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Die Wahrheit · 1907-08-16 · Heft 32 (16.8.1907) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1907
Issue
Heft 32 (16.8.1907)
Date
1907-08-16
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 82... . Die Wahrhell bette 5. Worte, wie „Rab biuergeschwätz," „Jüdischer' Klerikalismus," „Trugschlüsse," ..Dauebemeden," vollauf zu würdigen. Nach dieser Einleitung muß ich nun wohl oder übel den Kamps -mit diesem Gegner beginnen und weiß nicht, welche Taktik ich einschlagen soll, weiß er doch selbst kaum, wem seine berserkerwütigen Hiebe gelten sollen Da die Anwürfe gegen Judentum, Rabbinertum und Orthodoxie unrettbar in einander verquickt erscheinen, so muß meine Abwehr notgedrungen ebenso sprunghaft und unsicher ausfallen. Vor allem gibt die „Arbeiter-Zeitung" die Ausführungen Güdemanns verstümmelt wieder, sie bringt nur das ..Wesentliche," d. h. was ihr als solches erscheint, und bedenkt nicht, daß sie damit den Prozeß, dem sie in eigener Sache präsidiert, von vorneherein zu ihren Gunsten entschieden hat. Zn allen Zeiteil hat es im Judentum leider Individuen gegeben, die, wie manche Vögel, ihr eigenes Nest verunreinigten, denn, daß der famose „Orientalist," der für die pharisäischen Scheiterhaufen des Professors Oberhummer ins Feuer geht, eigentlich dem „Bethamidrasch" entsprungen sei, wäre eine Wette — mit keine riskante — wert. Schon sein „gehüpft wie gesprungen" weist darauf hin, ein intimes jüdisches Sprichwort. Was Dr. Güdemann hierüber gesagt, wird jedermann, dem religionsgeschichtliche Studien nicht spanische Dörfer sind, unterschreiben; die pharisäischen Scheiter-, oder wie der Apologet Professor Oberhummers sagt (gehüpft, wie gesprungen) Steinhaufen verhalten sich zu jenen der Inquisition, wie die Mücke zum Elephanten. Wenn der weiland Bethamidrasch-Apologet bedacht hätte, daß die Steinigungen der Pharisäer, über die sich kein Historiker echauffierte und die keine Bände der Weltgeschichte füllen, an den Fingern abzuzählen sind, mid daß die Juden vulgo .Pharisäer im eigenen Haushalte wirtschafteten, die ganze übrige Welt ohne Proselytenmacherei unbehelligt gelassen, so würde er sein „gehupft, wie gesprungen," für eine bessere Gelegenheit aufgespart haben und nicht durch die Klinst Guttenbergs in die unsterbliche Lächerlichkeit eingehen lassen. Klerikalismus und Pharisäertum sind himmelweit verschiedene Dinge. Der Klerikalismus möchte da anknüpfen, wo der heiligen Inquisition der Faden entfallen, das bedeutet: Scheiterhaufen, Bratrost, kochende Oelbäder, Streckbetten, eiserne Jungfrauen rc. re. Diese haarsträubenden Prozeduren kennt der Pharisäer nicht, hat sie nie gekannt, und das ist es, was Güdemann in seiner Abwehr gemeint und was den Bethamidrasch- Apologeten zu seiner Phillippika gegen Dr. Güdemann veranlaßt hat. Indischer und christlicher Klerikalismus, zwei inkommensurable Dinge. Dem jüdischen Klerikalismus, wenn es einen solchen überhaupt gibt, fehlt die imperialistische Idee und hinter ihm stehen keine kolossal angehüuften, zur Agitation zu verwendenden finanziellen Reservoirs. Oder will der orientalische Orientalist etwa das Märchen von der mächtigen „Alliance Jsraelite" den Antisemiten nacherzühlen? „Sache der Rabbiner wäre es, ihre Religion zum Gegenstände wissenschaftlicher Erhellungen zu machen?" „Der Kasus macht mich lachen." Jede Religionsgenossenschaft ist aus laxen und eifrigeren Elementen zusammengesetzt; Fortschritt und Konservativismus sind die Pole aller Kulturentwicklung. Der edle Kaiser Josef ist ein warnendes Beispiel für draufgängerische Reformatoren. Im reinen Sauerstoff vermöchten die Organismen nicht zu atmen. Die jüdischeil Rabbiner befinden sich ungleich den günstiger gestellten protestantischen Geistlichen in kläglicher Abhängigkeit von ihrer jeweiligen Gemeinde, deren glaubenseifrigerer Teil eine zu freie Auslegung der heiligen Bücher mit Entfernung vom Amte bestrafen würde. Wellhausen st tutti quanti werden sich in ihren Werken wohl auch kaum als Himmelsstnrmer und kühne Neuerer präsentieren, wozu wäre sonst das Konsistorium? Es wäre ihnen sonst ergangen, wie David Friedrich Strauß, der seine Professorstelle in Deutschland verlören und auf den ihm kurz darauf angebotenen Lehrstuhl in Zürich verzichten müßte, noch bevor er ihn