Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1907
- Issue
- Heft 29 (26.7.1907)
- Date
- 1907-07-26
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6. Die Wahrheit Nr. 29. verschieden. Einzelne von ihnen gedeihen sehr gut (mehrere Kolonisten in-Mauricio haben in diesem Jahre jeder aus ihren Luzernen-Pflanzungen über 30.000 Frcs. vereinnahmt), andere sind weniger glücklich. Aber im allgemeinen herrscht heute Wohlstand in unseren Kolonien. Ihre Insassen leben gut und zahlen uns alljährlich sehr beträchtliche Summen zurück: i. I. 1900 leisteten sie 72.820. i. I. 1901 221.100, i. I. 1902 189.160, i. I. 1903 175.780, i. I. 1904 214.060, j. I. 1905 464.640, i. I. 1906 614.900 Frcs. Ich lasse die verschiedenen Einnahmen aus Terrains, unbeweglichen Gütern rc. unerwähnt, die in dem gleichen Verhältnis alljährlich wachsen. Im laufenden Jahre werden voraussichtlich noch viel größere Rückzahlungen geleistet werden. Die Kolonisten schicken jährlich zur llnterstütziing ihrer Angehörigen sehr namhafte Beträge nach Rußland (i. I. 1906 waren es mehr als 163.000 Frcs.). Sie versorgen eine stetig wachsende Zahl von jüdischen Taglöhnern mit Arbeit, wie dies das Tableau der Bevölkerung der Kolonien zeigt. Einzelne wenden sehr bedeutende Summen aus, um die Bewirtschaftung ihrer Besitzung zu verbessern. Kurz, das Terrain, auf dem sie installiert sind und dessen Eigentümer sie sein werden, erhält zumal in einzelnen Gebieten einen sehr beträchtlichen Wert. Diesem materiellem Gedeihen entspricht die Entwicklung des sozialen Lebens; dasselbe ist geordnet genug, um sich in voller Freiheit zu entwickeln; die Kolonien stehen aus so festem Grunde, daßsie sich selbst verwalten können. Sie sind von Leuten gleichen Ursprungs, gleicher Sprache und gleicher Bedürfnisse bevölkert, die alle erforderlichen Bedingungen erfüllen, um einander zu verstehen. Wir haben gleichgeartete Gruppierungen vorgenommen, was sicherlich unsere Aufgabe schwieriger gestaltete. In den Vereinigten Staaten hat-man mit der gleichen Bevölkerung ein anderes System, die Anlegung vereinzelter Farmen, genauer ausgedrückt: solcher, die mitten unter der benachbarten Bevölkerung liegen, versucht; man sieht allmählich davon ab: die Erfahrung hat gezeigt, daß die Errichtung wirklicher Kolonien vorzuziehen ist. Da das Leben der Kolonisten gesichert und bei allen Enttäuschungen, die ihnen die Bodenbearbeitung bereitet, die Furcht für ihren Lebensunterhalt geschwunden ist, können wir unserem Werke vertrauensvoll eine kräftige Ausdehnung gehen. Alles begünstigt diese Entwicklung: in Argentinien können noch sehr umfangreiche Terrains erworben werden; wir haben tüchtige Arbeiter, die ins Land kamen, um als Ackerbauer ihr Brod zu verdienen, ihre Lehrzeit in unseren Kolonien durchgemacht haben und nach ein oder zwei Prüfungsjahren uns würdig erscheinen, als Kolonisten angesiedelt zu werden. Nachdem wir jetzt die Richtung und Methode, welche bei dem Ausbau unserer Kolonien zu befolgen ist, festgestellt haben, können wir zumindest sagen, daß wir über ihre Zukunft beruhigt sind. Ihr Gedeihen ist durch die Gesamtlage des Landes gefördert worden. Argentinien hat seit einigen Jahren unter ökonomischem Gesichtspunkte eine bemerkenswerte Entwicklung genommen. Das Land bedeckt sich mit einem Netz von Eisenbahnen; das Geschäftsleben wächst an Umfang und Bedeutung; Industrien, die die landwirtschaftliche Produktion verwerten, entstehen und entwickeln sich. Was braucht der Ackerbauer mehr? In Palästina bessert sich die Situation der Kolonien, deren Begründer so viel getan hat, um sie lebensfähig zu machen, ebenfalls. Das Land ist gut, der Boden fruchtbar; die Kolonisten haben genug Boden und ausreichenden Viehstand erhalten, um ohne jegliche Unterstützung bestehen zu können. Wir haben die meisten unserer Beamten beseitigt; die Kolonien verwalten sich selbst, und die Kolonisten arbeiten fleißig. Nur das Verwaltungsregime des Landes, die Art der Steuererhebung halten den Fortschritt der Kolonisation auf. Wenn ich auf die Entwicklung unseres Agrikulturwerkes Gewicht lege, so geschieht dies nicht nur deshalb, weil es unser voruehmlichstes Tätigkeitsgebiet bildet, sondern auch darum, weil dadurch das weitverbreitete Vorurteil entkräftet wird, daß die Juden keine Eignung zum Ackerbau besitzen. In Wahrheit sind sie Ackerbauer gewesen und sind es geblieben, solange man sie