Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1907
- Issue
- Heft 32 (16.8.1907)
- Date
- 1907-08-16
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4. Die Wahrheit Nr. 32. in welchem es u. A. heißt: „Karl Hau war auch ein frommer Christ. Als Knabe schon. Ein guter Katholik. Und der Gefangene erbaute sich in Gesprächen mit dem Pater, dem er die Ohrenbeichte ablegte. Auch über ihn breitet sich also der Trugmantel eines religiösen Gehabens, das den Schein rettet und nichts weniger als eine Ankerkette des Charakters ist. Die christliche Religiosität eines im Tiefsten unsittlichen Menschen leuchtet wie mit einer brennenden Fackel in das Wesen des Dualismus, der nicht bloß Seele und Leib, der diplomatisch den Schein und das Sein sondert und von frommen Christen und Untertanen vor allem fordert, daß sie den Schein wahren. Sie beten mit den Lippen und betrügen und morden mit Gedanken und Taten." Einen Zusammenhang zwischen Konfession und Verbrechen kann kein ehrlicher, unbefangener Mensch konstruieren. Nur die Antisemiten haben sich das Privilegium geschaffen, diesen Zusammenhang dort zu betonen, wo es ihnen paßt: wenn es sich um Juden handelt. Die antisemitische Presse macht von diesem Privilegium bei jeder möglichen und unmöglichen Gelegenheit Gebrauch. Man weiß Fälle, wo das „Deutsche Volksblatt" echte, unverfälschte Antisemiten, die mit dem Staatsanwalt in eine peinliche Verbindung geraten waren, soferne es der Name der Gauner nur halbwegs gestaltete, zu Juden stempelte und dann den Fall zu einer regelrechten Hetze gegen alle Juden sruktifizierte. Es scheint also, daß, wenn man zwischen Konfession und Verbrechen keinen Zusammenhang entdecken kann, wohl ein solcher zwischen Antisemitismus und Verlogenheit b e st e h t. * * * Morris Rosenfeld lebt! Er war fälschlich todtgesagt worden, aber die Not und das Elend, in welchem er schmachtete, war keine falsche Nachricht. Todtgesagte erreichen — so heißt es — ein langes Leben. Möge dies bei Rosenfeld auch der Fall sein. Mögen sich aber auch die wohlhabenden Juden ihrer Pflicht bewußt werden, dafür zu sorgen, daß ein Dichter von Gottes Gnaden, wie Rosenfeld, nicht durch die Erbarmungslosigkeit der Menschen der Not und Verzweiflung verfallen bleibe. Die „Artieiter-Deitnug" gegen Dr. Güdemann. Obgleich die Antezedenzien des Falles als bekannt vorausgesetzt werden dürfen, erscheint es zum besseren Verständnis doch notwendig, die diesbezügliche Notiz der „Arbeiter-Zeitung" Nr. 214, vom 7. August in ihrer Gänze wiederzugeben: Rabbinergeschwätz. Wir erhalten vom Wiener Oberrabbiner Herrn Dr. G ü d e m a n n eine Zuschrift, aus der wir hiemit das Wesentliche veröffentlichen. Herr Dr. Güdemann schreibt : Erst heute kommt mir das Morgenblatt der „Arbeiter-Zeitung" vom Mittwoch den 31. Juli zu Händen, in dem auf Seite 5 ein „Orientalist" mein Eingesendet an die „Neue Freie Presse", worin ich die Pharisäer und die jüdische Theologie gegen die Ausführungen des Herrn Professors Oberhumnier in Schutz genommen hatte, als „Rabbinergeschwätz" bezeichnet. Diese nicht gerade höfliche Ausdrucksweise, deren der anonyme Herr Orientalist sich gegen mich bedient, wird mich nicht abhalten, für die Wahrheit einzutreten, und da ich annehmen darf, daß es auch der löblichen Redaktion der „Arbeiter- Zeitung" um die Wahrheit zu tun ist, so ersuche ich sie, darüber zu entscheiden, ob die Wahrheit inbetreff des in meinem Eingesendet erwähnten Elisa ben Abuja auf meiner Seite oder auf Seite des anonymen Herrn Orientalisten