eingenommen. Dies vom Konsistorium in Zügel gehaltene Temperament überschäumt nun da, wo keine kirchliche Behörde hindernd dazwischen tritt. Wie Weühausen das Judetttum verunglimpfte har Dr. Güdemann in seiner „Apologetik des Judentums" dargetan, von welch bedeutendem Werk der Orientorientalist keine Kenntnis zu haben scheint. Die Rabbinen sollen also nach seinem Wunsch freigeistige Kritiken der Bibel schreiben, warum mißt er da nicht mit einerlei Maß und Gewicht, warum verlangt er denn von den protestantischen Muckern und Augenverdrehern nicht dasselbe? Wenn er es schon unternimmt, die Ziegenböcke zu melken, hat er kein Recht, die Kater von der Pflicht der Milchabgabe zu absolvieren. Uebrigens halten Sie ein in Ihrer Wut, Herr Anonymus und Orientalist dazu; Spinoza, der einstmalige Rabbinatskandidat, ist der Vater der vorurteilslosen Bibelkrilik zu nennen; nehmen Sie sich einmal die Mühe, seinen „Theologisch-politischen Traktat" zur Hand zu nehmen. Noch mehr. Im 12. Jahrhundert, der Blütezeit jüdisch-maurischer Kultur, lebte Moses Maimvni (haben Sie schon von ihm gehört?) und schrieb seinen „More Nebuchim" „Führer der Verirrten". In diesem philosophischen Meisterwerk tritt er für eine metaphorische und symbolische Interpretation der Bibel ein. Vielleicht ist der Umstand geeignet, Ihnen das Gleichgewicht des Gemütes zurückzuerobern, wenn Sie erfahren, daß Geiger in Berlin eine Richtung des Jndenlnms schuf, die auf freisinniger Basis gegründet. Doch, ich habe einen Verdacht und glaube, daß ich auf richtiger Führte bin. Sollten Sie der protestantischen Theologie nur deshalb das Primat in der Bibelexegese verleihen, weil Ihr Chef, der Dr. Adler, vom Judentum just zum Protestantismus hinüber schwenkte? Solche Liebedienerei wäre Ihnen schon zuzutranen. Nachdem wir nur bis jetzt lediglich verteidigt, halte ich es an der Zeit, nun auch ein wenig selbst zum Angriff überzugehen. Wie wir zwischen Werkheiligkeit, Buchftabenglanben und tiefinnerlicher Religiosität zu unterscheiden haben, ebenso können wir nicht genug warnen, die Begriffe Sozialismus und Sozialdemokratie durcheinander zu werfen. In einem kürzlich in unserem Blatte erschienenen Artikel „Der Ursprung des Sozialismus" wurde dargetan, daß die Bezeichnungen Judentum und Sozialismus beinahe identische Nomenklaturen sind. Der reine Mosaismus ist der geläutertste und idealste Sozialismus, nichts aber Hai er zil schaffen mit der heutigen terroristischen, znm Demagogentum ausartenden Sozialdemokratie. Keine Priesterherrschaft war je willkürlicher, als die Despotie eines Bebel und Viktor Adler. Kein Papst war je unduldsamer, als der Sozialistenpapst Bebel. Kein Dogma wurde je gläubiger hingenommen, als das Marxffche Credo von einem Zusammenbruch der kapitalistischen Weltherrschaft, auch nicht die Prophezeiung von einem Untergang der Welt nach tausendjährigem Bestände, dessen Schrecken in der Apokalypse mit wahrhaft orientalischer Phantasie ausgemalt ist. In allen Kirchen der Christenheit lagen die Gläubigen in der Neujahrsnacht 1000 um Mitternacht zitternd auf den Knieen, und siehe da, die Well ging beim letzten Glockenschlage nicht zu Grunde. Nachdem nun Marx als falscher Prophet befunden wurde, entstand auch unter den Sozialisten jenes große Schisma, welches ihre Zwiespältigkeit hervorrief. Die Herren Sozialdemokraten sind heute in zwei große Lager geteilt. Hie Marx, hie Bernstein, ertönt es. Der große Spencer war ein abgesagter Feind aller gewaltsamen Gleichmachungen und Meierei, und es ist sicher, daß die Welt einer Katastrophe zutreibt, wenn es auf diesem Wege weiter geht. Die Schrecken der Tyrannis in Syrakus und die Uebel der altgriechischen Oligarchie wären ein Kinderspiel dagegen, wenn Herren vom Schlage eines Bebel das Heft in Händen behielten. Die Herren von der „Arbeiter-Zeitung" haben unter dem Rausch ihrer Wahlerfolge zu leiden; er ist ihnen in die schwachen Köpfe gestiegen. Jetzt sind sie so verblendet, zu glauben, der Juden und ihrer werktätigen Hilfe entraten zu können. Osvearrt, consules! Wir Juden haben alle Ursache uns zu fragen, in welche neue ungeahnte Gefahren uns weitere Erfolge der Herren Viktor Adler und Konsorten bringen können. Nur um Gotteswillen keine unbedingte Gefolgschaft! Wir hätten auf denselben

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