Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1907
- Issue
- Heft 31 (9.8.1907)
- Date
- 1907-08-09
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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»iebottiou ii. Sibminifti atiou : Wien, II/, Nvvaragasse 27. Tclkphvu Sir. brr Drnckrrci 15308. Jlnferatc Die viermal gespaltene Nonpareille-Zeile 25 Heller. SlboniiementSu. Jnserlionsbetröge sind in Wien zahlbar und klagbar. nakhängige Aeiischrift für jüöifche InLere^sen. Erscheint jeden Kreilag. Motto : „JDas Siegel Gottes ist Wahrheit!“ Berngspyets : Oanzlävrig . . . K. 14 — Halbjährig . ft. 7 — Für Cnltnsbeaiute: '^»„zjäbrig . . . ». ><> Für Ausiniid: Äanzjahrig ... 8 Mark 6 Rubel oder >« FcS. Ur. 31. Wien. 9. Angnst 1907. Inhalt: Aus der Woche. — Die modernen Rabbiner und Raschi. — Ans dem Potschajew-Kloster. — Der VIII. Zionistenkongreß. — Aus der territorialistischen Bewegung. — Verschiedene Nachrichten. — Feuilleton: Heimweh. — Emolumente und Nebeneinkünfte. — Ueber die Aufgaben des Rabbiuates. Ans der Woche. Die Interpellation, welche kürzlich im österreichischen Parlamente wegen Ausweisung österreichischer Staatsbürger jüdischer Konfession aus Preußen an den Ministerpräsidenten gerichtet wurde, ist in der Wiener Tagespresse kaum mit einem Worte gestreift worden. Das ist umso beschämender und um so charakteristischer für die Verhältnisse in Oesterreich, als selbst die Berliner großen Journale auf das Ungeheuerliche dieser Fälle hinwiesen. In der Tat ist es kaum zu begreifen, daß die österreichische Regierung erst durch Interpellationen im Parlament darauf aufmerksam gemacht werden mußte, daß die Ehre des österreichischen Staates es nicht zuläßt, daß österreichische Staatsbürger aus einem Staate, mit dem wir nicht auf Kriegsfuß stehen, mit dem wir vielmehr durch die intimste Allianz verbunden sind, bloß wegen ihrer Konfession ausgewiesen werden können. Die Kraßheit dieser Fälle, welche den primitivsten Begriffen von der Selbstachtung und Würde des österreichischen Staates Hohn sprechen, wird aber noch durch ein besonderes Moment charakterisiert. Es ist festgestellt, daß die Ausweisungspraxis ursprünglich auch gegenüber ungarischen Staatsbürgern jüdischer Konfession versucht wurde, aber infolge des energischen Vorgehens seitens der ungarischen Regierung, die kurz und bündig mit Repressalien drohte, sofort sistiert wurde. Daß der österreichische Staat österreichische Staatsbürger weniger schütze, als der ungarische Staat seine Staatsbürger, das müßte selbst einem — Antisemiten wider den Strich gehen. Die österreichische Negierung hat sich aber bisher gar nicht beeilt, diesem skandalösen Vorgänge seitens des uns befreundeten preußischen Staates mit Energie entgegenzntreten. Die Interpellation der jüdischen Abgeordneten wird vielleicht im September mit größerem Nachdrucke wiederholt werden müssen. 4- * 4- Wenn es sich um Juden handelt, dann hat man in österreichischen Regierungskreisen eben sehr kuriose Begriffe von j Würde, Selbstachtung, Staatsrecht und wie all die anderen schönen Dinge heißen, die man von einem auf modernen Rechtsanschauungen basierten Staatswesen verlangen könnte. So ist es auch möglich geworden, daß österreichische^Staatsbürger jüdischer Konfession in Rußland den niedrigsten Schikanen ausgesetzt sind, während z. B. amerikanische Staatsbürger jüdischer Konfession dort aller Rücksichten teilhaftig sind. Oesterreich hätte j einfach nach amerikanischem Beispiele erklären müssen, daß es ' für seine Staatsangehörigen ohne Unterschied der Konfession den gleichen Respekt fordere, sonst würde es Repressalien an den russischen Staatsangehörigen in Oesterreich auch ohne Unterschied der Konfession nehmen, und der häßliche Zustand, unter welchem österreichische Juden in Rußland zu leiden haben, wäre beseitigt gewesen. Aber wer wird sich in Oesterreich für die Juden im Ausland eschauffieren, wenn man so kühl und gleichmütig es duldet, wie deren liechte im Lande selbst mißachtet und verkürzt werden. * Wir erhalten folgende Zuschrift: „Es ist von verschiedenen Seiten darauf hingewiesen worden, daß der Kardinal-Staatssekretär Mery del Val in seinem Schreiben an den spanischen Präsidenten der Antiduelliga den Zweikampf sehr scharf im Namen der Humanität, der Zivilisation und der Vernunft verdammte, aber kein Wort fand, um ihn im Namen der katholischen Religion als einen Mord zu stigmatisieren. Mau vermutet nicht mit Unrecht, daß der Papst die Gefühle jener katholischen Monarchen schonen wollte, die in ihren Armeen das Duell nicht nur dulden, sondern es geradezu durch ihre Autorität erhalten. Es ist sicherlich nicht die Aufgabe eines jüdischen Blattes, dem Papste Lehren zu erteilen, in welcher Weise er seine hohe Autorität geltend zu machen habe, um Grnndlehren der katholischen Kirche zum Siege zu verhelfen. Aber es ist vielleicht gestattet, bei dieser Gelegenheit daran zu erinnern, daß nach den Lehren des Judentums dem Duell gegenüber keine andere Auffassung gelten kann, als jene, welche es zu einem Morde oder zu einem Mordversuche stempelt. Das Judentum wird den Zweikampf sicherlich auch vom Standpunkte der Humanität, der Zivilisation und der Vernunft befehden, aber vor allem anderen wird es in demselben eine Verletzung des göttlichen Gebotes erblicken, welches den M o r d v e r b i e t e t. Ueber die Folterung eines Soldaten, dessen Hauptverbrechen darin bestand, daß er ein Jude war, veröffentlichte dieser Tage die „Arbeiter-Zeitung" Details, die jedem fühlenden Menschen das Herz im Leibe erzittern machten. Der Vorfall ereignete sich beim 10. Korpsartillerieregiment aus Przemysl, das eben bei Grodek manövriert. Der Kanonier Samuel Henner der zweiten Batterie wurde vom Hauptmann Walluschek wegen eines geringfügigen Disziplinarvergehens zum Rapport befohlen, dort mit fünf Tagen strengen Arrests und Spangenschließen verurteilt, obwohl das Spangenschließen bereits abgeschafft ist. Aber was kümmert sich der Herr Hauptmann in einem entlegenen galizischen Städtchen, dazu noch während der Manöverzeit, um derartige