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Die Wahrheit · 1907-08-09 · Heft 31 (9.8.1907) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1907
Issue
Heft 31 (9.8.1907)
Date
1907-08-09
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6. Die Wahrheit Nr. 31. nicht genügend entschieden znm. alten Regime zurückzukehren scheint. Wegen dieser Angriffe hat ihm der Synod die publizistische Tätigkeit untersagt. Aber was kümmert sich Jliodor um den Synod. der ebenso wenig etwas gegen Jliodor ausrichten kann, wie die Regierung, der er. wie gerne sie auch seine antisemitische und antirevolntionäre Tätigkeit sieht, keineswegs immer bequem ist. Der Synod zieht Jliodor zur Verantwortung. Aber der gegen Jliodor angestrengte Prozeß wird bezeichnenderweise bald niedergeschlagen, und Jliodor fährt fort, die Spalten der Moskauer Zeitung des schwarzen Hunderts, „Welsche", mit seinen fanattsch-reaktionären und antisemitischen Artikeln zu füllen, ohne daß die Zensur sie anzutasten wagt, obgleich jede Zeile ein offensichtliches Vergehen gegen den Artikel des Gesetzes über Aufreizung eines Teiles der Bevölkerung gegen den anderen ist. Hinter Jliodor stehen eben Persönlichkeiten, deren Einfluß auf den Zaren größer ist. als die „Macht" selbst eines S t o l y p i n. Jliodor ist sich seiner Macht vollkommen bewußt. Er kümmert sich im Kloster weder um den Abt, noch um die übrige Klosteradministration. Ohne die Erlaubnis der letzteren baut er auf dem Klosterhofe seine Rednertribüne, von der aus er seine Pogromreden an die ins Kloster strömenden Wallfahrer richtet. Unter den Fenstern des Erzbischofs von Wolhynien ruft er die unaufgeklärte Masse seiner Hörer zur Ermordung der Inden auf, bezeichnet er die Juden öffentlich (übrigens tut er dasselbe auch in seinem Leibblatt ..Potschajewiskije Jswestije") als die, die zuerst ..drankommen" sollen, wenn es einen Pogrom gibt. Der Erzbischof sieht dem Treiben ruhig zu, weil er, wie ein Journalist in einem Gespräch mtt ihm festzustellen Gelegenheit hatte, nicht Jliodor zum Märtyrer machen will, was angeblich geschehen würde, wenn er ihm seine Hetzereien verbieten wollte. So fährt denn -Jliodor ungestört fort, Umzüge durch die Klosterstadl zu veranstalten, um — wie er öffentlich erklärt — „die krätzigen Juden zu'schrecken". Und die dortige Bevölkerung lebt in ständiger Furcht, eines schönen Tages, wenn es Jliodor belieben sollte, massakriert zu werden. Und wenn es bis jetzt nicht zu Pogroms in der Umgebung von Potschajew gekommen ist,, so verdanken die geängstigteu Juden dies Glück hauptsächlich dem Einfluß eines der Potschajew-Mönche, der einem Pogrom nicht sympathisch gegenüb eyteht, und der über genügend Popularität verfügt, um einstweilen das schlimmste zu verhüten. — Bis zum Erscheinen Jliodors lebte die christliche Bevölkerung im ungetrübten Einvernehmen mit der jüdischen. Jetzt wird stets Haß gesät, indem Jliodor und Vitali die gefährlichsten Lügen über die Juden verbreiten und sie sogar des Ritualmordes beschuldigen. Fast das ganze Jahr hindurch ist das Potschajew- Kloster von Pilgern ans allen Gegenden Rußlands überflutet, die die Reden der Hetzmönche über das ganze Land verbreiten, und die, in ihre Heimat zurückgekehrt, die örtlichen Elemente des schwarzen Hunderts beim Ausbruch eines Pogroms zu verstärken gesonnen sind. Der VIII. Zionisteukoilgretz. Haag, die Stadt der Friedenskonferenz, wird im Monate August noch einen zweiten Kongreß beherbergen, der der Friedenskonferenz, was die Vielheit der Herkunftsländer der Delegierten anlangt, nur wenig nachstehen dürfte. Die zionistische Weltorganisation wird vom 14. bis 20. August im Haag ihren VIII. Kongreß abhalten, nachdem die bisherigen sieben Kongresse in Basel, resp. London stattgefunden haben. Es dürfte bekannt sein, daß die zionistische Bewegung, die die Schaffung einer öffentlich rechtlich gesicherten Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina erstrebt, in den letzten Jahren außerordentlich an äußerer Verbreitung und innerer Festigung gewonnen hat. Davon wird auch dieser Kongreß Zeugnis ablegen, zu dem bis jetzt schon zirka 400 Delegierte in allen Teilen der Welt gewählt sind. Mehr als 30 Delegierte kommen allein aus Amerika; aus Südafrika wird gleichfalls eine starke Delegation auf dem Kongreß anwesend sein, Sibirien entsendet ebenso seine Vertreter wie das ferne Neuseeland, China ebenso