Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1907
- Issue
- Heft 29 (26.7.1907)
- Date
- 1907-07-26
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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eeiit 8. Die, Wahrdett ühv 29, Grundriß der dortigen Synagoge zutage, in der Christus als Knabe gepredigt haben soll.-Diese Synagogen, etwas abgeändert durch die Römer, sind das Vorbild der christlichen Basiliken. Die Untersuchungen sollen sortgesetzt werden. In Egypten hat die Fortführung der Ausgrabungen auf dem Pyramidenfelde von Abusir-er-Ricah bei Kairo über Erwarten gute Resultate ergeben, und eine Anzahl großer, sehr feiner Reliefs werden eine Zierde unserer Museen bilden. Die Ausgrabungen bei Tel-el-Amarna in den Ruinen der Stadl des Königs Amenophis IV. haben, wie Professor Ermann berichtete, außergewöhnlich interessante Funde gezeitigt, so die Berichte der Statthalter von Palästina und Syrien, babylonische Keilschriften u. s. w., die eine Umwälzung in der geschichtlichen Anschauung herbeigeführt haben. Koburg. Die hiesige Stadtverordetenversainmlung hat in ihrer jüngsten Sitzung einem Magistrarsbeschlusse, das Schächten im städtischen Schlachthofe zu verbieten, mit zwölf gegen zwei Stimmen ihre Zustimniung erteilt. Schon vor einem Jahre hatte der Magistrat einen solchen Beschluß gefaßt. Die jüdische Gemeinde wandte sich jedoch damals alsbald an die Regierung und bat um Aufhebung der Maßnahme des Magistrats. Der Minister entsprach diesem Gesuch, indem er in seiner Anweisung für den Magistrat ausführte, „daß abgesehen von der für die Regierung gebotenen Rücksichtnahme auf den israelitischen Kultus und den Bedenken staatsrechtlicher Natur, nach dem Gutachten des Laudestierarztes, das Schächten, wie es im hiesigen Schlachthause geübt wird, als Tierquälerei nicht qualifiziert werden kann und ein polizeiliches Schächtungsverbot deshalb der wesentlichen Rechtsgrundlage ermangeln würde". Ein dem Minister im November 1906 vorgelegrer Magistratsbeschluß, der wiederum auf ein Schächtverbot hinzielte, hatte den gleichen Erfolg. Man darf daher annehmen, daß die neuerliche Aktion der beharrlichen Coburger Schächtgegner ebenfalls ein Fiasko erleben werde. Paris. «Eine jüdische Kolonie in Ober-Egypten.) Der Archäologe Clermvnr G a n n e a u ist von einer Expedition nach der Insel E l e v h a u t i n e am nördlichen Ende der ersten Katarakte des Nil, gegenüber Assuan, zurückgekehrt, wo er eine Reihe von bemerkenswerten Entdeckungen gemacht hat. Er hat eine große Zahl Töpferwaren mit aramäischen Inschriften gefunden, die das Vorhandensein einer jüdischen Kolonie um das V. Jahrhundert v. CHr. auf dieser Insel beweisen. Aus den Funden geht auch hervor, daß sich in dem jüdischen Viertel der Stadt ein Tempelheiligtum befand, desien Spuren der Forscher bei späteren Ausgrabungen aufzufinden hofft. Außerdem wurden eine Menge Gegenstände aller Art gefunden, die den verschiedenen Epochen der egyptischen Geschichte angehören. Hamburg. (H a m b u r g - A in e r i k a - L i n i e.) Die nächsten Abfahrten von Post- und Passagierdampfern finden statt: Nach N e w- York: Die Postdampfer: Graf Waldersee 21./7., Kaiserin Auguste Victoria 25./7., Pennsylvania 27./7, Blücher 1./8., Bosnia 3 /8., Amerika 8./8., Pretoria 10./8., Schnellpostdampfer Deutschland 15./S., die Postdampser: Patricia 17./8., Kaiserin Auguste Victoria 22./8. Nach Boston: Die Postdampser: Alexandria 28./7., Silvia 7./8, Artemisia 20./8. Nach! Baltimore: Die Postdampfer: Alexandria 28./7., Silvia 7./8. Nach Philadelphia: Die Postdampfer: Pallanza 2Z./7., Barcelona 30./7.,! Pisa 7./8. Nach Neworleans: Postdampser Albano 3./8. Nach Westindien: Die Postdampfer: Schaumburg 2I./7., Schwarzburg 27./7. Nach Mexiko: Die Postdampfer: Odenwald 18./7., Galicia 25./7. Nach O st a s i e n: Die Postdampser: Rhenania 20./7., Belgravia 80J7., Suevia 10./8., Brisgavia 12./8., Hohenstaufen 20./8. Arabisch-Persischer Dienst: Die Postdampser: Canadia 27./7., Assyria 24./8. Feuilleton. Alt Warjim. Novelle von Babette Fried-Prag. (Fortsetzung.) VIII. Das Leben auf Schloß Sokolov ging seinen gewohnten Gang. Jung-Berthold war vom Hause fort in eine Kadettenschule gekommen, Komtesse Blanka war einem Mädchenpensionate zur Erziehung übergeben