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Die Wahrheit · 1907-08-09 · Heft 31 (9.8.1907) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1907
Issue
Heft 31 (9.8.1907)
Date
1907-08-09
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 81. Die Wahrhen Seite o. selbst ein denkender, und geistreicher Redner selten etwas sagen oder erklären wird, was nicht schon vor ihm erklärt oder gesagt worden wäre. Es genügt, wenn er die alten Gedanken und Schrifterklärnngen ans die Verhältnisse und Zustände der Gegenwart passend und packend anzuwenden versteht. Nur insoweit kann er den talmudischen Ausspruch: „Meine Vorfahren haben mir Raum gelassen, mich damit zu rühmen," auf sich beziehen. Wenn irgendwo, so gilt auf dem Gebiete der Predigt, der sittlichreligiösen Erbauung und Belehrung, das Wort Kohelets: „Es gibt nichts Neues unter der Sonne," und das Wort Goethes: Original, fahr' hin in deiner Pracht! Wie würde dich die Einsicht kränken: Wer kann was Dummes, wer was Kluges denken, Was nicht die Vorwelt schon gedacht? Faust II. 2. Darum ist es einem Prediger nicht als ein schweres Verbrechen anzurechnen, wenn er manchmal bei schon „dagewesenen" Gedanken und Erklärungen, deren Quellenangabe unterläßt. Selbst Raschi, dessen agadische Erläuterungen fast ausnahmslos der talmudischen Agada und den Midraschim entnommen sind, tut das nicht in jedem einzelnen Falle, so zum Beispiel nicht bei der von Dr. Fr. in Nr. 28 d. Bl. angeführten, die in Wahrheit auch dem Midrasch Tanchuma zur Stelle entnommen ist. Raschi weist nämlich in seinem Pentateuchkommentar so oft auf die Talmudlehrer und die Midraschim hin, daß man das gleichsam als eine von ihm abgegebene Erklärung anseheu kann, daß alle seine agadischen Aussprüche und Schrifterklärnngen auf jene zurückzuführen seien. Es verhält sich damit gerade so, wie mit einer im Talmud Jebamot uns erzählten Geschichte. Dort wird nämlich erzählt, R. Jochanan, der etwas empfindlich war, sei sehr ungehalten und erzürnt gewesen, als man ihm berichtete, sein Schüler R. Eleasar habe im Lehrhause eine von R. Jochanan stammende Halacha vorgetragen, ohne dabei dessen Namen zu nennen. Da wurde er durch die Bemerkung beschwichtigt, daß ja alle Besucher des Lehrhauses ohnehin wissen, daß alles, was sein bester und anhänglichster Schüler R. Eleasar vortrage, von ihm, dem großen Lehrer, herrühre. Auch Josua habe sich nicht immer auf Moses und dieser nicht immer auf Gott berufen, weil alle wußten, was Josua sage, hat er von Moses, und was dieser sage, hat er von Gott. Auch was der jüdische Prediger spricht, soll wenigstens dem Inhalte, dem Geiste und den Gedanken nach Judentum, Bibel, Talmud und Midrasch sein, nur das Gewand, in das er diese kleidet und vor das Publikum stellt, soll eine moderne Fasson haben. Schließlich ist ja eine Predigt, und mag sie noch so gut und ausdrucksvoll gewesen sein, keine eigentliche wissenschaftliche Leistung. Auch die Veröffentlichung durch den Druck verleiht ihr nicht den Charakter einer solchen, und darum ist es nicht von solchem Belang, wenn hie und da eine genaue Quellenangabe fehlt, wenn nur der Redner und Herausgeber durch seine anderweitigen wissenschaftlichen Leistungen die Chasaka, die Voraussetzung für sich hat, daß die Unterlassung nicht auf Unkenntnis der einschlägigen Literatur beruhe. Als Gegensatz zu jenen gelehrten Rabbinern und Predigern, die sich zuweilen eine nicht allzuschwer wiegende Unterlassungssünde zuschulden kommen lassen, wären jene Rabbiner und Prediger hinzustellen, von denen notorisch ist, daß sie nicht zwei Zeilen Talmud, Midrasch oder auch nur Raschi im Original lesen können, und dennoch in ihren Predigten mit diesen, allerdings nicht in der Ursprache, um -sich werfen, daß man meinen könnte, sie seien mit Talmud und Midrasch so vertraut, als ob sie Tag und Nacht mit diesen sich beschäftigen und die alten Lehrer und die Weisen des Talmud ihre besten Bekannten und vertrautesten Freunde wären. Ein solches Gebaren ist nicht allein eine wissentliche Täuschung der arglosen und unwissenden Zuhörer, sondern wirkt auch — und das ist die Hauptsache — verderblich für die Zukunft. Die Thorakenntnis wird nach und nach als ganz entbehrlich erscheinen und'das rabbinische Wissen gänzlich schwinden, wenn diejenigen, die Rabbiner zu werden willens sind, sehen, daß man auch ohne langjähriges, mühevolles