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Die Wahrheit · 1907-08-09 · Heft 31 (9.8.1907) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1907
Issue
Heft 31 (9.8.1907)
Date
1907-08-09
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Leite 4. Die Wahrheit Nr. 31. Verbote! Diese Strafe schien dem dieser Batterie angehörigen Leutnant Kafka zu geringfügig, deshalb zitierte er den Henner zu sich, beschimpfte ihn mit Worten: „Elender Saujnd" und dergleichen imd befahl den Vormeistern Specht und Hübel ihn zwei Stunden anzubinden, welche Strafe jetzt beim Militär ebenfalls streng verboten ist. Die Strafe wurde sofort im Beisein des Leutnants, der übrigens nach dem Reglement kein Disziplinarstrafrecht hat und sich daher mit dieser Maßregel eines Mißbrauchs der Dienstgewalt schuldig machte, vollzogen. Der Soldat wurde derart an einen Pfahl angebunden, daß er mit den Füßen den Boden gar nicht berühren konnte, und in dieser Position verblieb er mit kleinen Unterbrechungen, die dazu dienten, den Hängenden bei seinen Ohnmachtsanfällen durch Begießen mit kaltem Wasser zum Bewußtsein zu bringen, zwei Stunden 25 Minuten, bis ihn ein Blutsturz aus den Händen der Peiniger befreite. Da nach Vollzug der Strafe die Ohnmachtsanfälle sich wiederholten und der Soldat über Hitze klagte, wurde er erst nach energischem Vorsprechen seiner Mutter beim Hauptmann Walluschek nächsten Tag zur ärztlichen Visite ins Truppenspital Grodek abgeschickt. Dort stellte der Regimentsarzt 39 Grad Hitze und einen außerordentlichen Schwächeznstand fest. Er sendete den Kranken unverzüglich ins Garnisonsspital nach Przemysl ab. Wir fragen vorläufig die Vorgesetzten Militärbehörden, ob sie geneigt sind, dafür zu sorgen, daß die Untersuchung gegen die verbrecherischen Peiniger des Henner mit aller Genauigkeit geführt werde und die Schuldigen einer der Grausamkeit ihrer Handlungen gebührenden Strafe zugeführt werden. Stellt sich das alles als wahr heraus, so ist kein Zweifel, daß der Leutnant Kafka wegen Mißbrauch der Dienstgewalt degradiert werden muß." Hoffentlich werden die jüdischen Abgeordneten im Parlamente dafür sorgen, daß keine Vertuschung dieses Falles erfolgt. * * * Wir haben über den Fall Peters und die neuartige arischchristliche Uebermoral, die zu der Verherrlichung der brutalen Grausamkeit führt, an dieser Stelle geschrieben. In einem großen deutschen Blatte finden wir nachstehende Bemerkungen, die in voller Uebereinstimmung mit dem von uns Gesagten, folgendes ausführeu: Man glaubt in der Tat in einem ' Narrenhause zu sein, wenn selbst Blätter, die jede Abweichung vom Buchstaben des kirchlichen Dogmas als Greuel vor dem Herrn und Frevel am Allerheiligsten in spaltenlangen Klageliedern über „Abfall vom Glauben", „materialistische Verseuchung", „Nietzschesches Antichristentum" beweinen, selbst auf dem besten Wege sind, sich von den Offenbarungen der neuen Uebermoral erleuchten zu lassen. Und das in aller Unschuld und Harmlosigkeit! Ohne den Schimmer einer Ahnung, in welches Licht sie auch nur durch prinzipielles Geltenlassen dieser Moral ihr ganzes sonstiges Wirken und Streben rücken. Peters Verdienste in Ehren. Sie stehen auf einem anderen Blatte. Ob er sich selbst der Rechtswidrigkeit seiner Handlungen bewußt war, ob er sie selbst moralisch richtig bewertet hat, als er sie beging, mag dahingestellt bleiben. Seine Freunde täten am besten, auf mangelnde Einsicht in die moralische Strafbarkeit seiner Handlungen zu plädieren. Das wäre dann ein Manko in der Veranlagung und würde ihn insoweit nach unseren 'modernen wissenschaftlichen Erkenntnissen von den Gesetzen der Vererbung, den mit der Geburt überkommenen Präponderanzen und Einengungen unserer freien Willensrichtung entlasten. Statt dessen aber wird er als völkischer Heros hingestellt, als Triumphator über eine Meute minderwertiger Elemente gefeiert! Sogar deutsche Frauen und Jungfrauen, die doch sonst schon vor irgendeinem nackten Kunstwerk so leicht erröten, die in sittlicher Entrüstung ihr Familienblatt abbestellen, wenn es sexuelle Fragen in etwas freierer, wenn auch noch so hoch durch Kunst geadelter Form behandelt, haben bewiesen, daß sie im Grunde doch einen recht gesunden Magen haben müssen, da sie ja die grobschlächtigsten und blutrünstigsten „Lagergeschichten" anstandslos verdaut haben. Der Petlers-Schwarm ist