ist. Ich hatte in meinem Eingesendet als einen Beweis für die Unbefangenheit der Pharisäer angeführt, daß „sie die Weisheitslehren des Ketzers Elisa ben Abuja, genannt Acher, neben den Aussprüchen Hillels und anderer in den Sprüchen der Väter aufbewahrt" haben. Darauf entgegnet der anonyme Herr Orientalist: „Es ist aber ebenso wahr, daß man die noch dogmatisch gestempelte Weisheit Elisas von seinem Namen loslöste", und fährt fort: „So heißt es in den »Sprüchen der Väter': „Ein anderer (Acher) sagt:..." Nun ersuche ich die löbliche Redaktion der „Arbeiter-Zeitung", ein jüdisches Gebetbuch mit deutscher Uebersetzung kommen zu laffen und darüber zu entscheiden, ob es daselbst in den „Sprüchen der Väter", Kapitel 4, § 20, heißt, wie ich behaupte: „Elisa ben Abuja sagt .. .", oder ob, wie der anonyme Herr Orientalist entgegnet, „man die noch dogmatisch gestempelte Weisheit Elisas von seinem Namen loslöste", und es heißt: „Acher (ein anderer) sagt. .." Also heraus mit der Wahrheit! Wer hat recht, der mit vollem Namen sich Unterzeichnende oder der anonyme Herr Orientalist? Ich erwarte von der löblichen Redaktion zugleich mit demi Abdruck dieser Zeilen die Antwort auf meine Frage. Die Entscheidung über eine andere Frage kannich freilich der Redaktion nicht zumuten. Der Herr Orientalist entgegnet aus meine Behauptung, daß die Pharisäer keine Scheiterhaufen für Ketzer errichtet haben: „Gewiß: die Pharisäer haben niemanden verbrannt, denn sie haben die Hinrichtungsart des Kreuzige ns bevorzugt." Der Herr Anonymus weiß ohne Zweifel in der übrigen pharisäischen Literatur besser Bescheid als in den „Sprüchen der Väter". Er möge deshalb auch nur eine Stelle aus jener Literatur angeben, welche dartut, daß die Pharisäer die Hinrichtungsart des Kreuzigens bevorzugt haben. So viel mir bekannt ist, war das Kreuzigen eine römische und keine jüdische Hinrichtungsart. Also auch betreffs dieses Punktes rufe ich: „Heraus mit der Wahrheit!" Diese geharnischte Zuschrift des Oberrabbiners' von Wien beweist uns nur, wie sehr auch der jüdische Klerikalismus in seine Trugschlüsse verrannt ist und wie er, wenn man ihn durchschaut, durch Danebenreden die Tatsachen zu verschleiern sucht. Wir geben gern zu und ohne erst die nötigen liturgischen Behelfe zu requirieren, daß irgend einem Redakteur einmal der Name Elisa ben Abuja entschlüpft ist. Aber was beweist das? Doch höchstens nur. daß die Totschweigetaktik, die darin liegt, daß man an Stelle dieses Ketzernameiis die Bezeichnung „Acher" (das heißt „ein anderer") setzte, nicht ganz konsequent geübt wurde. Das Anathema über den Namen dieses „Abtrünnigen" erscheint da gemildert, durch die rituelle Schlamperei. Wenn man aber selbst auf das Totschweigen völlig verzichtet hätte, was wäre da weiter dabei? Ist etwa der Name Schells aus der katholischen Literatur ausgerottet worden und werden alle seine Werke verketzert, weil sein letztes Buch auf den Index gekommen ist? Was nun das Kreuzigen anlangt, so sei zugegeben, daß diese Methode, Ketzer und Reformatoren zu behandeln, nicht von den Pharisäern stammt, sondern daß die Römer, in deren Händen damals die Exekutive lag, sie gewissermaßen im übertragenen Wirkungskreise übten. Die elgentliche rituelle Hinrichtungsmethode wäre das Steinigen gewesen — aber gesteinigt oder gekreuzigt — gehüpft wie gesprungen. Was unser Orientalist eigentlich sagen will, empfindet Herr Güdemann trotz seiner emphatischen Anrufungen der Wahrheit ganz genau. Oder sollte er wirklich nicht wissen, daß das