Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1907
- Issue
- Heft 30 (2.8.1907)
- Date
- 1907-08-02
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 30. Die Wahrheit Seite 5. Hoffen wir, daß dieser „tiefdenkende" Diplomat nicht viele Anhänger unter seinen Landsleuten findet. Gehört es doch mit zu den Errungenschaften des asiatischen Jnselvolkes, daß es der hochmütigen Rassentheorie einen tötlichen Schlag versetzt hat. Denn, wenn der Jndogermane, der Arier, aus den letzten weltgeschichtlichen Ereignissen nicht gelernt hat, an seiner Gottähnlichkeit zu zweifeln, so stehen ihm noch weitere blutige Belehrungen bevor. Die Ersten, die aus einer solchen Korrektur der Rassenüberhebung profitieren (kein materieller, sondern ein humaner Güterzuwachs) müßten, wären wir Inden, obgleich unsere armen Glaubensgenossen in Rußland fürs erste freilich nur den Schaden davon haben. Merkwürdige Paralellen, dieser Antimongolismus der Mongolen und der Antisemitismus der Semiten! Wie dort der sich vorgeschritten dünkende Bruder auf den rückständigen herabsieht, so auch hier. Wem fällt da nicht ein, wie der deutsche Jude den österreichischen, dieser seinerseits wieder den galizischen für niinderwertig hält, wie jeder den Haß der christlichen Umgebung auf andere abzulenken bemüht ist, wie einzelne Konvertiten in der Taufe ein Refugium suchen und nicht finden? Ein Witz im ungarischen „Borsszem Janko“ illustriert das am besten: Herr Diamantental: „Ich bedauere, mein junger Frennd, daß ich muß zurückweisen Ihren ehrenden Antrag; doch lieber geb' ich meiner Elsa um 50.000 Florins mehr, nur daß ein Christ soll sie nehmen." Kob i Schlappmaul: „Nü, Herr von Diamantenthal, geben Sie mir um 50.000 fl. mehr, werd' ich mich lassen austanfen." Die überraschende Analogie läßt sich aber noch weiter verfolgen: Der Jude verleugnet charakterlos die religiöse und nationale Gemeinschaft, die sich Jahrtausende unter schrecklichsten Verfolgungen standhaft behauptet hat, und doch verdankt er dieser Zugehörigkeit eigentlich seine Existenz. Seine Vorfahren wären von den Egyptern beim Sklavendienst und Pyramidenbau längst aufgebraucht oder bestenfalls assimiliert worden. Ersehe sich die Nachkommen des Pharaonenvolkes an, die heutigen verachteten und bedrückten Fellachen. Da sind die Juden noch Fürsten dagegen. Nun sehen wir uns Tsudzuki nochmals an, es ist mit ihm genau so. Es ist ein wenig bekanntes Faktum, daß die Koreaner die Lehrmeister der Chinesen und Japaner in Kunst und Gewerbe gewesen sind. Auf solche Art tragen nun die Japaner an die Koreaner ihren Dank ab. Doch welcher Gedanken? Ein Volk dankbar gegen ein andere s? Das gibt es nicht, wohl aber das Konträre. Mit blutigem Haß werden empfangene Wohltaten quittiert. Wir Juden wissen ein Lied davon zu singen. In der Kunst konnten wir die arischen Völker wohl nicht unterweisen, da dieselbe bei uns aus religiösen Gründen in ihrer Entwicklung gehemmt war. Aber dieses Hindernis selbst, der Monotheismus, wurde durch uns begründet und unter die Völker verbreitet. Einem Gemeinplatz käme es gleich, wollten wir aufzählen, womit uns die Beschenkten lohnten. Ein deutscher Denker, Schopenhauer, und ein deutscher Dichter, Leu au, nannten, was wir gegeben, ein Danaergeschenk an die Menschheit. Die beiden Genannten repräsentieren so ziemlich die Ansichten der Atheisten, Materialisten und Irreligiösen. So sehr sich diese auch im Gegensatz zu den Gläubigen und zur Kirche befinden, in ihrer Ueberzeugung, sie seien dem Judentum nicht verpflichtet, sind beide Teile von einer rührenden Uebereinstimmung. Der Syllabus Papst Pius X. dekretierte am 4. Juli, daß unter anderen 64 Sätzen, auch der zu verwerfen sei, wonach die christliche Lehre in ihrem Ursprung jüdisch war. aber durch die aufeinanderfolgende Entwicklung zuerst paulinisch, dann joanuäisch und endlich hellenisch universell wurde. Man bemerke wohl das Negative in diesem Dekret. Wenn der Satz, daß die christliche Lehre aus der jüdischen entspringe, zu mißbilligen sei, so muß doch gesagt werden, woher der Katholizismus stamme. Das wird unterlassen. Einen so brutalen Faustschlag der Historie ins Gesicht zu versetzen, trägt man doch Bedenken. In früheren Zeiten verbot die Kirche