Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1907
- Issue
- Heft 33 (23.8.1907)
- Date
- 1907-08-23
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4. Die Wahrheit lUr. 33 weise zugemutet hätte, er habe die Hruza und Klima abgeschlachtet, um die Schuld den Juden in die Schuhe schieben zu können. Diese Auffassung muß jeder Rechtsliebende ohne Unterschied der Konfession teilen. Die Juden aber dürfen nie und nimmer vergessen, daß H i l s ne r als Blutzeuge für die Wahrheit des R i t n a l m o r d g l a u b e n s verurteilt wurde, daß er ein Märtyrer ist und daß für die Beschuldigung, die grauenhafte, falsche Beschuldigung, die ihn traf, alle seine Glaubensgenossen zu leiden haben. Die Amisemitensührer brauchten einen Ritualmord, um das von ihnen betörte und verführte Voll im Judenhaß zu bestärken. Daß sie damit nicht nur den Juden schaden, sondern auch die Seele des Volkes vergiften, was liegt daran. Die Antisemitenführer denken nur an sich und das Volk war ihnen immer nur der Schemmel auf den sie traten, um in die Höhe zu gelangen. Wie unehrlich die Amisemitenhäuptlinge mit ihren Versicherungen demokratischer Gesinnung waren und sind, dafür haben wir jetzt auch das Zeugnis eines — Monsignore Scheicher. In seinem soeben erschienenen Buche „Gedanken und Erinnerungen" schreibt er u. A.: „In oder unter der christlichsozialen Menge sind auch schwachmütige Geister aufgetaucht. Ich habe eine Anzahl Freunde, die einst gleich mir Demokraten waren, die über Knopflochschmerzen Witze machten, daß man sich krank lachen konnte. Heute haben einzelne eine sternbesäete Brust und meinen dabei, daß die ganze Welt sich vvr derselben verneige, etwa so wie in dem Traumbilde des ägyptischen Joses sich Sonne. Mond und Sterne vor ihm verneigten. Mir tm's immer wehe, wenn ich einen einst spartanisch gesinnten Demokraten mit dem bunten Firlefanz behängt sehe". — Und Monsignore Scheicher kennt seine Freunde und Parteigenossen! Der Nekrolog Mar Kalvecks über Josef Joachim im „Neuen Wiener Tagblatt". . Wir können unsere Gallerie von Charakterköpfen ohne Charakter itm eine neue Figur bereichern. Immer stattlicher wird die Zahl der Renegaten und Abtrünnigen, welche jede Gelegenheit bei den Haaren fassen, um über das Judentum herzufallen. Kann es einen unschicklicheren Anlaß geben, Nationalitäten- und Konfessionshader zu säen, als die aufgebahrte Leiche eines guten Menschen und großen Künstlers? Da liegt der große Tote, der Meister im Reich der Töne, der Harmonie und Wohllaut um sich verbreitete, seine Seele ist in den ewigen Frieden eingegangen, und da kommt ein taktloser Geselle gezogen, entweiht und schändet die Majestät des Todes, stimmt ein lvüstes Lied von Intoleranz an und ist sich nicht im entferntesten der grellen Dissonguzen seines quickendeu Gesanges bewußt. Ein trauriges Zeichen der Zeit, daß man solches in unserem Jahrhundert wagen darf. „Ich hab's gewagt", ries Ulrich von Hutten vor 400 Jahren aus, zog für Humanität und gegen Psaffenübermut zu Felde, und starb elend, in Not, von seinem Freunde Erasmus von Rotterdam schnöde verleugnet. O, welcher Wandel der Zeiten! Heute kann es ein.getaufter Jude wagen, dem Rade des Fortschrittes in die Speichen zu fallen, ohne von ihm zermalmt zu werden. Warum auch nicht? Nur stramm gekatzbuckelt und geschmeichelt den Mächtigen dieser Erde und „was uns alle bändigt", dem Gemeinen, der gewaltigen Zeitströmung; man kann sich dann ruhig in der schönsten Umgebung Wiens eine herrliche Villa erbauen und den Lohn seiner Mühe sybaritisch genießen. Hutten, Sproß eines edlen Geschlechtes, Freund eines gewaltigen Herzogs, altfränkischer Ritter, wie töricht warst du doch, zu enden wie ein gehetztes Wild, verfolgt von der Meute der Dunkelmänner! Vergieb mir, Geist der Menschlichkeit und Duldung, daß ich neben Hutten eine solche Eintagsfliege neune, deren Name bald vergessen und versunken sein wird, einen Kalbeck. Nomen est omen? 0, das trifft nicht immer zu. Kalbeck nicht, wohl aber das Gegenteil, Kahlkopf sollte er heißen. . Kahl, vielleicht auch an Haaren, ganz gewiß aber an großen, schöpferischen Gedanken. dürr und entlaubt