Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1907
- Issue
- Heft 30 (2.8.1907)
- Date
- 1907-08-02
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6. Die Wahrheit Nr. 30. Z»m sech;igjiihrigen Kegiernugsjntiitiinm unseres Kaisers. Von Adolf Heinrich Landau. Der Bürgermeister von Wien hat im Parlament den Antrag gestellt, einen Jubilänmsansschnßzn wählen, und gleichzeitig erklärte er, er würde in diesem Ausschüsse beantragen, aus Anlaß des Regiernngsjubiläums unseres Kaisers 100 Millionen Kronen für eine Alters- und Jnvaliditätsversichernng zu widmen. Ein brillantes Feuerwerk, das. auf jeden oberflächlichen Beobachter einen faszinierenden Eindruck machen muß, das aber bald, wie jedes Feuerwerk, in ein Nichts verpufft. Soll dieser Betrag das Stammkapital einer staatlichen Versicherungsanstalt bilden, oder sollen etwa die vier Millionen Kronen Zinsen zur Steuerung der Volksarmnt dienen? Ich sehe den Antragsteller für einen viel zu reifen Politiker an, als daß ich ihn einer solchen Blamage fähig hielte; denn er wird wohl wissen, daß diese vier Millionen auch dann nicht ausreichten, wenn bei ihrer Verteilung nach den bekannten engherzigen Motiven der Herren von Wien vorgegangen würde. Soll aber die Alters- und Jnvaliditätsversichernng eine Aktion sein, die allen Staatsbürgern zugute käme, dann wäre der zehnfache Betrag auch nicht hinreichend. Wie dem auch sei — timeo Danaos ei dona ferentes. Ich bin viel zu pessimistisch, als daß ich für uns Juden aus einer derartigen Aktion allzu große Hoffnungen schöpfen würde. Werden doch die Juden dort, wo nur jüdisches Geld der Allgemeinheit gewidmet wurde, in der unerhörtesten Weise übergangen, geschweige denn dort, wo verschiedene löbliche Gemeindevorstände zu bestimmen haben werden, wer „dürftig und würdig" ist.- Gegen den Antrag selbst, das Kaiserjubiläum durch einen Wohltätigkeitsakt zu feiern, ist nichts einzuwenden, da doch unser geliebter Monarch wiederholt bei ähnlichen Gelegenheiten Akte der Nächstenliebe pompösen Festen vorzuziehen erklärte. Wir Juden haben allen Grund, das Jubiläum mit den freudigsten Gefühlen zu begehen, denn wie immer sich die Verhältnisse im Laufe der Jahrzehnte gestalteten.' die Huld des Monarchen kannte keinen Unterschied zwischen Nation und Glauben. Bei jeder Gelegenheit, wo Juden vom Kaiser empfangen wurden, konnte man die schönen Worte aus dem Munde des Monarchen hören, daß seine Liebe allen Untertanen in gleichem Maße gelte. Wie könnten die Juden das sechzigjährige Negierungsjubiläum in würdigerer Weise feiern, als dadurch, daß sie eine große Wohltätigkeitsstiftung ins Leben riefen, zu der alle Juden und jüdischen Gemeinden der Monarchie ihren Beitrag leisteten? Und wem sollte diese Stiftung Hilfe bringen? Den Armen, den Alten, den Kranken. Wir müssen selbst für uns sorgen, denn von anderen haben wir nichts zu erwarten. Ina en ani li, mi li? sagt der berühmte Hillel. Wir müssen dem jüdischen Elend zu steuern suchen, denn wahrlich, die Not ist groß. Wer das Glück hat, täglich gesättigt zu sein, die Tasche nie leer zu sehen und gar noch in herrlichen Kurorten seine „Erholung" zu suchen, der kann es' schwer begreifen, daß es auch Leute gibt, die in Armut darben, die der nötigsten Kleidungsstücke entbehren und im Winter frieren. Auch die Armen haben ein Recht zu leben und diejenigen, die keine Not kennen, haben die Pflicht, ihren Mitmenschen das Leben zu ermöglichen und zu erleichtern. Wer jemals Gelegenheit hatte, in einer galizischen Stadt zu sein, der kennt das jüdische Elend, aber man kann es auch in Wien und überall sehen. Noch ist die Armut erträglich, wenn sich nicht der ärgste Feind der Menschheit, die Krankheit, hiuzugesellt. Der junge, kräftige Mann wird Arbeit finden, wenn es auch schwer ist, als Jude unterzukommen und die meisten auswandern müssen. Aber warum sollen junge Leute von der Heimat vertrieben