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Die Wahrheit · 1907-07-26 · Heft 29 (26.7.1907) · page 9

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1907
Issue
Heft 29 (26.7.1907)
Date
1907-07-26
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Pflichterfüllung! Vön Oberkantor Josef Singer in Wien! Wir vermeinen, daß die landläufige Bezeichnung „Pflichterfüllung" einen Pleonasmus bedeute; indem der Ausdruck „Pflicht" schoneine solche Fülle von Erfüllungsnotwendigkeiten in. sich schließt, daß ein besonderer Öinweis auf die letztere durch Hinzufügung des Wörtchens Erfüllung" geradezu überflüssig erscheint. Allein das Wort Pflichterfüllung hat im deutschen Sprachschätze sich sein vollwichtiges Bürgerrecht erobert, und auch die Sprüche der Väter (Pirke owaus), diese Fundgrube nicht nur jüdischer, sondern allgemein menschlicher Lebensbetätigung, weisen beinahe auf jedem Blatte so nachdrücklich auf die Erfüllung unserer Pflichten hin, daß auch wir,' und zwar vom jüdisch-kantoralen Gesichtspunkte, uns mit diesem doppelbegrifflichen Worte etwas eingehender beschäftigen wollen. Wir erwähnen bloß die unfreiwillig zu erfüllende Religionspflicht des acht Tage alten jüdischen Knaben; wollen weiters darauf Hinweisen, daß zwischen der im zartesten Kindesalter schon erheischten Schulpflicht und der vom kriegstauglichen Jünglinge gesetzlich zu leistenden Militärpflicht eine lange Kette von bürgerlicher Pflichterfüllung bis in das späteste Menschenalter hineinreicht, von denen kein Mensch unberührt bleibt. Zudem gesellt sich noch die erschwerende Tatsache, daß jeder, namentlich jedoch auf Kunst und Wissenschaft basierende Lebensberuf eine Summe von meritorischen Pflichtbedingungen vorausfetzt, die unsere spätere Lebensbetätigung ruhig und ausgeglichen gestalten sollen. Nach dieser Vorausschickung im allgemeinen, wenden wir uns der eingangs erwähnten Sonderausgabe zu, und zwar dem P f l i ch t e n k r e i s e eines jüdischen Kantors. Gelegentlich einer Ansprache wurde letzthin trefflich allegorisch dargetan, daß jedem Menschen von der Mutter Natur sein Lebensrahmen zugeeignet werde, ihm, dem Menschen, es jedoch anheimgestellt bleibe, diesen Lebensrahmen durch Sittlichkeit, Fleiß, tüchtige Studien rc., erst den eigentlichen Lebens in h alt zu verleihen. Es genügt nicht allein, durch ein kühn gewagtes Saltomortale sich in die hochgehenden Wogen irgendeiner Lebensbetätigung zu stürzen; es ist vielmehr nötig, durch langjährige Vorbereitung. Uebung und rastloses Weiterarbeiten sich die Berechtigung zur Ausübung des aus eigener Machtvollkommenheit gewählten Berufes zu erringen und zu erhalten. „D e r j ü d i s ch e Kantor ist kein gewöhnlicher Berussmensch, sondern vielmehr ein Künstler," hören wir einwenden. Gewiß, auch wir sind dieser Ansicht. Der jüdische Kantor soll alle Kapazitäten eines Gesangskünstlers, zudem aber auch die wissenschaftliche Eignung besitzen, dem vorzutragenden Worte die nötige musik-illustratorische Ausgestaltung zu verleihen. Wer von uns zum künstlerischen Bewußtsein gelangt, daß der jüdische Kantor nicht durch die glitzernd trügerische Wiedergabe der von anderen komponierten, daher erborgten, zumeist nicht einwandfreien Rezitative zu täuschen, sondern vielmehr durch zielbewußte Momentschöpsungen echt und wahr zu wirken habe, dem dürfte es sofort einleuchten, daß derjenige eine heilige Pflichterfüllung verabsäume, der es vorzieht, anstatt während seiner ihm so verschwenderisch zugemessenen dienstfreien Zeit zu lernen und das ihm allenthalben noch Mangelnde nachzuholen, die kostbaren Stunden am Spieltische zu vergeuden; auch in Berücksichtigung seiner halbgeistlichen Amtsausübung ist die etwas allzuweltliche Beschäftigung mit Kaffeehausspielen zu perhorreszieren. Ist es denn zu verwundern, wenn, angesichts solcher Tatsachen die jüdischen Kantoren insgesamt als Müßiggänger erachtet, der Stab über alle