nicht daran gehindert hat; das ist geschichtliche Tatsache, aber dennoch auch in den Kreisen der Gebildeten - völlig unbekannt. Hörte ich ja kürzlich einen Diplomaten den osteuropäischen Juden zum Vorwurf machen, daß sie keine Ackerbauer sind, nnd das in einem Staate, wo ihnen nicht nur der Bodenbesitz, sondern auch das Wohnen auf dem Lande untersagt ist! Ich hätte jenen Diplomaten zu einer Reise nach Argentinien. eingeladen, wenn Argentinien nicht so entfernt läge; er würde dort gesehen haben, mit welchem Glück und welchem Erfolg die Juden in einem freien Lande zur Bodenbearbeitung zurückkehren. Ja, ist es nötig, Europa zu verlassen, um ihre Eignung für diese Arbeit festzustelleu? Sind nicht in Rumänien diejenigen, die auf dem Laude wohnen dürfen, auch ohnc Eigentümer zu sein, Arbeiter und Pächter? Gibt es nicht in Rußland von altersher Ackerbaukolonien, die aus der Bebauung eines Terrains von regierungsseitig eng begrenztem, durchaus unzureichendem Umfang alles erarbeiten, was dasselbe zu bieten vermag? Gibt es nicht zahlreiche Familien, die sich dem Ackerbau widmen, in Beßarabien, Podolien, in den Gouvernements Cherson nnd Jekaterinoslaw, in den Gouvernements des Nordwestens? Haben die Juden nicht auf den Territorien, wo ihnen seit Mai 1882 das Bewohnen des flachen Landes untersagt ist, rings um den Städten eine Garteniudustrie geschaffen, welche gedeiht? Unser Bericht erzählt Ihnen, was wir seit sieben Jahren zur Unterstützung der Ackerbauer und Gärtner geleistet haben. Aber genügt es, den Bearbeitern des Bodens in Rußland zu helfen, wenn das Elend ein allgemeines ist und durch die Verfolgungen ohne Unterlaß sich verschärft? Was wir Nützlicheres zu seiner Milderung getan haben, das sind neben der Herstellung billiger Wohnungen für die Handwerkerfamliien in Wilnai und Bobruisk, der Webereifabrik in Dubrowna, - die 500 Weber beschäftigt, den Tischler- und Schuhmacher-Produktionsgenossenschaften in Homel, Bobruisk und Wilna, eine Anzahl von Kreditinstituten für das Volk. Dieselben gewähren den Handwerkern und kleinen Kaufleuten Darlehen, die sie mit bewundernswerter Geschicklichkeit verwerten. Diese Kaffen vermehren sich außerordentlich schnell: Im letzten Jahre waren es 35; in diesem Jahre sind 59 errichtet worden. Eine Anzahl fernerer ist organisiert und wartet nur die behördliche Genehmigung ab, um ihre Tätigkeit zu beginnen. Die 35 Etablissements, welche wir — um nur von diesen zu reden — im letzten Jahre unterhalten haben, zählten 29.435 Mitglieder, zumeist Familienväter, sodaß man die Anzahl der Personen, denen die Tätigkeit unserer Darlehenskassen zugute kam, auf ungefähr 150.000 schätzen kann. Diese Tätigkeit vollzieht sich in einem Gebiete, das eine jüdische Bevölkerung von nahezu einer halben Million zählt. Die Kassen verfügten am Schlüsse des Jahres über einen Betriebsfond von 1,577.815 Rubel. Sie werden vorzüglich verwaltet. Der Betrag ihrer Reservefonds (45.806 Rubel) erweist zur Genüge den Erfolg ihrer Operationen. So erfreuen sie sich denn auch des Vertrauens der Ortsbevölkerung, welche mehr und mehr ihre Ersparnisse dorthin bringen. Die Darlehensnehmer erfüllen ihre Verpflichtungen mit bemerkenswerter Pünktlichkeit, und hierdurch tragen diese Institute, wie zur wirtschaftlichen Hebung, so auch zur moralischen Erziehung derer, die ihre Wohltaten genießen, bei. Sie haben im letzten Jahre infolge der Pogrome unschätzbare Dienste geleistet. Unsere Darlehenskassen in Galizien gedeihen in gleicher Weise. Im Jahre 1906 haben sich ihnen 1890 neue Mitglieder angeschlossen, deren Zahl gegenwärtig insgesamt 8639 beträgt; andere Darlehenskassen werden in diesem Jahre entstehen. Ich habe versucht, Ihnen die wesentlichsten Punkte unserer Arbeit hervorzuheben. Ich hätte noch einige interessante Bemerkungen hinzuzufügen, aber dasjenige, was wir für den Unterricht der Kinder in 27 Elementar- und 2 Handwerkerschulen in Rumänien, die am Schlüsse des vorigen Jahres 5275 Zöglinge zählten, in 57 Elementarschulen in Rußland mit 7100 Zöglingen, in -den 40 Handwerkerschulen, welche zur Ausbildung einer großen Anzahl von jungen Leuten (im letzten Jahre 2540 Lehrlinge) in jenem Lande errichtet wurden, ferner in 7 Ackerbauschulen in Kleinasien, Galizien und Rußland leisten. Wir sind in. hohem Grade besorgt über die Zukunft einer Jugend, welche den Kampf wird aufnehmen müssen nicht nur gegen die allge-