den Laien das Bibellesen; das täte sie wohl auch heute gerne. Es würde dann nur den Eingeweihten bekannt sein, welch schrecklicher Makel dem Christentum genetisch anhaftet und nach und nach könnte man ihn in den Lethestrom der Zeit tauchend, den Gläubigen vergessen machen. Der foetor judaicus wäre glücklich verschwunden. Täuschung wäre es jedoch, zu glauben, die römisch-katholische Kirche allein, zeichne sich dadadurch aus, daß sie sich ihrer Mutter schäme. Vor ungefähr zwei Monaten führte der Dekan der protestantischen Fakultät in Wien in der „Oesterr. Rundschau" gar herzbewegliche Klage darüber, daß diese nicht im Gebäude der Universität untergebracht und keinen integrierenden Teil der Alma mater bildet. Man habe ihm vorgehalten, erzählte er, mit gleichem Rechte könnten die Juden dieselbe Forderung stellen; „aber," so ruft er aus, „wo hat man je gehört, daß eine Rabbinerschule Teil einer Universität bilden könne!" Mil welch unglaublicher Naivetüt ist hier eingestanden, daß die Schwächeren die Gleichberechtigung wohl mit den Stärkeren, nicht aber mit den noch Schwächeren teilen möchten. Auch S ch leiermacher, der berühmte protestantische Religionsphilosoph und Theologe aus dem Anfang des vorigen Jahrhunderts hat sich über dasselbe Thema, wenn auch nicht in so drastischer Weise, so doch mit nicht mißzuverstehender Deutlichkeit geäußert: „Auch wandelt mich die Lust, auch von der Gestaltung der jüdischen Religion ein Wort zu euch zu reden, nicht etwa deshalb an, weil sie der Vorläufer des Christentums war; ich hasse in der Religion diese Art von historischen Beziehungen; jegliche hat für sich ihre eigene und ewige Notwendigkeit und jedes Anfängen einer Religion ist ursprünglich. Zwar sollte ich nur von der christlichen reden, denn das Judentum ist schon lange eine tote Religion und diejenigen, welche jetzt! noch seine Farbe tragen, sitzen eigentlich klagend bei der unverweslichen Mumie und weinen über sein Hinscheiden und seine traurige Verlassenschaft." Ohne mich in eine Diskussion des Nachsatzes einzulassen, in welchem vielleicht ein Körnchen Wahrheit liegt, will ich meine Betrachtung, die vom Japaner Tsudzuki bis zu protestantischen Goltesgelehrten geführt hat, in einem kurzen Satz resümieren: Macht geht vor Recht. Der Dualismus ist's der alten Parsenreligion, der lichte Ormuzd im Streite gegen den dunklen Ahriman. > In dem auf das Jahr 1848 folgenden zwei Jahrzehnten I gelang es hem Liberalismus, der Reaktion einiges Terrain ab-! zugewinnen. Das ist nun anders geworden.' Wir können mit Schiller klagen: Teurer Freund, wo öffnet sich dem Frieden, Wo der Freiheit sich ein Zufluchtsort; Das Jahrhundert ist im Sturm geschieden Und das neue öffnet sich mit Mord. Die Völker sehen sich mißgünstig und scheel an. Jeden Moment droht ein Weltkrieg auszubrechen; die Reichen hassen und fürchten die Armen und lasten sie ihre finanzielle Ueberlegenheit fühlen. Die Arbeiterschaft erwidert diesen Haß der oberen Zehntausend aufs ehrlichste und pocht auf ihre numerische Ueberlegenheit. Kurz das Hobbesst'che Wort: „bellum omnium contra omnes“ ist kein Paradoxon, sondern von unbestrittener Geltung. Wäre es da nicht ein Wunder zu nennen, wenn diese naturgesetzliche Erscheinung des allgemeinen, gegenseitigen Hasses vor uns Halt machte. Wie sich die alte astronomische Auffassung von der Zentralstellung unserer Erde im Weltall gefallen lassen mußte, in die Rumpelkammer geworfen zu werden, wie ferner die Ansicht sich als Irrwahn erwiesen, der Mensch sei Krone und Ziel der Schöpfung, eben und gerade so müssen wir uns entwöhnen, uns in dem Sinne als auserwähltes Volk zu betrachten, daß wir uns über die Antipathie, der wir allenthalben begegnen, baß zu verwundern berechtigt wären. Tont comprendre est tont pardonner. Wir können keine Ausnahmsstellung in Natur und Geschichte beanspruchen. Wer aber kann uns hindern, uns für auserwählt zu halten nicht nur zum Leiden und Dulden, sondern auch dazu berufen, ein Elitevolk zu werden und in den vordersten Reihen zu marschieren, wenn es den Kampf um die höchsten Güter der Menschheit gilt? Vielleicht gelingt es dem Lichte dereinst, nicht zum geringsten I mit unserem Dazutun, über die Finsternis zu triumphieren. 8. Vineta.