nichts weiter als die Massenpsychose einer degenerierenden Kult u.r." Die modernen Rabbiner nnd Daschi. Warum ging das Land zugrunde u. s. w. Und der Ewige sprach, weil sie meine Thora verlassen. Jeremia 9, 11—12. Die Besprechung von jüngst erschienenen Predigten eines hervorragenden Kanzelredners in einem anderen Blatte haben einige gelehrte Herren zur Veranlassung genommen, die traurige Tatsache der Vernachlässigung des Talmud- und Midraschstudiums und selbst des Raschikommentars zur Bibel, in dem doch in früherer Zeit selbst „ein schöner Am-Haarez" Bescheid wußte, in diesem geschätzten Blatte zu konstatieren. Ich kann und will die betrübende Tatsache, daß es selbst Rabbiner gibt, denen der Kommentar Raschis zur Thora, den man früher fast als zur Thora zugehörig angesehen — man hat alle Knaben „Chumesch mit Raschi" unterrichtet — eine terra incognita ist. Und doch ist Raschi in gewisser Beziehung sogar älter als die Thora, .nämlich als — Druckwerk. Der Raschikommentar zum Pentateuch ist schon im Jahre 1475 in Reggio in Unteritalien (ohne Text) gedruckt worden und war überhaupt das erste gedruckte hebräische Buch. Muß das nicht jeden, der für jüdisches Wissen, für Bibel- und Talmudkenntnis noch warm fühlt und von Liebe und Verehrung für deren großen Lehrer und Erklärer erfüllt ist, wehmütig stimmen?! Gleichwohl darf man auf solche Rabbiner, die nicht allein nicht wissen, „mai dekuomra rabbunen“, was die Rabbiner gesagt, sondern nicht einmal was Raschi gesagt hat, nicht gleich einen Stein werfen. Bei einigen dürfte ja nicht so sehr Nachlässigkeit, Faulheit oder gar Mißachtung der Sache die Schuld daran tragen, als vielmehr der Umstand, daß ihnen Talmud, Midrasch und selbst Raschi im Original, ohne Uebersetzung, wegen vollständig mangelhafter Vorstudien zu ihrem Berufe, ganz unzugänglich sind. Sie möchten ja um ihr Leben gerne Talmud und Raschi im Urtext lesen, aber wegen der großen Schwierigkeiten, die ihnen schon das Lesen des unpnnktierten Textes und noch mehr die Sprache bietet, geht es beim besten Willen nicht. Solche Dinge müssen schon in früher Jugend gelernt nnd immerfort geübt werden, sonst geht'» nicht. Freilich sollten dann solche Leute keine Rabbiner sein, aber auch das ist nicht ihre Schuld, sondern die Schuld — der Gemeinden, die sie angestellt haben. Solche Gemeinden haben Grund, am Versöhnungstage sich beim Sprechen der Worte: wesulachtu laawaunemi ki raw hu, sich gehörig an die Brust zu schlagen; denn für sie haben diese Worte die Bedeutung: „Verzeihe uns unsere Schuld, daß der ein Raw (Rabbiner) ist." Uebrigens darf man auch nicht glauben, daß ein Rabbiner und Prediger, der in einer Predigt Gedanken und Schrifterklärungen zum Ausdrucke bringt, die sich schon in alten Werken, im Talmud, Midrasch oder Raschi finden, davon überhaupt nichts wußte, oder gar damit wissentlich ein Plagiat begehen wollte. Das wird bei gesprochenen Predigten wohl selten, bei gedruckten wohl nie der Fall sein. Die Sache erklärt sich ja ganz einfach. Der Verfasser hat den Gedanken oder die Erklärung vor Jahren irgendwo gelesen und darum fielen sie ihm beim Nachdenken über sein Thema ein, ohne sich dessen bewußt zu werden, daß er das vor langer Zeit schon irgendwo gelesen oder gehört habe und daher weder neu, noch sein geistiges Eigentum sei. Selbst bei den alten hervorragenden Talmud gelehrten konnte es mitunter Vorkommen, daß sie eine Frage aufgeworfen oder eine bekannte Frage beantwortet haben, in der Meinung, hierin etwas Originelles zu leisten, obgleich das nicht der Fall war, weil Frage oder Antwort schon in einem älteren talmudischen Werke zu finden waren. Wenn man sie nun darauf aufmerksam machte, gaben sie der Wahrheit gemäß zu, daß ihnen das Gedächtnis den schlimmen Streich gespielt. Da hieß es, sobald sie sich erinnern konnten, daß sie das betreffende Werk einmal gelesen: Der Sikkaron ist ein Ganow! Das Gedächtnis ist ein Dieb! Gleiches oder wenigstens Aehnliches kann ja auch Predigern bei Abfassung ihrer Predigten hinsichtlich mancher in diesen enthaltenen Gedanken oder Schrifterklärungen passieren: Wie wenige wirklich neue Gedanken und Schrifterklärungen kann überhaupt der jüdische Prediger bieten! Die agadische Literatur ist so reich, so voll von Ideen und Gedanken, daß ®w»r3f*E>*5PTr.i s*: - t>ssi

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