Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1907
- Issue
- Heft 32 (16.8.1907)
- Date
- 1907-08-16
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6. Die Wahrheit Nr, 32. A. '?• t-'?- f. ß 1 m * 111 1 i;i 1 & ,-,-r;v-; Dank zu rechnen, den wir dafür eingeheimst haben, daß das Christentum unserem Schoße entstiegen und sich von unserem Herzblut genährt hat. Der rüde, rohe Ton, das anzüglich Grobe, die plebejische Manier, womit man sich in gemachter Pose vom Bourgeois und Adel unterscheiden möchte, will die große Revolution, das Jakobinertum kopieren. O, über die jämmerlichen Pygmäen! „Wie er sich räuspert und wie er spuckt, das habt ihr ihm glücklich abgeguckt/' Die französischen Republikaner rissen nicht nur das Maul zu Grobheiten auf, sie zogen, auch gegen das ganze verbündete Europa zu Felde und verspritzten freudig ihr Blut in diesem Kampfe; nicht darum giugs, daß man viel verdiene und dafür faullenze und streike, um keine Fleischtöpfe war es zu tun, sondern um Erkämpfung der Menschenrechte, um Erringung politischer Freiheit aus jahrtausendlanger Unmündigkeit. Gierig ersehen diese Maulhelden die Gelegenheit zu Jnvektiven und mengen sich ungerufen in die Polemik Dr. Güdemanns gegen Professor Oberhummer ein. Woher soll diesen degenerierten Abkömmlingen der Gattung komo sapiens die Ahnung ausdämmern, welche Achtung einem Manne gebühre, der den grimmen Anfeindungen, denen das Judentum ausgesetzt ist, bei jeder Gelegenheit die Stirne bietet, ohne — was das traurigste an der Sache ist — in jüdischen Kreisen selbst Resonanzboden und Stützpunkt zu finden. Ihr lehnt es aus prinzipiellen Gründen ab, Euren feig sich verkriechenden Anonymus preiszugebeu. O Ihr Pharisäer mit Eurer Prinzipienreiterei! Tut dies nur, haltet den Orientalisten hübsch sein im Versteck, niemand ist neugierig, Dr. Güdemann am wenigsten, aber schützt doch keine Prinzipienseftigkeit vor. Ihr wißt alle Grundsätze hinter den Ofen zu stellen, wo es Euch paßt. Das habt Ihr bewiesen, als Ihr Euch vollzählig zur Verlesung der Thronrede eingefunden habt. ' V. Hosrat Theodor Gomper;.*) In einem „Brief aus Oesterreich" (2. August 1907) wird Herr Hofrat Theodor G o m p e r z von Herrn. I w r i in der „Allgemeinen Zeitung des Judentums" in dithyrambischer Weise gefeiert und seine Treue zum Judentum besonders hervorgehoben. Nun soll gewiß nicht geleugnet werden, daß Theodor Gomperz eine Koryphäe aus dem Gebiete der griechischen Philosophie ist. Ob wir aber auch Ursache haben, auf den Juden Theodor Gomperz stolz zu sein, scheint mir nach den Worten, die ich vor kurzem in seinen „Lebenserinnerungen" gelesen, sehr zweifelhaft. Gomperz schreibt daselbst (a. a. O. S. 24): „Mein Verhältnis zum ererbten Glauben war, wie oben bemerkt, nur in der frühen Knabenzeit ein inniges gewesen. Dennoch hielt ich es, wie ich jetzt glaube mit Unrecht, für eine Ehren- und Gewissenssache, der alten Religionsgemeinschaft nicht zu entsagen und versperrte mir damit für lange Zeit den Weg zu gedeihlicher Wirksamkeit." In meiner Schrift „Zur Erinnerung an den 70jährigen Todestag des jüdischen Geisteshelden Moses Maimouides" (4. Auslage, 1907) bemerkte ich zum Schlüsse: ..Wer seine Ueberzeugung um eines Vorteiles willen verkauft, wer statt Opfer zu bringen, seine Religion opfert, wer seinen Glauben des Eigennutzes willen verschachert, der allein verdient den von unseren Feinden so oft verächtlich gebrauchten Namen — man verzeihe das harte Wort — Schacherjud e." Tut es wirklich dem Herrn Hofrat leid, kein Schacherjude geworden zu sein? Wie ganz anders schreibt der Geheime Regierungsrat Hermann Cohen, der ebenfalls eine Koryphäe auf dem Gebiete der modernen Philosophie ist, in seiner ..Religion und Sittlichkeit": „Der Glaubenswechsel als Bedingung zum Amte versetzt die Wurzel der Amtsehre in Fäulnis. Denn diese liegt auch in der Tugend der Pietät, die dem Staate, wie der angestammten Religion im Herzen jedes harmonisch gereiften Kultur- *) Infolge Raummangels konnten die nachstehenden