geistige Leben des Ghettojudentums den Charakter einer intoleranten Orthodoxie hatte und vielfach noch heute hat? Weiß er wirklich nicht, daß den orthodoxen Rabbinern schon der als ein Abtrünniger gilt, der statt eines traditionell verschlampten ein korrektes Hebräisch spricht? Ist es ihm noch nie ausgefallen, daß die jüdischen Schriftgelehrten so geringen Anteil an der ganzen modernen philologischen und historischen Bibelkcitik haben, die fast ausschließlich von protestantischen Theologen wie Wellhausen, Gunckel, Kalthoff und anderen bestritten wird? Diese Kritik kommt eben zu Ergebnissen, welche solchen Leuten, denen das Ueberlieferte autoritär ist, nicht passen können, und es ist daher klar, daß die Rabbiner, obschon sie wirklich Hebräisch können müssen, nur deshalb aus diesem Gebiet nichts geleistet haben, weil es ihnen nicht statthast schien, ihre Religion znm Gegenstand erhellender wissenschaftlicher Forschung zu machen. Die Verschiedenheiten in Stil, Sprache und Anschauungsweise der Bibel, die tiefe Kluft, welche die „elohistischen" von den „jahwistischen" und „deuteronomistischen" Partieen geistig und sprachlich trennt, muß den Rabbinern auch ausgefallen sein; keine einzige von den grundlegenden bibelkritischen Entdeckungen stammt von ihnen. Und da sollte man glauben, daß die jüdische Theologie ihrem Gegenstand ganz unbefangen gegenübersteht und fern ist von klerikaler Dogmatik? Was nun noch den Wunsch des Herrn Oberrabbiners betrifft, daß wir ihm den Namen unseres sich als „Orientalist" bezeichnenden Mitarbeiters nennen, so können, wir ihm zu unserem Bedauern nicht willfahren. Unser Mitarbeiter hätte ja persönlich nichts dagegen einzuwenden, wir müssen es aber aus prinzipiellen Gründen ablehnen, die bei derartigen Notizen allenthalben usuelle Anonymität bloß deshalb aufzugeben, weil jemand auf irgend einen Namen besonders neugierig ist. In den relativ wenigen Zeilen liegt so viel komprimierter Unsinn aufgestapelt, daß man, wäre er statt Kohl Kohle, so manchen „Winter des Mißvergnügens" damit erwärmen könnte. Angesichts eines so abscheulichen Abrakadabra kann man wohl kaum von Logik sprechen, ohne dies hehre Wort zu entweihen; es wäre denn, man sagte, die viel mißbrauchte Bezeichnung „Logik" müsse bedauerlicherweise hier zur Folie dienen. Eine Klassifizierung, eine reinliche Scheidung vorzunehmen, festzustellen, welche Angriffe Herrn Dr. Güdemann gelten, welche dem Judentum im allgemeinen zugedacht und welche nur gegen das Pharisäertum gerichtet sind — dies ist rein unmöglich. Es wäre aussichtslos, dieses Monstrum von Drillingen, ähnlich den siamesischen Zwillingen, chirurgisch trennen zu wollen, ohne deren Bestand zu gefährden. Am zutreffendsten müßte man das ganze Machwerk freilich als Totgeburt kennzeichnen. So eine „Arbeiter-Zeitung" hats doch gut. Welch miserable, geistige Kost als köstlichen Leckerbissen zu servieren, sich doch diese Zeitung Unterfangen darf. Ja, der arme, von der Tagesarbeit zermürbte Proletarier versteht doch von so subtilem Thema nichts, er Hortnur Wortschall von orakelhafter Bedeutung, -schwört aus die Worte des Meisters und ist eitel Ehrfurcht und Hochachtung. Aus der ganzen Symphonie unterscheidet er nur des „Basses Grundgewalt," die nicht göttliche, sondern säuische Grobheit seiner Führer, er wittert Heimatslust- und atmet mit! unendlichem Behagen die vom' KneipentoN durchzikterte Atmosphäre seines Milieu ein. Was Kraftworte von harangüie-r-endei Bedeutung bezwecken, das weiß und fühlt er; er vermag Schlag-