Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1907
- Issue
- Heft 33 (23.8.1907)
- Date
- 1907-08-23
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Die Wahrheit Unabhängige Heitschrifi für jüöifche Hnierejfen^ Erscheint jeden Kreitng. Molto: „Das Siegel Gottes ist Wahrheit!“ Redaktion 11. Adiiiiiiistialioii: Wien, tl/, Novaragasse 27. Telepdvii Nr. der Druck-r-l I53UL. Inserate Die viermal gespaltene Nonpareille-Zeile LS Heller. rldouiieuieutSn. Jnseitiouö. betrüge sind in Wien zablbar und klagbar. Serngsti^et»: Ganzjährig ... st. i4.— Halbjährig . . ». 7.— Für Cnltnsbeumte: (»„»zjährig . . ». >» Für AuSlnilv.' Ganzjährig ... 8 Mare t> Rubel oder ia Fcr. Ur. 33. Wien. 23. Angnst i»07. Inhalt: Aus der Woche. — Der Nekrolog Max Kalbecks über Josef Joachim. — Der VIII. Zionistenkoiigreß im Haag. — Die Lösung der Judensrage. — Der wissenschaftliche Antisemitlsmus. — Aus der territonalistischen Bewegung. — Verschiedene Nachrichten. Ans der Woche. Die Zahl der an uns gerichteten Zuschriften, die sich auf die Hilsner-Affäre — die ihre Aktualität solange bewahren wird, bis eine Revision des Prozesses erfolgt ist — beziehen, ist eine außerordentlich große und fast alle geben dem Wunsche Ausdruck, daß dem Opser eines Justizirrtums Hilfe geschaffen werde. Es gibt jedoch auch eine Kategorie von Zuschriften, in denen merkwürdigerweise dem Staunen Ausdruck gegeben wird, daß eine so lebhafte, aufregende Bewegung wegen eines Menschen wie Hilsner entstehen konnte, der „auf so niedriger Stufe steht", der durch sein Verhalten im Gerichtssaal so „unsympathisch" wirkte rc. rc. Ja, mehrere Briefschreiber begegnen sich überdies in der Behauptung, Hilsner verdiene, auch wenn er kein Mörder sei, die Strafe, die er jetzt abbüßt, schon als Verleumder, denn er habe, um sich vom Galgen zu retten, Unschuldige als seine Mitschuldigen denunziert ... Solche Aeußerungen kann man auch oft hören und nicht immer wird denen, die sie Vorbringen, die richtige Antwort gegeben. Eine solche, von Juden gemachte und leider, wie wir wissen, auch vielfach von Juden geteilte Meinung über die Affäre Hilsner ist umso bedauerlicher, als sie vielleicht oft geeignet ist, die Agitation für die Forderung nach der Revision des Prozesses Hilsner zu schädigen. Es erscheint uns daher nicht überflüssig diese Seite der Angelegenheit einmal öffentlich zu erörtern. * * * Uns dünkt, daß die intimsten Mitarbeiter der Polnaer „Bluthunde", die fanatischesten Bekenner des Ritualmordglaubens, keine ärgeren Feinde des Rechtes und der Wahrheit fein können als diese lauen, gleichgiltigen Beobachter, die es als eine Versündigung gegen die Heiligkeit der Justiz betrachten, wenn man erfüllt von der Idee der Gerechtigkeit, Sühne für einen Justizirrtum fordert, unbekümmert darum, wer das Opfer dieses Justizirrtums war. Was hat die Frage, ob Hilsner ein niedriger oder würdiger, ein ehrenwerter oder verlotterter Mensch war, damit zu tun, ob er als — Mörder zum Tode verurteilt wurde? Muß man Menschen, die einen Funken von Gerechtigkeitsliebe haben, wirklich erst sagen, daß es geradezu ein verbrecherischer Gedanke ist, sich damit abzufinden, daß jemand — aus welchen Gründen immer — wegen einer Tat verurteilt wurde, an der er auch nicht die entfernteste Schuld trägt? Hilsner stand auf einer niedrigen Stufe? Er war kein sympathischer Mensch? Ja, um Himmels willen, wenn man alle niedrig stehenden, unsympathischen Menschen unter irgend einem Vorwand zum Tode verurteilen oder zu lebenslänglichem Kerker begnadigen würde, gäbe es dann in der Welt etwas anderes als Galgen und Gefängnisse? * * # Wenn Hilsner tausendmal „unsympathischer" wäre, als er erschienen, wenn er auf dem Niveau jener von einer grauenhaften Hypnose befangenen Zeugen stünde, die um einen gehaßten i Juden ins Verderben zu stürzen, Dinge in einer Entfernung! gesehen haben wollen, die bisher keinem menschlichen Auge er- : reichbar waren, so durfte er, da auch nicht der Schatten eines; Beweises gegen ihn erbracht wurde, doch nicht als Mörder ver-! urteilt werden . . . Hilsner hat zwei Unschuldige als Mittäter i denunziert und in Gefahr gestürzt? Das war gewiß nicht die! Tat eines Idealisten, eines Fanatikers der Wahrheit. Aber ge- ‘ hört nicht eine geistige Beschränktheit oder eine Verhärtung des! Herzens dazu, hiefür nur dem Unglückseligen zu zürnen, der Tat i — Die er nicht begangen — und nicht vielmehr jenen, die ihn I überredeten, daß er nur das Geständnis durch die Nennung von - Mitschuldigen — die er nie gehabt — sich vor dem Galgen! retten könne. Der Gefangenaufseher, die Mithäftlinge Hilsners! waren unermüdlich bestrebt, mit Worten, die auch durch rohe! Mißhandlungen unterstützt wurden, Hilsner zum Geständnis des i Ritualmordes zu bewegen, den er — nach dem antisemitischen Kodex — nur in Gesellschaft verüben konnte. Dr. Baxa. der j Ritualmord-Vertreter selbst hatte zugegeben, daß Hilsner — es I wurde im Gerichtsgebäude ein Telephon erbaut — sein Gestündj nis in der Meinung ablegte, es werde schon der Galgen für j ihn errichtet. Seine Mithüftlinge, die zarten Seelen, hatten sich! mit dem „Spaß" ergötzt, Hilsner zu zeigen, wie er anfgehängt j würde . . . Wer darf da so grausam sein, dem von Todeskampf geschüttelten Zwanzigjährigen es als unsühnbares Verbrechen anszulegen, daß er die gewünschten „Mitschuldigen" nahm, wo er sie in seiner Phantasie fand? Wenn dem „Verläumder" für die Lüge, durch die er dem Galgen zu entgehen meinte, lebenslänglicher Kerker gebührt, welche Strafe verdienen dann diejenigen, die, nur von Haß und Vorurteil geblendet, ohne jede Nötigung Lügen und Verleumdungen aufeinanderhäusten, um die Verurteilung eines Unschuldigen herbeizuführen? * * * Man stiftet nur Verwirrung, wenn man die Affäre Hilsner von dem Standpunkt betrachtet, ob der Verurteilte ein „sympathischer" Mensch war. Die Gerechtigkeit muß urteilen ohne Ansehen der Person. Man darf sich mit der Verurteilung Hilsners ebensowenig philosophisch abfinden, weil er ein unsympathischer Mensch ist, wie wenn man in Polna irgend einen antisemitischen „Bluthund" aufgefangen und ihm ohne Be-