Ausführungen in voriger Nummer nicht zur Veröffentlichung gelangen. (Die Red.) Menschen gegründet ist. Wenn daher der patriotische Mitbetverb an den Staatsämtern in offenkundigem Zynismus an den Glaubenswechsel gebunden wird, so ist es. eine dreifache Verfälschung einer sittlichen Pflicht, der man sich schuldig macht: man e n t e h r t d i e R e l i g i o n, das V a t e r l a u d s g e s ü h l und den Staat." Man vergleiche diese Worte Cohens zu den oben angeführten von Th. Gomperz! — Ein weiterer Kommentar ist wyhl überflüssig. Brüx. Professor Dr. B i a ch. ° Die Inden in England nnd das Oderhaus. Gegenwärtig herrscht zwischen den beiden englischen Parlamenten heftige Fehde, bei der es sich darum handelt, daß das Unterhaus den Einfluß des Oberhauses auf die Gesetzgebung einzuschränken sucht. Den unmittelbaren Anlaß hat die vorjährige Schulvorlage gegeben, welche nach langwierigen Debatten im Unterhause endlich zur Annahme gelangte, im Oberhause aber durch Veränderungen, Zusätze und Auslassungen derart unkenntlich gemacht wurde, daß die Regierung die ganze Vorlage, einfach zurückzog. Es erschien ihr eine Anomalie, daß die soeben gewählte starke Regierungspartei nicht im stände sein sollte, dem in so entschiedener Weise ausgesprochenen Willen der großen Majorität des Volkes zur Geltung zu bringen, weil es der zumeist aus erblichen und unverantwortlichen Mitgliedern bestehenden Lordkammer beliebte, dem Wunsche der Nation sich zu widersetzen. Nun bandelt es sich zwar bei dem folgenschweren Streit nicht um Fragen, die die Juden als Juden besonders angehen. Aber nichtsdestoweniger ist es von Interesse, sich zu erinnern, daß es das Oberhaus, dessen Uebermacht jetzt eingedämmt werden soll, gewesen ist, das sich der vollen Gleichberechtigung der Juden gegen den Willen des Volkes 25 Jahre lang, von 1833 bis 1858, hartnäckig widersetzt hat, wie dies aus folgender dem Jewish Chronicle entnommenen historischen Skizze ersichtlich ist: Im Jahre 1833 stellte Robert Grant im Unterhause den Antrag aus Beseitigung aller für die Juden geltenden Beschränkungen mit Ausnahme derjenigen, welche noch in der katholischen Emanzipations-Akte vom Jahre 1829 den römisch-katholischen Untertanen gegenüber aufrecht erhalten blieben. Die betreffende Vorlage passierte die dritte Lesung im Unterhause, wurde an das Oberhaus zur Beratung weiter gegeben, aber hier bei der zweiten Lesung abgelehnt. Zu den Gegnern gehörten u. a. die Herzöge von Gloucester und Wellington, welche ihre Opposition damit begründeten, daß Leute, die das Christentum nicht anerkennen, kein Recht Hütten, in den gesetzgebenden Körper ausgenommen zu werden. Eine im folgenden Jahre und dann zwei Jahre später wiederholte Vorlage fand das gleiche Schicksal. Im Jahre 1841 genehmigte das Unterhaus ein Gesetz, das den Juden die Bekleidung städtischer Aemter gestattete. Dieses Gesetz wurde im Oberhaus erst ein Jahr später angenommen. Aber die Juden waren noch immer von den Parlamenten ausgeschlossen, und hierüber entbrannte nun jener denkwürdige Kampf, der mit den Namen David S a l o m o n s und Liouel Rothschild für alle Zukunft verknüpft bleiben wird. Im Jahre 1847 wurde Baron Lionel Rothschild von der Londoner City in das Parlament gewählt; aber die damals noch für alle neuen Mitglieder obligatorische Eidesformel machte es ihm unmöglich, seinen Sitz einzunehmen. Zur Beseitigung dieser Anomalie brachte Lord John Rüssel seine 'berühmte Gesetzesvorlage betreffend die politische und religiöse Gleichberechtigung der Juden im Unterhause ein^ wiederum scheiterte dieselbe an dem Widerstand des Oberhauses. Da ereignete sich im Jahre 1851 ein dramatischer Vorfall: David Salomons, der für Greenwich zum Parlaments- Mitglied gewählt worden war, nahm seinen Sitz im Hause ein und beteiligte sich an der Abstimmung, wofür er mit einer Strafe von 500 Lstr. belegt wurde. Zur Beseitigung dieses ungeheuerlichen Zustandes wurde eine Eidesvorlage nach der anderen im Unterhause eingebracht, regelmäßig angenommen,