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Die Wahrheit · 1907-08-16 · Heft 32 (16.8.1907) · page 7

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1907
Issue
Heft 32 (16.8.1907)
Date
1907-08-16
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 32. Die Wahrheit Seite 7. aber ebenso regelmäßig vom Oberhause verworfen. (Picotto bezeichnete dieses Gebühren als ..einen in direktem Widerspruch mit dem Willen der Nation stehenden Gewaltakt." Kürzlich bediente sich der Ministerpräsident Sir Campbell - Bannerm a n n eines ähnlichen Ausdrucks und begründete damit seinen Appell an das Parlament, die Beziehungen zwischen den beiden Häusern neu zu regeln.) In den Jahren 1853, 1856 und 1857 widerstand das Hans des Peeres erfolgreich der „Verjudung" der Gesetzgebung. Im Jahre 1858 beschloß das Unterhaus abermals eine Vorlage über die Eidesleistung, während das Haus der Lords eine Resolution annahm, in welcher der ans die Juden bezugnehmende Paragraph unterdrückt wurde. Das Unterhaus weigerte sich, diese Resolution gutzuheißen, und es wurde eine spezielle Kommission eingesetzt, welche ein Einverständnis der beiden Häuser herbeiführen sollte. Man einigte sich schließlich dahin, daß jedes der beiden Häuser ans Grund einer bloßen Resolution seine gewühlten Mitglieder auch ohne Hinweis auf die christliche Religion zulassen könne. Am Mittwoch, den 21. Juli 1858, wurde dieser Entwurf zum Gesetz erhoben, und fünf Tage später .nahm Baron Lionel Rothschild seinen Sitz im Unterhaus ein, nachdem er zuvor bedeckten Hauptes den Eid geleistet hatte, in welchem er sich statt der christlichen Formel, welche ihn elf Jahre an der Ausübung seines Rechtes verhindert hatte, der Worte bediente: „So helfe mir Gott!" Das nationale Judentum. Von Dr. M. H. Friedländer. (Fortsetzung.) Als Mordechoi erfuhr, was der Kanzler Haman, vor dem er sich nicht duckte und nicht beugte, im Schilde führe, verfügte er sich in tiefster Trauer in den königlichen Palast und klagte sein Leid der Königin. Die kluge Esther entgegnete: Es ist gewiß betrübend zu sehen, wie nichtswürdige Geschöpfe sich erkühnen, eine ganze Klasse nützlicher ehrbarer Menschen zu verleumden, zu verdächtigen, dem Hohne und Spott, der Verachtung und den Mißhandlungen des rohen Pöbels preiszugeben, allein frei von aller Schuld sind unsere Glaubens- und Stammgenossen nicht zu sprechen, denn sie haben die errungene Freiheit mißbraucht. Sie haben sich im Innern zerklüftet, wollten keine Autorität anerkennen, verleugnen ihre Religion, daher sie es setzt so schwer büßen müssen. Das einzige Mittel, das uns noch retten kann, ist die Rückkehr zum Glauben der Väter. Vor allem versuche es, durch die Macht deiner Beredsamkeit, sämtliche Juden, die hier in der Hauptstadt wohnen, zu vereinigen, sie für die Lehre Gottes zu begeistern, suche das Selbstbewußtsein in ihnen wachzurufen, damit sie lebhaft das Bedürfnis fühlen, fest zusammenzuhalten, sich zu organisieren, dann wird es uns leicht gelingen, die Pläne und Entwürfe unserer erbittertsten Feinde zu vereiteln und dem Könige die Ueberzeugung zu verschaffen, daß der Judenhaß nicht, wie Haman vorgeben zu können glaubt, geeignet sei, das Heil und Wohl des Staates zu fördern, sondern vielmehr den Staat in seinen Grundfesten zu erschüttern. Mordechai beherzigte den Rat der Königin, und so gelang es den persischen Juden, ihre Feinde glänzend zu besiegen. Treffend bemerkt daher der Talmud (Megila 13): Der Moment, in welchem der König Achaschwerosch seinen Ring ausgezogen und ihn dem Haman überreichte, als Zeichen, daß er ihm das Recht und die Macht verliehen, mit den Juden, die ihm Haman als staatsgefährliche Menschen, als Verräter und Scheusale geschildert, nach seinem Gutdünken zu verfahren, hat mehr zur Hebung und Förderung des religiösen Lebens der Juden beigetragen, als die zahlreichen begeisterten und begeisternden Reden, die achtundvierzig Propheten und sieben Prophetinnen gehalten hatten. (Vgl. M. H. Friedländer: „Die Arbeit", S. 53.) So war es aber nicht nur im Altertum, sondern auch im finsteren Mittelalter und in den modernen Zeiten. So oft Israel übermütig und gottvergessen wurde, mußte es durch das Erscheinen Amaleks, an seine hohe Aufgabe erinnert werden. „Des Glaubens wegen muß von Geschlecht zu Geschlecht gekämpft iverden." In Spanien und Portugal