werden? Müssen denn die großen jüdischen Fabriks- und Geschäftshäuser die Juden zurttckweisen? Wer der arme Kranke, der hat doch Anspruch auf das Mitzefühl seiner Mitbrüder? Wohl den Reichen, daß ihnen Professoren, Sanatorien, Kurorte zur Verfügung stehen, aber soll der Arme elend zugrunde gehen müssen, spll er dem grausen Tode überantwortet werden, ntir deshalb, weil er arm ist? Wo bist du. jüdisches Herz? Und wenn zur Armut, zur Krankheit noch das Alter hinzutritt, soll der arme Alte, der vielleicht einst bessere Tage gesehen, zum Bettelstab greifen müssen? Das Alter wird hei asten Völkern geehrt, und auch wir Juden kennen dieses Gesetz der Menschlichkeit. Die Alten, für die keine Kinder sorgen können, sollen ihren Lebensabend in Ruhe und Sorglosigkeit genießen können. Und so mögen sich denn alle jüdischen Gemeinden zu dieser großen Aufgabe vereinigen und einen Jubiläumsfond gründen, der durch Spenden, Sammlungen und durch einen bestimmten Prozentsatz aus den Gemeindeeinnahmenzu einer großen Summe anwachsen müßte. Es könnten aus diesem Regierungsjubiläumsfond alljährlich zahllose Tränen getrocknet und viele Unglückliche glücklich gemacht werden unter den Armen, Alten und Kranken unseres Stammes. Vorschlag;nr Errichtung eines „Mnster-Gewerbrheims" anläßlich des 60jährigen Regiernngsjubiläitnts S e i n e r M a j e st ä t u nseres Kaisers von S. Brod Präsident des Vereines zur Hebung der Gewerbe, Vize-Präsident des Wiener Kredit- und Vorschuß-Vereines. Die seit mehr als 16 Jahre von lohnendem Erfolge begleiteten Bestrebungen unseres Gewerbevereines würden in unvergleichlich höherem Maße zur Geltung kommen, wenn die erforderlichen Mittel aufzubringen wären, das von mir im Jahre 1898 in einer eigenen Broschüre angestrebte Gew erbest e i m, sowie eine Zentralisation aller Faktoren des Gew erb estan des ins Leben zu rufen. Das Gewerbehaus, wie ich es mir denke, soll, um mich hier nur möglichst kurz zu fassen, folgende Hauptabteilungen umfassen: 1. Das Le h rling s h eim. Diese Institution besteht bereits in Wien unter dem sorgfältigen Patronat des alten, ehrwürdigen und unter rühriger Leitung tätigen Handwerker- Vereines. Dieses soll auch in Zukunft seine bewährte Verwaltung und seine statutarischen Tendenzen unverändert beibehalten. Nur ergänze es seine praktische Tätigkeit im gewerblichen Zentralpunkte, da hier für die wichtigsten Gewerbezweige Werkstätten geschaffen werden sollen, an welchen tüchtige Meister die Lehrlinge entweder vollständig ihrer praktischen Befähigung zuführen oder praktische Winke für deren Zukunft zu erteilen haben. Auch eine V o r s ch n l e für jene Knaben aus den Provinzen, deren Vorbildung mangelhaft, für einen Handwerker der Zukunft gewiß nicht ausreichend, soll im Gewerbehanse angelegt werden, Jeder Lehrling muß vor seinem Freispruche ein Arbeitsstück im Hanse anfertigen. Ebenso müßte jeder Geselle, der sich der Benefizien des Lehrlingsheims seinerzeit erfreut hat, bevor er selbständig wird, ein Meister st ü ck anzufertigen sich verpflichten, ganz besonders in dem Falle, als er eines der im Handwerkerverein bestehenden Stipendien teilhaftig werden will. Gesellen- und Meisterstücke sollen in einem Ausstellung slokal des Gewerbeheims sichtlich angebracht und bei allen Gewerbeausstellungen Oesterreichs als das Produkt des. Lehrlingsheims exponiert werden. 2. Der Gesellenverein. Die Gesellen welche in oben besprochenem Lehrlingsheim den Brief der Reife erhalten, bilden einen Verein, der seinen Sitz im Gewerbehause hat. Die Tendenzen des Gesellenvereines erstrecken sich a) auf die weitere.literarische und gewerbliche Ausbildung der Arbeiter (durch Vorträge, Zeitschriften rc.); b) auf die Pflege der moralischen Zusammengehörigkeit, die von verderblicher Gesellschaft abzieht und zur Nüchternheit und Mäßigkeit anhält (durch Gesang,: Musik, Turnübungen, harmlose Spiele rc.);