der. Baum seines Geistes, wurzelfaul, bar jeden produktiven Lebenssaftes. Wie sagt doch Heine: Noch habe ich Haare auf dem Schädel und unter dem Schädel Da wachsen mir Gedanken, groß und edel. Nageln wir nun die Stelle der Grabrede Kalbecks, die uns zu diesen tristen Betrachtungen Anlaß gibt, an: „Und dieser-Aüsrrwählte, ein Künstler, wie die Welt noch keinen kannte, stammte aus einer kleinen ungarischen Ortschaft und war ein geborner Jude. Aber nichts Jüdisches, nichts Zigeunerisches fand sich in seinem Wesen: feine weiche, sinnige, kontemplative Natur neigte, des unruhigen Blutes, das in ihren Adern prickelte, ungeachtet, so ganz zur germanischen Art, daß Joachim eher für einen Schwaben oder Sachsen als für einen Magyaren gelten konnte. In der Tat hat es nie einen deutscheren Künstler gegeben, als ihn. Der tiefe, sittliche Ernst, die heilige Ueberzeugung. die strenge Gewissenhaftigkeit seiner Kunst, die dos Subjekt hinter dem Objekt, die Person hinter der Sache verschwinden ließ, sind lauter Eigenschaften, auf welche stolz zu sein der Deutsche ein wohlbegründetes Recht hat." Er war ein geborener Jude, hatte aber nichts Jüdisches, nichts Zigeunerisches an sich. Natura non facit saltum und hier hätte sie ohne Uebergaug. ohne allmählige Stufen, solch verwegenen Sprung getan. Hier hätte sich eine solch glänzende Metamorphose vollzogen, der Geburtsmakel wäre — man weiß nicht wie — plötzlich weggewaschen, die Schweine der Circe hätten sich durch die Wünschelrute der Zauberin in Menschen verwandelt? Max, Max, das gibt es nicht! Solche Kapriolen macht Mutter Natur nicht; Horaz sagt m einer seiner Oden, daß die Adler nur von Adlern gezeugt werden können. Welch frommen Wunderglauben möchtest du da in die Welt setzen wollen! Mutest du unserem bigotten Zeitalter nicht doch zuviel zu? Fürchtest du nicht, daß es dir hohnvoll zurückschalle: Jud bleibt Jtld, auch nach der Taufe? Auch im samt deinem schnöden Mammon und deiner Villa? Kalbeck stellt die Juden mit den Zigeunern in eine Reihe; von vielen werden sie ja in gleichem Maße verachtet, nur daß die Juden der Ehre teilhaftig sind, noch dazu gehaßt zu werden. Doch, ich weiß nicht, Kalbeck ist bei dieser Stelle nicht deutlich genug, ist vielleicht absichtlich unklar; meint er jüdisches und zigeunerisches Wesen im allgemeinen oder nur jüdische Zigeuner m u s i k? Ich denke, beides; denn er fügt erläuternd bei. es hätte nie einen deutscheren Künstler gegeben. Wenn doch Kalbeck weniger gewagte Sprachkünste anwendete. Er zeigt bei solch fragwürdigem Deutsch, daß er selbst im tiefsten Grunde nicht der deutscheste, wohl aber der jüdischeste Jude ist. Was ist denn an der Zigeunermusik, die ihren Siegeszug durch die Welt gehalten, zu verachten? Die Zigeunermusik verdolmetscht die Gefühle der nachbarlich zusammenhausenden Magyaren. Diese beiden Stämme sind die letzten Wellen, welche das Meer der Völkerwanderung an den Strand Europas geworfen. Ein gewisser verwandtschaftlicher Zug ist beiden, im Grunde doch verschiedenen Völkern eigen. Beide sind in den einförmigen, auf das Gemüt melancholisch wirkenden Steppen Asiens unstät und ruhelos umhergewandert, beide sind noch nicht lange genug seßhaft, um die Schwermut und die ungebändigte Wildheit, die Leidenschaftlichkeit so ganz aus ihrem Gefühlsleben zu bannen, daß sie nicht auf den Saiten der Zigeunergeige künstlerischen Ausdruck snchen und finden müßten. Haydn, gewiß ein Klassiker der Tonkunst und Deutscher dazu, entlieh bekanntlich das Motiv seiner Kaiserhymne einer ungarischen Melodie. Hingegen die rauhen, nordischen Barbaren in den unwirtlichen sumpfigen Wäldern Germaniens lagen seit Jahrhunderten auf ihren Bärenhäuten, wenn sie nicht gerade der Krieg aufjagte, und betranken sich an Meth und Bier. Das nordische Klima hatte jede Spur der einstigen südlichen Lebhaftigkeit verscheucht. So erklärt sich denn die gedämpfte, ruhige Musik der Deutschen, die von der bewegten ungarischen oder Zigeunermusik freilich sehr absticht. Aber ist Mangel an Temperament, an Schwung, immer ein Vorzug, nicht vielleicht oft eben ein Mangel zu nennen? Die Frage ist sehr kontrovers.