erfreuten sich die Juden im Mittelalter einer freien bürgerlichen Stellung, durften überall wohnen, Handel und Gewerbe ungestört treiben und höhere Aemter bekleiden, daher auch viele von ihnen zu größeren Reichtümern gelangten. Allein infolge dieser Errungenschaften wurde das schöne, prachtvolle Religionsgebäude in seinen Grundfesten erschüttert. Das Studium der Thora wurde vernachlässigt, die schönen herrlichen Sitten des jüdischen Lebens gerieten in Verfall. R. Jsak B. Scheschet klagt in seinen Responsen: „Die Reichen und die Adeligen haben bloß ihre Ehre, ihr liebes Ich stets vor Augen, aber auf das Ansehen ihres Gottes aber nehmen sie keine Rücksicht." (Vgl. auch M. H. Friedländer: „Die jüdischen Staatsmänner und Mücene", S. 88.) Die traurigen Folgen dieses Sitleuverfalles blieben nicht aus, eine furchtbare Katastrophe brach über die Juden Spaniens und Portugals herein. „Es kam Amalek" und drohte Israel zu vernichten. In dieser Zeit der Not und Bedrängnis rief Israel seinen Vater an, gelobte feierlichst, dem Glauben unter allen Umständen treu zu bleiben, und sein Gebet fand Erhörung. Aber auch in der modernen Zeit, die sich die Zeit des Fortschrittes, der Aufklärung, der Kultur und Zivilisation nennt, hat Amalek, den man bereits verschollen wähnte, es gewagt, sich wieder in seiner ganzen Größe, in seiner häßlichen, abschreckenden Gestalt zu zeigen. Wenn vor ungefähr drei Dezennien, als die Wogen des sogenannten Liberalismus hochgingen und der himmlische Ton der Brüderlichkeit und Freiheit durch — fast ganz Europa drang, es jemand gewagt hätte, zu behaupten, daß die Zeit nicht mehr ferne sei, wo man die Juden wieder mit echt mittelalterlichen Waffen in Wort und Schrift angreifen, verleumden und verdächtigen werde, man würde an seinem Verstände gezweifelt haben, und doch hat es leider nicht lange gedauert und Amalek kam, und richtet heute so heillosen Schaden an. Und frügt man nach der Ursache dieser höchst auffallenden Erscheinung, so geht man nicht fehl, wenn man sie als die Folge des kalten, frostigen religiösen Jndifferentismus, der sich in Israel in der modernen Zeit breit gemacht, betrachtet. Ein großer Teil des modernen Judentums ist seinem Gotte entsiohen, und hat sich seinem Gotte entfremdet, daher kam Amalek, damit Israel an seine Pflichten erinnert werde. Die Kenntnis der Thora ist leider aus Israel geschwunden, dadurch hat es sich schwer versündigt und sich einer mächtigen Waffe enläußert, durch die allein es imstande wäre, feine Feinde zu besiegen, deren hämische Behauptungen und lügenhafte Verleumdungen zu widerlegen, wie deren gefährliche Pläne zu vereiteln. Wohl haben sich in neuer Zeit im Judentum Vereine gebildet, die den Zweck verfolgen, für die verfolgten und bedrückten Glaubensgenossen in Palästina ein Stück Land zu erwerben, um ihnen Ruhe und Selbständigkeit zu verschaffen. Durch materielle Opfer allein aber kann dieses schöne Ziel nicht erreicht werden. „Schüttle ab den Staub, komm, besteig den Thron, Jeruschalajim! entschlage dich deines Hasses Fesseln, gefangene Tochter Zions! denn so spricht der Ewige: Umsonst seid ihr verkauft, und ohne Geld werdet ihr erlöst werden, d. h. wie unsere Weisen bemerken, durch Rückkehr zur Thora (Jesaias 51. 14, 15). „Nicht durch die Geldmacht, sondern durch die wahre aufrichtige Glaubenstreue, die immer zündend wirkt, kann Israel befreit und erlöst werden. Vor allem muß dafür gesorgt werden, daß die Glut des Glaubens nicht im Herzen der Jugend erkalte. Ein Gleichnis, das der berühmte Dubnoer Maggid (Prediger) im Jahre 1789 in Berlin, in einer Gesellschaft der sogenannten ..Aufgeklärten" zum besten gab, dürfte hier am Platze sein. Er sprach: „Meine Herren! In einem großen Reiche herrschte einst eine hochherzige Regentin. Infolge vieler eingelaufenen Klagen faßte sie den Entschluß, die Lage der in ein weit entferntes Küstenland verbannten Sträflinge zu untersuchen und das ihr geschilderte Elend jener Unglücklichen möglichst mildern zu lassen. Sie betraute damit einen ihr sehr ergebenen und als wahren Menschenfreund bekannten Rat. Dieser trat seine Reife an. Er fand überall die traurigsten Zustände, aber nicht überall ein bereitwilliges Eingehen auf seine wohlgemeinten reformatorischen Anordnungen. (Forts, folgt.)

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