morden, woselbst nur Töchter aus adeligen Familien Aufnahme fanden. Graf Berthold war jetzt fast ganz aus die Gesellschaft der beiden alten, auf dem Schlosse lebenden Herren, des Amtmannes und Abbee angewiesen. Hie und da besuchte er das Dorf und die Kille, welche sich unterdes bedeutend vergrößert hatte und eine nicht zu verachtende Einnahmequelle für die Herrschaft geworden war. Graf Berthold konnte dieselbe sehr wohl brauchen, nachdem die flotten Reisejahre und die kurze zweite Ehe des Grafen die der Oekonomie des Grasen entstammenden regulären Einkünfte des Gutes auf Jahre hinaus verschlungen hatten. Die Gemeinde fühlte sich unter dem Lchutze ihrer gnädigen Herrschaft ganz wohl; da gab es keine Bedrückung, wie es anderwärts der Fall war, keine Erpressung und Bedrohung. Sie liebten da unten den Grafen j gleich einem Vater, feierten alljährlich dessen Geburtsfest mit einem feierlichen Gottesdienste in der Synagoge. Es'war diesem ideales, patriarchalisches Verhältnis zwischen dem hochgeborenen Grafen und seinen jüdischen Untertanen. Alt-Marjim kam fast niemals mehr aufs Schloß. Was hätte sie auch dort tun sollen, wo niemand sie brauchte? Der junge Graf und die Komtesse waren fort, und der Alte kam zu ihr, so oft er etwas auf dem Herzen hatte. Nach dem Amtmann und seiner Familie und dem Abbee war ihr wahrhaft nicht bange. Seit sie sich körperlich und geistig zu schwach fühlte, um den Herren aus deren Angriffe aus ihre Religion wie sonst schlagfertig antworten zu können, wich sie den Reschoim, wie sie die beiden nannte, lieber aus. Auf dem Schlosse war es merkwürdig still geworden. Um so mehr mußte es die Bewohner desselben verwundern, als einst eine ganz geschlossene Kutsche in den Hof einsuhr, der eine verschleierte Dame entstieg, welche zu dem Grafen geführt zu werden wünschte. Dieser saß eben in der Bibliothek, im Lesen eines klassischen Werkes vertieft, was die Lieblingserholung seines einsamen. nur der Arbeit geweihten Lebens bildete, als ihm dir Fremde gemeldet wurde. „Eine Fremde?" fragte er verwundert den meldenden Diener. ..Frage nach ihrem Namen!" „Eine Bittstellerin vermutlich," dachte der Graf, als der Diener gegangen war. Dieser kam mit der Antwort zurück: „Den Namen will sie Euer Gnaden selber sagen." „Also führe sie herein zu mir." Der Diener ging abermals hinaus und öffnete einer schwarzgekleideten, lies verschleierten Frau die Türe. Auf einen Wink seines Herrn entfernte er sich mit einer devoten Verbeugung. Als die fremde Dame sich allein mit Gras Berthold wußte, sank sie mit lautem Aufschluchzen vor dtesem auf die Kniee. „Was machen Sie da, Madame? Stehen Sie auf, ich weiß nicht —" Noch immer aus den Knieen liegend, hob die Fremde ihren Schleier in die Höhe. Der Graf blickte in ein Antlitz, das wohl Spuren ehemaliger großer Schönheit aufwies, aber jetzt von Kummer und Kratlkheit ganz entstellt war. „Mathilde!" schrie der Graf im Tone höchsten Entsetzens aus. „Du hast mich erkannt, Berthold, hast also meiner nicht vergessen. Nun wage ich die große Bitte: Verzeihe mir, Berthold!'■ Der Graf war aufgestanden und ans Fenster getreten, nachdem er seiner ehemaligen Gemahlin mit der Hand abwehrend zugewinkt hatte. „Was wollen Sie hier bei mir, Madame? Für Sie ist kein Platz auf der Stammburg der Sokolov." „Ich bin nicht gekommen, um hier zu verweilen. Ich bin gekommen, um Deine Vergebung zu erstehen, gegen den ich so schwer gefehlt habe. Erlange ich diese, dann will ich gehen und — sterben." Mit der Erschütterung kämpfend, in die ihn diese Worte der einst so geliebten Frau, mehr aber noch der tieftraurige Ton ihrer Stimme versetzte, wies Graf Berthold aus sein Haupt und sprach in bitterem Grolle: „Blicken Sie her, Madame, auf dieses vor der Zeit ergraute Haar, auf mein verfehltes Leben, auf die Schande, die mein Haus getroffen — und dann sprechen Sie noch von Vergebung!" Mathilde hatte sich erhoben. „Ich gehe, Berthold! Schenkst Du mir keinen Blick mehr?" Der Gras, der uuvermandt aus dem Fenster geblickt hatte, um seine Rührung zu verbergen, wandte sich jäh um und sagte: ..Wohin gehen Sie, Mathilde?" „Weiß ich es selbst?! Einen Winkel aufzusuchen, um dort zu sterben?" „Sind Sie krank, Mathilde?" „Mein Leben zählt nur nach Wochen, vielleicht nach Tagen." (Schluß folgt.)