Bibel- und Talmudstudium, ohne alles Fachwissen eine größere Rabbinerstelle erlangen und sogar bei der unwissenden Menge, und diese gibt ja den Ansschlag, als jüdischer Gelehrter gelten kann. Wird man aber fragen: Wie kann denn einer, der von Talmud und Midrasch nichts versteht, diese nicht einmal lesen kann, talmudische Zitate und agadische Erzählungen in seine Predigt einflechten? Darauf diene zur Antwort: Diese Möglichkeit verdanken die bezeichnten Rabbiner hauptsächlich dem eifrigen, rastlos mit der rabbinisch-agadischen Literatur sich beschäftigenden, großen christlichen Gelehrten Wünsche, der die Midraschim ins Deutsche übertragen hat. Wenn einer der bezeichneten Rabbiner in seiner Predigt etwas von „unseren Lehrern" oder „unseren Weisen" anführt und man würde nach Art des Talmud in einem solchen Falle fragen: Man chachamim? Wer sind die Weisen? so wäre die wahrheitsgemäße Antwort auf diese Frage — W ü n s ch e. Als die Bibel zum ersten Male unter der Herrschaft der Ptolomäer ins Griechische übersetzt wurde, da haben die Juden Alexandriens, die kein Hebräisch kannten, darüber gejubelt und Feste gefeiert, weil sie jetzt nicht allein selber das Golteswort lesen konnten, sondern auch in der Lage waren, dessen große Weisheit und erhabenen Lehren den philosophisch gebildeten Griechen zu zeigen; die gelehrten Juden Jerusalems hingegen waren über das epochale Ereignis tief betrübt, weil sie von der griechischen Uebersetzung eine Verdrängung des hebräischen Originals und eine damit verbundene Verflachung des Judentums befürchteten. Beide hatten, jeder von seinem Standpunkt aus, recht. Ebenso verhält es sich mit Wünsches Uebersetzungen der agadischen Werke. Man könnte sich darüber freuen, wenn diese die weiteste Verbreitung in nichtjüdischen Kreisen fänden. Denn das müßte jedenfalls zur rechten Würdigung des Judentums in diesen beitragen. Bon schmerzlicher Wehmut aber wird man ergriffen, wenn man sieht, daß Rabbiner, Lehrer des Judentums, die Redner auf jüdischen Kanzeln erst Ditrcf) die Vermittlung eines nichtjüdischen Gelehrten Zugang zu den reichen Schätzen des jüdischen Schrifttums erhalten, denn unwillkürlich drängt sich einem dabei die Frage auf: nischtakchri tora mijisrael? Ist die Thora in Israels Mitte schon vergessen worden? Böhme n. 3 Tage nach dem Gedenktage der Zerstörung Jerusalems. Ans dem Polschnjem-KloKer. Man schreibt der „Ruff. Korr." aus Petersburg: Einer der Hauptherde der antisemitischen und reaktionären Agitation ist bekanntlich das Kloster Potschajew im Wolhynischen Episkopat. Hier haben die als Führer des schwarzen Hunderts berüchtigten Mönche I l i o d o r und V i t a l i ihre Residenz, von hier aus ergießt sich der Strom einer wilden Aufreizungspropaganda über den ganzen Südwesten Rußlands, von hier aus werden die rohen, auf die niedrigsten Instinkte der Massen abzielenden Schriften Jliodors verbreitet, in denen er nicht selten seine Vorgesetzten, namentlich den Petersburger Metropoliten Antoni, aber auch den Premierminister und andere Würdenträger aufs frechste angreift, wenn es ihm scheint, daß sie zur Nachgiebigkeit gegen die Liberalen neigen oder gar das Los der russischen Juden erleichtern wollen. Jliodor, der bedeutendere der beiden Mönche, hat akademische Bildung, die bei der russischen Geistlichkeit einstweilen noch eine seltene Erscheinung ist. Die große Masse der Popen verfügt nur über Seminarbildung. Von verschiedener Seite wird Jliodor, der nur einige 20 Jahre alt ist, als der typische demagogische Redner geschildert, der sein Auditorium genau kennt und es vollständig beherrscht. Man sagt, er hätte das Zeug, als Revolutionär an die Spitze einer aufständischen Masse zu treten, und sie auf Barrikaden zu führen. Der Zufall hat ihn der Reaktion zugeführt, aber auch hier kann er sich nicht fügen. Er geriet sehr bald mit dem Vizepräsidenten des Verbandes des russischen Volkes, dem berüchtigten Peruschkewitsch, in Konflikt, und beide schmähen einander in Wort und Schrift. Aber nicht nur mit Peruschkewitsch kommt Jliodor nicht aus, er kommt selbst mit dem heiligen Synod in Konflikt, weil er in seiner gegen Juden und Liberale zu Pogroms aufreizenden publizistischen Tätigkeit, auch das Ministerium, die konstitutionelle Regierung, gelegentlich scharf angreift, wenn sie

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