gebrochen und der heilige Stand in den Kot gezerrt und der Verachtung anheimgestellt wird? Soll der jüdische Kantor ein wahrhafter Künstler sein, so sei er es durch geistige Bedeutsamkeit seiner inneren Welt, aber ja nicht durch affenartiges Nachahmen jener äußerlichen Allüren, die dem Komödiantentume anhasten, daher auch den jüdischen Kantor zum Komödianten herabwürdigen. Dem idealen Jünger jedweder Kunstbeftrebung ist das Siegel seiner Künstlerschaft auf die Stirne gedrückt, es ist die Bescheidenheit, während das seichte Komödiantentum, seine zweifelhaften Erfolge ausschließlich durch Vordringlichkeit, Kühnheit, um nicht zu sagen Frechheit zu erringen vermeint. In das Kapitel dieser sogenannten Küustlerallüren gehört auch die Gepflogenheit der wiederholten Absagen der Funktionen. Dem Operetten- und Opernsänger sind die zu singenden Töne vom Komponisten vorgeschrieben und der Darstellende darf sich nicht erlauben, diese strenggesügten Töne willkürlich umzugestalten, daher ist bei einer, wenn auch nur leichten Indisposition, eine Absage, als den Verhältnissen entsprechend, zu begründen. Ganz anders beim jüdischen Kantor! Wie schon so oft erwähnt, soll derselbe keine von anderen vorgezeichneten Rezitative vortragen, vielmehr durch tüchtige Vorstudien in der Lage sein, das vorzutragende Wort selbständig gesanglich auszugestalten; besitzt er diese notwendig künstlerische Befähigung, so wird es ihm bei etwaigem momentanem Versagen eines hohen Tones ein leichtes sein, denselben durch einen tiefen Ton zu ersetzen; es erwüchse daher für eine diessallsige Absage keinerlei berechtigte Nötigung. — — Noch eine zweite, ebenso verwerfliche Gattung von Absagen bietet das Schmollen mit der Vorgesetzten Behörde als Aequivalent für eine nicht erfüllte Anforderung. Wenn and), nach berühmtem Ausspruche, „ein Ton nicht angeklagt werden kann", und weiters die Tatsache zugestanden werden muß, daß man ja nicht immer bei der nötigen Laune sei, die ein Gesangsvortrag entschieden erheischt, so ist es doch zumindest geboten, in Berücksichtigung der Wichtigkeit unserer synagogalen Vorträge und in weiterer Berücksichtigung des Umstandes, daß wir ja für unsere Leistungen auch gleichmäßig bezahlt werden, unsere momentane schlechte Laune durch die Herrschaft über dieselbe und unseren Willen zu bekämpfen. Noch verwerflicher erscheint jedoch das oftmals vorkommeude leichtfertige Behandeln des synagogalen Vortrages, ein beabsichtigtes Tändeln mit den Tönen, ein frivoles Kokettieren mir der betenden Gemeinde, welches einen Tiefstand der Gesinnung bedeutet, der unter gar keinen Umstünden geduldet werden sollte. Diese vorgesührten Bilder sind beileibe keine Produkte einer erhitzten Phantasie, — vielmehr, leider getreu nach der Natur gezeichnet, und wenngleich derartige Musterbilder zuweilen von Gleichgesinnten auch anerkannt, ja von den Behörden sogar unterstützt, und die strenge Pflichterfüllung durch Mißvergnügte als „beängstigend" bezeichnet wird, so darf uns ein solch fragwürdiges Urteil nicht beirren; die logisch Denkenden und gerecht Urteilenden werden alsbald zur Ueberzeugung gelangen, daß nicht unsere strenge Pflichterfüllung, sondern ein solch außerordentliches Abirren vom richtigen. Urteile als „beängstigend" bezeichnet zu werden verdient. — Wir stehen ja demnächst wieder vor unserer schwierigsten Jahresaufgabe; erfülle nur ein jeder seine Pflicht — und überlasse das Urteil den logisch und rechtlich Denkenden.! Wichtig für Kantoren! rvnaierrmjrDT | ein von der Kritik beifällig aufgenommenes Werk „Malchijos-Sichronos-Schof’ros“.! Drei Rezitativgruppen für Kantor-Solo von Rudolf Ulanowaky. MT Preis 3 Kroneu 60 Heller (3 Mark). "WB | Zu beziehen durch den Verfasser Rudolf Ulanowsky, Wien, j II/g Lilienbrunngasse Nr. 12 sowie durch die Musikalien-! handlung Hugo Knepler, Wien, I., Habsburgergasse dir. 2.

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