wie Argentinien. Außerordentlich bemerkenswert ist die starke Vertretung Rußlands auf dem Kongresse, von wo trotz der herrschenden, ganz ungewöhnlich großen Schwierigkeiten mehr als 150 Delegierte znm Kongresse, kommen dürften. Unter den bisher gewählten Delegierten befindet sich eine ganze Anzahl von Persönlichkeiten, die in ihren Ländern eine-große Rolle nicht nur in der jüdischen Oeffentlichkeit spielen. So werden unter anderem die vier Mitglieder des jüdischen Klubs des österreichischen Reichsrates als Delegierte auf dem Kongresse anwesend sein, des ferneren eine Reihe von ehemaligen Mitgliedern der ersten russischen Duma. Eine besondere Eigentümlichkeit der Zionistenkongresse ist die lebhafte Anteilnahme der Oeffentlichkeit an ihren Verhandlungen, die sich vor allem in einer starken Galerie ausdrückt. Auch in diesem Jahre werden viele Hnnderte von Gästen ans allen Teilen der Erde auf dem Kongresse anwesend sein. ' ' Ans der territormlistischrn Kewegnng. London, 1. August. Nach genau zweijähriger Erforschung der Möglichkeiten aller Länder für eine Jüdische Kolonisation erstattete der Britische Sektionsrat der „Jüdischen- Territorialistischen Organisation" — begründet am 1. August 1905 — einen Bericht der „Geographischen Kommission", welche über das Territorium endgiltig zu beraten hat. Alle Preß-Meldungen inbezug auf die Oertlichkeit der projektierten Kolonisation sind deshalb unbegründet gewesen. Der Bericht ist von vielen hervorragenden englischen Juden gezeichnet, so u. A. von: Night Hon. Arthur Cohen, K. C., Mr. Lncien Wolf, Mr. Solomon, R. All, Mr. Alfred Sntro, Professor Meldola, Mr. Lionel Abrams (Finanz-Sekretär des Jüdischen Departements), Mr. Edward H. Langdon (Präsident der Manchester Handelskammer), Mr. Herman M. Kisch, C. S. I., Sir Isidore Spielmann und dem Präsidenten Mr. Zangwill, ferner von Alfred Turner, als einzigem nichtjüdischen Mitglied des Rates. Mr. Walter S. Cohen wurde zum Mitglied des „Jto"-Rates gewählt. Mr. Cohen hat ans Cypern reiche koloniale Erfahrungen gesammelt und erhielt jüngst erst eine Staats- Anstellung im Orange-River-Freistaat. * * Neue Zweigvereine der „Jüdischen Territorialistischen Organisation" wurden begründet in: Wischtinetz und in P e t r o w s k (Daghestan). Verschiedene Nachrichten. Wien. (Beförderungen.) Der Unterrichtsminister Doktor Marchet hat die Professoren Dr. Heinrich P o l l a k am Maximilians- Gymnasium und Dr. Adolf Weiß am Akademischen Gymnasium in die achte Rangklasse befördert. Die genannten Herren sind die ersten derzeit im Dienste stehenden Religionslehrer an Mittelschulen, denen diese; Beförderung und Auszeichnung zuteil wurde. j Wien Namens des Jüdischen Klubs hat der Abgeordnete Dr. i Heinrich Gabel einen Gesetzesantrag überreicht, demzufolge jene Hof-! kanzlei- und Justizhofdekrete aufgehoben werden sollen, die der hebräischen nnd i jüdischen Sprache die prozessuale Anerkennung und gesetzliche Gültigkeit ver- ■ sagen. Die Antragsteller weisen darauf hin, daß die Mehrheit der jüdischen j Bevölkerung im Osten des Reiches sich des Jüdischen als ihrer Umgangs-! und Verkehrssprache bedient, und daß jene Dekrete das Verkehrsleben; hemmen und das Prozeßverfahren zum Schaden der beteiligten Juden eri sch wert wird. Es ist höchste Zeit, daß jene Verordnungen, die aus den! Jahren 1814 und 1846 stammen und mit dem judenfeindlichen Geist jener j Zeit erfüllt sind, außer Kraft gesetzt werden. Der jetzige Zustand ist un-! haltbar und rückständig. Die Östjuden haben wie alle anderen Bewohner! Oesterreichs ein Recht auf ihre Sprache und deren gesetzliche Anerkennung, i Wien. Dienstag, den 13. d. M-, findet im Hotel „Vier Jahres-! zeiten", Berlin 81V. 11, Prinz Albrechtstraße 9, die Trauung des Herrn; Max Hofbauer, Sohn des Herrn Bernhard H o f b a u e r, mit Fräulein! Gertrud K n o l l e r statt.! Wien. (I n f o r m a t i o n s b ll r e a u für A u si.» a n b e r e r.) Der Verein „Machsike hadalh" veröffentlicht (nachstehenden Aufruf: Am 21. v. M. hat die offizielle Eröffnung eines Emigrationsbureaus unter dem Namen „Hilfskomitee für jüdische! Auswanderer, Jnformationsbureau des Vereines „Machsike hadalh", stattgefunden. Die Notwendigkeit und Wichtigkeit der Gründung eines solchen Bureaus ist evident. In Wien allein war bisher keine solche Institution vorhanden, wiewohl der größte

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