mit dem dreifachen Kranze von Gallerien bot in seinem bunten, wimmelnden Leben einen prächtigen Anblick. Ueber 400 Delegierte und mehrere Tausend Tribünengäste wohnten der Eröffnung bei. Um Y>11 Uhr legte sich auf ein Zeichen der Lärm mit einem Schlage und einen kleinen Augenblick später öffnete sich das kleine Pförtchen aus der Tribüne des Aktions-Komitees. Die Führer der zionistischen Bewegung erschienen, geführt von Max N o r d a u. Der begeisterte Beifall, der sie aus dem Saale und von der Gallerie begrüßte, zeigte zur Genüge, daß sie der alten Anhänglichkeit auch weiter versichert sein können. Unter großer Spannung verlas daraus der Präsident David Wolfssohn die Eröffnungsrede. Er wurde an vielen Stellen von lebhaftem Beifall unterbrochen. Die Rede gab eine Uebersicht über die jetzige Lage des jüdischen Volkes und des Zionismus. Die Institutionen der Bewegung sind im Ausbau begriffen und besonders die Arbeit in Palästina macht rüstige Fortschritte. Darauf begrüßte der Vizepräsident des Hohen Gerichtshofes, Herr A. de Piuto im Namen der jüdischen Gemeinden im Haag in wirkungsvoller Ansprache den Kongreß, dessen Bedeutung für die gesamte Judenheit er hervorhob. Im Namen der jüdischen Kolonisten Palästinas begrüßte Dr. Tschlenow den Kongreß und hob hervor, daß sich das jüdische Menscheumaterial als Baumaterial für ein Gemeinwesen bereits jetzt vorzüglich bewährt habe. Von stürmischen Zurufen begrüßt hielt dann Dr. Max N o r d a u folgende Rede: „Ein Jahrzehnt wird in wenigen Tagen vollendet sein, seit der erste Zionistenkongreß in Basel eröffnet worden ist. Unser unvergeßlicher Theodor Herzl, dessen Geist auch heute über unserer Versammlung schwebt, erklärte in seiner Eröffnungsrede die Ursachen, den Sinn und die Ziele des Zionismus mit imperatorisch knappen, wuchtigen Worten, die wie eine in Steintafeln gemeißelte Denkmalinschrift klangen: ..Der Zionismus ist die Heimkehr zum Judentum vor der Rückkehr ins Judenland" . . . „Wir denken nicht daran, auch nur einen Fuß breit er-

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